25 Januar 2010
Was man so unter „haben“ versteht
Ich erzähle einen Witz. Der stammt von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß”.
Gehen drei Statistiker auf Entenjagd. Gekleidet in die typische Montur, die Jäger nun einmal so tragen, Hosen und Jacken und Hüte. Dieses Zeug, was man vielleicht wirklich braucht, wenn man auf die Jagd geht. Ich kenne mich da nicht gut aus. Gewehre haben sie auch, die Enten fallen ja nicht von alleine vom Himmel. Und dann haben sie noch diese Entenpfeifen, Wildlocker heißen die (hier geht’s zur Hörprobe). Als eine Ente auffliegt, legt der erste Statistiker an und schießt. Der Rückstoß seines Gewehrs haut ihn aus den Latschen und er landet im Dreck. Die anderen beiden sehen: er hat zu hoch geschossen. Er hat die Ente verfehlt. Dann legt der zweite an und schießt. Auch ihn haut der Rückstoß um. Die anderen sehen: er hat zu niedrig geschossen. Auch er hat die Ente verfehlt. Daraufhin schmeißt der dritte sein Gewehr in den Dreck, tanzt vor Freude und brüllt dabei „Jaaa, wir haben sie, wir haben sie!” Das ist der Witz. Ich habe das nicht sofort verstanden. Der Clou ist: das sind eben Statistiker und Statistiker arbeiten mit Mittelwerten.
Meine These zu dem Buch war, dass sich mittels gegensätzlicher Begriffspaare und Dichotomien, mittels Oppositionen der für David Foster Wallace zentrale Begriff des Unendlichen verstehen lässt. Denn innerhalb solcher Extreme liegt ein Mittelbereich, der begreifbar und verstehbar ist. Das “Dazwischen” ist das, was man im eigentlichen Sinne hat. Oder haben kann. Zwischen “zu hoch” und “zu niedrig” liegt das, was man hat. Mit diesem Witz in der Hinterhand kann man den ganzen Roman verstehen. Ich habe ihn jedenfalls so verstanden. Es kommt eben ganz darauf an, was man unter „haben” versteht.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 25th, 2010 unter mittel, Paralipomena, Worte, nichts als Worte












Kommentar von david
Datum/Uhrzeit 27. Januar 2010 um 12:11
Sehr geehrter Blog,
der Witz ist ein Witz ohne Worte (hätte Adorno befunden), dafür einer, der sich formulieren lässt: Duchschauen ist nicht Verändern. So etwa lautet die Formel. Es gibt da kein nebulöses “Dazwischen”, das einer “hat” oder nicht “hat”. Diese Auslegung ist zwar ordentlich, verflacht aber am Ende. .
Der unendliche Schrei besteht in den der Formel inhärierenden sinnlich-ästhetischen Rückkoppelungen.
Damit lässt sich kein Roman verstehen