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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom November, 2009

    29 November 2009

    Vier Äpfel

    (Diese Rezension ist zuerst in www.literaturkritik.de erschienen)

    Warenemotionen und wahre Emotionen

    Wie sich David Wagner einmal im Supermarkt an Marcel Proust vergreift

    Die Zeitvorstellung in der westlichen Hemisphäre teilt sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jede narrative Erzählung muss, was immer sie im Schilde führt, in irgendeiner Weise eine Gestaltung dieser temporalen Dimensionen aufweisen. Eine Erzählung ohne Zeitbezug, ohne Verortung der Handlung und der Handelnden innerhalb dieses triangulären Gefüges scheint undenkbar.

    Die Handlung von David Wagners neuem Roman „Vier Äpfel” ist sehr übersichtlich. Der Text ist unterteilt in 144 kleine und kleinste Kapitel. Ein Mann betritt einen Supermarkt, schlendert durch die Gänge, legt einige Lebensmittel in seinen Einkaufswagen, schaut sich um, verweilt, assoziiert, erinnert und verlässt den Ort schließlich wieder.

    David Wagner erzählt die Geschichte dieses Mannes aus der Ichperspektive und in der Gegenwart. Im Supermarkt zwischen eigenem Einkaufszettel und Gesamtsortiment, zwischen Käsestand und Kühltheke, wird die Welt der Waren beschrieben. Da ist von Falzen, Blistern und Holmen die Rede, von Teigrohlingen und Gefriergut. Der Mann versucht politisch und ökologisch korrekt einzukaufen. Er macht sich Gedanken über kohlendioxidneutrale und genveränderte Lebensmittel. Dazwischen liegen passagenweise Erinnerungen an Produkte, die es in seiner Kindheit schon gab. So entsteht im Supermarkt des 21. Jahrhunderts, in der Zeitrechnung des convenience food, ein Hauch Nostalgie, wo Erinnerungen an die ursprüngliche Form der Lebensmittel verbannt sind. Eine Zeit, in der man kaum noch weiß, dass Apfelmus aus Äpfeln und Kartoffelpüree aus Kartoffeln ist, und für die das eine ein Produkt aus dem Glas und das andere eines aus der Tüte ist. Hier wird von einer Kindheit in der Bundesrepublik Deutschland erzählt, die wohl als prototypisch gelten kann, mit Einkäufen im Tante-Emma-Laden und einer Großmutter mit allerlei Eingemachtem im Keller, mit Milchseen, Mohrenkopfbrötchen und Mäusespeck.

    Dazu kontrastierend wird ein Supermarkt der Zukunft vorgeführt, in der ein „digitaler Einkaufsassistent mit Navigationsfunktion” durch Datenanalyse bereits verbrauchte mit noch vorhandenen Waren im Haushalt vergleicht und Einkäufe ohne eigene Beteiligung vonstatten gehen. Nahezu ohne eigene Beteiligung, denn durch Handschweißanalyse, reagiert der Einkaufswagen auch auf die emotionalen Befindlichkeiten des Kunden und steuert dann selbständig die entsprechenden Waren an. Emotionen in dieser Zukunft sind Warenemotionen, keine wahren Emotionen.

    Dieses Beschreiben einer alltäglichen Situation im Supermarkt, das kann David Wagner richtig gut. Er kennt sich aus in der Welt der Dinge, wo alles und jedes einen Namen hat. Alles, außer ihm selbst, dem Mann, dem Einkäufer, dem Kunden oder dem Protagonisten. Dabei ist der Name das erste, was ein Mensch im Leben bekommt, der erste Schritt auf dem Weg zur Individualität. Selbst L., seine Exfrau, ist da weiter. Hier ist immerhin der erste Schritt getan, sie hat eine Abbreviatur (L., sprich: elle – frz. sie), ein Pronomen, das als Geschlechterzuweisung herhalten kann, aber ebenfalls noch keine Individualisierung bedeutet.

    „Hör bitte auf, mich zu lieben. Ich liebe jetzt einen anderen”, sagt L. bei der Trennung. Wir erhalten keine Informationen über die Gründe dafür und der Mann fragt sich auch nicht danach. Er steht vor den Tiefkühltruhen und meditiert „Küsse aber, denke ich, lassen sich nicht einfrieren, das unterscheidet sie von Himbeeren.” Tiefergehend sind seine Erkenntnisse in der Regel nicht. Die Erinnerungen an L., an die gemeinsame Zeit oder an die eigene Kindheit, das ist alles arrangiert wie in einem Regal eines Supermarkts: er kann zugreifen oder vorübergehen. Er kann das Etikett betrachten oder das Haltbarkeitsdatum ablesen. Aber er kann keine Umsortierung vornehmen, er kann die Dinge nicht neu arrangieren.

    Bisweilen schlägt noch ein anderer Ton durch. An der Fleischtheke hört er sich ein Stück Menschenfleisch bestellen, gut abgehangen. Einmal stellt er sich vor, er hätte eine Frau, nicht irgendeine, sondern eine richtige, eine mit Orgasmus, die ihm seinen Namen verrät, denn „ich hätte doch gerne gewußt, wie ich heiße und wer ich eigentlich bin.” Dann heißt es sogar: „Und der Tod, so kommt‘s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen.”

    Solche Sätze sind Solitäre. Sie fallen aus dem Fluss dieser Geschichte und aus ihrer Diktion völlig heraus. Was ebenfalls herausfällt, sind die Fußnoten. Üblicherweise dienen Anmerkungen in wissenschaftlicher Prosa den Quellenangabe und Querverweisen. Es gibt in fiktiven Texten durchaus die Möglichkeit zum Subtext, ein Jenseits, ein unterhalb der Gürtellinie. Was sich jedoch in den Fußnoten findet, wäre ohne Weiteres in den Textfluss zu integrieren gewesen. Hier scheint womöglich der Wunsch durch, dem Text eine Tiefe mitzugeben, die er nicht hat. Die er vielleicht auch gar nicht haben darf. Weil es der Figur von ihrer Anlage her schaden würde. Wagner führt uns ein auf die Hoffnung reduziertes Leben vor, dass irgendwo in den Gängen des Marktes und des Leben einmal etwas passieren könnte. Dieser Mann ist durchaus auf der Suche nach einem Sinn in seinem Leben. Er reflektiert seine Situation „Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen.” Er fällt jedoch jedes Mal wieder zurück in die banale Warenkunde, in eine Welt der homogenisierten und pasteurisierten Produkte. Diese halbherzige Suche seiner Figur sieht manchmal so aus, als suche Wagner selbst nach einem Sinn für sie.

    Die Geschichte könnte ohne Komplikationen auch umgekehrt erzählt werden, mit dem Hinausgehen beginnend und dem Hereinkommen endend. Die Figur ist in einer Gegenwart gefangen, die im Grunde nirgends herkommt und auch nirgends hinführt. Weil die beiden Extensionen, weil Zukunft und Vergangenheit sich nicht fruchtbar an ihr reiben, ist der Gegenwart jede Tiefenschärfe genommen. Was David Wagner beschreibt, ist eine Teilnahmslosigkeit, die an Trostlosigkeit grenzt. Wir können das als Diagnose einer verdinglichten Gesellschaft lesen, die neben der Oberfläche keine anderen Qualitäten mehr aufweist, die keine Tiefe mehr hat, höchstens eine Verpackung.

    Die Anspielungen auf Märchen lassen sich durchaus, die auf Auschwitz und Rumänien hingegen kaum sinnvoll einordnen. Warum sich der Autor den Doyen der Erinnerungsliteratur, warum Wagner sich gerade Proust und „A la Recherche du temps perdu” als Paten wählt, bleibt unverständlich. Denn gerade von Erinnerungen, dem großen Thema Marcels, versteht sein namensloser Wahlverwandter wenig.

    Ich kann die hier vorgeführte Erzählhaltung nur als Karikatur empfinden. Als Karikatur eines Individuums, das nur mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Reflexion ausgestattet ist. Ich unterstelle, dass der Autor dies beabsichtigt hat. Denn im anderen Fall wäre das Buch eine Mogelpackung und dies hier ein Verriss.

    David Wagner
    Vier Äpfel
    Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2009
    159 Seiten, 17,90 €
    ISBN 978 3 498 07368 8

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 November 2009

    Wandelt sich rasch auch die Welt

    „Wandelt sich rasch auch die Welt
    wie Wolkengestalten,
    alles Vollendete fällt
    heim zum Uralten.

    Über dem Wandel und Gang,
    weiter und freier,
    währt noch dein Vorgesang,
    Gott mit der Leier.

    Nicht sind die Leiden erkannt,
    nicht ist die Liebe gelernt,
    und was im Tod uns entfernt,

    ist nicht entschleiert.
    Einzig das Lied überm Land
    Heiligt und feiert.”

    Rainer Maria Rilke, Die Sonette an Orpheus

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 November 2009

    Alabaster und Lapislazuli

    Alabaster und Lapislazuli. Das sind zwei Worte, die für mich eigentlich nur Erinnerungen sind. Ich war damals ein kleines Mädchen. Meine Eltern und ich, wir waren im Urlaub. Das war am Schwarzen Meer, in der Nähe des Donaudeltas, in einem kleinen Ort, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren, wie mir jetzt auffällt, nie wieder da. Ich weiß nicht warum. Es gab eine Altstadt und da war jeden Abend etwas los. Die Leute promenierten. Es war ein Dorf am Meer. Abends gab es Fisch. Und es gab Schmuckläden. Auch abends. Wahrscheinlich gab es die auch tagsüber. Aber tagsüber waren wir woanders. Abends gingen wir spazieren und meine Mutter stand vor diesen Läden, vielleicht war es auch nur ein Laden. Ich erinnere mich nicht so genau. Wir standen natürlich alle zusammen vor dem Schaufenster, aber meine Erinnerung zeigt mir nur meine Mutter. Meine Mutter betrat dann diesen Laden. Jeden Abend aufs Neue. Dort gab es einen großen, behaarten Mann mit einem Furcht einflößenden Schnurrbart. Er saß immer hinter dieser Theke. Ohne sich da weg zu rühren. Vielleicht war er angewachsen. Vielleicht hatte er keine Beine. So stellte ich mir das vor. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einfach auf dieselbe Art und Weise keine Beine wie andere welche haben. Und das auch noch an genau derselben Stelle. Er wiederholte immer nur diese beiden Worte.

    Alabaster und Lapislazuli. Das klang im meiner kindlichen Phantasie so, als erzähle er meiner Mutter, mit flüsternder Stimme, hinter vorgehaltener Hand, etwas Verbotenes. Etwas, das mein Vater nicht mitbekommen durfte. Der entweder draußen wartete oder sich in dem Laden umsah, der in einer Ecke stand in eine Vitrine schaute, während der Mann mit dem Schnurrbart meiner Mutter etwas zuflüsterte. Oder vielleicht flüsterte er auch etwas anderes, das nicht für die Ohren meines Vaters bestimmt war. Jeden Abend ging meine Mutter erneut hin und ließ sich von dem Flüsterns dieses Mannes besäuseln und seinem Sirenengesang.

    Alabaster und Lapislazuli. Worte aus einer anderen Welt. Eine Welt, die man nur bei halb geschlossenen Augen erleben konnte. Jenseits unseres gewohnten Erlebens, jenseits dessen, was das Leben uns zugestand. Man musste in so einen Laden gehen, einen Zugang zu dieser Welt finden, einen Zugang in ein jenseitiges Reich, in die Unterwelt. Und das hier in diesem Laden, diese geflüsterten Worte, diese Stimme aus dem Mund jenes Menschen mit dem Schnurrbart, das war so ein Zugang.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 November 2009

    Jetzt gerade in diesem Moment

    Heute war ich auf dem Markt. Samstags ist mein Markttag. Oft bin ich alleine unterwegs, aber wenn ich mit anderen auf den Markt gehe, dann dehnen wir das in der Regel aus, wir bummeln und trödeln und später gehen wir Kaffee trinken. Eine der wichtigsten Funktionen dieses Markttages ist seine soziale. Ich will einen freien Tag in der Woche haben. Einen Tag, an dem ich nicht an Texte, an Bücher und Arbeit denke. Dazu habe ich vor geraumer Zeit den Samstag auserkoren. Meist klappt es nicht. Heute zum Beispiel habe ich etwas auf dem Markt erlebt und es sofort aufschreiben müssen.

    Da war ein kleines Kind. Unwillig trottete es seiner Mutter hinterher. Dann blieb das Mädchen stehen. Die Mutter, die vorgegangen war, blieb ebenfalls stehen und drehte sich um. Die beiden hatten sich offenbar vorher gestritten. Das Kind war den Tränen nahe und sagte plötzlich laut: „Ich will eine andere Mama”. Die Mutter war irritiert und wollte ihre Tochter mit Argumenten von ihrer Person überzeugen. Sie sagte „Eine andere Mutter kocht dir keinen Reis”. Das Mädchen schüttelte bloß mit dem Kopf. Die Mutter zählte noch weitere Dinge auf, die andere Mütter angeblich nicht für ihre Kinder tun. Aber das Mädchen war damit nicht zu beeindrucken. Von Liebe war nicht die Rede, nur von Essen und Spielzeug und Fernsehen schauen. Vielleicht hatten die beiden diesen Disput aber auch schon öfter. Oder das Kind war zu jung, um so ein abstraktes Konstrukt wie Liebe zu verstehen.

    Nach dem Einkauf saß ich am Schreibtisch, nämlich jetzt gerade in diesem Moment. Der Computer läuft, jedenfalls wollen mich verschiedene leuchtende Dioden davon überzeugen. Zumindest läuft der Ventilator. Ich sitze hier, draußen ist es ruhig, meine Finger liegen auf der Tastatur (ich habe mich gerade drei Mal bei dem Wort Tastatur verschrieben), ich schaue dabei auf den Bildschirm und denke, dass ich ebenfalls Fernsehen schaue und mit meinem Spielzeug beschäftigt bin. Dann denke ich: Das Wichtigste an den anderen ist ihre soziale Funktion. Wenn ich nur mit mir selbst bin, dann bin ich nicht sozial, dann bin ich asozial. Das denke ich jetzt gerade in diesem Moment, während ich das aufschreibe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 November 2009

    Die Geschichte vom Vergessen des Betens

    Dies ist die Geschichte eines heiligen Mannes, der vor langer Zeit gelebt hat. Dieser Mann ist zu bestimmten Zeiten an eine bestimmte Stelle im Wald gegangen und hat dort rituelle Handlungen vorgenommen und mit überlieferten Worten gebetet. Sein Nachfolger kannte diese Zeiten nicht mehr. Und so ging er eben irgendwann an jene Stelle, nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Sein Nachfolger wiederum kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er nahm die rituellen Handlungen vor und betete mit den überlieferten Worten. Dessen Nachfolger wieder, kannte die Zeiten nicht, er kannte die Stelle im Wald nicht, er kannte die Handlungen nicht und hat nur noch die heiligen Worte gesprochen. Und ich nun bin sein Nachfolger. Ich kenne die Zeiten nicht, ich kenne die Stelle im Wald nicht, ich kenne die heiligen Handlungen nicht und die heiligen Worte kann ich auch nicht sprechen. Das einzige was ich kann, ist diese Geschichte zu erzählen. Die Geschichte vom Vergessen des Betens.

    Ich kenne kein schöneres Gleichnis für die Aufgabe des Schriftstellers: Wir, die wir erzählen, erzählen die Geschichte vom Vergessen. In dieser Geschichte ist das Vergessene noch präsent. In diesem ganz speziellen Vergessen ist die Geschichte vom Vergessenen präsent. Und die darf nicht vergessen werden.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 November 2009

    Die relational reine Wahrheit über meinen Freund Paul

    Dies ist die Geschichte von meinem Freud Paul.

    Eigentlich ist das keine Geschichte, sondern die Wahrheit. Dennoch ist es auch eine Geschichte, weil sie nämlich nicht die ganze Wahrheit ist. Die ganze Wahrheit wäre ein bisschen mehr als diese Geschichte. In diesem Fall ist die Geschichte noch nicht die ganze Wahrheit. Oder die Wahrheit wäre ein bisschen weniger als diese Geschichte. Dann müsste man sagen, die Geschichte ist nicht mehr die ganze Wahrheit. Die Geschichte ist wie sie ist, aber die Wahrheit ist entweder mehr oder weniger. Die Wahrheit ist mehr oder weniger die Wahrheit: je nach der Geschichte. Auch die ganze oder reine Wahrheit ist keine absolute, sondern eine relationale. Die relational reine Wahrheit. Jetzt aber weg von solchen philosophischen Späßen, hin zur Geschichte von meinem Freund Paul.

    Mein Freund Paul ist (in Wahrheit!) gar nicht mein Freund. Ich glaube, Paul hat keine Freunde. Aber er scheint nicht unter Einsamkeit zu leiden. Ich weiß nicht einmal, ob er wirklich Paul heißt. Ich nenne ihn einfach so. Wenn ich versuchen sollte, ihn zu beschreiben, dann würde ich sagen: Paul ist ein zurückhaltender Charakter, der sich nicht gerne anstrengt und der festgestellt hat, dass man auch so ganz gut zurande kommt. Paul ist ganz sicher nicht der Hellste, aber er hat die Position gefunden, in der er dem Leben begegnen will: im Liegen. Liegen ist das, was er am liebsten tut. Wann immer ich ihn treffe, liegt er. Und ist kurz davor einzuschlafen. Oder kurz danach.

    Man müsste Paul, wäre er ein Mensch, wohl als faul bezeichnen, stinkfaul. Aber Paul ist ein Hund, ein Bernhardiner. Er gehört zu einem teuren Restaurant bei mir um die Ecke. Meistens liegt er draußen vor der Türe. Manchmal liegt er sogar in der Türe. Die Gäste müssen dann über ihn drüber steigen. Was Paul selbst dann nicht stört, wenn ihn mal ein Fußtritt trifft. Beim Liegen hat er entweder den Kopf auf den Vorderfüßen abgelegt oder er liegt auf der Seite, alle viere von sich gestreckt. Wenn Paul den Kopf auf den Vorderfüßen ablegt, dann fällt ihm dabei manchmal ein Auge zu. Das Lied des anderen hält er noch eine Weile tapfer offen. Bis es dann auch zufällt. Ich habe das mehr als einmal beobachtet. An Pauls Lidern müssen von innen Bleigewichte festgemacht sein. Wenn er sie öffnet, geht das erstens nur sehr langsam vor sich und zweitens öffnet er auch nicht beide Augen gleichzeitig, sondern schön geordnet nacheinander. Und dann fällt im oft, während er das das zweite öffnet, das erste schon wieder zu.

    Paul kann auch nichts aus der Ruhe bringen. Er erschrickt nicht, wenn jemand hupt oder schreit. Er reagiert nicht einmal auf andere Hunde. Manchmal kommt ein Boxer, eine Hündin, vorbei und beißt ihm zärtlich in die Ohren. Paul zumindest stört das nicht, aber erfreut sieht er auch nicht aus. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paul einen Sexualtrieb hat. Wenn man ihn anspricht, reagiert er einfach nicht. Als ob er blind und taub wäre. Wenn man sich zu ihm herunter beugt, zeigt er keinerlei Reaktion. Er guckt einen nicht einmal an. Aber wenn man seine Hand ausstreckt, um ihn in streicheln, steht er tatsächlich auf. Er steht auf, dreht sich um 180 Grad und legt sich wieder hin. Er geht nicht einmal einen einzigen Schritt weiter. Er dreht sich im Kreis und zeigt demjenigen, der seine Ruhe stört, sein Hinterteil.

    Die Geschichte von Paul wäre nun nicht weiter erzählenswert, wenn sie sich nicht durch einen besonderen Umstand auszeichnen würde. Und das ist die Art und Weise, wie Paul sich hinlegt. Ich weiß nicht, wie andere Hunde sich hinlegen, aber sicher nicht so wie Paul. Paul legt sich, streng genommen, gar nicht hin. Er bricht in sich zusammen. Er knickt in den Gelenken ein. Das federt er auch nicht ab, durch Muskelkontraktion oder Spannung in den Sehnen: er schlägt einfach mit voller Wucht aufs Pflaster. Das kündigt sich auch nicht an, das ist kein Zusammenbrechen, das sich nacheinander aller seiner Glieder bemächtigt. Das geht in einer Millisekunde vonstatten. Es sieht aus, als wenn ihn der Schlag trifft. Paul ist, wie gesagt, ein Bernhardiner. Er ist ziemlich groß und das bedeutet: es ist ein weiter Weg von oben nach unten.

    Er hat in seinem Leben wahrscheinlich alles erreicht, was sein Hundeherz begehrt: zweimal am Tag gibt’s was zu fressen. Und das kommt aus einem exzellenten Restaurant. Vielleicht ist es das gute Essen, das ihn etwas lethargisch macht. Ich frage mich, was Paul tun würde, wenn es bloß trockenes Brot gäbe. Vielleicht stellt sich Paul solche Fragen auch manchmal. Vielleicht fragt sich Paul, ob man im Leben auch noch was anderes machen könnte als immer bloß Liegen. Aber bevor er solche Gedanken zu Ende denken kann und er jener Stelle anlangt, an der einem Denkenden deutlich wird, dass da ein Fragezeichen hingehört und dass ein Fragezeichen eine Antwort fordert, wird er anfallartig müde. Und bevor er bemerkt, dass er gerade im Moment mit seinem Körper und seinem Kopf auf‘s Pflaster schlägt, schläft er schon. Das ist die einzige Erklärung, die ich für sein Verhalten finden kann: Er schläft bereits, wenn er unten auf dem Pflaster ankommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 November 2009

    Der Traum eines Schmetterlings

    Der chinesische Philosoph Tsuang Tse erzählt folgende kurze Geschichte: Er erwacht eines Morgens und erinnert, dass er geträumt habe, er sei ein Schmetterling. Dann aber kommt er auf den Gedanken, dass er auch ein Schmetterling sein könnte, der jetzt träumt, er sei ein Mensch.

    Das Interessante ist, dass es in diesem Verhältnis von Traum und Wirklichkeit keine dritte Position gibt von der aus sich entscheiden ließe, was wahr ist. Möglich, dass der Schmetterling der Traum eines Menschen ist. Aber ebenso gut könnte auch der Mensch der Traum eines Schmetterlings sein. Wenn es keine dritte Position gibt, von der aus sich der Wahrheitsgehalt bestimmen lässt, müssen davon ausgehen, dass das Verhältnis der beiden vorhandenen Positionen die Wahrheit ist. Die reine Wahrheit.





    11 November 2009

    Shoppingparadies

    Das Leben in Deutschland ist anders als in Rumänien. Das bemerkte ich mehrmals am Tag. Unmittelbar darauf bemerke ich, dass ich dennoch ziemlich gut klarkomme. Ich kann hier gut navigieren und verstehe vieles intuitiv. Deswegen fühle ich mich wohl. Manchmal bemerke ich jedoch auch, dass ich nicht klarkomme. Dass ich nicht Teil dieser Gesellschaft bin. Meist ist das nur eine kleine Irritation. Manchmal bin ich aber richtig schockiert. Ich fühle mich ausgestoßen oder ich will mich selbst ausstoßen. Zum Beispiel beim Thema Armut. Dieses Wort hat in Rumänien einen ganz anderen Klang als in Deutschland, einen materiellen nämlich.

    Es gibt bei Worten einen Unterschied zwischen der Dimension, die sie bezeichnen und der, die sie beschreiben. Das Wort Baum bezeichnet das, was im Englischen tree, im Französischen arbre und im Rumänischen kopak heißt. Was es hingegen beschreibt, ist ein grünes Durcheinander, dass nicht immer, sondern nur abwechselnd grün ist, ein braunes knorriges, im Winter melancholisches Geäst, einen Stamm und Äste und Zweige und Verzweigungen, etwas unter dem sich Liebe machen lässt und Schatten suchen und unter dem man als Kind im Garten gespielt hat, in einem Jahrhunderte schon versunkenen, verwunschenen Sommer, und so spürt man, wenn man einen Baum sieht, noch immer etwas Spielerische und Unbeschwerte, man spürt die Vergangenheit, und man sucht vielleicht noch immer Zuflucht unter seinem Dach, im Schutz der vergangenen Zeiten und hofft auf die Liebe, die vielleicht niemals kommen, aber auf die man immer warten wird.

    Es gibt Worte, die bezeichnen etwas ganz anderes als das, was sie beschreiben. Shoppingparadies ist so ein Wort. Es ist ein Neologismus, ein Kompositum aus den Worten Shopping und Paradies. Und das bezeichnet es auch. Seine beiden Elemente gehen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen, in das neue Wort über. Aber es beschreibt etwas ganz anderes: die innere Destruktion einer Gesellschaft, das kaputte Wesen, wie sehr dieser Körper bereits vom Krebs zerfressen ist. Es beschreibt, inwieweit zutiefst Menschliches wie Hoffnung, Sehnsucht, Lust, Wunsch destruiert und einzig und allein dem Shopping untergeordnet ist. Mehr noch, das Menschliche verschwindet dahinter vollkommen. Das sind Tiere, die ins Shoppingparadies einfallen. Die existieren nicht mehr, die vegetieren bloß noch. Das macht mich gnadenlos wütend. Ich könnte heute noch meine Sachen packen und weggehen, weg aus diesem Land der Shoppingparadiese, aus dieser einst womöglich wasserreichen, inzwischen offenbar desertifizierten Gesellschaft.

    Viele wissen es noch nicht, aber sie sind bereits in der Hölle angekommen. In der Hölle ihrer Armut. Aber das macht ihnen nichts, das macht ihnen nicht das Geringste. Sie gehen einfach ins nächste Shoppingparadies und da wird dann alles gut.

    Ärmer als arm ist nicht ärmlich, sondern armselig.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 November 2009

    Die Antwort des Dr. Frankl

    „Wie durch ein Wunder überlebte der Psychologe Victor Frankl als Einziger seiner Familie das Konzentrationslager. Als er, nach Wien zurückgekehrt, seine Praxis wieder aufnahm, bedeutete das Segen und Zuversicht für viele Menschen, die, durch Kriegserlebnisse erschüttert, ärztlicher Seelsorge bedurften. Da waren ein Mann und seine Frau, die, voneinander getrennt, ebenfalls wie ein Wunder die Jahre in den Lagern überlebten und – sie konnten es kaum fassen – sich in Wien wiedertrafen. Jedoch wenige Monate danach starb die Frau an den Folgen der Gefangenschaft, und ihr Mann zog sich in tiefster Verzweiflung völlig von der Welt zurück. Er wollte mit niemandem mehr sprechen, aß kaum, hatte alle Hoffnung aufgegeben und saß stumm und teilnahmslos in einem Winkel seiner Wohnung. Schließlich gelang es Freunden, ihn zu überreden, Victor Frankl aufzusuchen.
    Soweit ich mich an diese Geschichte nach fast vierzig Jahren erinnere, fand dann das Folgende statt. Etwa eine Stunde sprachen die beiden Männer miteinander, da stellte Dr. Frankl die Frage: „Angenommen, Gott gäbe mir die Macht, eine Frau zu erschaffen, die sich von der Ihren nicht unterscheidet. Nicht nur gleicht sie Ihrer Frau in allem Äußeren, in Bewegung und im Sprechen, sondern auch gemeinsame Erlebnisse sind in ihrer Erinnerung so wie in der Ihren. Jede Prüfung, die sie stellen könnten, würde keine Verschiedenheit ergeben. Ich frage Sie nun: Soll ich diese Frau erschaffen?” Der Mann schwieg eine lange Zeit. Dann antwortete er: „Nein.” Darauf verabschiedete er sich und begann langsam, sich dem Leben wieder zuzuwenden.
    „Wie war das möglich? Was ging in diesem Menschen vor?” so fragte ich später einmal Dr. Frankl. Und er antwortete: „Wir sehen uns mit den Augen des anderen. So, als sie starb, wurde er blind. Aber als er sah, dass er blind war, konnte er sehen.”

    Heinz von Förster, Die Antwort des Dr. Frankl, in: Sicht und Einsicht, Versuch einer operativen Erkenntnistheorie

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 November 2009

    Glück

    Noch einmal ein Ausschnitt aus meinem Roman. Die Eingangsformulierungen des zehnten Kapitels: Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein

    „Als ich ein Kind war, gab es diese Momente ungetrübten Glücks. Damals saß ich mit meiner Schwester im Fenster unseres Ladens. Mama besaß einen kleinen Laden für Hochzeitskleidung. Unsere Wohnung lag gleich dahinter. Laden und Wohnung waren durch einen schmalen Flur miteinander verbunden. Im Laden durften wir uns nur in Mamas Beisein aufhalten. Meine Schwester und ich sind dennoch manchmal heimlich nach vorne geschlichen. Wir sind in die Kleider und Anzüge gestiegen und haben Mann und Frau gespielt. Diese Sachen waren aufwändig gemacht, empfindlich und sehr teuer. Es war verboten, diese Kleider anzufassen. Und es war ganz sicher auch verboten, darin zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein.
    Der Laden bestand nur aus einem einzigen Raum, mit Zugang von der Straße über eine Treppe, Hochparterre. Der Raum war nach Männer- und Frauenkleidung getrennt, dazwischen stand ein großer Spiegel, den man zu beiden Seiten drehen konnte. Die Sachen hingen in schönen alten Schränken deren Türen weit offen standen. Wenn Mama vorne war, haben meine Schwester und ich immer im Fenster des Ladens gesessen. Diese Momente in denen wir mit ihr zusammen vorne sein durften, waren die schönsten meiner Kindheit.
    Wir hatten nicht viele Kunden und es lohnte sich nicht, den ganzen Tag vorne zu sitzen und auf sie zu warten. Wenn jemand den Laden betrat, klingelte es hinten in der Wohnung. Wir Kinder stürmten dann nach vorne. Zwei oder dreimal im Jahr dekorierte Mama das Schaufenster neu. Dann zog sie unseren beiden Puppen etwas anderes an und wir durften ihr dabei zur Hand gehen. Manchmal, wenn keine Aufträge da waren, nähte sie etwas Neues, das sie in einer Zeitschrift gesehen hatte. Oder sie saß an ihrer Nähmaschine und lächelte über uns beide, die wir im Fenster hockten und auf die Straße schauten. Der größere Teil von mir ist aufgestanden und einer normalen Entwicklung gefolgt. Ich habe das erst viele Jahre später bemerkt, als ich längst zu Hause ausgezogen war: dass ein Teil von mir dort im Fenster sitzen geblieben ist. Ein kleiner Teil, der vollkommen glücklich war ohne davon zu wissen.
    Als wir Mama fragten, was genau bei so einer Hochzeit eigentlich passierte und warum sich Männer und Frauen schön füreinander machten, antwortete sie, dass die Leute bis spät in die Nacht feiern, tanzen und glücklich sind. Meine Schwester und ich haben uns oft gefragt, was dieses Glück eigentlich ist. Zu uns kamen ja nur Menschen die glücklich waren. Oder die kurz davor waren, glücklich zu sein. Sie standen in ihren neuen Kleidern vor dem Spiegel und es ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Abends im Bett habe ich wach gelegen und versucht, mir vorzustellen, wie sich dieses Glück wohl anfühlen mochte. Das Zimmer war dunkel, unter der Decke war es warm. Ich hörte meinen Atem und einen zweiten, weiter entfernten, der dem Takt meines eigenen sehr ähnlich war. Ich wusste, dass meine Schwester auf der anderen Seite des Zimmers ebenfalls wach lag, auf meinen Atem hörte und sich dasselbe vorstellte wie ich.
    Unser Laden, die Hochzeitskleider und unsere Vorstellung vom Glück, das Rattern und Surren der Nähmaschine, das Fenster zur Straße, die Häuser in dieser Straße, die eine Seitenstraße war, der Kiosk gegenüber, wo wir Bonbons und Schokolade gekauft haben: das war meine Kindheit. Meine Schwester und ich sind Hand in Hand aus der Ladentüre getreten, über die Straße gegangen, in den Kiosk, wo wir vor einer langen Auswahl von Schubladen standen, in denen die Süßigkeiten lagen. Zurück sind wir immer gerannt. So schnell wie möglich wieder zurück. Als könne sich in unserer Abwesenheit etwas geändert haben und wir würden unser Zuhause nicht wieder erkennen. Die andere Seite der Straße war für uns weit weg und wir waren froh, wenn wir wieder daheim waren. Dennoch war der Reiz durch die andere Seite stets präsent. Und er wurde, je älter wir waren, immer größer. In späteren Jahren sind wir ohne Heimweh auf die andere Seite gegangen, die Schule lag dort, einen Block weiter. In den Jahren darauf bin ich von dort mit der Straßenbahn zur Universität gefahren. Nun würde ich weggehen und das alles hier hinter mir lassen müssen. Ich hatte vor ein paar Wochen mein Studium beendet und musste einen Termin bei der Schulverwaltung wahrnehmen. Bis zu diesem Tag war ich davon ausgegangen, eine Stelle in der Stadt zu bekommen. Da sei beim besten Willen nichts zu machen, sagte der Mensch von der Schulverwaltung, und schüttelte den Kopf. Auf dem Land hingegen sei die Situation gut.
    „Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Die Landluft ist ausgezeichnet. Ich hätte da etwas, das Ihren Qualifikationen entspricht. Keine hundert Kilometer von hier”, sagte er.
    Ich wollte in der Stadt bleiben. Noch lieber wollte ich in eine große, in eine richtige Stadt. Am besten eine Metropole. Landleben und gute Luft gehörten nicht gerade zu meinen vorrangigen Interessen. Ich bin ein urbaner Mensch. Ich mag Städte und ihre Geräusche, laute Geräusche vor allem. Meinetwegen könnte dauernd etwas explodieren. Ich mag’ s auch quietschen und knirschen hören, ich mag klatschende Geräusche und klappernde und knisternde und klirrende. Ich höre es gerne scheppern und dröhnen. Als Kind habe ich einmal in der Küche eine Tasse fallen lassen, mich auf einen Stuhl gesetzt und mir den Scherbenhaufen angeschaut. Auch wenn das Geräusch verklungen war, meinte ich den Ton noch so lange hören zu können wie ich die Scherben vor Augen hatte. Als Kind habe ich oft auf den Stufen des Ladens gesessen und auf die Straßenbahn gewartet. Nicht, weil ich mit ihr fahren wollte, sondern weil ich sie fahren hören wollte. Ich stellte mir vor, dass das Zentrum einer Stadt wie das Zentrum eines Geräuschs ist: Je weiter man in die Mitte vordringt, desto lauter wird’s.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 November 2009

    Mit dem Stock auf Chelowka

    „In eine jüdische Gemeinde Polens kommt ein Wunderrabbi, der die Gabe besitzt, Blinde sehend zu machen. Von allen Seiten strömen die Bresthaften nach Chelowka – das ist der Name der Gemeinde -, und so wandert auch Leib Schekel die staubige Landstraße dahin. Seine Augen sind von einem grünen Schirm beschattet, und in seiner Hand trägt er den Tappstock des Blinden. Trifft ihn ein Bekannter. „Oi, Leib Schekel, Ihr geht auf Chelowka.” – „Ja, ich geh auf Chelowka zu ihm.” – „Was, nebbich, ist geschehen mit Euren Augen?” – „Mit mei Augen?, was soll geschehen sein mit mei Augen?” – „Wenn Eure Augen ünberüfen gesünd sind bis hundert, warum habt Ihr dann zu gehen mit dem Stock auf Chelowka?” Leib Schekel schüttelt den Kopf: „Das ein Mensch, ünberüfen bis hundert, so bled sein kann. Begreift Ihr denn nicht? Wenn ich wird vor ihm stehen, dem Großen, dem Echten, werd ich blind sein, und er wird mich machen sehend.”

    Hermann Broch, Einige Bemerkungen zum Problem des Kitsches

    Hermann Broch, der dieses Beispiel zur Illustration seiner These von der Unterscheidung zwischen Kitsch und echter Kunst nutzt, schließt mit den Worten: „Und so ist es mit dem echten Kunstwerk. Es blendet den Menschen bis zur Blindheit und macht ihn sehend.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.