16 Oktober 2009
Das Handwerk des Dichters
“Das Handwerk des Dichters” So lautet der Titel der sechs Poetik Verlesungen von Jorge Louis Borges, erschienen im Hanser Verlag. Poetik ist die Theorie der Poesie, eine Theorie der Dichtung. Ich bin nach der Lektüre ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir durchaus keine Anweisung zum verfassen guter Texte erwartet. Im Gegenteil, ich würde diese creative writing Sachen nicht lesen wollen. Da wird einem vermutlich erklärt, wie man es richtig macht und der wichtigste Teil wird weggelassen, nämlich wie man es falsch macht. Aber nur, indem man lernt wie man es falsch macht, lernt man es richtig. Man kann nämlich nicht lernen, es richtig zu machen. Man kann nur das Gegenteil lernen. Man muss lernen wie man‘s falsch macht, damit man‘s dann richtig macht.
Ich bin etwas enttäuscht, weil Borges nicht wirklich Einblick in sein Handwerk gibt. Zum Zeitpunkt des Vortrages war er schon lange blind. Er hat diese sechs Vorträge wohl hauptsächlich assoziierend aus dem Gedächtnis gemeistert. Und diese assoziative Vortragsweise spürt man. Auch wenn der Zauber der mündlichen Rede in der Mitschrift nicht so deutlich ist. Der Vortrag ist wie er ist, nicht weil Borges sich nicht in die Karten schauen lassen will, sondern weil er ein Poet ist und kein Dozent für Poetik. Das Buch hier zu rezensieren, diesen Plan habe ich fallen lassen.
Aber dem, zur Zeit der Vorlesung schon recht betagten Poeten gelingen auch hier ganz wunderbare Formulierungen. Zum Beispiel diese über das Lesen und Schreiben, die mit einer sehr treffenden Einsicht endet: „Ich betrachte mich vor allem als Leser. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Schreiben gewagt; aber ich glaube, das, was ich gelesen habe, ist viel wichtiger als das, was ich geschrieben habe. Denn man liest das, was man mag – aber man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist.”
Hätte Borges gesagt `wir schreiben, was wir schreiben müssen´, dann wäre das nicht mehr und nicht weniger gewesen als hätte er gesagt, wir springen, weil wir springen müssen. Dann spring doch!, hätte sich der Leser gedacht und das Buch schneller zugeschlagen als Borges unten auf dem Pflaster aufgeschlagen wäre. Wir müssen nämlich nicht schreiben. Das ist keine Zwangshandlung. So eine Äußerung wäre eine Eselei gewesen. Um eine winzige Nuance davon entfernt, liegt eine enorme Klugheit, das Ergebnis vieler Lese- und Schreiberlebnisse: wir schreiben, was wir zu schreiben fähig sind. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht mehr und nicht weniger, sondern genau das!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Oktober 16th, 2009 unter lang, Lessons & Lectures











