25 November 2009
Alabaster und Lapislazuli
Alabaster und Lapislazuli. Das sind zwei Worte, die für mich eigentlich nur Erinnerungen sind. Ich war damals ein kleines Mädchen. Meine Eltern und ich, wir waren im Urlaub. Das war am Schwarzen Meer, in der Nähe des Donaudeltas, in einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren, wie mir jetzt auffällt, nie wieder da. Ich weiß nicht warum. Es gab eine Altstadt und da war jeden Abend etwas los. Die Leute promenierten. Es war ein Dorf am Meer. Abends gab es Fisch. Und es gab Schmuckläden. Auch abends. Wahrscheinlich gab es die auch tagsüber. Aber tagsüber waren wir woanders. Abends gingen wir spazieren und meine Mutter stand vor diesen Läden, vielleicht war es auch nur ein Laden. Ich erinnere mich nicht so genau. Wir standen natürlich alle zusammen vor dem Schaufenster, aber meine Erinnerung zeigt mir nur meine Mutter. Meine Mutter betrat dann diesen Laden. Jeden Abend aufs Neue. Dort gab es einen großen, behaarten Mann mit einem Furcht einflößenden Schnurrbart. Er saß immer hinter dieser Theke. Ohne sich da weg zu rühren. Vielleicht war er angewachsen. Vielleicht hatte er keine Beine. So stellte ich mir das vor. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einfach auf dieselbe Art und Weise keine Beine wie andere welche haben. Und das auch noch an genau derselben Stelle. Er wiederholte immer nur diese beiden Worte.
Alabaster und Lapislazuli. Das klang im meiner kindlichen Phantasie so, als erzähle er meiner Mutter, mit flüsternder Stimme, hinter vorgehaltener Hand, etwas Verbotenes. Etwas, das mein Vater nicht mitbekommen durfte. Der entweder draußen wartete oder sich in dem Laden umsah, der in einer Ecke stand in eine Vitrine schaute, während der Mann mit dem Schnurrbart meiner Mutter etwas zuflüsterte. Oder vielleicht flüsterte er auch etwas anderes, das nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt war. Jeden Abend ging meine Mutter erneut hin und ließ sich von dem Flüsterns dieses Mannes besäuseln und seinem Sirenengesang.
Alabaster und Lapislazuli. Worte aus einer anderen Welt. Eine Welt, die man nur bei halb geschlossenen Augen erleben konnte. Jenseits unseres gewohnten Erlebens, jenseits dessen, was das Leben uns zugestand. Man musste in so einen Laden gehen, einen Zugang zu dieser Welt finden, einen Zugang in ein jenseitiges Reich, in die Unterwelt. Und das hier in diesem Laden, diese geflüsterten Worte, diese Stimme aus dem Mund jenes Menschen mit dem Schnurrbart, das war so ein Zugang.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 25th, 2009 unter Allzupersönliches, lang, Worte, nichts als Worte











