21 Oktober 2009
Irgendeine Marlene
Dies ist die Geschichte einer Marlene. Wenn man mich fragen sollte, welche Marlene denn? würde ich antworten: irgendeine. Irgendeine Marlene. Dies ist die Geschichte irgendeiner Marlene.
Irgendeine Marlene kommt morgens in die Küche, um sich Kaffee zu kochen und ein Müsli zu machen. Sie hat schlecht geschlafen. Erst konnte sie nicht einschlafen und dann haben sie Träume gequält. Oder waren das keine Träume? Sie kann sich kaum erinnern. Was hat sie da eigentlich geträumt? Es ist zum greifen nahe und doch unbegreiflich. Sie dreht sich zum Kühlschrank und beugt sich herunter, um die Milch herauszuholen. In diesem Moment erschreckt sie sich zu Tode: Da sitzt ein Mann. Am Küchentisch sitzt ein Mann. Da sitzt ein Mann und schaut sie an. Sie will schreien, aber sie kann nicht atmen. Sie will aufstehen und wegrennen, aber sie kann sich nicht bewegen. Sie spürt wie sie das Bewusstsein verliert. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie auf dem Boden vor dem Kühlschrank. Von dem Mann ist nichts zu sehen. Irgendeine Marlene kommt aus dem Urlaub nach Hause. Sie steht mit zwei Koffern vor der der Haustüre, steckt den Schlüssel ins Schloss und stellt fest, dass er nicht passt. Sie probiert es ein zweites Mal, sie probiert auch die anderen Schlüssel. Sie sieht erstaunt, irritiert auf den Schlüsselbund in ihrer Hand und auf die Haustüre. Dann dreht sie sich um, mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Irgendeine Marlene geht eines Abends in ein Café und sieht ihren ersten Freund wieder. Damals war sie siebzehn, achtzehn vielleicht. Mehr als zehn Jahre ist das her. Sie halten beide für den kleinen Teil eines Moments inne, dann gehen sie ohne ein Wort aneinander vorüber. Irgendeine Marlene kauft Honig, Käse, ein Brot und einige Tomaten ein, hat aber an der Kasse nicht genug Geld und wird rot. Irgendeine Marlene wirft, bevor sie das Haus verlässt, noch einen Blick in den Spiegel und stellt fest, dass der Mantel nicht zum Rock passt. Sie zieht sich noch einmal um, aber nun passen die Schuhe nicht. Sie probiert es mir einer Hose und schaut erneut in den Spiegel. Und da stellt sie fest, dass es nicht an dem Rock liegt oder an der Hose. Es sind die Schuhe. Die Schuhe passen nicht. Sie passen nicht zu ihr. Dabei trägt sie sich schon Jahre, es sind ihr Lieblingsschuhe. Jetzt muss sie feststellen, dass sie nicht zu ihr passen. Mit einem Gefühl, als passen nicht nur die Schuhe nicht. Sie steht vor dem Spiegel und hat das überwältigende Gefühl, das sie selbst es ist, die nicht passt. Sie steht wie gelähmt da. Dann bricht sie in Tränen aus. Irgendeine Marlene geht spätabends ins Bett und verweint die halbe Nacht. Sie wacht am Morgen auf, fühlt sich zerschlagen, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Irgendeine Marlene geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen und ein Müsli. Sie schüttet das Müsli in eine Schale, dreht sich um, beugt sich herunter und öffnet den Kühlschrank, um die Milch herauszunehmen. Dabei geht ihr Blick über den Rand der Kühlschranktür. Und dies hier ist ihre Geschichte. Die Geschichte irgendeiner Marlene.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 21st, 2009 unter Belle-e-triste, lang











