Archiv vom September, 2009
09 September 2009
Leben oder Lamentieren. Oder: Last und Laster
Vor ein paar Tagen, auf dem Weg ins Institut, habe ich ein Gespräch zwischen zwei Männern mitgehört, die sich unisono über ihre enorme Steuerlast beklagten. Das klang beängstigend, wie Atlas mussten die beiden die ganze Welt auf ihren Schultern tragen. Zumindest die ganze deutsche Welt. Und nicht nur, wie der gewöhnliche Steuerzahler, die eigene Welt.
Ich habe gelesen, ich weiß nicht mehr wo, dass man, wenn man tot ist, sich nichts sehnlicher wünscht als Steuern zahlen zu können. Sich für die Dauer seines Totseins – und das ist lang, geradezu unübersichtlich lang – wünschen müssen, Steuern zu zahlen, finde ich eine angemessene Strafe. Statt sich zu freuen, dass man am Leben ist, beklagt man sich über dessen Last. Als gäbe es ein lastenfreies Leben. Vollkommen unbeschwert lebt sich‘s so dahin. Die beiden Männer haben offenbar vergessen, dass bei der beklagten Last auch ihre Einkünfte entsprechend formidabel sein müssen. Beide trugen die Devotionalien eines wohl situierten Lebenswandels, Schweizer Armbanduhren, rahmengenähte Schuhe und Lederaktentaschen, die ohne weiteres das Monatsgehalt eines Durchschnittsverdieners gekostet haben. Ich habe nichts dagegen, wenn einer eine Rolex trägt. Ich hab nur was dagegen, wenn er mir weismachen will, er hätte sie aus dem Kaugummiautomaten gezogen. Die Strafe für die Delinquenten, die lamentiert haben, lautet: in alle Ewigkeit ertragen zu müssen, dass sie nicht gelebt haben. Leben oder Lamentieren, beides gleichzeitig geht nun einmal nicht. Aber lamentieren ist sicher manchmal einfacher.
Vielleicht hatten die beiden Angst. Nicht davor, dass der Fiskus die Rolex kassiert, sondern eine allgemeine Angst. Angst vielleicht vor der Zunahme der Last und des Drucks, vor jeder weiteren Akzeleration. Nicht nur vor der eigenen Last und der eigenen Bürde, sondern vor der Last im Allgemeinen. Und noch mehr Angst, die ganz große Angst, die vor der ins Unendliche gesteigerten Last, die Angst vor dem Laster. Weil sie womöglich glauben, dass dann das Maß des Erträglichen überschritten ist. Aber da täuschen sie sich: Ein Laster kann einem, anders als die Last, die alles bloß erschwert, manches erleichtern.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 19:03 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
07 September 2009
Triebtäter
Man mag, was ich gestern geschrieben habe, für überzogen halten. Oder für provokant. Zumindest für sehr prononciert. Damit meine ich nicht meine Behauptung, dass ein Staat nicht töten darf, sondern dass er der Anerkennung der von ihm Arretierten bedarf. Ich bin, im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit an Identität und Identitätsbildung immer auf der Suche nach Material. Das muss nicht richtig sein, was ich da formuliere, dies ist hier ja keine akademische Arbeit. Ich probiere lediglich herum. Der gestrige Text ist mir dann auch etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich war nicht sehr glücklich mit dem Verlauf, auch wenn es ein Lob von Sabine gegeben hat (hier ist sie mit ihrem eigenen Projekt: myalldayart). Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes sagen. Dann habe bemerkt, dass ich nicht dazu komme. Das immer, wenn ich in die beabsichtigte Richtung marschiere, sich etwas anderes dazwischen schiebt. Ich habe mich zu Anfang gegen die Richtungsänderung gesträubt. Wie ein Esel. Wer das schon einmal gesehen hat, der weiß, was ich meine: Wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht. Wenn der den nächsten Schritt nicht gehen will, dann geht er ihn auch nicht. Der ist immun, gegen Argumente und Prügel gleichermaßen. Selbst wenn sein Besitzer ihn halb tot schlägt, der Esel bleibt einfach auf der Stelle stehen. Irgendwann habe ich dann nachgegeben. Aber nicht, weil mir einer mit Prügel oder Argumenten gedroht hat.
Das kann sehr interessant sein, wenn man einem Text nicht die eigenen Absichten aufzwingt, ihn nicht domestiziert, sondern seiner Wege gehen lässt. Wenn man ihn seiner Wege ziehen lässt, selbst dann, wenn das bedeutet, dass er sich nicht einmal umdreht und einfach fort geht. Solche Abschiede muss man lernen. Weil das wichtiger ist, als die anfängliche Absicht zu verfolgen, einen guten Text zu schreiben. Einen Text, der vor allen Anfechtungen und vor allem Kummer sicher ist.
Was ich eigentlich sagen, was ich schön herleiten wollte und was jetzt nicht mehr herleitbar ist, weil die gestrige Inspiration weg ist, das war etwas zu Tätern, Intensivtätern und Triebtätern. Und dann wollte ich mit ausgesprochen elegantem Schwung eine Kurve beschreiben, die auf die gestrigen Eingangsformulierungen von Gerade und Kreis rekurriert, die dann etwas zur Kunst einflechtet, zur libidinösen Fundierung der Kunstschaffenden, zu Nähe von Trieb und Tat, Genuss und Gefahr, und die dann wunderbar endet mit einer Formulierung, die in meiner Inspiration den Ausgangspunkt bildete, und die solchermaßen geometrisch nachgezeichnet hätte, was formulierungstechnisch vorausgegangen war; eine Formulierung die da lautete: Unter den Verbrechern dieser Welt gehöre ich zur gefährlichsten Kategorie: den Triebtätern.
Aber wie gesagt: das geht jetzt nicht mehr. Verdammter Mist!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Worte, nichts als Worte | Eintrag von Aléa Torik | um 23:47 eingtragen | Kommentare: 6 | Kommentieren












