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  • 11 November 2009

    Shoppingparadies

    Das Leben in Deutschland ist anders als in Rumänien. Das bemerkte ich mehrmals am Tag. Unmittelbar darauf bemerke ich, dass ich dennoch ziemlich gut klarkomme. Ich kann hier gut navigieren und verstehe vieles intuitiv. Deswegen fühle ich mich wohl. Manchmal bemerke ich jedoch auch, dass ich nicht klarkomme. Dass ich nicht Teil dieser Gesellschaft bin. Meist ist das nur eine kleine Irritation. Manchmal bin ich aber richtig schockiert. Ich fühle mich ausgestoßen oder ich will mich selbst ausstoßen. Zum Beispiel beim Thema Armut. Dieses Wort hat in Rumänien einen ganz anderen Klang als in Deutschland, einen materiellen nämlich.

    Es gibt bei Worten einen Unterschied zwischen der Dimension, die sie bezeichnen und der, die sie beschreiben. Das Wort Baum bezeichnet das, was im Englischen tree, im Französischen arbre und im Rumänischen kopak heißt. Was es hingegen beschreibt, ist ein grünes Durcheinander, dass nicht immer, sondern nur abwechselnd grün ist, ein braunes knorriges, im Winter melancholisches Geäst, einen Stamm und Äste und Zweige und Verzweigungen, etwas unter dem sich Liebe machen lässt und Schatten suchen und unter dem man als Kind im Garten gespielt hat, in einem Jahrhunderte schon versunkenen, verwunschenen Sommer, und so spürt man, wenn man einen Baum sieht, noch immer etwas Spielerische und Unbeschwerte, man spürt die Vergangenheit, und man sucht vielleicht noch immer Zuflucht unter seinem Dach, im Schutz der vergangenen Zeiten und hofft auf die Liebe, die vielleicht niemals kommen, aber auf die man immer warten wird.

    Es gibt Worte, die bezeichnen etwas ganz anderes als das, was sie beschreiben. Shoppingparadies ist so ein Wort. Es ist ein Neologismus, ein Kompositum aus den Worten Shopping und Paradies. Und das bezeichnet es auch. Seine beiden Elemente gehen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen, in das neue Wort über. Aber es beschreibt etwas ganz anderes: die innere Destruktion einer Gesellschaft, das kaputte Wesen, wie sehr dieser Körper bereits vom Krebs zerfressen ist. Es beschreibt, inwieweit zutiefst Menschliches wie Hoffnung, Sehnsucht, Lust, Wunsch destruiert und einzig und allein dem Shopping untergeordnet ist. Mehr noch, das Menschliche verschwindet dahinter vollkommen. Das sind Tiere, die ins Shoppingparadies einfallen. Die existieren nicht mehr, die vegetieren bloß noch. Das macht mich gnadenlos wütend. Ich könnte heute noch meine Sachen packen und weggehen, weg aus diesem Land der Shoppingparadiese, aus dieser einst womöglich wasserreichen, inzwischen offenbar desertifizierten Gesellschaft.

    Viele wissen es noch nicht, aber sie sind bereits in der Hölle angekommen. In der Hölle ihrer Armut. Aber das macht ihnen nichts, das macht ihnen nicht das Geringste. Sie gehen einfach ins nächste Shoppingparadies und da wird dann alles gut.

    Ärmer als arm ist nicht ärmlich, sondern armselig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von Ulrike Berretz
    Datum/Uhrzeit 11. November 2009 um 23:08

    Liebe Aléa ,
    Shoppingparadies gehört auf die Liste zum Unwort . Menschen mit Shoppingparadiesen sind sehr arm dran – armselig .
    Ulrike

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 13. November 2009 um 10:40

    Liebe Ulrike,

    das Wort Shoppingparadies ist wirklich das Letzte. Andere Paradiese sind irgendwann gar nicht mehr vorstellbar, weil der Wunsch nach “shopping” alle anderen Wünsche unterdrückt. Da wird etwas von etwas anderem völlig verdeckt. Irgendwann weiß man gar nicht mehr, dass da noch etwas drunter ist und dann gehen die Leute nur noch shoppen um des shoppen willens. Sie haben dann schon lange vergessen, dass sie sie hübsch machen, um jemand anderem zu gefallen. Der andere ist gar nicht mehr präsent in dem Wunsch nach neuen Klamotten.

    Etwa Ähnliches ist mir vor ein paar Monaten passiert. Ich bin mit drei anderen von meinem Institut nach Frankfurt zu einer Tagung gefahren, mit dem ICE. Die Hälfte der Leute, die da sitzen, haben einen Laptop vor sich (ich habe auch einen). Schräg vor mir sitzt ein Mann, der ebenfalls sein Laptop aufgeklappt hatte und dessen Display ich erkennen konnte. Und weißt du, was der gemacht hat? Der hat auf einer Kontaktseite nach Frauen gesucht, die zu ihm passen! Statt die Augen aufzumachen, neben ihm saß eine Frau, hinter ihm saß eine. Der surft, weil er einsam ist, im Internet. Der kommt gar nicht mehr auf den Gedanken, jemanden anzusprechen, um seine Einsamkeit zu bewältigen.

    Das ist genau dasselbe Phänomen: der Grund für den Konsumwillen oder das Surfen auf den Internetseiten verschwindet völlig. Frauen wollen nur noch Klamotten kaufen und erinnern sich nicht mehr daran, wofür sie das machen. Männer surfen auf Kontaktseiten, obwohl die Kontakte neben ihnen sitzen.

    Das ist wirklich ausgesprochen bedauerlich.

    Kommentar von Amadea
    Datum/Uhrzeit 13. November 2009 um 12:06

    Liebe Ulrike, liebe Aléa,
    ist das Wort “Unwort” nicht auch schon ein Unwort? Ist die Überschrift nicht der erste Kandidat in dieser Liste? Was sind denn Unwörter?
    Amadea

    Kommentar von Ulrike Berretz
    Datum/Uhrzeit 14. November 2009 um 20:46

    Liebe Amadea ,
    in gewisser Weise ist Unwort kein Wort . Auf die Schnelle fiel mir nichts besseres ein . Ein Unwort ist ein Wort , das es nicht geben dürfte bzw. die Mentalität , die dahinter steckt . Die Konsumwelt führt zu Abstumpfung und Gleichgültigkeit .
    Ulrike