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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
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  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
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  • Archiv vom Oktober, 2009

    13 Oktober 2009

    Zuneigung

    Männer müssen in dieser Gesellschaft lernen, Frauen ihre Zuneigung zu zeigen. Und Frauen müssen lernen, das zu sehen, zu erkennen und anzunehmen. Und sie müssen ebenfalls lernen, die Zuneigung anderer zurückzuweisen. Das Gefühl eines anderen an sich abprallen zu lassen. Es einfach nicht zu erwidern. Wenn Männer ihren Part nicht lernen, bleiben sie lebenslang alleine. Lernen Frauen den ihren nicht, müssen sie mit jedem ins Bett steigen, der das will. Sie lernen ihren eigenen Willen und ihre eigenen Wünsche nicht gar kennen, weil sie immer nur anderen zu Willen sind.

    Männer müssen auf Frauen zugehen und ihre Lust formulieren, weil Frauen das den Männern gegenüber nicht von sich aus tun. Und weil die Lust der Frauen sich oft auch an der der Männer entzündet. Wir entflammen nicht ganz so leicht. In dieser Begehrensstruktur müssen die Männer lernen den ersten Schritt zu machen. Und Frauen müssen lernen, den zweiten zu verweigern. Für beide Schritte gilt, dass man sie selten in idealer Weise tut. Für die Männer gibt es nicht die richtige Annäherung und der einen ist bereits zu leichtfüßig, was einer anderen schon zu tapsig aussieht. Auch für die Frauen gibt es nicht die richtige Zurückweisung, und dem einen ist bereits zu robust, was ein anderer noch als Aufforderung nimmt. Und dennoch kommen sie ja zusammen. Bisweilen jedenfalls.

    Wer immer du gewesen bist, heute Nachmittag. Ich danke dir für deine Zuneigung. Ich danke dir sogar sehr! Auch wenn ich sie nicht erwidern konnte. Dies hier mag dir als Entschuldigung herhalten für meine Reaktion.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Oktober 2009

    Ich freu mich für Frau Müller

    Vor einiger Zeit habe ich die zwanzig Kandidaten für den Deutschen Buchpreis besprochen. Ich bin offenbar in der Zeile verrutscht, als ich Herta Müller in der aussichtsreichsten Position sehen wollte. Ich glaube sogar, aber vielleicht täusche ich mich erneut, dass sie jetzt in der schlechtesten Position ist. Das Rennen um diesen Preis ist nämlich seit gestern wieder offen. Dafür ist Frau Müller jetzt in den Olymp aufgestiegen.

    Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen werden. Die Rumänen. Mal schauen, ob die jetzt etwas mit Herta Müller anfangen können. Und auf die Reaktion der französischen Medien bin ich auch gespannt. Im vergangenen Jahr haben die deutschen Zeitungen Le Clézio ja eher als etwas exotische, aber im Grunde genommen spinnerte Idee der Schwedischen Akademie abgetan. Ich kann mir keine eigene Meinung zu dem Mann erlauben. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Mal schauen wo die Franzosen nun Herta Müller einordnen.

    Auf meinen Geschmack hat der Nobelpreis wenig Einfluss. Ich habe in den letzten Jahren von den Geehrten nur Imre Kertész und J. M. Coetzee gelesen. Beides mit Verspätung, beides hat mir gefallen. Grass und Müller kannte ich vorher schon. „Die Blechtrommel” gehört zu einer Sammlung von Büchern, ich hab keinen Überblick, wie groß diese Sammlung ist, die meinen Literaturgeschmack am Anfang beeinflusst haben. Ich weiß nicht, wie groß diese Sammlung ist und ich weiß auch nicht, wo der Anfang liegt. Die Sammlung wächst langsam. Und dieser Anfang ist nicht vorüber, er ist mit jedem Buch da, das ist ein ununterbrochen in der Länge sich ändernder Urmeter.

    Im Internetauftritt der FAZ stand ganz oben, dass Herta Müller den Nobelpreis für Literatur bekommt. Ich denke, ich hab‘s nicht nachgeprüft, dass in den anderen Tageszeitungen etwas Ähnliches stand, also ziemlich ähnlich. Insoweit übereinstimmend, dass, was immer da genau stand, Herta Müller überall den Nobelpreis erhält. Ich fände es interessant, wenn jede Zeitung etwas anderes berichten würde. Dann hätten all die anderen, immer übergangenen Kandidaten endlich mal eine Chance. Mario Vargas Llosa bekommt in der Neuen Zürcher Zeitung in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur, Inger Cristensen bekommt ihn in der Frankfurter Rundschau, Thomas Pynchon bekommt ihn in der ZEIT etc. pp. Hätte ich eine Wette auf einen Kandidaten aus Rumänien abgeben müssen, wäre meine Wahl auf Mircea Cărtărescu gefallen, der übrigens gerade die Samuel-Fischer-Gastprofessur innehat und ab der kommenden Woche in Berlin zum Thema „Postmodernism and Beyond” liest. Hier ein Link für Fans, mit Bibliografie und Wohnort. Und wer‘s noch intensiver möchte und sich für rumänische Literatur interessiert, der ist hier sehr gut aufgehoben. Das ist ein schönes Projekt, sehr aktuell und in vielen Sprachen, auch in Deutsch, zugänglich. Unter dem Namen Gabriela Adameşteanu ist die frisch gebackene Nobelpreisträgerin (der FAZ) auf einer Coach zu sehen und sie zieht einen richtigen Flunsch, so als wäre ihr die Auszeichnung gerade wieder weggenommen worden oder als wäre sie mit der Wahl der NZZ oder der ZEIT nicht zufrieden.

    Herta Müller stand ganz weit oben in der FAZ. Ganz weit unten stand etwas über “Skimming”. Organisierte Kriminalität, Banden, die vor allem aus Rumänien und Bulgarien stammten, und deutsche Geldautomaten manipulieren. Das entspricht dem Bild der Rumänen schon eher. Ich weiß nicht, ob Frau Müllers Dichtungen so groß sind, dass sie nun in aller Welt zur Kenntnis genommen werden. Sie wird sicher in Deutschland jetzt ein anderes Gewicht bekommen. Ob das, was Herta Müller schreibt, Nobelpreisniveau hat, sollen andere entscheiden. Es war in den vergangenen Jahren ja oft so, dass die Akademie sich weniger dem humanen Geist von Alfred Nobel verpflichtet gefühlt hat, als der Sprengkraft seiner wichtigsten Erfindung. Ob die Preisverleihung Geschmacksveränderungen des deutschen Publikums nach sich zieht, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass diese internationale Auszeichnung und Anerkennung für eine Rumänin das Empfinden gegenüber den Rumänen – die da unten, die Zigeuner, die mit den Goldzähnen und den gefälschten Kreditkarten – ein wenig verändert. Herta Müller spricht Deutsch. Und sie spricht es besser als viele von denen, die hier leben, die die Bildzeitung lesen und nicht wissen, dass es außer dem Plusquamperfekt noch andere Zeiten gibt. Die vielleicht gar nicht wissen, dass es Zeit gibt.

    „Wir zeigen immer wieder, dass wir schreiben können.” Das ist ein Satz, den ich gelesen habe. Im Rahmen der FAZ-Lektüre im Netz, in einem Kommentar. Wer ist denn dieses „wir”? Die allermeisten zeigen ja bitteschön, wenn sie die Spiegelbestsellerliste konsumieren, dass sie nicht einmal lesen können. Sind das die gleichen, die dann zeigen, dass sie schreiben können? Wer ist „wir”? Wir Deutschen? Wir Rumänen? Wir Frauen? Hat der, der das geschrieben hat, es schon einmal jemandem gezeigt? Wem denn? Der Akademie in Schweden? Ist der Kommentar vielleicht von Grass gewesen? Der einzige lebende Deutsche, der sich diesen Kommentar erlauben könnte. Und hat er, also nicht der Grass, Günther, sondern der andere, der Möchtegerngrass, außer, dass er es jemandem gezeigt hat, sonst noch was gemacht? Hat er‘s vielleicht gelesen? Hat er Müller und Grass gelesen? Oder sogar geschrieben? Er und Herta und Günther zusammen.

    Die 56-jährige “deutschsprachige” Schriftstellerin. So lautete die Schlagzeile aus der ZEIT (wieder im Netz natürlich). Deutschsprachig ist in dem Fall wirklich nicht schlecht formuliert. Es ist natürlich schwer, diese Frau jetzt einzusortieren und zu verorten. Ist sie Deutsche? Ist die Rumänin? Wodurch wird man das eine und wodurch das andere? Vielleicht hätte man sie lieber als “hochdeutschsprachige Schriftstellerin” bezeichnen sollen. Aber ist sie das? Vielleicht spricht sie kein Hochdeutsch, vielleicht hat sie einen unangenehmen Akzent, etwas ganz derbes, geradezu ordinär. Egal, ich freu mich für Frau Müller!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Oktober 2009

    Präziser oder poetischer

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der meinte, alles wieder umformulieren zu müssen.

    Die Geschichte von einem, der alles, was er gesagt und geschrieben hat wieder relativieren musste. Der gerade rücken musste, was ihm schief und krumm vorkam. Und der dann, was er zuvor bereits gesagt hatte, erneut formulierte. Weil ihm dies, bei näherer Betrachtung, abends bei Kerzenschein oder Halogenlicht, weil er das bei erneuter Betrachtung als unzureichend empfand. Oder als falsch. Als widersinnig. Und der das dann erneut formulierte, präziser vielleicht. Oder poetischer. Der das eine gegen das andere austauschen wollte. Kaum, dass er alles präzisiert hatte, poetisierte er es, um es dann, bei allernächster Gelegenheit wieder zu präzisieren. Und der das sein ganzes Leben lang so machte, richtig stellte, was ihm falsch vorkam, vereindeutigte, was ihm zweideutig schien. Und der sein ganzes Leben damit zubrachte. Und der den Eindruck hatte, sich keinen einzigen Schritt vorwärts zu bewegen. Und der dennoch immer darauf hoffte, eines Tages dieses Dilemma und diese Ausweglosigkeit zu überwinden. Und loszugehen. In die eine oder in die andere Richtung. Eines Tages würde er sich zu einer ganz anderen Art von Klarheit aufraffen können.

    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Leben lang immer wieder neu Anlauf genommen hat. Und der am Ende dieses Lebens feststellt, dass er gar nicht so unglücklich war, wie er das bis dahin angenommen hatte. Der nicht von Hemmung zu Hemmung gegangen ist, sondern dessen Leben durchaus einen Sinn gehabt hat. Und dieser Sinn hat darin bestanden, alles wieder gerade zu rücken. Oder schief. Dieses umrücken, das war der Sinn. Das ist die tiefe Erkenntnis am Ende seines Lebens. Wohlwissend, dass er an diesem Tag wird sterben müssen. Denn ansonsten hätte er das am nächsten Tag natürlich wieder relativiert und hätte diese Erkenntnis präziser formuliert. Oder poetischer.

    Als Camus seine sehr kurze und sehr bekannte Abhandlung über Sisyphos schrieb, da hat er als letzten Satz – vielleicht hat er das gemacht weil so ein provokanter Schlusssatz gut für die Reputation war – formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.” Ich finde, da ist er übers Ziel hinaus geschossen. Den oben skizzierten Menschen zwischen Poesie und Präzision, den müssen wir uns nicht als glücklich vorstellen. Und schon gar nicht als zufrieden (was ja von manchen Menschen als mediokere Variante des Glücks aufgefasst wird), sondern schlicht und ergreifend als beschäftigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Oktober 2009

    Glück und Unglück

    Hier kommt eine der schönsten Bemerkungen, die ich kenne. Schön und schön kurz. Anders als bei Immanuel Kant, der auch schön schreiben konnte, versteht man hier alles. Bei Kant kommt man mit seinem Verständnis gerade einmal bis zum ersten Komma. Die Kommata bei Kant sind oft sogar das einzige, was man versteht.

    „Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen.”

    John Locke, Über den menschlichen Verstand

    Solch eine Äußerung von einem Rationalisten wie John Locke, wirklich erstaunlich! Vielleicht führte Locke ein Doppelleben. Vielleicht hat er das, was er in seinem Beruf gemacht hat, das wissenschaftliche und akademische Schreiben, nicht wirklich geglaubt und meinte, nach Feierabend alles wieder richtig stellen zu müssen. Das Vorliegende ist wahrscheinlich so eine abendliche Äußerung, eine Umformulierung und Berichtigung dessen, was Locke tagsüber formuliert hatte. Vielleicht hat Locke sich nachts in der Sünde gesuhlt und tagsüber dann moralische Abhandlungen geschrieben, weil es ihn gereut hat. Das ist ein interessante Frage, weil man, wenn einer zwei Leben führt, natürlich wissen müsste, welches der beiden das erste und welches das zweite , welches Aktion und welches Reaktion ist, und welches der beiden die Wiedergutmachung des vermeintlich angerichteten Schadens ist.

    Das wäre auch ein schönes Romanthema: dass einer abends wieder zurechtrückt, was er tagsüber gedacht und getan hat. Ich glaube, da ließe sich einiges raus machen. Aber, wie immer, wenn sich aus wenig mehr machen lässt: da kann man sich ganz schnell die Finger verbrennen. Und mit bandagierten Fingern einen Roman in den Rechner zu tippen ist eine Sache für sich.

    Das ist in der Liebe ganz ähnlich: das gibt’s die Realisten und die Phantasten. Und es sind meist die Phantasten, die sich die Finger verbrennen und hinterher Liebesbriefe tippen. Ewig lange, herzzerreißende Briefe, die von Realistenseite selbstverständlich unbeantwortet bleiben. Die Realisten verstehen gar nicht, was eigentlich los ist. Das war doch ein ganz netter Abend. Und die Zurückgewiesenen, die schmählich Ignorierten und tief enttäuschen Liebesbrieftipper tippen dann irgendwann Romane, in denen Phantasten Liebesbriefe an Realisten schreiben.

    Die einen wie die anderen kennen die äußersten Grenzen von Glück und Unglück nicht. Aber die Phantasten robben sich näher ran als die Realisten. Und stellen dann fest – was Realisten nie feststellen – dass Glück und Unglück keine weit entfernten Gegensätze sind, sondern enge Verwandte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Oktober 2009

    Deutsche Einheit

    An diesem Samstag wird in Deutschland gefeiert: 20 Jahre Deutsche Einheit. Wenn vor 20 Jahren nicht die Bürgerrechtsbewegung aufgestanden wäre, wenn in deren Gefolge die Mauer nicht gefallen und die Blöcke Ost und West nicht auseinander gedriftet wären, oder zueinander hin, dann wäre ich heute sicher nicht hier. Wer weiß, wo ich dann wäre. Ich bedanke mich bei allen, die an den Ereignissen beteiligt gewesen sind, dass ich heute hier leben und studieren kann. So ganz genau wird das nicht mehr nachvollziehbar sein, wer welche Rolle gespielt hat und welches Gewicht dieser Rolle in der gesamten Choreografie zuerkannt werden muss. Mindestens geht wohl der Dank an Bärbel Bohley und Hans Dietrich Genscher. Aber da werden noch eine Million anderer Menschen eine Rolle gespielt haben: Die großen Rollen, wie Gorbatschow und wohl auch der damalige Papst und die vielen kleineren. Die Beteiligten werden es schon wissen, nehme ich an. Hoffentlich sind da nicht so viele Verbitterte dabei, die sich nach der Wende mit noch kleineren Rollen haben begnügen müssen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Oktober 2009

    Traktor fahren

    Lieber Julian!

    Das ist mein Abschiedsbrief an dich! Was das Blog angeht, natürlich nur. Mein gestriger Eintrag war nicht gerade eine sprachliche Meisterleistung. Aber ich hatte Kummer. Kummer verkrümmt mir die Finger und mit verkrümmten Fingern kann ich nicht gut formulieren. Ich weiß nicht wie andere das machen, aber ich formuliere nicht mit dem Kopf, sondern mit den Fingern. Jetzt ist alles wieder besser. Meine Mail ist nicht angekommen. Ich habe mir hundert Gedanken gemacht, aber dass die Mail verschwindet, damit hatte ich nicht gerechnet.

    Ich freue mich sehr, dass ich die Gelegenheit habe an der öffentlichen Lektüre des Buches von David Foster Wallace „Unendlicher Spass” teilnehmen zu können. Es wird eine schöne Herausforderung. Und mit literarischen Herausforderungen komme ich in der Regel gut klar. Dieses Klarkommen lässt sich leicht beschreiben: Ich mag das Durcheinander in meinem Kopf, das ich ordnen muss.

    Ebenso gibt es Herausforderungen, an denen ich scheitere. Ich bin zum Beispiel am Führerschein gescheitert. Ich möchte das nicht genauer ausführen. Es gab da eine ziemlich unglückliche Situation mit dem Fahrlehrer. Der hatte bestimmte Vorstellungen wie man fahren sollte. Die haben sich mit meinen eigenen nicht verbinden lassen. Dafür kann ich Traktor fahren. Das habe ich auf dem Bauernhof meines Großvaters, in einem Dorf in der Nähe von Hermannstadt, in Siebenbürgen gelernt. Das war ein russisches Fabrikat, eine uralte Möhre, man konnte damit langfahren, wo man wollte (das war, um die Missverständnisse zwischen mir und dem Fahrlehrer anzudeuten, auch meine Vorstellung vom Autofahren).

    So wie ich Traktor fahre, so mache ich das mit dem Lesen und dem Schreiben auch: Dahin fahren, wo ich hin will. Und nicht dahin, wo die Straße gerade hingeht, wo alle anderen hinfahren und wo dieser Fahrlehrer wollte, dass ich auch fahre. Die Straße interessiert mich nicht. Das Schöne an diesem Blog „Unendlicher Spaß” ist: ich glaube, da sind auch noch Traktorfahrer unterwegs. Da kann jeder gerne vorbeikommen und sich anschauen, wie ich alles niedermähe! Und das wird dann ein Heidenspass. Ich bin natürlich auch noch hier zugange. Hier bin ich ja zuhause. Da drüben erscheinen nur meine Bemerkungen zu dem Buch von David Foster Wallace. Ich habe die Seite auch auf der blogroll verlinkt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 Oktober 2009

    Übers Rohe reden

    Lieber Julian!

    Eigentlich gehört das nicht hierher. Das ist der Inhalt einer privaten Mail und hat nichts mit diesem Blog zu tun. Und doch, nachdem ich den ersten Blogeintrag zu dem Buch von David Foster Wallace „Unendlicher Spass” als Brief an dich konzipiert habe, wollte ich das auch weiterhin so machen. Die persönliche Anrede, das finde ich als Form sehr passend, dass ich, wo du nun keine Zeit zum Lesen hast, ich meine Begeisterung und Enttäuschungen, meine Erwartungen und alles, was man so erlebt und empfindet, wenn man ein Buch liest, dass ich all das für dich aufschreibe. Das hatten wir so besprochen, als du mich am Sonntag von Berlin hierher gefahren hast. Und jetzt sitze ich hier in dieser Datsche, das Telefon funktioniert nicht und ich lasse die Flügel hängen.

    Ich habe gerade mit Sabine, die manchmal liest, was ich schreibe (und die mir dann schreibt, was sie gelesen hat) darüber gesprochen, dass so ein Blog, so eine Internetpräsenz doch wenig Nähe und Intimität zulässt und das man eine bestimmte Art wählt, sich darzustellen. Eigentlich sind diese Internetpräsenzen anonyme Veranstaltungen. Deswegen stelle ich das jetzt hierher. Als Gegenbewegung. Auch wenn es eigentlich ein persönlicher Brief an dich ist. (Ich wetzte die emotionale Scharte demnächst wieder aus. Dann werde ich einen Text von Hegel besprechen, das wird so trocken, das kannst du dir gar nicht vorstellen).

    Nachdem ich mich bemüht hatte, beim Blog zum Unendlichen Spass mitzumachen und eine Absage bekommen habe, was völlig in Ordnung war, habe ich mich doch in den Wallace hineingelesen. Und dann ist absolut überraschend das Angebot gekommen, doch mitzumachen. Ich war richtig euphorisch, habe meine Beiträge zu dem Buch für dieses Blog hier, die ich schon schön in Reih und Glied stehen hatte, alle wieder umgeworfen. Weil das dort drüben ein ganz anderes Forum ist und es eines entsprechend veränderten Tonfalls bedarf, habe also alles in Stücke gehauen, was ich hatte und ein zehn Seiten langes Chaos produziert – und nichts mehr von dem Angebot gehört. Drei Tage Arbeit, drei Tage Euphorie und jetzt liege ich am Boden. Ich habe nicht die Kraft alles noch einmal umzustellen: die Zerstörungen an den Texten, die ich vorgenommen habe, sind aber irreversibel. Das, was ich jetzt habe, kann ich hier in meinen Blog nicht veröffentlichen.

    Das ist ja nun nicht das erste Mal, dass ich mich bemühe und die Türen, an denen ich klopfe geschlossen bleiben. Manchmal öffnen sie sich auch, werden dann aber kurz vor der Nase erneut geschlossen. Dieses Mal hatte ich, als die Türe zufiel, schon die Finger drin. Und die sind da immer noch, in dieser Türe, und das tut weh! Ich warte jetzt noch bis Morgen und dann schließe ich das Thema ab. Dann versuche ich zu retten, was zu retten ist. Dann stelle ich meine Beiträge hierher. Hier bin ich zu Hause und hier kann ich sagen, was ich will und wie ich‘s will. Und wenn ich Lust habe, kotze ich auf den Tisch und schaue es mir drei Tage lang an. Da drüben müsste ich vomieren statt kotzen sagen, betreten auf die Erde schauen und es dann wegwischen. Hier kann ich machen was ich will. Hier kann ich randalieren. Problem ist nur: ich will ja nicht randalieren.

    Katzenjammer nennt man das, nicht? Ich habe gerade ein bisschen Heimweh. Das hatte ich in den drei Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, noch nicht oft. Ich glaube, dass das bei mir zu Hause anders läuft (habe ich jemals zu Hause zu Siebenbürgen gesagt?). Vielleicht komme ich hier doch nicht so gut klar wie ich angenommen hatte.

    Ich kann nicht mit den Leuten an der Uni reden. Jedenfalls nicht, wenn es über das akademische hinaus geht. Die Literaturwissenschaftler bei uns reden alle über das Gemachte. Ich aber will übers Machen reden. Die reden über das Gekochte, ich aber will über das Rohe reden. Die reden vom Essen, ich vom Kochen. Und die Linguisten wollen nur über die Kopula reden. Die Philosophen wollen gar nicht reden, weil denen Reden nicht theoretisch genug ist. Die wollen vielleicht über die Theorie des Redens reden. Aber möglichst, ohne den Mund dabei aufzumachen.

    Ich muss mit anderen reden. Mit Leuten die ebenfalls mit einer Schürze und einer großen weißen Mütze auf dem Kopf und einen Kochlöffel in der Hand in der Küche stehen und etwas zubereiten müssen. Ich hatte mich so gefreut. Ich sehne mich so nach Leuten, mit denen ich reden kann: übers Schreiben und darüber wie man das macht, was man sich erhofft. Wie man Stoffe konzipiert, wie man das Messer ansetzt, was man für und was gegen Veränderungen tun kann. Ich will meine Erfahrungen besprechen und die der anderen hören. Und das da drüben wäre möglicherweise ein Schritt in die richtige Richtung gewesen.

    Den heutigen Abend verbringe ich mal nicht in den Armen von Herrn Wallace, sondern ich stibitze mir die Flasche Wein, die du da hinten in der Vorratskammer versteckt hast.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.