26 September 2009
Am Rand der Worte
Ich habe in dem Beitrag zu Tolstoi die Formulierung gebraucht, dass, als mir mein Vater vorlas und ich den Worten folgte, sich meine Imagination am Rande seiner Worte bewegte. Das war nur so dahin gesagt. Ich bin eine große Anhängerin vom Dahinsagen. Schreiben und Denken haben nicht viel miteinander gemein. Das eine ist sinniger, das andere sinnlicher Natur. Wenn ich überlege, was ich schreiben will, dann denke ich bereits: und das ist es, was dem Schreiben im Weg steht. Bei mir ist das jedenfalls so. Drauflos Formulieren ist das einzige Mittel gegen Formulierungsschwierigkeiten. Denken kann ich später immer noch. Erst einmal sehen, wohin mich das Formulieren führt. Auch wenn ich dann irgendwo lande, wo ich nicht hin wollte, auf der Müllkippe, statt im Paradies. Dann muss ich davon ausgehen, dass der Wunsch nach dem Paradies nur ein vorgeschobener war und den ei-gentlichen Wunsch verdeckt hat. Außerdem ist die Müllkippe für Schriftsteller und Schriftstellerinnen der vielversprechendere Platz. Wenn kein Mangel mehr herrscht, wenn alles da ist und auch da ist wo es hingehört, dann kann ich mit dem Suchen und dem Formulieren aufhören.
Mit dem Rand der Worte meine ich nicht den ersten und den letzten Buchstaben. Das wäre der materielle Rand. Ich spreche vom metaphorischen Rand. Inmitten eines Wortes ist dieses mit sich identisch. Mit der Mitte meine ich seine lexikalische Ebene: Es ist dieses eine Wort und nichts sonst. Und mit Worten ist das so wie mit allem anderen auch: Etwas ist es selbst, weil es nichts anderes ist. Dieses andere aber zeigt sich an den Rändern: Dort, wo ein Wort auf andere Worte verweist. Worte, die an seinem Horizont erscheinen. An seinen Rändern ist ein Wort sehr viel mehr als nur es selbst: es ist der Verweis auf andere. Es ist ein Verweis darauf, wie es weitergeht. Und Weitergehen ist die Grundstruktur alles Narrativen.
Mit dem sich am Horizont andeutenden Wort: damit meine ich nicht das nächste Wort in der Reihe des Satzes. Sondern einfach ein anderes Wort. Irgendeines! Das muss nicht unbedingt das Wort sein, das der Autor des jeweiligen Texts dorthin gesetzt hat. Es kann auch jedes andere sein. Die Imagination klebt nicht an den Worten: sie löst sich vielmehr von ihnen, und das bereits bei der allerersten Gelegenheit. Die Imagination geht ihre eigenen Wege. Sie ist amoralisch und hat nicht viel übrig für die biedere Buchstabentreue.
Worte sind seltsame Gebilde, die sich sowohl durch ihre Genauigkeit auszeichnen, denn alle denken bei einem Wort an dasselbe – sonst ließe es sich nicht in einem Lexikon abbilden und nicht übersetzen – und zur gleichen Zeit durch ihre Ungenauigkeit, alle denken, bei demselben Wort an etwas anderes. Wir denken darüber hinaus. Nehmen wir das Wort Liebe. Wir denken alle an dasselbe. Und doch denkt jeder etwas anderes, was über den bloß lexikalischen Corpus hinausgeht. Frauen denken partiell anderes als Männer, Enttäuschte anderes als Verliebte und ein jeder hat seine eigenen Erinnerungen, die sich in das vage und unbestimmte Gefühl von Liebe hineinmischen.
Kunst des Autors ist es nun, den Leser an so kurzer Leine zu halten wie nötig und an so langer wie möglich. Der Autor muss dafür sorgen, dass sein Leser an den wesentlichen Abzweigungen mit abbiegt und gleichzeitig muss er ihn seine eigenen Wege gehen lassen. Der Leser muss dem Autor vertrauen, dass er deutlich macht, wenn rechts abgebogen wird. Und der Autor muss seinem Leser vertrauen, dass der nicht die ganze Zeit dämlich hinterhertrottet, sondern seine eigenen Wege geht und dennoch mitbekommt, wo rechts abgebogen wird. Wenn ein Schriftsteller das kann, dann ist er gut. Nur schlechte Autoren wollen, dass die Leser ihnen permanent folgen. Schlechte Autoren, einsame Autoren und solche, die Angst vor der Untreue ihrer Leser haben. Und die vergessen, dass Treue sich nicht aufgrund fehlender Gelegenheiten zur Untreue manifestiert, sondern erst durch diese Gelegenheiten.
Während mein Vater Anna Karenina las, ist meine Phantasie ihre eigenen Wege gegangen. Ich habe mich am Rand seiner Worte bewegt, balancierend zwischen Treue und Untreue, zwischen der Fantasie des Autors und meiner eigenen, zwischen Genauigkeit und Ungenauigkeit. Ich habe in jenem Sommer im Garten, mit den Grillen und den Hummeln im Ohr, auf der Bank liegend die Worte meines Vaters gehört, aber in diese Worte haben sich auch jene gemischt, die ich im darauffolgenden Winter hörte, als ich auf derselben Bank saß, die dann in der Küche stand, wo der Kanonenofen in der Ecke bullerte, die Holzscheite knackten und die Worte meines Vaters von Madame Bovary erzählten.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: September 26th, 2009 unter Paralipomena, voluminös











