18 Oktober 2009
Die schönsten Schriftsteller Berlins
Ich war vor einiger Zeit bei einer der zahlreichen Lesebühnen in dieser Stadt, Die Chaussee der Enthusiasten. Die schönsten Schriftsteller Berlins nennen sie sich. Es gibt noch andere, weniger schöne wahrscheinlich, die Surfpoeten, die Brauseboys, das Kantinenlesen, etc. Ich gehe vielleicht zwei Mal im Jahr zu so einer Veranstaltung. Das ist meist ausgesprochen amüsant. Auch dieses Mal habe ich vor Lachen auf dem Boden gelegen. Und da lagen noch einige andere, die zuvor gesessen hatten. Deswegen passen so viele Leute in diese Lesebühnen: weil die Veranstalter die Plätze doppelt verkaufen können.
Es waren ein paar gute Texte dabei, der von Karin Fuchs vor allem. Richtig schlechte Sachen hört man selten. Der Abend hat Anlass zur einigen Beobachtungen gegeben. Sie alle betonen, mehr oder weniger deutlich, dass sie vom Schreiben nicht leben können. Dieser ernste Horizont wird permanent aufrechterhalten und leistet der eigentlichen, gegenteiligen Absicht Vorschub: das produzieren von Lachern. Alle Autoren und Autorinnen sind auf der Suche nach Lachern, einen ernsten Text habe ich bei diesen Veranstaltungen noch nicht präsentiert bekommen. Was die Menge der Lacher angeht, sind manche Vorlesenden ihre besten Kunden. Schlüpfrigkeit wird nicht ungern gesehen, ist aber keine notwendige Voraussetzung.
Was auffällt, ist die geringe Distanz zu sich. Ein lyrisches Ich sucht man in diesen Texten vergeblich. Wenn die Lesenden „Ich” sagen, dann meinen sie das auch so. Dann meinen sie ihre eigene Person. Das ist in der normalen Welt nicht ungewöhnlich, aber in der Literatur ist das erstaunlich. Streng genommen müsste man sagen, dass dies keine fiktionale Literatur ist, sondern Dokumentation, mit einem Häubchen Exhibitionismus. Sie erzählen von sich selbst, ihren Lesereisen, ihren Einkäufen und ihren Urlauben und Toilettengängen. Sie verlustigen ihre immer als ernst postulierte Existenz.
Es sind Texte, die in einer großen, die große Tradition der Narration stehen, der Oralität. Homer war vermutlich einer der ersten, der angefangen hatte die Heldentaten anderer aufzuschreiben; oder der, den wir als Homer bezeichnen. Die Geschichte der Schrift ist lang und noch die Literatur des Mittelalters basierte zu Teilen auf mündlicher Überlieferung. Tristan und Isolde, der Mythos von König Artus und seiner Tafelrunde, der Parzival: das sind Zeugnisse der Verschriftlichung oraler Traditionen. Ich bin auch einmal zu einem Poetryslam gegangen. Die Slammer sind noch einmal eine andere Hausnummer, das sind die Virtuosen unter den Vortragenden. Die veranstalten ordentliche Wettbewerbe. Jeder gegen jeden und alle zusammen für eine andere Art von Literatur: quick and dirty.
Die Kunst des mündlichen Vortrags wird jedenfalls hier wie dort kultiviert. Anders als bei skripturalen Texte, wird der Zuhörer direkt angesprochen (da gibt es natürlich Ausnahmen) und, zumindest durch sein Lachen, einbezogen in das beschriebene oder besprochene Geschehen. Deswegen kommen diese Texte nicht im Büßergewand daher: durch das Lachen werden die Zuhörer in das Geschehen involviert. Das hat die orale Literatur der skripturalen voraus: jenes Wissen, dass das Vorgetragene ein Geschehen ist. Das geht leicht verloren, die man Zeile für Zeile und Seite für Seite liest und sich die eigene Beteiligung lediglich aufs Umblättern beschränkt.
Die Gros der Lesenden ist zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig. Sie kultivieren in ihren Texten, und das finde ich erstaunlich, zu einem erheblichen Teil die DDR. Das Publikum kann damit etwa zur Hälfte etwas anfangen, weil sie ähnlich alt sind und die Verhältnisse im Sozialismus miterlebt haben. Die andere Hälfte, Anfang bis Mitte zwanzig, muss aus anderen Gründen hingehen. Oder vielleicht hat diese Kultivierung einer untergegangenen Vergangenheit, die so genannte Ostalgie, auch noch etwas anderes zu bieten. Zwanzig Jahre nach Mauerfall sind diese Lesebühnen einer der wenigen Orte, an dem man diesen Gegensatz von Ost und West noch greifen kann. Vielleicht gehen deswegen so viele junge Leute zu diesen Veranstaltungen: das ist eine Marketingstrategie. So sehr ich das Lachen an solchen Abenden genieße: diese Haltung, wenn sie eine sein sollte, empfinde ich als vulgär. Und Vulgarität stößt mich ab.
Auch wenn sie teilweise doppelt so alt sind wie ich: die Jungs da oben auf der Bühne sind nicht meine Konfektionsgröße.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 18th, 2009 unter Paralipomena, voluminös











