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  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
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  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • Archiv vom Oktober, 2009

    30 Oktober 2009

    Notat eines Verlierers

    „Möglicherweise haben wir Verlierer nicht in allem recht, doch davon geht die Welt nicht unter. Das tut sie nur, wenn die Gewinner nicht in allem recht haben.”

    Wolfgang Hildesheimer, Notat eines Verlierers

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Oktober 2009

    In jemandes Armen liegen

    Die meisten Frauen die in den Armen eines Mannes liegen, liegen dabei nicht: sie sitzen oder stehen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Oktober 2009

    Ich bin die Richtige

    Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, wegen dieses Mannes. Wegen Hemd und Haaren, dachte ich zuerst. Aber der Grund für meine Schlaflosigkeit war ein anderer. Ich war gekränkt, dass er nicht gekommen ist. Bis zum letzten Moment habe ich gehofft, er würde sich doch noch überwinden können. Wir drei haben alle Anzeichen des Aufbruchs von uns gegeben. Ich habe mich von den anderen separiert, ich wollte einen freien Raum schaffen, Platz für diesen Mann. Ich habe in meinem Herzen Platz für ihn geschaffen. Ich habe ihm einen Blick zugeworfen, einen fragenden, einen bittenden, einen flehenden. Aber er ist nicht gekommen. Er hat mich mit all dem Platz alleine gelassen.

    Ich habe nicht schlafen können und wie meistens, wenn ich nicht schlafen kann, wende ich mich an die Worte. Lieber hätte ich die Nacht mit ihm verbracht, in seinen Armen, mit seinem Mund und seinen Händen. Jetzt habe ich sie mit Worten verbracht, in innigster Umarmung, Mund an Mund. Ich habe ihn betrogen, bevor ich ihn gekannt habe. Mit derselben erotischen Energie, dieselbe Menge, dieselbe Leidenschaft. Ich habe mich so sehr, so unfassbar nach seinem Mund gesehnt und nach seinen Händen.

    Ich bin die Richtige.
    Ich bin die Richtige um gewollt zu werden, berührt und begrabscht,
    in den Himmel gehoben und fallen gelassen.
    Ich bin die Richtige um angebetet zu werden und verachtet,
    angelächelt und verlacht.
    Ich bin die Richtige um fokussiert zu werden und zentriert,
    ignoriert, umgangen, links liegen gelassen.
    Ich bin die Richtige um geliebt zu werden und gehasst,
    vergöttert und mythisiert, imaginiert, halluziniert,
    entzaubert und zum Teufel gejagt.
    Ich bin die Richtige für Antagonismen und Parallelitäten.
    Extreme und Ausschläge,
    Durchschnitt und Mittelmaß,
    Gemeinsamkeiten und Gegensätze,
    zyklisch und linear, elaboriert und böotisch,
    versteinert und erweicht, erhöht und erniedrigt,
    angenommen und abgelehnt, polyphon und eintönig.
    Ich bin die Richtige um aufzuleben und auszusterben.
    Ich bin die Richtige für einen einzigen, ephemeren Augenblick
    und für die Äonen und Ewigkeiten.
    Ich bin die Richtige um filetiert zu werden,
    decantiert, flambiert, souffliert,
    gratiniert, kandiert, pochiert und püriert.
    Ich bin die Richtige um potenziert zu werden und quadriert,
    dividiert und multipliziert.
    Ich bin die Richtige um dekuvriert zu werden und desavouiert,
    diplomiert, diktiert und distinguiert.
    Ich bin die Richtige um alphabetisiert zu werden oder legasthenisiert.
    Ich bin die Richtige um verschüttet zu werden und evakuiert.
    Ich bin die Richtige um taxiert zu werden,
    inventarisiert, kategorisiert, katalogisiert und aussortiert.
    Ich bin die Richtige um zu den Akten gelegt zu werden und zu verstauben.
    Aber ich bin nicht die Richtige um einem Mann das Wollen beizubringen.
    Dafür bin ich die Falsche.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Oktober 2009

    Vom ersten Moment an

    Wenn einem Mann das Hemd locker auf der Brust sitzt und er die Haare strubbelig hat, so dass sie nach allen Seiten vom Kopf abstehen: das kann mich total anmachen! Die meisten Männer können machen was sie wollen, das Hemd sitzt nicht wie es müsste. Es sitzt nicht, es liegt vielmehr oder es hängt. Es liegt auf den Schultern oder es hängt einfach von da herunter. Aber manchmal ist es genau richtig. Bei manchen Männern ist vom ersten Moment an alles genau richtig.

    So einen Mann habe ich gestern Abend beinahe kennen gelernt. Ich war mit zwei Freundinnen in einer Bar in Kreuzberg. Obwohl Bar nicht mein Favorit ist. Ich gehe, wenn ich ausgehe, lieber tanzen. Aber die beiden anderen hatten sich bereits viele Jahre zuvor vorgenommen, nicht tanzen zu können. Und diesen Vorsatz haben sie bis heute beibehalten. Deswegen sind wir in eine Bar gegangen. Wir haben am Tresen gesessen. Und er hat die ganze Zeit zu mir herübergeguckt. Irgendwann ist das penetrant geworden. Die einzige Möglichkeit, diese Penetranz zu unterbinden, wäre mich anzusprechen. Ich habe ihn aufmunternd angeschaut. Aber er ist bei seinen Freunden stehen geblieben. Das waren drei Schritte zu mir. Die drei kürzesten Schritte von der Welt.

    Warum kommt er nicht? Das habe ich mich gefragt. Vielleicht hat er eine Freundin und will sie nicht betrügen. Aber wer so guckt, der betrügt schon. So sehr würde er sie nicht betrügen, wenn wir beide die Nacht miteinander verbrächten. Kann die Hemmschwelle denn so hoch sein? Ich schaue doch auch. Er muss doch spüren wie sehr ich will, dass er mich anspricht. Ich will seine Stimme hören. Ich will wissen was er sagt, wobei es mir egal ist, was er tatsächlich sagt. Ich will wissen, wie er es sagt. Ich will ihm auf den Mund schauen, ich will Verlegenheit spüren, Unsicherheit. Und natürlich Begehren.

    Er muss doch wissen, dass er auf offene Türen stößt. Diese Schwelle ist offensichtlich sehr niedrig. Oder ist es gerade das? Sie ist ihm zu niedrig. Er mag mehr die Hürdenläufe und den Hochsprung. Ich müsste mich sträuben, Widerstand zeigen und nicht diese offensichtliche Bereitschaft mich begatten zu lassen. Wäre das für ihn nicht eine gute Gelegenheit, eine weitere Kerbe in seinen Bettpfosten einzuschlagen? Einen weiteren Eintrag in seinen Palmarès. Oder hat er nur Lust auf Sex und Liebe, wenn er erobern, wenn er die Konkurrenten wegbeißen muss? Hat sein Verhalten vielleicht etwas mit meiner Begleitung zu tun? Oder mit seiner? Viele Fragen. Und keine Antwort. Vielmehr nur eine einzige: Der hatte das Hemd und die Haare genauso wie ich das brauche.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 Oktober 2009

    Irgendeine Marlene

    Dies ist die Geschichte einer Marlene. Wenn man mich fragen sollte, welche Marlene denn? würde ich antworten: irgendeine. Irgendeine Marlene. Dies ist die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Irgendeine Marlene kommt morgens in die Küche, um sich Kaffee zu kochen und ein Müsli zu machen. Sie hat schlecht geschlafen. Erst konnte sie nicht einschlafen und dann haben sie Träume gequält. Oder waren das keine Träume? Sie kann sich kaum erinnern. Was hat sie da eigentlich geträumt? Es ist zum greifen nahe und doch unbegreiflich. Sie dreht sich zum Kühlschrank und beugt sich herunter, um die Milch herauszuholen. In diesem Moment erschreckt sie sich zu Tode: Da sitzt ein Mann. Am Küchentisch sitzt ein Mann. Da sitzt ein Mann und schaut sie an. Sie will schreien, aber sie kann nicht atmen. Sie will aufstehen und wegrennen, aber sie kann sich nicht bewegen. Sie spürt wie sie das Bewusstsein verliert. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie auf dem Boden vor dem Kühlschrank. Von dem Mann ist nichts zu sehen. Irgendeine Marlene kommt aus dem Urlaub nach Hause. Sie steht mit zwei Koffern vor der der Haustüre, steckt den Schlüssel ins Schloss und stellt fest, dass er nicht passt. Sie probiert es ein zweites Mal, sie probiert auch die anderen Schlüssel. Sie sieht erstaunt, irritiert auf den Schlüsselbund in ihrer Hand und auf die Haustüre. Dann dreht sie sich um, mit einem fragenden Gesichtsausdruck. Irgendeine Marlene geht eines Abends in ein Café und sieht ihren ersten Freund wieder. Damals war sie siebzehn, achtzehn vielleicht. Mehr als zehn Jahre ist das her. Sie halten beide für den kleinen Teil eines Moments inne, dann gehen sie ohne ein Wort aneinander vorüber. Irgendeine Marlene kauft Honig, Käse, ein Brot und einige Tomaten ein, hat aber an der Kasse nicht genug Geld und wird rot. Irgendeine Marlene wirft, bevor sie das Haus verlässt, noch einen Blick in den Spiegel und stellt fest, dass der Mantel nicht zum Rock passt. Sie zieht sich noch einmal um, aber nun passen die Schuhe nicht. Sie probiert es mir einer Hose und schaut erneut in den Spiegel. Und da stellt sie fest, dass es nicht an dem Rock liegt oder an der Hose. Es sind die Schuhe. Die Schuhe passen nicht. Sie passen nicht zu ihr. Dabei trägt sie sich schon Jahre, es sind ihr Lieblingsschuhe. Jetzt muss sie feststellen, dass sie nicht zu ihr passen. Mit einem Gefühl, als passen nicht nur die Schuhe nicht. Sie steht vor dem Spiegel und hat das überwältigende Gefühl, das sie selbst es ist, die nicht passt. Sie steht wie gelähmt da. Dann bricht sie in Tränen aus. Irgendeine Marlene geht spätabends ins Bett und verweint die halbe Nacht. Sie wacht am Morgen auf, fühlt sich zerschlagen, kann sich aber nicht an den Traum erinnern. Irgendeine Marlene geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen und ein Müsli. Sie schüttet das Müsli in eine Schale, dreht sich um, beugt sich herunter und öffnet den Kühlschrank, um die Milch herauszunehmen. Dabei geht ihr Blick über den Rand der Kühlschranktür. Und dies hier ist ihre Geschichte. Die Geschichte irgendeiner Marlene.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Oktober 2009

    Erzählen

    Das ist es, was ich will: erzählen. Und ich will mir auch etwas erzählen lassen. Hier ist ein wunderschönes Beispiel, dass man dies nicht nur mit Worten tun kann, sondern auch mit ein bisschen Musik, einem beleuchteten Bildschirm und etwas Sand. Offenbar handelt es sich um die Gewinnerin eines ukrainischen Talentwettbewerbs.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Oktober 2009

    Die schönsten Schriftsteller Berlins

    Ich war vor einiger Zeit bei einer der zahlreichen Lesebühnen in dieser Stadt, Die Chaussee der Enthusiasten. Die schönsten Schriftsteller Berlins nennen sie sich. Es gibt noch andere, weniger schöne wahrscheinlich, die Surfpoeten, die Brauseboys, das Kantinenlesen, etc. Ich gehe vielleicht zwei Mal im Jahr zu so einer Veranstaltung. Das ist meist ausgesprochen amüsant. Auch dieses Mal habe ich vor Lachen auf dem Boden gelegen. Und da lagen noch einige andere, die zuvor gesessen hatten. Deswegen passen so viele Leute in diese Lesebühnen: weil die Veranstalter die Plätze doppelt verkaufen können.

    Es waren ein paar gute Texte dabei, der von Karin Fuchs vor allem. Richtig schlechte Sachen hört man selten. Der Abend hat Anlass zur einigen Beobachtungen gegeben. Sie alle betonen, mehr oder weniger deutlich, dass sie vom Schreiben nicht leben können. Dieser ernste Horizont wird permanent aufrechterhalten und leistet der eigentlichen, gegenteiligen Absicht Vorschub: das produzieren von Lachern. Alle Autoren und Autorinnen sind auf der Suche nach Lachern, einen ernsten Text habe ich bei diesen Veranstaltungen noch nicht präsentiert bekommen. Was die Menge der Lacher angeht, sind manche Vorlesenden ihre besten Kunden. Schlüpfrigkeit wird nicht ungern gesehen, ist aber keine notwendige Voraussetzung.

    Was auffällt, ist die geringe Distanz zu sich. Ein lyrisches Ich sucht man in diesen Texten vergeblich. Wenn die Lesenden „Ich” sagen, dann meinen sie das auch so. Dann meinen sie ihre eigene Person. Das ist in der normalen Welt nicht ungewöhnlich, aber in der Literatur ist das erstaunlich. Streng genommen müsste man sagen, dass dies keine fiktionale Literatur ist, sondern Dokumentation, mit einem Häubchen Exhibitionismus. Sie erzählen von sich selbst, ihren Lesereisen, ihren Einkäufen und ihren Urlauben und Toilettengängen. Sie verlustigen ihre immer als ernst postulierte Existenz.

    Es sind Texte, die in einer großen, die große Tradition der Narration stehen, der Oralität. Homer war vermutlich einer der ersten, der angefangen hatte die Heldentaten anderer aufzuschreiben; oder der, den wir als Homer bezeichnen. Die Geschichte der Schrift ist lang und noch die Literatur des Mittelalters basierte zu Teilen auf mündlicher Überlieferung. Tristan und Isolde, der Mythos von König Artus und seiner Tafelrunde, der Parzival: das sind Zeugnisse der Verschriftlichung oraler Traditionen. Ich bin auch einmal zu einem Poetryslam gegangen. Die Slammer sind noch einmal eine andere Hausnummer, das sind die Virtuosen unter den Vortragenden. Die veranstalten ordentliche Wettbewerbe. Jeder gegen jeden und alle zusammen für eine andere Art von Literatur: quick and dirty.

    Die Kunst des mündlichen Vortrags wird jedenfalls hier wie dort kultiviert. Anders als bei skripturalen Texte, wird der Zuhörer direkt angesprochen (da gibt es natürlich Ausnahmen) und, zumindest durch sein Lachen, einbezogen in das beschriebene oder besprochene Geschehen. Deswegen kommen diese Texte nicht im Büßergewand daher: durch das Lachen werden die Zuhörer in das Geschehen involviert. Das hat die orale Literatur der skripturalen voraus: jenes Wissen, dass das Vorgetragene ein Geschehen ist. Das geht leicht verloren, die man Zeile für Zeile und Seite für Seite liest und sich die eigene Beteiligung lediglich aufs Umblättern beschränkt.

    Die Gros der Lesenden ist zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig. Sie kultivieren in ihren Texten, und das finde ich erstaunlich, zu einem erheblichen Teil die DDR. Das Publikum kann damit etwa zur Hälfte etwas anfangen, weil sie ähnlich alt sind und die Verhältnisse im Sozialismus miterlebt haben. Die andere Hälfte, Anfang bis Mitte zwanzig, muss aus anderen Gründen hingehen. Oder vielleicht hat diese Kultivierung einer untergegangenen Vergangenheit, die so genannte Ostalgie, auch noch etwas anderes zu bieten. Zwanzig Jahre nach Mauerfall sind diese Lesebühnen einer der wenigen Orte, an dem man diesen Gegensatz von Ost und West noch greifen kann. Vielleicht gehen deswegen so viele junge Leute zu diesen Veranstaltungen: das ist eine Marketingstrategie. So sehr ich das Lachen an solchen Abenden genieße: diese Haltung, wenn sie eine sein sollte, empfinde ich als vulgär. Und Vulgarität stößt mich ab.

    Auch wenn sie teilweise doppelt so alt sind wie ich: die Jungs da oben auf der Bühne sind nicht meine Konfektionsgröße.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
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    16 Oktober 2009

    Das Handwerk des Dichters

    “Das Handwerk des Dichters” So lautet der Titel der sechs Poetik Verlesungen von Jorge Louis Borges, erschienen im Hanser Verlag. Poetik ist die Theorie der Poesie, eine Theorie der Dichtung. Ich bin nach der Lektüre ein wenig enttäuscht. Ich hatte mir durchaus keine Anweisung zum verfassen guter Texte erwartet. Im Gegenteil, ich würde diese creative writing Sachen nicht lesen wollen. Da wird einem vermutlich erklärt, wie man es richtig macht und der wichtigste Teil wird weggelassen, nämlich wie man es falsch macht. Aber nur, indem man lernt wie man es falsch macht, lernt man es richtig. Man kann nämlich nicht lernen, es richtig zu machen. Man kann nur das Gegenteil lernen. Man muss lernen wie man‘s falsch macht, damit man‘s dann richtig macht.

    Ich bin etwas enttäuscht, weil Borges nicht wirklich Einblick in sein Handwerk gibt. Zum Zeitpunkt des Vortrages war er schon lange blind. Er hat diese sechs Vorträge wohl hauptsächlich assoziierend aus dem Gedächtnis gemeistert. Und diese assoziative Vortragsweise spürt man. Auch wenn der Zauber der mündlichen Rede in der Mitschrift nicht so deutlich ist. Der Vortrag ist wie er ist, nicht weil Borges sich nicht in die Karten schauen lassen will, sondern weil er ein Poet ist und kein Dozent für Poetik. Das Buch hier zu rezensieren, diesen Plan habe ich fallen lassen.

    Aber dem, zur Zeit der Vorlesung schon recht betagten Poeten gelingen auch hier ganz wunderbare Formulierungen. Zum Beispiel diese über das Lesen und Schreiben, die mit einer sehr treffenden Einsicht endet: „Ich betrachte mich vor allem als Leser. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Schreiben gewagt; aber ich glaube, das, was ich gelesen habe, ist viel wichtiger als das, was ich geschrieben habe. Denn man liest das, was man mag – aber man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist.”

    Hätte Borges gesagt `wir schreiben, was wir schreiben müssen´, dann wäre das nicht mehr und nicht weniger gewesen als hätte er gesagt, wir springen, weil wir springen müssen. Dann spring doch!, hätte sich der Leser gedacht und das Buch schneller zugeschlagen als Borges unten auf dem Pflaster aufgeschlagen wäre. Wir müssen nämlich nicht schreiben. Das ist keine Zwangshandlung. So eine Äußerung wäre eine Eselei gewesen. Um eine winzige Nuance davon entfernt, liegt eine enorme Klugheit, das Ergebnis vieler Lese- und Schreiberlebnisse: wir schreiben, was wir zu schreiben fähig sind. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht mehr und nicht weniger, sondern genau das!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    14 Oktober 2009

    Liebe deinen Körper!

    So titelt heute die Mädchenmannschaft. Eine schöne Idee! Und noch schöner finde ich das Ergebnis. Vierzig Kommentare, bis jetzt und bestimmt werden es noch mehr. Da kann man mal sehen, was Frauen so alles an sich lieben.

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    14 Oktober 2009

    Zuneigung II

    Noch ein Wort zu gestern Nachmittag: Ich will nicht, dass mich ein Mann fragt, ob ich Lust habe. Egal wie er diese Frage stellt, mit seinen Worten oder seinen Blicken. Die Frage ist vollkommen deplatziert. Auf eine solche Frage kann ich keine Antwort geben. Und müsste ich eine geben, würde sie ganz sicher „Nein” lauten. Ich will nicht, dass mich ein Mann fragt, ob ich Lust auf Sex habe. Er muss dafür sorgen, dass ich sie bekomme. Er muss das machen.

    Das ist natürlich schwer, wenn ich ihn nicht lasse. Wenn ich ihn nicht machen lasse. Aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt. Ich habe ihn nicht gelassen, weil er es nicht gemacht hat.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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