17 November 2009
Die relational reine Wahrheit über meinen Freund Paul
Dies ist die Geschichte von meinem Freud Paul.
Eigentlich ist das keine Geschichte, sondern die Wahrheit. Dennoch ist es auch eine Geschichte, weil sie nämlich nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit wäre ein bisschen mehr als diese Geschichte. In diesem Fall ist die Geschichte noch nicht die ganze Wahrheit. Oder die Wahrheit wäre ein bisschen weniger als diese Geschichte. Dann müsste man sagen, die Geschichte ist nicht mehr die ganze Wahrheit. Die Geschichte ist wie sie ist, aber die Wahrheit ist entweder mehr oder weniger. Die Wahrheit ist mehr oder weniger die Wahrheit: je nach der Geschichte. Auch die ganze oder reine Wahrheit ist keine absolute, sondern eine relationale. Die relational reine Wahrheit. Jetzt aber weg von solchen philosophischen Späßen, hin zur Geschichte von meinem Freund Paul.
Mein Freund Paul ist (in Wahrheit!) gar nicht mein Freund. Ich glaube, Paul hat keine Freunde. Aber er scheint nicht unter Einsamkeit zu leiden. Ich weiß nicht einmal, ob er wirklich Paul heißt. Ich nenne ihn einfach so. Wenn ich versuchen sollte, ihn zu beschreiben, dann würde ich sagen: Paul ist ein zurückhaltender Charakter, der sich nicht gerne anstrengt und der festgestellt hat, dass man auch so ganz gut zurande kommt. Paul ist ganz sicher nicht der Hellste, aber er hat die Position gefunden, in der er dem Leben begegnen will: im Liegen. Liegen ist das, was er am liebsten tut. Wann immer ich ihn treffe, liegt er. Und ist kurz davor einzuschlafen. Oder kurz danach.
Man müsste Paul, wäre er ein Mensch, wohl als faul bezeichnen, stinkfaul. Aber Paul ist ein Hund, ein Bernhardiner. Er gehört zu einem teuren Restaurant bei mir um die Ecke. Meistens liegt er draußen vor der Türe. Manchmal liegt er sogar in der Türe. Die Gäste müssen dann über ihn drüber steigen. Was Paul selbst dann nicht stört, wenn ihn mal ein Fußtritt trifft. Beim Liegen hat er entweder den Kopf auf den Vorderfüßen abgelegt oder er liegt auf der Seite, alle viere von sich gestreckt. Wenn Paul den Kopf auf den Vorderfüßen ablegt, dann fällt ihm dabei manchmal ein Auge zu. Das Lied des anderen hält er noch eine Weile tapfer offen. Bis es dann auch zufällt. Ich habe das mehr als einmal beobachtet. An Pauls Lidern müssen von innen Bleigewichte festgemacht sein. Wenn er sie öffnet, geht das erstens nur sehr langsam vor sich und zweitens öffnet er auch nicht beide Augen gleichzeitig, sondern schön geordnet nacheinander. Und dann fällt im oft, während er das das zweite öffnet, das erste schon wieder zu.
Paul kann auch nichts aus der Ruhe bringen. Er erschrickt nicht, wenn jemand hupt oder schreit. Er reagiert nicht einmal auf andere Hunde. Manchmal kommt ein Boxer, eine Hündin, vorbei und beißt ihm zärtlich in die Ohren. Paul zumindest stört das nicht, aber erfreut sieht er auch nicht aus. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paul einen Sexualtrieb hat. Wenn man ihn anspricht, reagiert er einfach nicht. Als ob er blind und taub wäre. Wenn man sich zu ihm herunter beugt, zeigt er keinerlei Reaktion. Er guckt einen nicht einmal an. Aber wenn man seine Hand ausstreckt, um ihn in streicheln, steht er tatsächlich auf. Er steht auf, dreht sich um 180 Grad und legt sich wieder hin. Er geht nicht einmal einen einzigen Schritt weiter. Er dreht sich im Kreis und zeigt demjenigen, der seine Ruhe stört, sein Hinterteil.
Die Geschichte von Paul wäre nun nicht weiter erzählenswert, wenn sie sich nicht durch einen besonderen Umstand auszeichnen würde. Und das ist die Art und Weise, wie Paul sich hinlegt. Ich weiß nicht, wie andere Hunde sich hinlegen, aber sicher nicht so wie Paul. Paul legt sich, streng genommen, gar nicht hin. Er bricht in sich zusammen. Er knickt in den Gelenken ein. Das federt er auch nicht ab, durch Muskelkontraktion oder Spannung in den Sehnen: er schlägt einfach mit voller Wucht aufs Pflaster. Das kündigt sich auch nicht an, das ist kein Zusammenbrechen, das sich nacheinander aller seiner Glieder bemächtigt. Das geht in einer Millisekunde vonstatten. Es sieht aus, als wenn ihn der Schlag trifft. Paul ist, wie gesagt, ein Bernhardiner. Er ist ziemlich groß und das bedeutet: es ist ein weiter Weg von oben nach unten.
Er hat in seinem Leben wahrscheinlich alles erreicht, was sein Hundeherz begehrt: zweimal am Tag gibt’s was zu fressen. Und das kommt aus einem exzellenten Restaurant. Vielleicht ist es das gute Essen, das ihn etwas lethargisch macht. Ich frage mich, was Paul tun würde, wenn es bloß trockenes Brot gäbe. Vielleicht stellt sich Paul solche Fragen auch manchmal. Vielleicht fragt sich Paul, ob man im Leben auch noch was anderes machen könnte als immer bloß Liegen. Aber bevor er solche Gedanken zu Ende denken kann und er jener Stelle anlangt, an der einem Denkenden deutlich wird, dass da ein Fragezeichen hingehört und dass ein Fragezeichen eine Antwort fordert, wird er anfallartig müde. Und bevor er bemerkt, dass er gerade im Moment mit seinem Körper und seinem Kopf auf‘s Pflaster schlägt, schläft er schon. Das ist die einzige Erklärung, die ich für sein Verhalten finden kann: Er schläft bereits, wenn er unten auf dem Pflaster ankommt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 17th, 2009 unter Belle-e-triste, voluminös












Kommentar von platero y yo
Datum/Uhrzeit 18. November 2009 um 08:38
Liebe Aléa,
bitte verzeih, wenn ich deine Seite, angeregt durch deine schöne Hundegeschichte, mit einem Gedicht von Durs Grünbein vollstopfen möchte, ich kann doch nichts dafür, ist eben so ein Reflex von mir:
Portrait des Künstlers als junger Grenzhund
1
Hundsein ist ein leerer Parkplatz am Mittag.
>>Nichts als Ärger…<<und Seekrankheit an Land.
Hundsein ist dies und das, Lernen aus Abfallhaufen,
Ein Knöchel als Mahlzeit, Orgasmen im Schlamm.
Hundsein ist was als nächstes geschieht, Zufall
Der einspringt für Langeweile und Nichtverstehen.
Hundsein ist Kampf mit dem stärkeren Gegner
Zeit, die dich schwachmacht mit rennenden Zäunen.
Sovieles an Vielzuvielem auf engstem Raum…
Hundsein ist diese Fahrt mit der Geisterbahn
Sprache, die trickreich den Weg verstellt,
Falle für Alles.
Hundsein ist Müssen, wenn du nicht willst, Wollen
Wenn du nicht kannst und immer schaut jemand zu.
Hundsein?
Ist dieses Übelriechen aufs Wort.
(aus: Schädelbasislektion, 1991)