19 November 2009
Die Geschichte vom Vergessen des Betens
Dies ist die Geschichte eines heiligen Mannes, der vor langer Zeit gelebt hat. Dieser Mann ist zu bestimmten Zeiten an eine bestimmte Stelle im Wald gegangen und hat dort rituelle Handlungen vorgenommen und mit überlieferten Worten gebetet. Sein Nachfolger kannte diese Zeiten nicht mehr. Und so ging er eben irgendwann an jene Stelle, nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Sein Nachfolger wiederum kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Dessen Nachfolger wieder, kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er kannte die Handlungen nicht und hat nur noch die heiligen Worte gesprochen. Und ich nun bin sein Nachfolger. Ich kenne die Zeiten nicht, ich kenne die Stelle im Wald nicht, ich kenne die heiligen Handlungen nicht und die heiligen Worte kann ich auch nicht sprechen. Das einzige was ich kann, ist diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte vom Vergessen des Betens.
Ich kenne kein schöneres Gleichnis für die Aufgabe des Schriftstellers: Wir, die wir erzählen, erzählen die Geschichte vom Vergessen. In dieser Geschichte ist das Vergessene noch präsent. In diesem ganz speziellen Vergessen ist die Geschichte vom Vergessenen präsent. Und die darf nicht vergessen werden.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 19th, 2009 unter Belle-e-triste, mittel











