21 November 2009
Jetzt gerade in diesem Moment
Heute war ich auf dem Markt. Samstags ist mein Markttag. Oft bin ich alleine unterwegs, aber wenn ich mit anderen auf den Markt gehe, dann dehnen wir das in der Regel aus, wir bummeln und trödeln und später gehen wir Kaffee trinken. Eine der wichtigsten Funktionen dieses Markttages ist seine soziale. Ich will einen freien Tag in der Woche haben. Einen Tag, an dem ich nicht an Texte, an Bücher und Arbeit denke. Dazu habe ich vor geraumer Zeit den Samstag auserkoren. Meist klappt es nicht. Heute zum Beispiel habe ich etwas auf dem Markt erlebt und es sofort aufschreiben müssen.
Da war ein kleines Kind. Unwillig trottete es seiner Mutter hinterher. Dann blieb das Mädchen stehen. Die Mutter, die vorgegangen war, blieb ebenfalls stehen und drehte sich um. Die beiden hatten sich offenbar vorher gestritten. Das Kind war den Tränen nahe und sagte plötzlich laut: „Ich will eine andere Mama”. Die Mutter war irritiert und wollte ihre Tochter mit Argumenten von ihrer Person überzeugen. Sie sagte „Eine andere Mutter kocht dir keinen Reis”. Das Mädchen schüttelte bloß mit dem Kopf. Die Mutter zählte noch weitere Dinge auf, die andere Mütter angeblich nicht für ihre Kinder tun. Aber das Mädchen war damit nicht zu beeindrucken. Von Liebe war nicht die Rede, nur von Essen und Spielzeug und Fernsehen schauen. Vielleicht hatten die beiden diesen Disput aber auch schon öfter. Oder das Kind war zu jung, um so ein abstraktes Konstrukt wie Liebe zu verstehen.
Nach dem Einkauf saß ich am Schreibtisch, nämlich jetzt gerade in diesem Moment. Der Computer läuft, jedenfalls wollen mich verschiedene leuchtende Dioden davon überzeugen. Zumindest läuft der Ventilator. Ich sitze hier, draußen ist es ruhig, meine Finger liegen auf der Tastatur (ich habe mich gerade drei Mal bei dem Wort Tastatur verschrieben), ich schaue dabei auf den Bildschirm und denke, dass ich ebenfalls Fernsehen schaue und mit meinem Spielzeug beschäftigt bin. Dann denke ich: Das Wichtigste an den anderen ist ihre soziale Funktion. Wenn ich nur mit mir selbst bin, dann bin ich nicht sozial, dann bin ich asozial. Das denke ich jetzt gerade in diesem Moment, während ich das aufschreibe.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 21st, 2009 unter mittel, Paralipomena












Kommentar von Ulrike Berretz
Datum/Uhrzeit 22. November 2009 um 23:07
Liebe Aléa ,
wie Menschen miteinander umgehen ist erschreckend und dahinter steckt überall die Shopping-Paradies-Mentalität.
Alleine vor dem laptop sitzen und bei US und hier sich auszutauschen ! unterscheidet sich doch erheblich von denen , die nur “spielen” – meine Kinder tun das leider auch , allerdings nicht ausschließlich, denn immerhin reden wir miteinander , ich gebe ihnen viele Worte , Gedanken , Ideen und Taten mit ins Leben . Liebe , das ist ein riesiger Begriff – und jeder versteht und besetzt das Wort anders . Ich spreche sehr , sehr selten von Liebe( ich mag den uralt Simmel-Titel : Liebe ist nur ein Wort) – eher von Respekt , Achtung , Zärtlichkeit und Leidenschaft . Erika Pluhar hat In Reich der Verluste die Frage aufgeworfen , warum in dem Wort Leidenschaft das Wort Leiden (schafft) enthalten ist und in Verlust die Lust . Finde ich jetzt nicht – liefere ich später nach .
Das deutsche Verlagswesen/Buchhandelsketten sind auch nur noch Shoppingparadiese -vielleicht hast du den Artikel in der Süddeutschen vom 13.10 gelesen ? Rabatt”politik” von Thalia ? Oder mal den “Megaseller” von Klaus von Anderen ? Oder den “Schundroman” von Bodo Kirchhoff? “Erinnerungen an meinen Porsche ” bezieht sich hauptsächlich auf den Banker, im “Schundroman” findet sich alles – Literaturszene,Kritiker , Verlag, Fernsehen ….
Ich habe das Glück in einer Dorfbuchhandlung mit einer wunderbaren Frau und Chefin zu arbeiten – unabhängig von allem – es gibt da zwar auch Gängiges- mainstream – zu kaufen, aber auch viel Gutes . Und hier im Dorf gibt es Menschen , die auch anderes lesen wollen und für gute Tipps zu haben sind und sich darauf einlassen , was ich ihnen erzähle .
Ich habe den Faden verloren , musste die Kinder in die Nacht verabschieden ….
Ulrike