25 Oktober 2009
Ich bin die Richtige
Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, wegen dieses Mannes. Wegen Hemd und Haaren, dachte ich zuerst. Aber der Grund für meine Schlaflosigkeit war ein anderer. Ich war gekränkt, dass er nicht gekommen ist. Bis zum letzten Moment habe ich gehofft, er würde sich doch noch überwinden können. Wir drei haben alle Anzeichen des Aufbruchs von uns gegeben. Ich habe mich von den anderen separiert, ich wollte einen freien Raum schaffen, Platz für diesen Mann. Ich habe in meinem Herzen Platz für ihn geschaffen. Ich habe ihm einen Blick zugeworfen, einen fragenden, einen bittenden, einen flehenden. Aber er ist nicht gekommen. Er hat mich mit all dem Platz alleine gelassen.
Ich habe nicht schlafen können und wie meistens, wenn ich nicht schlafen kann, wende ich mich an die Worte. Lieber hätte ich die Nacht mit ihm verbracht, in seinen Armen, mit seinem Mund und seinen Händen. Jetzt habe ich sie mit Worten verbracht, in innigster Umarmung, Mund an Mund. Ich habe ihn betrogen, bevor ich ihn gekannt habe. Mit derselben erotischen Energie, dieselbe Menge, dieselbe Leidenschaft. Ich habe mich so sehr, so unfassbar nach seinem Mund gesehnt und nach seinen Händen.
Ich bin die Richtige.
Ich bin die Richtige um gewollt zu werden, berührt und begrabscht,
in den Himmel gehoben und fallen gelassen.
Ich bin die Richtige um angebetet zu werden und verachtet,
angelächelt und verlacht.
Ich bin die Richtige um fokussiert zu werden und zentriert,
ignoriert, umgangen, links liegen gelassen.
Ich bin die Richtige um geliebt zu werden und gehasst,
vergöttert und mythisiert, imaginiert, halluziniert,
entzaubert und zum Teufel gejagt.
Ich bin die Richtige für Antagonismen und Parallelitäten.
Extreme und Ausschläge,
Durchschnitt und Mittelmaß,
Gemeinsamkeiten und Gegensätze,
zyklisch und linear, elaboriert und böotisch,
versteinert und erweicht, erhöht und erniedrigt,
angenommen und abgelehnt, polyphon und eintönig.
Ich bin die Richtige um aufzuleben und auszusterben.
Ich bin die Richtige für einen einzigen, ephemeren Augenblick
und für die Äonen und Ewigkeiten.
Ich bin die Richtige um filetiert zu werden,
decantiert, flambiert, souffliert,
gratiniert, kandiert, pochiert und püriert.
Ich bin die Richtige um potenziert zu werden und quadriert,
dividiert und multipliziert.
Ich bin die Richtige um dekuvriert zu werden und desavouiert,
diplomiert, diktiert und distinguiert.
Ich bin die Richtige um alphabetisiert zu werden oder legasthenisiert.
Ich bin die Richtige um verschüttet zu werden und evakuiert.
Ich bin die Richtige um taxiert zu werden,
inventarisiert, kategorisiert, katalogisiert und aussortiert.
Ich bin die Richtige um zu den Akten gelegt zu werden und zu verstauben.
Aber ich bin nicht die Richtige um einem Mann das Wollen beizubringen.
Dafür bin ich die Falsche.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 25th, 2009 unter Allzupersönliches, Confusion sexuelle, lang, Lyrik












Kommentar von Kristan Milon
Datum/Uhrzeit 27. Oktober 2009 um 22:03
Oh. Aha, okay, ach so. Das war mir am Samstag tatsächlich nicht aufgefallen. Merkwürdig eigentlich. Ich hatte nicht mit Literarisierung gerechnet. Sonst hätte ich wohl auch nur mit den Schultern gezuckt und nicht geantwortet. Für mich klang das tatsächlich wie eine Art öffentlicher Tagebucheintrag. (Ich hatte es immer so verstanden, dass Blogs eigentlich so was Ähnliches sein sollen.) Irgendwie enttäuscht mich das. Naja. (Irgendwie finde ich das auch, das sollten Sie deutlicher auseinander halten, ich meine die literarischen und die essayistischen Beiträge. An anderen Stellen sprechen doch ganz eindeutig Sie, zum Beispiel als Sie die zwanzig nominierten Buchpreisbücher besprechen. Das sind doch klar Sie, ohne Ironie, ohne literarischen Schleier. Und plötzlich soll dann so ein lyrisches Ich auftauchen? Verstehen Sie mich nicht falsch-als literarischen Text finde ich den Eintrag sehr interessant und gut, als naive Frauenfigur, deren Naivität im Verlauf der weiteren Erzählung aufgedeckt wird oder sich verändert, oder zu Problemen führt, etc.), aber in den Zusammenhang ihrer sonstigen nüchternen, klar aus ihrer individuellen Perspektive geschriebenen Beiträge verwirrt er mich. (Das ist aber natürlich Ihre Sache.)
Zuneigung I und II hatte ich übrigens auch am Samstag schon gelesen, ich finde aber, das schlägt alles in die gleiche Kerbe. Auch das kommt mir wie ein weit verbreitetes Klischee vor, diese Idee, Frauen seien schon dann selbstständig, wenn sie die Zuneigung der Männer zurückweisen können. Dass Frauen auch selber nehmen wollen, das erwähnen Sie ganz selbstverständlich nicht. Interessant finde ich auch hier Ihren Versuch, (wenn Sie schreiben »Wir entflammen nicht ganz so leicht«) sich eine passivisch gedachte Begehrensstruktur als besondere Qualität auszulegen und dies erinnert mich, ehrlich gesagt, auch wieder nur beispielsweise an den so häufig von weiblicher Seite spitz betonten Begriff »anspruchsvoll«, »wir sind halt etwas anspruchsvoller«, obwohl der Anspruch dann häufig nur darin besteht, von den Schuhen, die der Mann bezahlt, das teuerere Paar auszuwählen.
Sie schreiben »Wenn Männer ihren Part nicht lernen, bleiben sie lebenslang alleine.« Das sind doch jetzt Sie, die da spricht. Und in ihrem schönen Gedicht (vielleicht liegt die Ironie ja da auch in der weiblichen Hüftformung der Zeilen, aber wieder: ich glaube, Sie meinen das ernst) wird all das, wofür dieses lyrische Ich sich richtig fühlt, immer nur passivisch formuliert. Dazu gäbe es noch sehr viel zu sagen, aber dann wird das hier zu lang. Ich finde nur, Sie sollten mal eine Verbindung ziehen, zwischen diesen weiblichen Ansichten und dem Erfolg von Pornographie, die Sie an anderen Stellen ihres Blogs mit scheinbar so literarisch gerümpfter Nase übergehen. Wie gesagt: der Weg von diesen Ansichten bis zur Frauenverachtung ist sicherlich nicht ganz kurz, (und es ist natürlich auch kein schuldhafter Weg, es geht mir bestimmt nicht darum, den Frauen die Schuld für männliche Behandlung wieder selbst zuzuschieben), aber ich halte ihn doch für vorhanden.
(Nebenbei: wie stellen Sie sich das überhaupt konkret vor: dass ein Mann lernt, einer Frau seine Zuneigung zu zeigen? Wie geht das eigentlich vor sich?)
Nur ganz kurz: wenn Sie vom Mann einen Willen verlangen, dann ist das doch nichts als die ewige Rekonstruktion des starken Mannes, der nicht zweifeln darf. Aber die schlichte Wahrheit ist: Männer zweifeln ständig, Männer sind ständig unsicher. Doch weil sie wissen, dass die Frau dies nicht möchte (und mir klingt in diesem »doch dafür, einem Mann das Wollen beizubringen..«, so als wäre er ein Kind, als könne man den schwachen Mann dann nur noch als Kind ansehen, auch eine gewisse Häme an), tun sie ständig so, als seien sie stark. Wie ein Fels zum Beispiel. Der zweifelt ja auch nicht. Oder ein Löwe. Der weiß ja auch, dass er das Gnu will. Der Löwe ist nicht so ein unmännlicher Zögerer wie zum Beispiel der Hase. (Das meine ich gar nicht abwertend oder beleidigend, aber es ist so: Sie sind da völlig auf einer Linie mit MensHealth, die ihr Geld ja auch aus der Lücke zwischen tatsächlicher Unsicherheit und weiblich-verlangter Sicherheit verdienen).Wenn Sie in Berlin leben, dann achten Sie doch mal in der U-Bahn auf diese Halbstarken: vielleicht könnte man sagen: ihr Gesicht ist verzerrt von dem Wunsch nach Stärke, die sie zeigen wollen, und doch nicht in sich bemerken. Also was tun denn dann diese Männer? Was sollen Sie machen? Tja, sie suchen sich Kompensationen. Sie reden von den Scheißbitchs. Sie gucken sich Filme an, in denen Wollen und Kriegen plötzlich ganz nah beieinander liegen. Undsoweiter. Jetzt ist das schon wieder so lang geworden.
Übrigens: es liegt mir vollkommen fern, Sie wegen dieser vermeintlichen Kritik irgendwie unsympathisch zu finden. Ich kenne Sie ja gar nicht. Aber ich finde Ihren Blog sehr sympathisch. Für Männer ist es doch immer sympathisch, wenn Frauen sich weiblich verhalten. Wirklich, und das meine ich gar nicht zynisch, Sie werden doch nicht dadurch unsympathisch, dass Sie weibliche Rollen bekleiden. (Schließlich habe ich meinen Part schon gelernt.) Höchstens ein bißchen vorhersehbar.
Herzliche Grüße, Ihr Kristan Milon