Archiv vom Oktober, 2009
13 Oktober 2009
Zuneigung
Männer müssen in dieser Gesellschaft lernen, Frauen ihre Zuneigung zu zeigen. Und Frauen müssen lernen, das zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Und sie müssen ebenfalls lernen, die Zuneigung anderer zurückzuweisen. Das Gefühl eines anderen an sich abprallen zu lassen. Es einfach nicht zu erwidern. Wenn Männer ihren Part nicht lernen, bleiben sie lebenslang alleine. Lernen Frauen den ihren nicht, müssen sie mit jedem ins Bett steigen, der das will. Sie lernen ihren eigenen Willen und ihre eigenen Wünsche nicht gar kennen, weil sie immer nur anderen zu Willen sind.
Männer müssen auf Frauen zugehen und ihre Lust formulieren, weil Frauen das den Männern gegenüber nicht von sich aus tun. Und weil die Lust der Frauen sich oft auch an der der Männer entzündet. Wir entflammen nicht ganz so leicht. In dieser Begehrensstruktur müssen die Männer lernen den ersten Schritt zu machen. Und Frauen müssen lernen, den zweiten zu verweigern. Für beide Schritte gilt, dass man sie selten in idealer Weise tut. Für die Männer gibt es nicht die richtige Annäherung und der einen ist bereits zu leichtfüßig, was einer anderen schon zu tapsig aussieht. Auch für die Frauen gibt es nicht die richtige Zurückweisung, und dem einen ist bereits zu robust, was ein anderer noch als Aufforderung nimmt. Und dennoch kommen sie ja zusammen. Bisweilen jedenfalls.
Wer immer du gewesen bist, heute Nachmittag. Ich danke dir für deine Zuneigung. Ich danke dir sogar sehr! Auch wenn ich sie nicht erwidern konnte. Dies hier mag dir als Entschuldigung herhalten für meine Reaktion.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Confusion sexuelle, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 21:32 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
09 Oktober 2009
Ich freu mich für Frau Müller
Vor einiger Zeit habe ich die zwanzig Kandidaten für den Deutschen Buchpreis besprochen. Ich bin offenbar in der Zeile verrutscht, als ich Herta Müller in der aussichtsreichsten Position sehen wollte. Ich glaube sogar, aber vielleicht täusche ich mich erneut, dass sie jetzt in der schlechtesten Position ist. Das Rennen um diesen Preis ist nämlich seit gestern wieder offen. Dafür ist Frau Müller jetzt in den Olymp aufgestiegen.
Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen werden. Die Rumänen. Mal schauen, ob die jetzt etwas mit Herta Müller anfangen können. Und auf die Reaktion der französischen Medien bin ich auch gespannt. Im vergangenen Jahr haben die deutschen Zeitungen Le Clézio ja eher als etwas exotische, aber im Grunde genommen spinnerte Idee der Schwedischen Akademie abgetan. Ich kann mir keine eigene Meinung zu dem Mann erlauben. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Mal schauen wo die Franzosen nun Herta Müller einordnen.
Auf meinen Geschmack hat der Nobelpreis wenig Einfluss. Ich habe in den letzten Jahren von den Geehrten nur Imre Kertész und J. M. Coetzee gelesen. Beides mit Verspätung, beides hat mir gefallen. Grass und Müller kannte ich vorher schon. „Die Blechtrommel” gehört zu einer Sammlung von Büchern, ich hab keinen Überblick, wie groß diese Sammlung ist, die meinen Literaturgeschmack am Anfang beeinflusst haben. Ich weiß nicht, wie groß diese Sammlung ist und ich weiß auch nicht, wo der Anfang liegt. Die Sammlung wächst langsam. Und dieser Anfang ist nicht vorüber, er ist mit jedem Buch da, das ist ein ununterbrochen in der Länge sich ändernder Urmeter.
Im Internetauftritt der FAZ stand ganz oben, dass Herta Müller den Nobelpreis für Literatur bekommt. Ich denke, ich hab‘s nicht nachgeprüft, dass in den anderen Tageszeitungen etwas Ähnliches stand, also ziemlich ähnlich. Insoweit übereinstimmend, dass, was immer da genau stand, Herta Müller überall den Nobelpreis erhält. Ich fände es interessant, wenn jede Zeitung etwas anderes berichten würde. Dann hätten all die anderen, immer übergangenen Kandidaten endlich mal eine Chance. Mario Vargas Llosa bekommt in der Neuen Zürcher Zeitung in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur, Inger Cristensen bekommt ihn in der Frankfurter Rundschau, Thomas Pynchon bekommt ihn in der ZEIT etc. pp. Hätte ich eine Wette auf einen Kandidaten aus Rumänien abgeben müssen, wäre meine Wahl auf Mircea Cărtărescu gefallen, der übrigens gerade die Samuel-Fischer-Gastprofessur innehat und ab der kommenden Woche in Berlin zum Thema „Postmodernism and Beyond” liest. Hier ein Link für Fans, mit Bibliografie und Wohnort. Und wer‘s noch intensiver möchte und sich für rumänische Literatur interessiert, der ist hier sehr gut aufgehoben. Das ist ein schönes Projekt, sehr aktuell und in vielen Sprachen, auch in Deutsch, zugänglich. Unter dem Namen Gabriela Adameşteanu ist die frisch gebackene Nobelpreisträgerin (der FAZ) auf einer Coach zu sehen und sie zieht einen richtigen Flunsch, so als wäre ihr die Auszeichnung gerade wieder weggenommen worden oder als wäre sie mit der Wahl der NZZ oder der ZEIT nicht zufrieden.
Herta Müller stand ganz weit oben in der FAZ. Ganz weit unten stand etwas über “Skimming”. Organisierte Kriminalität, Banden, die vor allem aus Rumänien und Bulgarien stammten, und deutsche Geldautomaten manipulieren. Das entspricht dem Bild der Rumänen schon eher. Ich weiß nicht, ob Frau Müllers Dichtungen so groß sind, dass sie nun in aller Welt zur Kenntnis genommen werden. Sie wird sicher in Deutschland jetzt ein anderes Gewicht bekommen. Ob das, was Herta Müller schreibt, Nobelpreisniveau hat, sollen andere entscheiden. Es war in den vergangenen Jahren ja oft so, dass die Akademie sich weniger dem humanen Geist von Alfred Nobel verpflichtet gefühlt hat, als der Sprengkraft seiner wichtigsten Erfindung. Ob die Preisverleihung Geschmacksveränderungen des deutschen Publikums nach sich zieht, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass diese internationale Auszeichnung und Anerkennung für eine Rumänin das Empfinden gegenüber den Rumänen – die da unten, die Zigeuner, die mit den Goldzähnen und den gefälschten Kreditkarten – ein wenig verändert. Herta Müller spricht Deutsch. Und sie spricht es besser als viele von denen, die hier leben, die die Bildzeitung lesen und nicht wissen, dass es außer dem Plusquamperfekt noch andere Zeiten gibt. Die vielleicht gar nicht wissen, dass es Zeit gibt.
„Wir zeigen immer wieder, dass wir schreiben können.” Das ist ein Satz, den ich gelesen habe. Im Rahmen der FAZ-Lektüre im Netz, in einem Kommentar. Wer ist denn dieses „wir”? Die allermeisten zeigen ja bitteschön, wenn sie die Spiegelbestsellerliste konsumieren, dass sie nicht einmal lesen können. Sind das die gleichen, die dann zeigen, dass sie schreiben können? Wer ist „wir”? Wir Deutschen? Wir Rumänen? Wir Frauen? Hat der, der das geschrieben hat, es schon einmal jemandem gezeigt? Wem denn? Der Akademie in Schweden? Ist der Kommentar vielleicht von Grass gewesen? Der einzige lebende Deutsche, der sich diesen Kommentar erlauben könnte. Und hat er, also nicht der Grass, Günther, sondern der andere, der Möchtegerngrass, außer, dass er es jemandem gezeigt hat, sonst noch was gemacht? Hat er‘s vielleicht gelesen? Hat er Müller und Grass gelesen? Oder sogar geschrieben? Er und Herta und Günther zusammen.
Die 56-jährige “deutschsprachige” Schriftstellerin. So lautete die Schlagzeile aus der ZEIT (wieder im Netz natürlich). Deutschsprachig ist in dem Fall wirklich nicht schlecht formuliert. Es ist natürlich schwer, diese Frau jetzt einzusortieren und zu verorten. Ist sie Deutsche? Ist die Rumänin? Wodurch wird man das eine und wodurch das andere? Vielleicht hätte man sie lieber als “hochdeutschsprachige Schriftstellerin” bezeichnen sollen. Aber ist sie das? Vielleicht spricht sie kein Hochdeutsch, vielleicht hat sie einen unangenehmen Akzent, etwas ganz derbes, geradezu ordinär. Egal, ich freu mich für Frau Müller!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Auf dem Fischmarkt, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 10:45 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











