23 Januar 2010
Was mit Ausländern
Unweit meines Instituts in der Dorotheenstraße, liegt Dussmann, wo man Bücher und CDs kaufen kann. Das ist ein Laden, der sich „Kulturkaufhaus” nennt: shoppen als kulturelle Leistung, grandioser Einfall!
Ich mache dort bisweilen, was ich überhaupt gerne mache: ich stöbere. Bei manchen Worten, so auch beim stöbern, habe ich eine bildliche Vorstellung. Wenn ich stöbere, wirbele ich Staub auf. Obwohl ich meist in Buchhandlungen stöbere und es dabei nie staubt, hält sich dieses Bild hartnäckig. Das Bild oder die Vorstellung von dem Wort. Ich kaufe nie bei Dussmann, weil ich einen kleinen Buchladen bei mir um die Ecke habe, mit einem bebrillten Buchhändler, der seinen Beruf und seinen Laden über alles liebt. Und mich liebt er auch. Aber nur solange ich in seinem Laden bin. Wenn ich zur Türe hinausgehe, vergisst er mich sofort wieder.
In der vergangenen Woche habe ich bei Dussmann ein Gespräch zwischen einer Verkäuferin und einem potentiellen Kunden mitgehört. Ich habe gelauscht. Der Kunde wollte ein Buch für seine Mutter kaufen, ein Geschenk zum Geburtstag. Er hatte aber keine Idee und wollte eine Empfehlung von der Verkäuferin. Er wollte nicht stöbern. Er wollte wahrscheinlich einfach etwas in die Hand gedrückt bekommen. Vielleicht hat ihn auch gestört, dass man vom Umschlag des Buches nicht auf seinen Inhalt schließen kann oder er war einsam und hat sich lieber an eine Verkäuferin gewandt als zwischen den vielen Büchern zu suchen. Nach Zuneigung zu suchen oder nach Worten, die von Zuneigung erzählen. Die Verkäuferin versuchte dem Mann etwas über die Mutter zu entlocken, über bereits gelesene Bücher, ob sie politisch interessiert sei, zeitgeschichtlich, ob sie gerne Krimis lese. Der Mann blockte diese Fragen erstaunlicherweise ab. Das wisse er nicht, antwortete er stereotyp. Und außerdem, er sagte das mit einem Gesichtsausdruck als spiele er einen Trumpf aus, er selbst lese ja nicht. Die Verkäuferin, freundlich wie zuvor, machte weitere Vorschläge, eher ein Roman, oder doch lieber Kurzgeschichten? Der Mann starrte geradezu teilnahmslos an ihr vorbei – resignierter bis lethargischer Gesichtsausdruck -, das war ihm wohl alles egal. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er fuhr der Verkäuferin in die Parade und fragte erstaunlich laut, richtig aggressiv: „Ja, haben Sie denn nichts mit Ausländern?”
Ich schreibe gerade an meinem zweiten Roman. Ich baue einen Roman. Schreiben ist ein bisschen anders als das Bauen von Brücken. Beim Brückenbau will man vor allem, dass das, was man baut, feststeht. Und zwar von Anfang an. Beim Schreiben von Romanen, bei mir ist das jedenfalls so, steht am Anfang auch einiges fest. Aber es steht auf eine ganz spezielle Art fest, nämlich so, dass das, was ich noch dazu baue, das, was ich bisher gebaut habe, wieder in Frage stellen kann. Ich baue mit der Abrißbirne. Ich glaube, nach diesem Gespräch, baue noch was mit Ausländern ein. Ein paar Ausländer – egal welche – und auch ein bisschen Blut – egal welche Blutgruppe -, ein bisschen Politik – egal welche Richtung – und noch ein bisschen Sex – egal wer mit wem – und dann ist der Schinken fertig. So macht man das. Das sind die Kundenbedürfnisse und so werden die Regale bei Dussmann vielleicht bald umgebaut: Ausländer, Blut, Sex, Politik. Brückenbauen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Januar 23rd, 2010 unter Auf dem Fischmarkt, lang, Paralipomena












Kommentar von Ulrike berretz
Datum/Uhrzeit 25. Januar 2010 um 22:46
Liebe Aléa,
es ist im Buchladen wie beim Arzt , Ein bißchen zumindest . Es gilt die Schweigepflicht.
Erstaunlich (im negativen Sinne)ist immer wieder festzustellen, wie festgefahren die Mitmenschen sind. Zum Glück gibts eine kleine handvoll Andere.
Die unter Frauen nicht Hera Lind suchen .
Ich kann nur noch mal schreiben , mir gefällt was und wie du es machst.
Ulrike