Archiv vom Januar, 2010
31 Januar 2010
Des Weibes Leib ist ein Gedicht
Ich lebe mit Olga zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Gestern Abend waren wir zum Kochen verabredet. Wir hatten das einen Tag zuvor besprochen und sind sogar gemeinsam einkaufen gegangen. Um sieben sollte es bei uns in der Küche losgehen. Obwohl wir in derselben Wohnung wohnen, führen wir verschiedene Leben. Und wir haben auch verschiedene Auffassungen vom Leben. Aber wir verstehen uns gut. Wir lachen viel. Gestern kurz vor sechs Uhr bekomme ich eine SMS: „Baby, ich kann nicht“ steht da. Immer, wenn es ein Problem gibt, nennt Olga mich Baby. Und immer wenn es ein Problem gibt, hat das was mit Männern zu tun. Bei Olga hat alles was mit Männern zu tun.
So ist die Lieb! So ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr,
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.
Die Lieb, die Lieb hat alle Stund
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küßten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh,
Wie’s Lämmlein unterm Messer;
Ihr Auge bat: nur immer zu,
je weher, desto besser!
So ist die Lieb, und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders hat Herr Salomo,
Der Weise, nicht geliebt.
(Eduard Mörike, Nimmersatte Liebe)
Warum sie nicht kann, hat sie nicht geschrieben. Es ärgerte mich, dass irgendein dahergelaufener Kerl wichtiger war, als unsere Verabredung zum Abendessen. Wir wohnen und wir leben immerhin zusammen. Da kann man ja wohl erwarten, dass man einmal in der Woche einen Abend miteinander am Tisch sitzt und sich eine oder zwei Stunden lang unterhält. Vielleicht ist genau das der Grund für die Absage, sie will sich nicht mit mir unterhalten. Vielleicht langweile ich sie? Als die SMS kam, wollte ich gerade meine Sachen zusammenpacken. Ich habe an dem Ort gesessen, wo ich am liebsten sitze, im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, der Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die schlaue Dorilis hat Augen in dem Kopfe,
so hat ein Luchs sie nicht;
Man denkt, sie sieht uns ins Gesicht.
Und sie sieht nach dem Hosenknopfe.
(Gotthold Ephraim Lessing, Dorilis)
Ich habe bestimmt zwei Minuten reglos auf das Display gestarrt. Ich konnte es nicht glauben. Dann habe ich meine Bücher zusammengepackt und die Bibliothek verlassen. Mein Tag war nicht sonderlich erfolgreich oder erfreulich, ich habe nicht viel von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Meine Stimmung war nicht gut. Normalerweise bin ich nicht so abhängig davon, aber gestern war ich es. Die kurzfristige Absage hat das noch verstärkt. Ich wusste, als ich bei dem trüben Wetter draußen vor der Türe stand, ausnahmsweise einmal nichts mit mir anzufangen. Ich hätte auch auf der Stelle stehenbleiben können.
Da hat mir plötzlich und mitten im Bett
Eine Studentin der Jurisprudenz erklärt:
Jungfernschaft sei, möglicherweise, ganz nett,
besäße aber kaum noch Sammlerwert.
Ich weiß natürlich, Daß sie nicht log.
Weder als sie das sagte,
noch als sie sich kenntnisreich rückwärts bog
und nach meinem Befinden fragte.
Sie hatte nur Angst vor dem Kind.
Manchmal besucht sie mich noch.
An der Stelle, wo andre moralisch sind,
da ist bei ihr ein Loch…
(Erich Kästner, Moralische Anatomie)
Diese kurzfristige Absage ging mir nicht aus dem Kopf. Diese Art, mich abzustempeln, das verletzte mich. Zum Schlendern war nicht das richtige Wetter. Er regnete. Ich bin dann bei Dussmann gelandet und habe CDs und Bücher angeschaut. Ohne sie eigentlich zu sehen. Dann habe ich mich in einen der spärlich gesäten Sessel gesetzt. Ich hatte ein Buch in der Hand und blätterte von vorne nach hinten und wieder zurück. Das dauerte in bisschen, bis ich aus diesem Zustand der Enttäuschung und des Ärgers über Olga herausfand. Ich argwöhnte wieder einmal einen Mann dahinter. Obwohl ich es nicht wusste und es im Grunde auch keine Rolle spielte. Aber gerade der Mann störte mich an der Sache. Wenn sie wenigstens mit einer Frau verabredet gewesen wäre, dachte ich. Ich schaute mir das Buch etwas genauer an. „Des Weibes Leib ist ein Gedicht“ stand da.
Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
Das Gott der Herr geschrieben
Ins große Stammbuch der Natur,
Als ihn der Geist getrieben.
Ja, günstig war die Stunde ihm,
Der Gott war hochbegeistert;
Er hat den spröden, rebellischen Stoff
Ganz künstlerisch bemeistert.
Fürwahr, der Leib des Weibes ist
Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind
Die schlanken, weißen Glieder.
O welche göttliche Idee
Ist dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
Der lockige Hauptgedanke!
Der Brüstchen Rosenknospen sind
Epigrammatisch gefeilet;
Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
Die streng den Busen teilet.
Den plastischen Schöpfer offenbart
Der Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
Ist auch eine schöne Stelle.
Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
Das Lied hat Fleisch und Rippen,
Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
Mit schöngereimten Lippen.
Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das Lied
Den Stempel der Vollendung.
Lobsingen will ich dir, o Herr,
Und dich im Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,
Den himmlischen Poeten.
Versenken will ich mich, o Herr,
In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium
Den Tag mitsamt den Nächten.
Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
Will keine Zeit verlieren;
Die Beine werden mir so dünn –
Das kommt vom vielen Studieren.
(Heinrich Heine, Das Hohelied)
Olga ist ein bisschen lockerer als ich. Oder unbefangener. Sie kann mal eben mit jemandem ins Bett gehen und am nächsten Morgen geht sie wieder ihre eigenen Wege. Ich habe vor einigen Jahren gelernt, dass so etwas machbar ist. Ich habe es gelernt und kann‘s dennoch nicht. Oder ich will‘s nicht können. Aber ich merke, dass ich zu Olga herüber starre. Ich will sehen, was sie da macht. Oder wie sie das macht.
Ich bin die Hure an der Bar,
die ich vor hundert Jahren war.
Ich bin was du vergessen hast.
Der ausgestorbene Palast.
Der Mund bin ich, der dich verzehrt.
Ich bin die Nacht, die wiederkehrt.
Ich war, ich werde sein, ich bin
die maulbeerfarbne Negerin,
das Meer, das dir zu Füßen schäumt.
Ich bin der Hund, der von dir träumt.
Das Haschisch bin ich, das du rauchst.
Ich bin der Strom, den du verbrauchst.
Der Tropf, an dem du hängst,
der Haufen Geld, an den du denkst.
Ich bin das Auge, das dich sieht,
die Zarin, die vor dir hin kniet,
Und die dich in die Wüste schickt.
Ich bin der Stricher, der dich fickt.
Ich bin dein Engels und dein Marx.
Ich bin der Deckel deines Sargs,
das Fleisch, das du zu Abend ißt.
Ich bin dein Abgott und dein Mist.
Ich bin, ich werde sein, ich war
die Fledermaus in deinem Haar.
(Hans Magnus Enzensberger, Ich bin was du vergessen hast)
Ich ärgerte mich. Ich las da im Sessel sitzend Liebesgedichte, während Olga Liebe machte. Sicher war das ja nicht, aber ich stellte es mir so vor. Ich stellte mir ganz konkret Olga und einen gutaussehenden Mann im Bett vor. Bei Olga sind das immer gutaussehende Männer. Olga ist Model und das sieht man. Und die Männer, die sie so anschleppt, die sehen meistens ähnlich gut aus wie sie selbst. Ich stellte mir Olga beim Liebesspiel vor. Was man so Spiel nennt, das wird ja in der Regel auch schnell ernst. Bei mir jedenfalls. Ist das bei Olga anders? Berührt sie der Sex vielleicht gar nicht so sehr? Ich stellte mir Männerhände auf ihrem Frauenkörper vor. Ich ärgerte mich immer mehr. Ich regte mich auf. Ich erregte mich.
Öl Schweiß Gerüche Schweißkolben Treppengeruch
Bettgeruch da muß man die Hand die anfaßt umfaßt
um Hartes um Weiches Metall Zebedäi reinschicken
sich hin und her gerollt Kastanien Kopf ganz wie sagt
man voll von schmutzigen schmutzige Phantasie ge-
steigert zu dem Bedürfnis zu sagen von mannigfaltig
Verwicklung in der sich konkret durch die Umstände
auseinandergebogener Schenkel verrenkt Geschmack
der Pulpa Klitorides Anastatica Hierochuntica Dös-
chen zu bürsten es tun Nummer schieben Stoßgeschäft
verkrampfte Vagina aus Angst Kinder zu kriegen die
Sacknaht zu lecken die immer die gleiche Figur kopf-
über verzerrt kürzer sich außer von unten geschraubter
Hintern stumm sich verschiebende Phase verbraucht
unverbraucht schlapp ausgehöhlt ausgearbeitet
schwach besetzt und kräftig ausgebildet schwach aus-
gebildet und kräftig besetzt sperrbeinig sperrfleischig
Spalt spalten glatt kalt weich heiß Rückbezug Rücken-
zug besonders ermüdend Ausschweifungen
vor dem Spiegel Damenbesuch nur an Nachmittagen
Schlüpfer- jagd als Ventil and the question as to how
many times a night a man can do it is a favorite
topic of grau still des Juli morgens Wand lila sperr-
beinig auseinandergebogen talsohlenflach naß erschöpft
was ist der des Sexuellen Tropfenglanz Zauber warum
so gro ßen ersten Blicks dans des cas pareils
sperrbeinig sperrbildrig fenstersturzläuternd c‘est
toujours unbedacht blindlings die gleiche Sache
(Helmut Heissenbüttel, Gedicht über Phantasie)
Wenn ich rauskriege, dass da schon wieder ein Kerl dahinter steckt, drehe ich Olga bei der nächsten Gelegenheit den Hals um.
O
fick mich
fick mich
schnell.
und er
fickte sie
fickte sie
schnell
hinter
einem Busch?
Es gab keinen
Busch. Schien
der Mond?
Es gab kein
Licht. Die
Birne war
kaputt.
(Rolf Dieter Brinkmann, Liedchen)
Thema Allzupersönliches, Confusion sexuelle, Lyrik, schikanös | Eintrag von Aléa Torik | um 13:07 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
26 Januar 2010
Ein grauenhaftes Geräusch
Wo ich gerade schon wieder dabei bin, möchte ich ein kleines Beispiel der Fähigkeiten von David Foster Wallace aus „Unendlicher Spaß” bringen. Dieser Autor hat ein erhebliches Gespür für Situationen, aus denen sich etwas machen lässt. Und er macht dann auch etwas aus ihnen.
Ortho Stice sitzt eines Morgens im Flur auf einem Stuhl und lehnt mit der Stirne am Fenster. Dort trifft ihn sein Freund und Kollege Hal Incandenza. Das dauert ein bisschen bis man begreift, was da vor sich geht. Ortho lehnt mit dem Kopf am Fenster und erzählt den Witz über die drei Statistiker, den ich gestern hier nacherzählt habe. Erst nachdem Hal ihn darauf anspricht, berichtet Stice, dass er, im November bei Eiseskälte gegen Mitternacht, offenbar von Alpträumen gequält, verschwitzt aus seinem Zimmer gegangen ist, sich auf diesen Stuhl gesetzt und den Kopf an die Scheibe gelehnt hat. Und dass er da immer noch sitzt, weil er mit seiner Stirne an der Scheibe festgefroren ist. Er gehört zu jenen Menschen, bei denen das Gesicht und der Rest ihrer Erscheinung nicht zusammen passen. Auf seinem durchtrainierten und muskulösen Körper sitzt ein fettes, schwabbeliges Gesicht. Hal schlägt vor, Ortho von der Fensterscheibe loszureißen. Und das hört sich in Wallace‘ Worten so an:
„Sein Holzstuhl knarrte, als ich ihn mit dem Knie fixierte. Er atmete schnell und tief. Seine parotitischen Wangen flappten ein bisschen beim Atmen. Unsere Wangen hatten wir fast aneinandergelegt. Ich sagte, bei drei würde ich ziehen. Ich zog dann aber bei zwei, damit er sich nicht dagegen wehrte. Ich riss ihn mit aller Kraft zurück, und nach kurzem Widerstand riss Stice mit.
Man hörte ein grauenhaftes Geräusch. Seine Stirnhaut dehnte sich als wir seinen Kopf zurückrissen. Sie weitete und dehnte sich, bis sich zwischen seinem Kopf und dem Fenster eine Art Bord aus gedehntem Stirnfleisch von einem halben Meter Länge erstreckte. Das klang wie ein Gummiband aus der Hölle. Die Dermis von Stice‘ Stirn klebte immer noch, aber das überreichlich vorhandene Fleisch seines Bulldoggen-Gesichts wurde hochgezogen, dehnte sich und verband seinen Kopf mit der Fensterscheibe. Sekundenbruchteile lang sah ich gewissermaßen Stice‘ richtiges Gesicht; wie seine Gesichtszüge ausgesehen hätten, wenn sie nicht von schlabberigem Wangenfleisch aus der Prärie umhüllt gewesen wären; als jeder mm verfügbaren Fleischs zur Stirn hochgezogen und gedehnt wurde, erhaschte ich einen Blick darauf, wie Stice nach einer radikalen Gesichtsstraffung ausgesehen hätte: ein schmales und feingeschnittenes, wenn auch irgendwie nagerhaftes Gesicht, in Flammen dank einer Art Offenbarung, sah unter dem rosaroten Schirm gedehnten Restfleischs aus dem Fenster.” (David Foster Wallace, “Unendlicher Spaß, S. 1252)
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Hier wird gemangelt, lang | Eintrag von Aléa Torik | um 14:15 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren













