03 November 2009
Glück
Noch einmal ein Ausschnitt aus meinem Roman. Die Eingangsformulierungen des zehnten Kapitels: Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein
„Als ich ein Kind war, gab es diese Momente ungetrübten Glücks. Damals saß ich mit meiner Schwester im Fenster unseres Ladens. Mama besaß einen kleinen Laden für Hochzeitskleidung. Unsere Wohnung lag gleich dahinter. Laden und Wohnung waren durch einen schmalen Flur miteinander verbunden. Im Laden durften wir uns nur in Mamas Beisein aufhalten. Meine Schwester und ich sind dennoch manchmal heimlich nach vorne geschlichen. Wir sind in die Kleider und Anzüge gestiegen und haben Mann und Frau gespielt. Diese Sachen waren aufwändig gemacht, empfindlich und sehr teuer. Es war verboten, diese Kleider anzufassen. Und es war ganz sicher auch verboten, darin zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein.
Der Laden bestand nur aus einem einzigen Raum, mit Zugang von der Straße über eine Treppe, Hochparterre. Der Raum war nach Männer- und Frauenkleidung getrennt, dazwischen stand ein großer Spiegel, den man zu beiden Seiten drehen konnte. Die Sachen hingen in schönen alten Schränken deren Türen weit offen standen. Wenn Mama vorne war, haben meine Schwester und ich immer im Fenster des Ladens gesessen. Diese Momente in denen wir mit ihr zusammen vorne sein durften, waren die schönsten meiner Kindheit.
Wir hatten nicht viele Kunden und es lohnte sich nicht, den ganzen Tag vorne zu sitzen und auf sie zu warten. Wenn jemand den Laden betrat, klingelte es hinten in der Wohnung. Wir Kinder stürmten dann nach vorne. Zwei oder dreimal im Jahr dekorierte Mama das Schaufenster neu. Dann zog sie unseren beiden Puppen etwas anderes an und wir durften ihr dabei zur Hand gehen. Manchmal, wenn keine Aufträge da waren, nähte sie etwas Neues, das sie in einer Zeitschrift gesehen hatte. Oder sie saß an ihrer Nähmaschine und lächelte über uns beide, die wir im Fenster hockten und auf die Straße schauten. Der größere Teil von mir ist aufgestanden und einer normalen Entwicklung gefolgt. Ich habe das erst viele Jahre später bemerkt, als ich längst zu Hause ausgezogen war: dass ein Teil von mir dort im Fenster sitzen geblieben ist. Ein kleiner Teil, der vollkommen glücklich war ohne davon zu wissen.
Als wir Mama fragten, was genau bei so einer Hochzeit eigentlich passierte und warum sich Männer und Frauen schön füreinander machten, antwortete sie, dass die Leute bis spät in die Nacht feiern, tanzen und glücklich sind. Meine Schwester und ich haben uns oft gefragt, was dieses Glück eigentlich ist. Zu uns kamen ja nur Menschen die glücklich waren. Oder die kurz davor waren, glücklich zu sein. Sie standen in ihren neuen Kleidern vor dem Spiegel und es ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Abends im Bett habe ich wach gelegen und versucht, mir vorzustellen, wie sich dieses Glück wohl anfühlen mochte. Das Zimmer war dunkel, unter der Decke war es warm. Ich hörte meinen Atem und einen zweiten, weiter entfernten, der dem Takt meines eigenen sehr ähnlich war. Ich wusste, dass meine Schwester auf der anderen Seite des Zimmers ebenfalls wach lag, auf meinen Atem hörte und sich dasselbe vorstellte wie ich.
Unser Laden, die Hochzeitskleider und unsere Vorstellung vom Glück, das Rattern und Surren der Nähmaschine, das Fenster zur Straße, die Häuser in dieser Straße, die eine Seitenstraße war, der Kiosk gegenüber, wo wir Bonbons und Schokolade gekauft haben: das war meine Kindheit. Meine Schwester und ich sind Hand in Hand aus der Ladentüre getreten, über die Straße gegangen, in den Kiosk, wo wir vor einer langen Auswahl von Schubladen standen, in denen die Süßigkeiten lagen. Zurück sind wir immer gerannt. So schnell wie möglich wieder zurück. Als könne sich in unserer Abwesenheit etwas geändert haben und wir würden unser Zuhause nicht wieder erkennen. Die andere Seite der Straße war für uns weit weg und wir waren froh, wenn wir wieder daheim waren. Dennoch war der Reiz durch die andere Seite stets präsent. Und er wurde, je älter wir waren, immer größer. In späteren Jahren sind wir ohne Heimweh auf die andere Seite gegangen, die Schule lag dort, einen Block weiter. In den Jahren darauf bin ich von dort mit der Straßenbahn zur Universität gefahren. Nun würde ich weggehen und das alles hier hinter mir lassen müssen. Ich hatte vor ein paar Wochen mein Studium beendet und musste einen Termin bei der Schulverwaltung wahrnehmen. Bis zu diesem Tag war ich davon ausgegangen, eine Stelle in der Stadt zu bekommen. Da sei beim besten Willen nichts zu machen, sagte der Mensch von der Schulverwaltung, und schüttelte den Kopf. Auf dem Land hingegen sei die Situation gut.
„Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Die Landluft ist ausgezeichnet. Ich hätte da etwas, das Ihren Qualifikationen entspricht. Keine hundert Kilometer von hier”, sagte er.
Ich wollte in der Stadt bleiben. Noch lieber wollte ich in eine große, in eine richtige Stadt. Am besten eine Metropole. Landleben und gute Luft gehörten nicht gerade zu meinen vorrangigen Interessen. Ich bin ein urbaner Mensch. Ich mag Städte und ihre Geräusche, laute Geräusche vor allem. Meinetwegen könnte dauernd etwas explodieren. Ich mag’ s auch quietschen und knirschen hören, ich mag klatschende Geräusche und klappernde und knisternde und klirrende. Ich höre es gerne scheppern und dröhnen. Als Kind habe ich einmal in der Küche eine Tasse fallen lassen, mich auf einen Stuhl gesetzt und mir den Scherbenhaufen angeschaut. Auch wenn das Geräusch verklungen war, meinte ich den Ton noch so lange hören zu können wie ich die Scherben vor Augen hatte. Als Kind habe ich oft auf den Stufen des Ladens gesessen und auf die Straßenbahn gewartet. Nicht, weil ich mit ihr fahren wollte, sondern weil ich sie fahren hören wollte. Ich stellte mir vor, dass das Zentrum einer Stadt wie das Zentrum eines Geräuschs ist: Je weiter man in die Mitte vordringt, desto lauter wird’s.”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: November 3rd, 2009 unter Das Geräusch des Werdens, voluminös












Kommentar von Amadea
Datum/Uhrzeit 4. November 2009 um 23:06
Hey Aléa,
da hast du ja einen schönen Text geschrieben.
Amadea