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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
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  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
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  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 11 September 2009

    Literatur und Leichtathletik

    Die Longfishlist (siehe meine Eintragung vom 20. Mai 2009, Der Wels im Schollenpelz) des Deutschen Buchpreises 2009 ist seit einigen Tagen da. Leseproben gibt es online, mit bibliografischen Angaben, aber auch als Taschenbuch in den Buchhandlungen, mit zusätzlichen Beiträgen, Verlagsinformationen zu den Autorinnen und deren Portraits. In diesem Jahr haben sich einige kleine Verlage zu einer Gegendemonstration zusammengefunden, zu einer hotlist, der möglichst viel Aufmerksamkeit zu wünschen ist.

    Ich wollte die Textausschnitte der zwanzig Nominierten besprechen, aber das Unterfangen stand unter keinem guten Stern: es gibt sicher sehr viele, mindestens ebenso interessante Bücher, wie jene, die es, ich weiß nicht auf welche Weise, auf die Liste geschafft haben. Ebenso wenig wird wohl über die Kriterien der weiteren Dezimierung auf sechs Titel, die shortfishlist, zu erfahren sein und auch nichts über die Einigung auf einen Titel, auf der Frankfurter Fischmesse vom 14. bis zum 18. Oktober 2009. Die, allerdings nicht nur auf dem Fischmarkt zu beobachtende zunehmende Siegerfixierung ist mir sowieso ein Gräuel. Literatur und Leichtathletik haben offenbar viel miteinander gemein. Die Behauptung, aufgestellt von Wolfgang Schneider in der gedruckten Version der Leseproben, dass nicht nur die nominierten Titel gewinnen, sondern der Buchmarkt insgesamt, scheint mir ebenso verwegen wie es die Usain Bolts gewesen wäre, wenn er behauptet hätte, beim 100 Meter Lauf hätten alle gewonnen, die an den Start gegangen sind. Dabei hat es schon beim Zweitplatzierten so ausgesehen, als wäre er mit einer Stunde Verspätung im Ziel eingetrudelt.

    Es gibt in Deutschland vielleicht zweihunderttausend Leser anspruchsvoller Literatur. Und an die wendet sich der Buchpreis. Diese zweihunderttausend vermehren sich möglicherweise auf die klassische Art, durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr, aber sicher nicht durch die Verleihung des Buchpreises, wie Herr Schneider nahe legt. Es sei denn, der Mann wollte mit seiner These implizit behaupten, dass die Bücher alle miteinander so langweilig seien, das die Leser lieber wieder zur althergebrachten Form der Unterhaltung greifen, der Erotik.

    Von den in den Feuilletons positiv besprochenen Titeln im August findet sich kein einziger (!!!) auf der Bestsellerliste des Spiegel. Der Großteil der Konsumenten liest ganz was anderes. Der Großteil liest, ernährungsphysiologisch gesprochen, die Dickmacher. Das leicht zu konsumierende kalorienreiche Zeug, an dem nicht lange herumgekaut werden muss. Zeug, bei dem allerdings auch die Geschmacksknospen nicht berührt werden. Und von Verfeinerung des eigenen Geschmacksinnes kann schon gar nicht die Rede sein. Man konsumiert Bücher wie man eben alles konsumiert, als Unterhaltung. Und wird dabei langsam und sicher immer unbeweglicher. Das ist eine Klage, die wohl schon alt ist und die in Deutschland in keiner anderen Tonart gesungen wird, als in anderen Ländern.

    Und was lesen die – seien wir ruhig mal ein bisschen elitär – was lesen die oberen zweihunderttausend in diesem Herbst? Ein Drittel liest „Infinite Jest” von David Foster Wallace („Unendlicher Spaß”, hier geht es zwar nicht zum Buch, aber zum blog des Buches, das hundert Tage lang den Roman von nahezu 50 Schriftstellern begleiten lassen wird) das zweite Drittel wird den Gewinner des Buchpreises lesen und das verbleibende liest den Restbestand, die übrigen, ich weiß es nicht, zehntausend Titel vielleicht. Es gewinnen nicht einmal die zwanzig auf der longfishlist stehenden, es gewinnen vielleicht noch die sechs nominierten shortfishlist Titel, aber nur bis zum Tag der Preisverleihung. An diesem Tag wird dann nicht etwa einer den Preis gewinnen und die anderen fünf werden ihn nicht gewinnen. Vielmehr werden ihn die anderen fünf an diesem Tag verlieren.

    Es verkaufen sich durchaus auch die anspruchsvollen Sachen. Uwe Tellkamp hat hunderttausende Exemplare an den Mann gebracht. Das Missverhältnis zwischen verkauften und gelesenen Exemplaren war allerdings wohl auch noch nie so miserabel wie hier. Oder war es beim „Zauberberg” ähnlich? Ich schätze, über den Daumen, wild spekulierend und ohne jeden Anhaltspunkt, dass außer der Frau vom Tellkamp und der Frau des Lektors vom Tellkamp (weil der Lektor natürlich überhaupt keine Zeit hat, so einen unkomfortabel dicken Schinken zu lesen, außerdem lesen Lektoren immer nur die ersten Seiten, alles andere ist total unprofessionell und stößt bei den Kollegen der andere Verlage auf unverständliches Kopfschütteln und irgendwann auch auf soziale Ausgrenzung und Ächtung; deswegen sind Lektoren alle immer verheiratet) kaum mehr als eintausend Menschen das Buch zu Ende gelesen haben (davon 999 Frauen, die beim Berufswunsch ihres zukünftiges Mannes selbstverständlich Lektor angegeben haben). Dasselbe Schicksal wie Uwe Tellkamp wird wohl auch David Foster Wallace ereilen. Vielleicht ist das auch kein schlechtes Zeichen, nach fünfhundert Seiten sagen zu können: jetzt reicht‘s mir aber!

    Und obwohl ich bisher nur Einwände formuliert habe, mache ich es jetzt dennoch: Ich sage etwas zu den Textausschnitten. Aber ich sage nichts zu den Romanen! Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.

    Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Alphabetisch wäre anzufangen gewesen mit Frau Berg. Das wollte ich aber nicht. Dann habe ich das Pferd von hinten aufzäumen wollen. Aber diese Vorgehensweise gefiel mir auch nicht. Jetzt habe ich die einzig gerechte Methode gewählt, meine eigene natürlich, die aleatorische.

    Ernst Wilhelm Händler (Welt aus Glas): Ich würde gerne etwas sagen, angeblich hat er seine Wurzeln bei Broch und Musil, und das lässt mich aufhorchen, aber sein Thema, Geld und das Streben danach, lässt mich kalt. Und die Wurzeln entdecke ich in dem kurzen Textstück auch nicht. Allerdings muss man, um zu den Wurzeln zu kommen, ja auch graben.

    Anna Katharina Hahn (Kürzere Tage) kann unaufgeregt schöne Sätze schreiben, und das gefällt dem Literaturbetrieb und vielen Kritikern. Vielleicht kann sie sogar aufregend schöne Sätze schreiben, und das würde dann mir gefallen.

    Brigitte Kronauer (Zwei schwarze Jäger) ist die Autorin in dieser Versammlung, die die höchsten Meriten der deutschsprachigen Literatur errungen hat, den Büchnerpreis. Ich habe vor vielen Jahren „Teufelsbrück” abgebrochen. Ob das Buch damals zu dick oder ich selbst zu dünn war, weiß ich heute nicht mehr. Sie hat ihre Anhänger, ich gehöre nicht dazu und bin darüber nicht froh. Sie hat gute Formulierungen, nicht so flott dahergeredet, gleich am Eingang steht so eine: „Sie lässt sich schlagartig ins Alter fallen wie in eine Ohnmacht.” Ich mache wohl noch einmal einen Versuch mit ihr, aber nicht in diesem Jahr.

    Norbert Zähringer (Einer von vielen). Über ihn heißt es, er sei der deutsche Pynchon. Eine Antonomasie, die ich nicht nachvollziehen kann. Thomas Pynchon hat, anders als Zähringer in dem Textausschnitt, einen hochkomplexen Satzbau und hochkomplexe Gedankengänge. Eine Ähnlichkeit zu Pynchon zu konstruieren, damit das (mögliche) Genie des einen auf den anderen überspringt, ist eine Marketingstrategie, die mir als das Gegenteil von genial erscheinen will.

    Reiner Merkel (Lichtjahre entfernt), ein ehemaliger Therapeut, also einer, der in der Lage ist, innere Motivationen seiner Figuren zu verstehen, und das ist auf jeden Fall rein äußerlich bleibenden Beschreibungen, puren Handlungsabläufen, vorzuziehen, aber das Thema des Buches, ein Therapeut der vielen, nur sich selbst nicht helfen kann, finde ich nicht sehr spannend, obwohl der Textausschnitt einen schönen Ton hat.

    Thomas Glavinic (Das Leben der Wünsche). Wird hoch gelobt und ist mit Daniel Kehlmann befreundet. Sagt der Verlag. Thema des Buchs: Jonas lernt jemanden kennen, der ihm Wünsche erfüllt. Wie der Text das Thema auch gestalten mag, die Modernisierung Aschenputtels geht an mir vorbei. Aber Kehlmann geht auch an mir vorbei. Von daher ist die Freundschaft der beiden vielleicht sogar eine gute.

    David Wagner (Vier Äpfel). Ich hab was gegen den Mann! Ich habe etwas dagegen wie er auf dem Foto in die Kamera schaut, gegen seinen Anzug, gegen seinen Blick, und wie er auf einer Bank sitzt, die ich kenne, an einer Stelle, an der ich auch schon einmal gesessen habe, gegen seinen Namen, gegen den Titel seines Romans. Aber der Textausschnitt ist einfach richtig gut und hält sogar einer erneuten, vorsätzlich kritischen Lektüre ohne weiteres stand. Kompliment. Wenn der Rest des Buches ebenso ist, gehört er auf die shortfishlist. So Herr Wagner: und jetzt runter von meiner Bank!

    Wolf Hass (Der Brenner und der liebe Gott). Ich kann nichts dazu sagen, er schreibt einen Krimi und ich kann keine Krimis lesen (obwohl er mit „Das Wetter vor 15 Jahren” wohl, so flüstert man sich zu, einen wunderbaren Roman, und einen wunderbaren Romantitel, geschrieben hat).

    Stephan Thome (Grenzgang). Ich würde gerne etwas sagen kann aber erneut nicht. Oder ich könnte schon, wenn Herr Thome aufhören würde, mich vom Foto aus so intensiv anzuschauen. Mit weichen Knien kann ich nicht nachdenken.

    Herta Müller (Atemschaukel) kommt aus Rumänien, aus dem Banat, und ich komme aus Siebenbürgen. Und der Text ist gut. Und ich bin befangen. Und ich lehne es ab, etwas darüber zu sagen. Und ich sage dennoch etwas, das Herta Müller sich als Rumänin in der deutschen Sprachkompetenz ganz nach oben geschrieben hat. Und das bewundere ich sehr. Und ich sage noch etwas. Und das ist das Beste, was ich sagen kann: Sie ist meine persönliche Favoritin für diesen Preis.

    Reinhard Jirgl (Die Stille). Jener Jirgl, der in der DDR nicht publizieren durfte, was sich heute für diesen Jirgl nobilitierend auswirkt. Seine orthografischen Eskapaden, fürchte ich, werden viele Leser abhalten, sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Jirgl ist klug und eigensinnig und avantgardistisch und hat vermutlich ziemlich viel Arno Schmidt gelesen. Ich habe einmal einen Versuch mit „Kaff” gemacht und beschämt muss ich zugeben: ich hab‘s nicht verstanden. Vielleicht ist Schmidt ein Autor fürs Alter. Oder sagen wir ab vierzig. Jirgl ist der zweite Favorit und für seine Nominierung müsste die Jury Mut aufbringen.

    Angelika Overath (Flughafenfische), den Namen kannte ich nicht. Was nichts bedeutet, ich kenne mich ganz gut aus und kenne doch fast alle nicht. Die Situation, ein Mann am Flughafen, der sich selbst und die anderen beschreibt: die Perspektive, die Sprache: das macht sie sehr gut! Die Atmosphäre am Flughafen, das evoziert sie sehr lebensnah und ich kann mir auch vorstellen, dass sie das über den gesamten Text beibehält.

    Norbert Scheuer (Überm Rauschen). Auf den ersten Blick ist das Cover des Buches eine Frechheit, der Titel alles andere als grandios. Zumindest das letztere kann sich ja noch verändern, wenn die Worte in einen Zusammenhang mit anderen Worten gerückt werden; und hier springt der Funke leider nicht über.

    Kathrin Schmidt (Du stirbt nicht) hat das interessanteste Thema, aber ich habe auch die größten Erwartungen daran: eine Frau, die sich an der Schwelle des Todes noch einmal umgedreht hat und wieder zurückgeht. Zurück ins Leben und zurück ins Sprechen. Diese Auseinandersetzung mit Sprache ist eine qualitativ andere, als wenn einer und eine, und nicht nur einer, sondern viele, denen nichts einfällt, ihre eigenen Beschränkungen mit denen der Sprache verwechseln und behaupten: die Worte reichen eben bedauerlicherweise nicht aus. Sie reichen nicht, um den Reichtum der eigenen Eingebungen Genüge zu tragen. Kleine Behauptung am Rande: die Worte reichen durchaus, sonst würde man nicht empfinden können, dass sie nicht ausreichen. Bei Frau Schmidt komme ich nur leider mit den Worten Hückelhoven und Häwelmann nicht zurecht. Aber vielleicht geht das einer Muttersprachlerin anders. Ich bin ja, wie ich letztens feststellen musste, Vatersprachlerin.

    Thomas Stangel (Was kommt), hat für mich den schönsten Textausschnitt abgeliefert. Mit einer verwegenen Perspektive, die der Titel bereits beschreibt und nebenbei formuliert er auf zwei schmalen Zeilen, wie jemand sich einen Kuss vorstellt, die Zunge des anderen mit der eigenen zu liebkosen, und das ist schöner als bei vielen, die über Sex schreiben als schrieben sie übers Schweineschlachten.

    Clemens J. Setz (Die Frequenzen) ist so alt wie ich, spricht fünf Sprachen, spielt Piano und hat schon dicke Romane geschrieben, mit hohem Faktor in Sachen Wunderkind. Kann leider wegen Befangenheit meinerseits nicht besprochen werden.

    Mirko Bonné (Wie wir verschwinden). Die Langsamkeit, mit der er seinen Text gestaltet, das erneute Ansetzen, das Widerholen, das gemächliche Ausarbeiten einer Szene, das gefällt mir sehr gut. Auch wenn das Thema, der Tod Camus, mich nicht wirklich fasziniert. Wenn einer gut schreiben kann, kann er den Leser für alles interessieren. Die Frage ist, ob einer in dem Ton ein ganzes Buch schreiben kann. Dieser Textausschnitt bietet von den 20 Textausschnitten auch den besten Textausschnittsabbruch. Und abbrechen, im Großen und im Kleinen, muss man auch können. Bei Sätzen, bei Vorstellungen, und Bildern, bei Kapiteln, bei Büchern.

    Peter Stamm (Sieben Jahre): ich komme nicht rein. Das mag wohl am Thema liegen. Ich spüre einen heftigen Widerstand gegen die Geschichte eines Mannes, der seine Geliebte schwängert und dessen Frau darauf höchst verhalten reagiert. Tut mir leid. Vor allem, weil der Stil von Stamm als ein lakonischer bezeichnet wird. Das empfinde ich als Lebenseinstellung nicht sehr spannend, umso spannender hingegen als Schreibweise.

    Terézia Mora (Der einzige Mann auf dem Kontinent). Ich habe, das muss ich zugeben, mich selbst in zehn Jahren erwartet. Ein überschaubares Werk von mit viel Lob bedachter anspruchsvoller Literatur liegt bereits hinter ihr, sie spricht zwei Sprachen, übersetzt auch aus der einen in die andere, sehr sensibel, was den Umgang mit diesem Werkzeug angeht, und, so habe ich mir ihr (und mein) Schicksal zurechtgelegt, bevor ich ein einziges Wort gelesen hatte: die geheime Mitfavoritin auf den Preis. Seltsamerweise habe ich mich von dieser Fantasie nicht einen Moment über lösen können. Von dem Text war ich, glaube ich, bis auf eine Stelle an der eine Frau einen Mann anziehend findet, eher enttäuscht. Hoffentlich werde ich von mir nicht auch eines Tages enttäuscht sein.

    Am Ende dieser Zusammenstellung findet sich noch ein schöner kleiner Text von Georg M. Oswald, der keinem Roman entnommen und nicht für den Preis nominiert worden ist, „Bezahlt werden”. Wenn er einen Untertitel führen würde, lautete der: Der Autor und sein Vermieter. Hier wird etwas beschrieben, worüber ich mir mit meinem Wunsch Schriftstellerin zu werden, eigentlich noch nie Gedanken gemacht habe: Geld verdienen zu müssen. Von der Schwierigkeit, Geld mit Literatur verdienen zu müssen!

    Insgesamt stelle fest, dass dieser Preis nicht meiner ist und ich besser eigene Wege gehe. Vielmehr, ich suche nach meinen eigenen Wegen und lasse sie mir nicht von solchen Hitlisten vorschreiben. Immerhin weiß ich, was ich als Nächstes lesen werde. Das werde ich hier auch besprechen, aber es wird wohl Weihnachten werden: Roberto Bolano „2666″.

    Und jetzt muss ich noch ein kleines Problem lösen:

    Sibylle Berg (Der Mann schläft). Wenn ich nicht mit ihr habe anfangen können, so kann ich immerhin mit ihr aufhören. Man verreißt keine Bücher. Das hat keinen Stil. Dann sollte man es lieber nicht besprechen. Es gibt es nun einmal Bücher, die passen nicht zur Rezensentin. So ist das mit diesem Text auch. Und statt ihn zu verreißen, zitiere ich ihn:

    „Ich nannte ihn nur „der Mann”, damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt.
    Er war die Antwort auf alle Fragen, die ich mir, bevor wir uns trafen, nicht gestellt hatte. Sie waren unklar immer da gewesen, wie ein Hunger, und ich hatte sie Sehnsucht genannt oder Heimweh.
    Dass alles, was das Leben an großartigem für mich bereithalten würde, nur ein Mensch war, hätte mich beschämen können, doch es war mir völlig unwichtig, vor mir selber glänzend darzustehen.
    Zum Glück! Denn sonst hätte ich den Tisch mit silbernen Kerzenleuchtern decken müssen, zu klassischer Musik, ich würde gut riechende Plunderteigstücke aus dem Umluftofen nehmen, sie mit selbsteingekochter biologischer Konfitüre bestreichen, und die Kinder rufen: Rainald, Beatrice, poschalista. Die Kinder würden multilingual aufwachsen und ausschließlich Sprachen beherrschen, die ich nicht verstand. Mein Mann käme zu Tisch, und er trüge einen Kaschmirschal um den Hals, unter dem er offene und sehr rare Geschwüre versteckt hielte.”

    Das ist die Sprache einer vierzehnjährigen. Da ist kein einziger Satz, der halbwegs gerade ist („sie waren unklar immer da gewesen”) und dem ich folgen kann. Ich verstehe die Bilder nicht, die Sätze nicht, ich verstehe die Überleitungen nicht und ich verstehe auch den Sinn nicht: wie können multilingual aufwachsende Kinder Sprachen (also mehr als die beiden Sprachen der Eltern) sprechen, die die Eltern nicht sprechen? Und warum gibt diese Figur ihren Kindern dann Anweisungen, sie die ja nicht verstehen? Und wenn dieses poschalista eine Anweisung aus einer dieser unbekannten Sprachen ist, dann spricht die Figur die Sprache ja doch! Vielleicht sollte Frau Berg, die sicher keine blasse Ahnung von den Schwierigkeiten kindlichen Zweitsprachenerwerbs hat, sich besser mit dem Erwerb einer ersten Sprache beschäftigen als sich über die zweite oder dritte Gedanken zu machen.

    Aber wie gesagt, Verrisse haben keinen Stil. Ich habe gerade keinen Stil! Ich entschuldige mich auch ausdrücklich dafür! Und ich kann‘s dennoch, wie sehr ich auch drücke, nicht unterdrücken.

    Ach ja, bevor ich das vergesse, die Frage liegt den Lesern und natürlich den Leserinnen schon die ganze Zeit auf der Zunge: Was ist eigentlich mit dem einzigen Mann, der den Tellkamp zu Ende gelesen hat? Hier muss ich eingestehen, dass ich in meinem Urteil zu schnell gewesen bin. Jetzt habe ich genauer hingeschaut und da stellt sich zu meiner eigenen Überraschung heraus: das war ein Transvestit. Vielmehr eine Transvestitin. Ein crossdresser oder eine crossdresserin. Was immer es sonst noch war, es war jedenfalls ein Irrtum.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.