23 Dezember 2009
Der Bildhauer Michael Jastram
Ich bin bei Michael Jastram gewesen. Zum dritten Mal in diesem Monat. Ich bin sehr beeindruckt. Von Mann und Kunst. Jastram ist vielleicht fünfzig und wenn man ihn auf der Straße sieht, dann sieht man einen leiblichen Genüssen durchaus nicht abgeneigten Mann, graue Haare, hinten zu einem Zopf gebunden. Ein dem Äußeren nach idealer Künstler. Er macht den Eindruck, als schöpfe er aus dem Vollen. Einen Anorektiker, einen Leptosomen kann ich mir nur schwer als Bildhauer vorstellen. Ein Künstler muss dem Sinnlichen zugeneigt sein. Man sieht seinen Händen an, dass sie gerne berühren. Dass sie Dinge anfassen müssen, um sie zu begreifen. Anders als wir Geisteswissenschaftler, die wir nie etwas anfassen. Die wir nichts anfassen, weil wir in unseren objektivierenden Beobachtungen nichts verändern dürfen. Eigentlich lächerlich, die ganze Position. Als gäbe es das: dass etwas ist, ohne die Veränderung, ohne den verändernden Blick. Eigentlich ist die objektive Wissenschaft eine statische. Und die Kunst eine dynamische. Ich kenne das jedenfalls von Marijan, der blind war, alles-anfassen-müssen. Zutiefst sinnlich. Obwohl ich mich für diese Seite des Verstandes in mir entschieden habe, neige ich doch zur anderen, zur sinnlichen Seite.
Ich empfinde mich selbst weit mehr als Künstlerin denn als Intellektuelle. Meine akademischen Fähigkeiten sind gering: ich bin kein Anhängerin von Theorien, sondern von Formulierungen. Ich würde einer schönen Formulierung immer den Vorzug geben vor einer guten Theorie. Weil eine Formulierung, anders als eine Theorie, nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden kann. Ich selbst kann nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Aber ich kann auch nicht gut zählen, ich kann höchstens schätzen. Vor allem weiß ich gute Formulierungen zu schätzen.
Jastram steht uns gegenüber. Wir sind zu dritt. Er macht einen konzentrierten Ausdruck. Er ist ein sehr aufmerksamer Mensch, nichts entgeht ihm, er erkennt die kleinste Regung bei seinen Besuchern. Obwohl er seine Aufmerksamkeit auf drei Menschen verteilen muss. Er sieht, was sie sehen. Vielleicht ist das das Geheimnis seiner Kunst, seiner Arbeit, dass er immer das sieht, was die anderen sehen. Und es auch entsprechend so zurichten kann, dass sie dann ihrerseits sehen, was er zuvor gesehen hat. Eine Vorzeitigkeit, die mich verblüfft.
Mir gefällt dieser Mann. Auch wenn er doppelt so alt ist wie ich. Ich wehre mich dagegen. Ich weiß, dass er das sieht, das eine wie das andere, die Zuneigung und die Abwehr. Und er, äußerst charmant, hält mir die Türe offen als wir sein Atelier verlassen. Ohne sich mir in ungebührlicher Weise zu nähern. Ohne Andeutung. Oder vielleicht deutete er das eine oder das andere an, Interesse oder Gleichgültigkeit. Und mir entgeht es, weil meine Sinnlichkeit nicht diese feine, filigrane Ausprägung besitzt wie seine. Ich bin verwirrt und gehe die Treppen aus dem Atelier hinunter auf die Straße. Ich muss tief Luft holen. Die anderen beiden reden, ich kann mich nicht an dem Gespräch beteiligen.
Alles andere kann ich nur aus der Erinnerung beschreiben: Jastram hat sein Thema, so scheint es, gefunden. Es sind Wagen. Es sind Stiere und es sind Menschen die auf den Wagen sitzen, langachsige, von Stieren gezogene Wagen, mythische Figuren, immer wieder die Europa. Die Verbindung von Menschen, Tieren und Sachen. Sowohl die Menschen als auch die Tiere haben, obwohl sie mit groben Strichen gemacht sind, großflächig, plastisch, sehr individuelle Erscheinungen. Man kann in diesen Gesichtern lesen. Man erkennt immer wieder etwas Neues. Dieser Mann hat eine große Schwäche für Gesichtsausdrücke und die Empfindungen in ihnen. Diese Schwäche ist seine Stärke. Das habe ich ihm gesagt. Ich habe auch gesagt, dass ich nicht viele Komplimente verteile. Und wenn, will ich Geld dafür. Er ist errötet. Ich auch.
Auf dem Bürgersteig stehen wir drei noch eine Weile zusammen und sprechen über unsere Eindrücke. Die beiden anderen sprechen. Nein, eigentlich spricht nur Lisa. Julian hat etwas gekauft, einen spanischen Reiter mit Pferd, den er nun zärtlich in den Händen hält. Oder vielleicht ist das nicht zärtlich. Ich kann das nicht entscheiden. Julian hält seine Figur in der Hand und ich meine Frage, warum ich das gesagt habe. Ich bekomme ja kein Geld für Komplimente. Wollte ich Geld für meine Äußerung? Oder was anderes? Etwas, das mit dem Anfassen zu tun hat? Schäme ich mich? Nein, ich schäme mich nicht. Aber ich bin irritiert.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Dezember 23rd, 2009 unter voluminös, Zur Sprache verholfen












Kommentar von alice
Datum/Uhrzeit 28. Dezember 2009 um 20:50
Liebe Alea Torik, wonach streben Sie unablässig? Streben Sie von etwas weg oder auf etwas zu? Gibt es ein Lorbeerblatt, auf dem Sie ausruhen können?
Ihre Alice
Danke für Ihre inspirierenden und erfrischenden Texte!