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  • Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
  • Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
  • Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
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  • avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
  • Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
  • Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
  • Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
  • Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
  • avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
  • Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
  • phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...

  • Archiv vom September, 2009

    29 September 2009

    Der Herzog von Charost

    Dies ist die Geschichte vom idealen Leser.

    Der Herzog von Charost ist auf dem Weg zum Schafott. Ich kann mich nicht an sein Vergehen erinnern, ob er, nach damaligem Verständnis, zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er sitzt hinten auf einer Pritsche und liest seelenruhig in einem Buch. Dann kommt der Wagen an den Ort an dem das Urteil vollstreckt werden soll. Und dieser Mann, diese Heroe der Lesekultur, was macht er, Minuten bevor er guillotiniert wird? Er macht, bevor er das Buch zuschlägt, ein Eselsohr hinein! Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Dekapitation, die gewaltsame Abtrennung des Kopfes vom Rumpf; die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Tod überlebt, ist ja nun wirklich denkbar gering. Aber für den Fall, dass es doch so sein sollte, könnte er, kopf- und leblos wie er dann nun einmal ist, gleich an der Stelle weiterlesen, wo er, zu seinem Unbill, die Lektüre hatte unterbrechen müssen.

    Ich würde gerne wissen, was er da gelesen hat. Das kann eigentlich nur Shakespeare gewesen sein. Die Frage ist natürlich: Komödie oder Tragödie?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 September 2009

    Am Rand der Worte

    Ich habe in dem Beitrag zu Tolstoi die Formulierung gebraucht, dass, als mir mein Vater vorlas und ich den Worten folgte, sich meine Imagination am Rande seiner Worte bewegte. Das war nur so dahin gesagt. Ich bin eine große Anhängerin vom Dahinsagen. Schreiben und Denken haben nicht viel miteinander gemein. Das eine ist sinniger, das andere sinnlicher Natur. Wenn ich überlege, was ich schreiben will, dann denke ich bereits: und das ist es, was dem Schreiben im Weg steht. Bei mir ist das jedenfalls so. Drauflos Formulieren ist das einzige Mittel gegen Formulierungsschwierigkeiten. Denken kann ich später immer noch. Erst einmal sehen, wohin mich das Formulieren führt. Auch wenn ich dann irgendwo lande, wo ich nicht hin wollte, auf der Müllkippe, statt im Paradies. Dann muss ich davon ausgehen, dass der Wunsch nach dem Paradies nur ein vorgeschobener war und den ei-gentlichen Wunsch verdeckt hat. Außerdem ist die Müllkippe für Schriftsteller und Schriftstellerinnen der vielversprechendere Platz. Wenn kein Mangel mehr herrscht, wenn alles da ist und auch da ist wo es hingehört, dann kann ich mit dem Suchen und dem Formulieren aufhören.

    Mit dem Rand der Worte meine ich nicht den ersten und den letzten Buchstaben. Das wäre der materielle Rand. Ich spreche vom metaphorischen Rand. Inmitten eines Wortes ist dieses mit sich identisch. Mit der Mitte meine ich seine lexikalische Ebene: Es ist dieses eine Wort und nichts sonst. Und mit Worten ist das so wie mit allem anderen auch: Etwas ist es selbst, weil es nichts anderes ist. Dieses andere aber zeigt sich an den Rändern: Dort, wo ein Wort auf andere Worte verweist. Worte, die an seinem Horizont erscheinen. An seinen Rändern ist ein Wort sehr viel mehr als nur es selbst: es ist der Verweis auf andere. Es ist ein Verweis darauf, wie es weitergeht. Und Weitergehen ist die Grundstruktur alles Narrativen.

    Mit dem sich am Horizont andeutenden Wort: damit meine ich nicht das nächste Wort in der Reihe des Satzes. Sondern einfach ein anderes Wort. Irgendeines! Das muss nicht unbedingt das Wort sein, das der Autor des jeweiligen Texts dorthin gesetzt hat. Es kann auch jedes andere sein. Die Imagination klebt nicht an den Worten: sie löst sich vielmehr von ihnen, und das bereits bei der allerersten Gelegenheit. Die Imagination geht ihre eigenen Wege. Sie ist amoralisch und hat nicht viel übrig für die biedere Buchstabentreue.

    Worte sind seltsame Gebilde, die sich sowohl durch ihre Genauigkeit auszeichnen, denn alle denken bei einem Wort an dasselbe – sonst ließe es sich nicht in einem Lexikon abbilden und nicht übersetzen – und zur gleichen Zeit durch ihre Ungenauigkeit, alle denken, bei demselben Wort an etwas anderes. Wir denken darüber hinaus. Nehmen wir das Wort Liebe. Wir denken alle an dasselbe. Und doch denkt jeder etwas anderes, was über den bloß lexikalischen Corpus hinausgeht. Frauen denken partiell anderes als Männer, Enttäuschte anderes als Verliebte und ein jeder hat seine eigenen Erinnerungen, die sich in das vage und unbestimmte Gefühl von Liebe hineinmischen.

    Kunst des Autors ist es nun, den Leser an so kurzer Leine zu halten wie nötig und an so langer wie möglich. Der Autor muss dafür sorgen, dass sein Leser an den wesentlichen Abzweigungen mit abbiegt und gleichzeitig muss er ihn seine eigenen Wege gehen lassen. Der Leser muss dem Autor vertrauen, dass er deutlich macht, wenn rechts abgebogen wird. Und der Autor muss seinem Leser vertrauen, dass der nicht die ganze Zeit dämlich hinterhertrottet, sondern seine eigenen Wege geht und dennoch mitbekommt, wo rechts abgebogen wird. Wenn ein Schriftsteller das kann, dann ist er gut. Nur schlechte Autoren wollen, dass die Leser ihnen permanent folgen. Schlechte Autoren, einsame Autoren und solche, die Angst vor der Untreue ihrer Leser haben. Und die vergessen, dass Treue sich nicht aufgrund fehlender Gelegenheiten zur Untreue manifestiert, sondern erst durch diese Gelegenheiten.

    Während mein Vater Anna Karenina las, ist meine Phantasie ihre eigenen Wege gegangen. Ich habe mich am Rand seiner Worte bewegt, balancierend zwischen Treue und Untreue, zwischen der Fantasie des Autors und meiner eigenen, zwischen Genauigkeit und Ungenauigkeit. Ich habe in jenem Sommer im Garten, mit den Grillen und den Hummeln im Ohr, auf der Bank liegend die Worte meines Vaters gehört, aber in diese Worte haben sich auch jene gemischt, die ich im darauffolgenden Winter hörte, als ich auf derselben Bank saß, die dann in der Küche stand, wo der Kanonenofen in der Ecke bullerte, die Holzscheite knackten und die Worte meines Vaters von Madame Bovary erzählten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 September 2009

    Aléa

    Mein Vater ist ein gebildeter Mensch. Und er hat einen ausgefallenen Humor. Er hielt das vor 26 Jahren bestimmt für einen guten Witz, als er den Nachnamen seiner Frau Magdalena Torik annahm und seine Tochter Aléa nannte.

    Alle Buchstaben meines Vornamens finden sich auch in dem Vornamen meiner Mutter. Mein Vorname ist die zweite Hälfte des Namens meiner Mutter, mit einem weggefallenen Konsonanten, einer Synkope oder Elision: Aléa oder Elia vielmehr Elija im Hebräischen אליהו‎ – Elijahu. Dieser Name „Mein Gott ist der Herr (JHWH) also Jahwe, steht dann auch am Kreuz Christi. In der christlichen Auffassung kehrt Elija als Johannes der Täufer wieder und damit als derjenige, der das baldige Erscheinen des Messias prophezeit. Auch in der chassidischen Überlieferung ist Elija derjenige, der einen anderen ankündigt, der ihm folgt. Außerdem hat Elias eine auditive Ähnlichkeit mit der Ilias, dem großen Werk des Homer, das vor allem vom Zorn des Achill berichtet. Der vor den Mauren Trojas Hektor zu Tode schleift und dem dann, von Paris und Deiphobos erschlagen, Polyxena geopfert wird, die schöne Schwester der Kassandra. Kassandra, die Hellseherin, die Dinge ankündigt, die noch nicht sind. Aber nicht nur der Zorn ist ein Kennzeichen des Achill, auch seine Schnelligkeit (in der Regel im Kampf). Deswegen bestreitet er auch jenes ominöse Wettrennen gegen die Schildkröte, so berichtet es jedenfalls Zenon von Elea. Wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt heißt Alea “Die Aufsteigende”. Alea ist auch verwandt mit Eulalia, was sich aus den beiden Silben eu (gut) und lalein (reden) zusammensetzt, also die gut Redende oder die Sprachgewandte. Soviel zu meinem Vornamen.

    Ich hatte, wenn ich richtig verstehe, niemals die Wahl und nie die Aussicht, anderes zu unternehmen als etwas mit Sprache.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 September 2009

    „Unendlicher Spass“ I

    Julian: hör mir bitte zu!

    Das Anstrengende beim Lesen vom Unendlichen Spaß ist, das, obwohl sich das Verhältnis des Lesestoffs permanent verändert, so, dass das noch zu Lesende weniger, das bereist Gelesene mehr wird, sich trotz dieser permanenten Verschiebung die Gesamtmenge des Lesestoffs, was in diesem Fall vor allem mit dem Wort Gesamtgewicht beschrieben werden kann, in keiner Weise verändert. Klartext: Wenn ich mit dem Ding fertig bin, habe ich Oberarme wie Schwarzenegger. Und dann ändert sich der Ton zwischen uns beiden (es fällt das Bitte in der Anrede weg!).

    Du musst den Unendlichen Spaß lesen. Ich schwanke! Ich schwanke zwischen euphorisiert und deprimiert, und zwar fortwährend. Ich schwanke von Kapitel zu Kapitel, innerhalb der Kapitel, ich schwanke innerhalb der Sätze und manchmal schwanke ich sogar innerhalb einzelner Worte. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Lach- und Heulkrämpfen. Heulen ist aber gerade im Übergewicht. Weil ich auch dann heule, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist. Umgekehrt passiert‘s aber nicht.

    Hier geht’s um Mathematisierung von Tennis:

    „Und Schtitt, der in formaler Mathematik ungefähr so bewandert ist wie ein taiwanischer Kindergärtner, wusste dessen ungeachtet etwas, das Hopman, van der Meer und Bollettieri entgangen sein dürfte: dass das Lokalisieren von Schönheit, Kunst, Magie, Vollendung und Wegen zu Rang und Sieg im weitschweifeigen Fluss eines Tennisspiels keine fraktale Frage der Reduktion von Chaos auf Muster ist. Spürte intuitiv, dass es überhaupt keine Frage der Reduktion war, sondern vielmehr – perverserweise – eine der Expansion, des aleatorischen Flatterns unkontrollierten, metastasierenden Wucherns – jeder gut geschlagene Ball erlaubte n mögliche Reaktionen, diese wiedrum erlaubten 2 hoch n mögliche Reaktionen und so weiter bis in ein, wie Incandenza es gegenüber jedem formulieren würde, der in seinen beiden Disziplinen beschlagen wäre, cantorianischen Kontinuum der Unendlichkeiten möglicher Bewegungen, cantorianisch und schön, weil infoliiert, inkludiert, diese diagnatische Unendlichkeit der Unendlichkeiten von Wahl und Ausführung, mathematisch unkontrolliert, aber menschlich inkludiert, eingegrenzt von Talent und Imagination bei Ich und Gegner, auf sich selbst zurückgekrümmt durch die inkludierenden Grenzen von Geschick und Imagination, die den einen Spieler schließlich zu Fall brachten, beide vom Siegen abhielten und schließlich ein Spiel schufen, diese Grenzen des Ichs.”

    Der Anfang dieser Stelle, dass ein Chaos, das sich auf ein Muster reduzieren lässt, bereits kein Chaos mehr ist, weil Chaos jedwede Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit per se ausschließt, das finde ich sehr schön! Und die dem Ich gesetzten Grenzen von Geschick und Imagination, am Ende der Textstelle, auch das gefällt mir gut. Aber die Sache von cantorianischem Kontinuum bis diagnatischer Unendlichkeit, die verstehe ich nicht, also bring deinen Laptop mit!

    Ich weiß noch gar nicht, wie ich mit solchen Stellen umgehen soll: entweder ich arbeite mich in diese ganzen spezifischen Themen- und Wortfelder ein, und da gibt’s weiß Gott noch anderes als Fraktale Physik, oder ich belasse es einem oberflächlichen Verständnis und lese einfach so drüber, in der Hoffnung, das reicht irgendwie aus. Aber wenn man einmal anfängt mit dem Überlesen und der Hoffnung, es reiche aus, es reiche eben irgendwie so gerade aus, ja, was dann? Das Einarbeiten in die verschiedenen Themenfelder hilft einem aber auch nicht, wenn du mit fraktaler Geometrie und Quantenphysik durch bist, kommt gleich das Nächste, dann musst du dich in die Wirkweise von Medikamenten einarbeiten und in die Psychiatrie.

    Endlich mal wieder ein Buch, in dem mein Name vorkommt. Ich dachte schon, den kennt keiner mehr. Was für eine furchbare Vorstellung (du erinnerst dich an meinen Beitrag hier zu Gelotologie), langsam in die veralteten Worte abzurutschen und irgendwann ganz aus dem Lexikon heraus zu fallen. So weit darf es nicht kommen! Da bekomme ich nämlich das aleatorische Flattern.

    Dieser Wallace ist unfassbar respektlos. Und du weißt, wie sehr mir so etwas gefällt (in der Literatur wohlgemerkt) und dann wieder ausgesprochen sensibel und empfindsam. Entweder feuere ich den auch irgendwann gegen die Wand oder zur übersichtlichen Gruppe der richtig guten Sachen ist ein weiterer Vertreter hinzugekommen.

    Oder hör dir das hier, am anderen Ende des sprachlichen Kompetenzfeldes, nach Abschaffung der indirekten Rede.

    „Wenn sie zu Reginald seiner Mama geht, sagt sie, dann geht Reginald seine Mama zu Wardine ihrer Mama, und dann glaubt Wardine ihre Mama, Wardine ist am Rummachen mit Reginald. Wardine sagt, ihre Mama sagt, wenn Wardine einen Mann an ihr rummachen lässt, und sie ist noch keine sechzehn, dann schlägt sie Wardine tot.”

    Ich bin AUSLÄNDERIN! Ich dachte das Buch sei übersetzt worden!

    Hier der letzte Lachkrampf: Wallace bezeichnet eine Schwangerschaft als Chromosomenkrieg!

    Julian, sag deinem Mäc Kinsey, dass du dich nicht mehr für Optimierung von Arbeitsprozessen interessierst. Weil das einfach totlangweilig ist. Und dass du dich jetzt wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden wirst. Dass deine Bewerbung ein Fehler war, ein grandioser Fehler, aber dass du eine Freundin hast, die dich wieder auf den Pfad der Tugend gebracht hat. Sag dem das! Mit stolzgeschwellter Brust musst du das formulieren. Streck ihm zum Abschied die Zunge raus! Und jetzt geh in die Buchhandlung und kauf dir diesen Ziegelstein. Wir treffen uns in einer Stunde am Märchenbrunnen zum Lesen. Es wird Zeit, dass du deinen Hintern mal wieder im Rhythmus der Literatur bewegst, mein lieber Freund!

    Und schalte endlich dein Telefon wieder ein. Das hier ist mein Blog und keine Nachrichtenzentrale für schwule Unternehmensberater, die sich in besseren Zeiten mal für Thomas Pynchon interessiert haben.

    Auf der anderen Seite: es gibt hier sowieso keine Leserinnen mehr. Ich habe gestern mit einer Frau aus dem Verlagswesen gesprochen, die sagte mir, Sibylle Berg hätte „unheimlich viele Anhängerinnen”. Nachdem ich ihr eine geknallt habe (der Frau Berg, meine ich), werden wahrscheinlich die wenigen Leserinnen, die ich hatte oder hätte haben können, allesamt mit Sack und Pack zu Sibylle Berg umgezogen sein. Wir beide sind hier sozusagen unter uns!

    Sibylle Berg, hat diese Frau gesagt, die im Übrigen sehr nett ist und bald ein Kind bekommt, habe einen sehr eigenen Ton! Also dieser Literaturbetrieb in diesem Land: Zuerst wird alles mit der Mähmaschine auf gleiche Höhe gekürzt, du bekommst dein Zeug wieder zurück – wie dieser Reinhard, von dem ich dir erzählt habe, der schreibt richtig gute Sachen, bekommt aber kaum etwas anderes zu hören, als dass das alles viel zu eigensinnig sei – und wenn‘s dann alles die gleiche Länge hat, loben sie dich, wenn du doch drüber hinaus wächst. Der Literaturbetrieb ist ein bisschen – wie heißt das in Mille Plateaus? – schizoid. Kapitalismus und Schizophrenie! Die Frage ist, ob eine Zensur aus kapitalistischen Erwägungen anders funktioniert als aus politischen. Ich weiß, dass sie moralisch anders zu bewerten ist, die Frage ist aber, ob sie deswegen auch eine andere Struktur hat.

    Du siehst, ich bin in der Verfassung zu streiten. Bring dir Hilfe mit! Bring auch das Brot und den Käse mit, den es in der vergangenen Woche bei dir gab. Und Bionade (Holunder!).

    Beeil dich! Sei pünktlich! Und grüß deine Mutter! Hihi!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 September 2009

    Lolita II

    Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich vor einiger Zeit die ersten Zeilen aus Vladimir Nabokovs „Lolita” kommentarlos hierherstellte, dass ich noch etwas dazu sagen will. Ich kenne einiges von Nabokov und war immer angetan. Jedenfalls habe ich in Erinnerung, angetan gewesen zu sein. Da ich viel lese, vergesse ich auch viel. Mindestens ebenso viel wie ich lese. Vielleicht euch ein kleines bisschen mehr. Da ich nicht gut im Rechnen bin, halte ich‘s nicht so genau nach. Es ist ein rein und raus in meinem Kopf. Das fühlt sich auch ganz gut an. Ich glaube nicht, dass es sich besser anfühlte, wenn es immer nur rein ginge.

    Jetzt habe ich ein paar Tage lang meine unteren Extremitäten baumeln lassen und mit den oberen das Buch gehalten. Und es dabei auch gelesen. Lolita scheint mir nicht Nabokovs bester Roman zu sein. Das Buch ist vor allem seiner chronique scandaleuse wegen bekannt. Dieses Thema – Pädophiler missbraucht Minderjährige – hat heute, so skandalös es ist, längst nicht mehr die Sprengkraft, die es im prüden Amerika der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte. Der Roman erinnert an Herman Melvilles „Moby Dick”: In beiden Büchern werden, neben dem eigentlichen Handlungsverlauf herlaufend, theoretische Exkurse zum jeweiligen Thema geboten. Der Grund, warum ich noch etwas zu dem Buch sage, ist dieser: Nabokov trifft nach dem ersten Teil des Textes, nach knapp der Hälfte seines Umfangs, eine folgenschwere Entscheidung, mit der er, wie ich die nächsten zweihundert Seiten meinte, seinen Roman regelrecht kaputt macht. Ein Konstruktionsfehler! Bis er ihn dann am Ende, auf den letzten Seiten, fulminant und dennoch absolut unspektakulär repariert. Aber der Reihe nach.

    Präludium: Das Buch ist die Autobiografie des pädophilen Humbert Humbert, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt und dort seine Geschichte notiert. Das kurze Vorwort eines Herausgebers informiert uns, dass Humbert zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits verstorben ist. Die letzten Zeilen teilen uns mit, dass dieser Text erst veröffentlich wird, wenn Lolita nicht mehr lebt. Beide Protagonisten sind also zum Zeitpunkt der Lektüre nicht mehr am Leben. Humberts Autobiografie entsteht zwischen seiner Verhaftung und dem Beginn seines Prozesses. Er will damit die Richter beeinflussen und für sich einnehmen. Also: seine Leser natürlich. Wir können uns von Anfang an auf einen hoch suggestiven Stil einstellen.

    Im ersten Teil beschreibt Humbert seine Neigung zu den von ihm verniedlichten “Nympchen”, wie er die 12-jährige Lolita (dabei belasse ich es, obwohl das Mädchen mit bürgerlichem Namen Dolores heißt) kennen lernt und ihre verwitwete Mutter heiratet. Die findet durch Humberts geheime Aufzeichnungen heraus, dass er in Wahrheit ihre Tochter begehrt und sie selbst lediglich als notwendiges Übel hinnimmt, um sich des Kindes zu bemächtigen. Die schockierte Frau schreibt sofort einige Briefe und wird, als sie die zum Briefkasten bringt, vom Auto überfahren. Lolita, die sich zu diesem Zeitpunkt im Ferienlager befindet, gerät dadurch in die Hände Humberts. Der behauptet dem Mädchen gegenüber, als er sie dort abholt, ihre Mutter liege im Krankenhaus. Nach der ersten gemeinsamen Nacht mit der 12-jährigen will Lolita ihre Mutter anrufen. Daraufhin sagt Humbert ihr die Wahrheit, dass die Mutter tot ist. Damit endet der erste Teil des Romans.

    Interludium: Autor und Autorin haben es immer mit den Erwartungen der Leserschaft zu tun. Zwischen Erwartung und Erfüllung dieser Erwartung liegt in der Regel ein Spalt. Die Autoren wissen das natürlich und ein erfahrener Autor, kann mit dieser Differenz spielen. Ein Spiel, das Nabokov exzellent beherrscht (man müsste sogar sagen: er hat ein nahezu kriminelles Gespür für die Erwartungen seiner Leser). Der Erwartungshorizont der hier aufgebaut wird, ist dieser: Wie reagiert die soeben missbrauchte Lolita darauf, dass die Mutter tot und sie selbst damit dem Täter hilflos ausgeliefert ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: gar nicht. Vielmehr, und das ist der Grund, warum ich von einem folgenschweren Konstruktionsfehler gesprochen habe, Nabokov lässt sie nicht reagieren.

    Im zweiten Teil wird der Roman zum Roadmovie: die beiden fahren durch Amerika, von einem Motel ins nächste, von einer Nacht und von einem Geschlechtsakt zum nächsten. Nirgendwo bleibend, immer unterwegs auf einer Reise, für die, das weiß Humbert genau, nur ein Ende vorstellbar ist: das Kind wird in die Pubertät kommen und jeglichen erotischen Reiz für ihn verlieren. So kommt es dann auch und es kommt noch anders: er verliert Lolita an einen Konkurrenten, unglücklicherweise ebenfalls ein Pädophiler, den Humbert schließlich aufspürt und brutal hinrichtet. Die Entscheidung Nabokovs, den ersten Teil mit der Mitteilung des Todes der Mutter zu beenden und im zweiten Teil dann die Auswirkungen dieses Todes darzustellen, nämlich die totale Ausweglosigkeit Lolitas, die ein Kind ist und die auf Humbert angewiesen ist bedeutet hier: Es wird an keiner einzigen Stelle etwas darüber gesagt, was dieser Tod für Lolita bedeutet. Der Leser erfährt nichts über das Innenleben, das Gefühlsleben dieses Kindes. Es wird alles aus der Sichtweise Humberts geschildert: wie er sich das Mädchen sexuell gefügig macht, welche Gefahren, welche Ängste er ausstehen muss. Aber kein Wort über die Ängste des Mädchens. Und genau das will der Autor. Er beschreibt die absolute Uneinsehbarkeit einer Figur: Humbert kommt nie an das heran, was das Mädchen über ihn denkt. Er bekommt sie nie wirklich zu greifen. Und genau dies ist es, was der Leser nicht will: er will wissen, was in dem Mädchen vorgeht. Die Sicht des Täters ist dem Leser sogar unangenehm, und gerade eines solches Täters, wie Humbert einer ist, intelligent, gebildet und immer versucht die Richter und Leser auf seine Seite zu ziehen. Weil er sein Sensorium auf Abwehr eingestellt hat. Und mehr als zweihundert Seiten mit auf Abwehr eingestelltem Sensorium: das kann ganz schön an den Nerven zerren.

    Postludium: Erst auf den letzten Seiten wird der eigentlich Skandal dieses Buches deutlich, der von dem sogenannten Skandal überschattet wird. Der sogenannte Skandal ist der Missbrauch einer Minderjährigen, das ruinierte Leben eines Kindes, die später, nicht einmal volljährig, schwanger wird und über deren weiteres Schicksal sich das Buch züchtig zurückhält; aber man weiß heute, dass solche Schicksale nahezu irreparabel sind. Nach der Hinrichtung des Konkurrenten durch Humbert, die so maßlos brutal ausfällt, weil sich darin auch der Versuch der Hinrichtung seiner eigenen Neigungen widerspiegelt, auf den letzten Zeilen dieser Lebensgeschichte wird es dem Leser – wurde es mir jedenfalls – bewusst, und ich hatte eine Gänsehaut dabei: der eigentlich Skandal, der viel schwerer wiegt als der vorgebliche, ist, dass Humbert Lolita wirklich über alles geliebt hat. Nicht der Missbrauch ist der Skandal, sondern die Liebe.

    Das hätte Nabokov nicht besser einfädeln können. Da hat er mich doch mehr als zweihundert Seiten lang hinters Licht geführt, der alte Fuchs.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2009

    Das Unanständigere

    Was ist eigentlich das Unanständigere: jede Nacht mit einem anderen ins Bett zu gehen oder jede Nacht mit demselben?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 September 2009

    Kultbücher II

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Die Frage ist, ob der Kiepenheuer & Witch Verlag gerade eines im aktuellen Programm hat: „Infinite Jest” von David Foster Wallace, „Unendlicher Spaß”.

    Ich habe das vor einigen Tagen in meiner Besprechung, in meiner Anmoderation der zwanzig longfishlist Titel für den Deutschen Buchpreis nicht erwähnt, ich habe vielmehr offen von Roberto Bolaño und seinem hochgelobten Roman „2666″ gesprochen; ich hätte nicht gesagt, dass die oberen zweihunderttausend Leser in Deutschland für „Unendlicher Spaß” in Frage kommen, ich hätte das anders formuliert, etwas genauer nämlich, ich hätte gesagt, dass die oberen einhundertneunundneunzigtausendeinhundertneunundneunzig Leser dafür in Frage kommen, wenn nicht, ja, wenn ich es nicht bereits in Händen gehalten hätte.

    Ich vermute, bei der Seltenheit mit der ein Mensch in seinem Leben in so eine Situation gerät, dass er ein Kultbuch in Händen hält, es auch in meinem eigenen Leben nicht viele Gelegenheiten geben wird, wo mir das noch einmal passiert. Mit anderen Worten: ich habe den Bolaño noch einmal an die Seite geschoben und Wallace den Vorzug gegeben. Ich weiß zwar nicht, was ein Kultbuch ist, aber ich vermute ganz stark, ich bin sogar sehr sicher, dass nicht die Autoren, und auch nicht die Verleger mit ihrem Marketing, sondern nur die Leser aus einem Buch ein Kultbuch machen können. Ich mache jetzt also mit, beim kultivieren dieses ominösen Buchs. Und da ich ja sowieso, was das Lesen betrifft, lieber an den großen Schrauben drehe, bin ich bei dem Buch wohl genau richtig.

    Wo wir schon einmal bei Schrauben sind, hier noch eine kleine Anekdote von David Foster Wallace, aus einem Artikel des Spiegel, nach Wallace Selbstmord im vergangenen Jahr. David Foster Wallace ruft seinen Vater an, weil die Reifen an seinem Auto einen Plattfuß haben und er wissen will, wie man sie wechselt. “Wie bekomme ich das Rad vom Auto runter?”, fragte er am Telefon. “Du musst die Schrauben gegen den Uhrzeigersinn drehen”, sagte der Vater. Stille. Dann: “Ich habe meine Uhr nicht dabei, Papa.”

    Und auf diesen Mann lasse ich mich jetzt ein. Der Himmel stehe mir bei!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2009

    Kultbücher I

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Dagegen gibt es eigentlich eine klassische Therapie: sich informieren. Will ich aber nicht. Ich könnte es stattdessen einfach definieren. Das wäre ein bisschen großmäuliger und sehr viel anstrengender. Will ich auch nicht. Ich plaudere also im Folgenden nur vor mich hin.

    Es gibt viele Aspiranten für Kultbücher, aber Kultbücher gibt es nur wenige. „Winnetou”, „Das Dschungelbuch”, „Der Struwelpeter”, „Der kleine Prinz” „Alice im Wunderland”, “Harry Potter” Tendenziell alles Kinderbücher, durch Jahre und Jahrzehnte hinweg gleichermaßen von Erwachsenen gelesen. Aber sind das Kultbücher? Wenn Dauer des Erfolges ein Kriterium ist, dann kommen als Anwärter vor allem die in Frage, die es schon seit Jahrhunderten gibt „Die göttliche Komödie”, „Das Dekamerone”, „Tausend und eine Nacht”, „Die Handschrift von Saragossa”. Die Höhe der Auflage und wie sie zustande kommt (im Jahr des Erscheinens, über Jahre und Jahrhunderte, in einem Land oder über den Globus verteilt) ist bei der Frage, ob ein Buch Kultstatus hat, ebenfalls unbedeutend. „Hundert Jahre Einsamkeit”: einer der bestverkauften Romane aller Zeiten und sein Autor, Gabriel García Márquez, ist einer der bekanntesten Existenzen auf diesem Planeten. Oder „Das Parfum” von Patrick Süskind ist wohl das bis heute meistgelesene Buch deutscher Sprache. Bücher, die außergewöhnlich gut beim Publikum angekommen sind. Beide sind meinem Dafürhalten nach keine Kultbücher.

    Selbst die in Deutschland hochheilige Riege aus Thomas Mann, Hermann Broch und Elias Canetti: keiner hat je ein Kultbuch geschrieben. Kult war eher Robert Musil, mit „Der Mann ohne Eigenschaften”, oder sogar noch eher Hans Henny Jahnn, „Fluss ohne Ufer”. Autoren, die etwas Neues probiert haben, neue Perspektiven, die alte Wege verlassen haben, die radikal anderes versucht haben. Und damit sicher auch gegen die Wand gefahren sind. Das spielt bei einem Kultbuch keine Rolle. Wenn andere Bücher sich verrennen und verkonstruieren, sind sie gescheitert, aber einem Kultbuch kann das nichts anhaben. Kultbuch war „Zettels Traum” von Arno Schmidt. Ich habe es nicht, ich habe es nicht gelesen, ich kenne keinen, der es hat, keinen, der es gelesen hat und ich glaube, all das gehört elementar zu dem Mythos dazu, der sich darum spinnt. Das Buch ist allein vom Umfang und Gewicht her unlesbar. Schmidt Adepten behaupten etwas von 7,6 Kilogramm, und damit ist das zumindest eine buchbinderische Herausforderung. Dagegen sind die 1, 5 kg vom Unendlichen Spaß eher als ein kleiner Scherz zu verstehen. Kaum ein Mensch hat wahrscheinlich Djuna Barnes „Nachtgewächs” gelesen, aber das war wohl ein Kultbuch. Ich glaube, dass „Tristam Shandy” von Laurence Stern ebenfalls eines war. Marcel Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” ist natürlich ein Kultbuch. Auch – trotz oder wegen seines enormen Anspruchs – James Joyce, “Ulysses”. Oder war es doch eher “Finnegans Wake” und der “Ulysses” hat sich bloß besser verkauft?

    [Ich werde niemals wieder Listen machen, weil ich selbstverständlich ganz wichtige Bücher vergessen habe, und jetzt nachträglich einarbeiten muss: Goethes "Werther" war ein Kultbuch, selbstverständlich; und Aldous Huxley mit "Brave New World", Tolkien mit "Der Herr der Ringe"]

    Viele Kultbücher waren, vom Umsatz her betrachtet, wohl eher Katastrophen. Aber auch das katastrophale ist keine Voraussetzung für den Kultstatus. Ebenso wenig die literarische Qualität: „Clockwork Orange” von Antony Burgess war Kult. Auch die Unlesbarkeit ist kein Kriterium, Burgess ist heute beinahe nicht mehr lesbar, aber Joyce war es noch nie. Qualität ist ebenfalls kein Kriterium für den Kultstatus. Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis” ist Sciencefiction, oft nahe am Kitsch, war ein Kultbuch. Ich erzähle die Anfangssituation nach, aber ich erzähle recht frei.

    Hauptfiguren sind Ford Prefect und Arthur Dent. Letzterer liegt zu Beginn des Buches auf der Erde vor seinem Haus. Er liegt da, weil der vor ihm stehende Bulldozer sein Haus abreißen will. Es soll abgerissen werden, weil es einer Umgehungsstraße im Wege ist. Die Leute von der Stadtverwaltung können Arthurs Widerstand nicht verstehen. Die Unterlagen, die über den bevorstehenden Abriss Auskunft geben, liegen schließlich seit vier Wochen im Rathaus. Da er keinen Widerspruch eingelegt habe, wurde das als sein Einverständnis interpretiert. Arthurs Einwand, dass er nicht wusste, dass da Unterlagen zu finden sind, wollen die Leute von der Stadtverwaltung nicht akzeptieren. Dann kommt Arturs Freund Ford Prefect dazu und geht mit dem höchst erregten Arthur erst einmal ein Bier trinken. In dem folgenden Gespräch, redet Ford Prefect auf Arthur ein, dass das mit dem Haus nicht so wichtig sei. Arthur regt sich weiter auf und will wissen, wieso das nicht wichtig sei. Ford Prefect stellt sich als Bewohner eines anderen Sterns heraus und informiert Arthur darüber, dass der Planet Erde in einer Stunde gesprengt wird. Diese Information führt nun nicht dazu, dass Arthur sich beruhigt, ganz im Gegenteil. Ford Prefect erklärt ihm das folgendermaßen: Die Erde wird gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Fernstraße Platz machen soll. Die entsprechenden Unterlagen dazu liegen zur Einsicht seit vierzigtausend Jahren auf Alpha Centauri. Die Tatsache, dass niemand gekommen sei und Widerspruch gegen die Sprengung eingelegt habe, wurde als Einverständnis gewertet. Und dann macht‘s auch schon „wummmm” und die beiden schaffen‘s mit Ach und Krach auf ein zufällig vorbeirauschendes Raumschiff und die eigentliche Geschichte geht los.

    Das Buch muss man nicht unbedingt lesen, weil es wirklich nicht die ganz große Literatur ist. Da sollte man lieber eines jener Bücher lesen, die am Kultstatus vorbeigerauscht sind, zum Beispiel „Die Blendung” von Canetti. Douglas Adams kann man auch als Film anschauen, eine zusammengeschnittene Fernsehserie von BBC, am besten im englischen Original, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”, mit englischem Akzent und englischem Humor: komisch und klug, bisweilen zumindest, am besten im Kino mit einem englischen Bier und vielen anderen Leuten die ebenfalls die ganze Zeit über englischen Humor lachen und englisches Bier trinken. Hier gibt’s weitere Informationen zu der Serie von BBC.

    Und jetzt bin ich, nach einem langen und etwas verwinkelten Anlauf endlich dort, wo ich die ganze Zeit hin wollte: Frau Berg! Ich habe mich sofort nach meinem Ausrutscher entschuldigt. Und ich habe Ihnen mit meinem vorletzten Eintrag´die Gelegenheit zur Retourkutsche gegeben. Meine ersten Seiten haben hier gestanden. Da Sie keine Einwände formuliert haben, nehme ich an, dass Sie keine haben.

    Mit den Kultbüchern ist das schwierig. Ich vermute, dass sich überhaupt keine verlässlichen Aussagen darüber treffen lassen, ob ein Buch zum Kultbuch wird. Das Phänomen ist marktwirtschaftlich wohl auch zu vernachlässigen. Außer man ist ein Publikumsverlag und hat einen solchen Titel gerade im aktuellen Programm. Dann werden vermutlich alle anderen Titel vernachlässigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 September 2009

    Die Gottesanbeterinnen

    Die Gottesanbeterinnen sind eine Insektenart, bei denen die Weibchen sehr viel größer sind als die Männchen. Die Männchen haben lediglich eine einzige Funktion in ihrem Leben, die der Befruchtung. Die Weibchen lassen sich nach der Geschlechtsreife von den Männchen begatten und dann fressen sie sie auf.

    Die Phasen, in denen ich an meinem Roman geschrieben habe, hatten eine sehr spezielle Färbung. Das war ein Gefühl, als kämpfe ich um mein Leben. Ich konnte das nicht verstehen. Mein Leben stand ja zu keinem Zeitpunkt auf dem Spiel. Ich habe nach dem Abschluss dieser Arbeit viele Wochen gebraucht, um mich zu erholen. Nun waren auch manche andere Phasen im Leben nicht ohne Strapazen. Dennoch spielt sich das triebhafte, das libidinöse Geschehen in einer ganz anderen Dimension ab: Es steht alles auf dem Spiel. Es steht alles auf des Messers Schneide. Es steht einem jeden Morgen das Wasser bis zum Hals. Man strampelt den ganzen Tag und die halbe Nacht wie verrückt, und am nächsten Tag, nach wenigen Stunden kaum erholsamen Schlafs, steht’s genau wieder da. Das mag anderen als unverständlich erscheinen, aber es war so: Ich habe um mein Leben geschrieben! Ich war jeden Moment in genau der Situation in der das Männchen bei den Gottesanbeterinnen während des Geschlechtsaktes ist. Solange ich noch kann, solange mir noch etwas einfällt, ich Veränderungsmöglichkeiten sehe und Verbesserungsmöglichkeiten einbringe, solange ich noch Potential habe, solange ich das Begehren des Weibchens – den Text und seine Forderungen an mich – entfache und befriedige und wieder neu entfache, so lange bin ich noch am Leben. Was danach kommt, steht auf einem anderen Blatt.

    Daher rührt auch diese ungeheure Erschöpfung nach Abschluss der Arbeit, diese totale Unfähigkeit für Monate, mich zu bewegen. Das war keine Erschöpfung, das war keine postkoitale Ermüdung, das war angstvolle Erstarrung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 September 2009

    Literatur und Leichtathletik

    Die Longfishlist (siehe meine Eintragung vom 20. Mai 2009, Der Wels im Schollenpelz) des Deutschen Buchpreises 2009 ist seit einigen Tagen da. Leseproben gibt es online, mit bibliografischen Angaben, aber auch als Taschenbuch in den Buchhandlungen, mit zusätzlichen Beiträgen, Verlagsinformationen zu den Autorinnen und deren Portraits. In diesem Jahr haben sich einige kleine Verlage zu einer Gegendemonstration zusammengefunden, zu einer hotlist, der möglichst viel Aufmerksamkeit zu wünschen ist.

    Ich wollte die Textausschnitte der zwanzig Nominierten besprechen, aber das Unterfangen stand unter keinem guten Stern: es gibt sicher sehr viele, mindestens ebenso interessante Bücher, wie jene, die es, ich weiß nicht auf welche Weise, auf die Liste geschafft haben. Ebenso wenig wird wohl über die Kriterien der weiteren Dezimierung auf sechs Titel, die shortfishlist, zu erfahren sein und auch nichts über die Einigung auf einen Titel, auf der Frankfurter Fischmesse vom 14. bis zum 18. Oktober 2009. Die, allerdings nicht nur auf dem Fischmarkt zu beobachtende zunehmende Siegerfixierung ist mir sowieso ein Gräuel. Literatur und Leichtathletik haben offenbar viel miteinander gemein. Die Behauptung, aufgestellt von Wolfgang Schneider in der gedruckten Version der Leseproben, dass nicht nur die nominierten Titel gewinnen, sondern der Buchmarkt insgesamt, scheint mir ebenso verwegen wie es die Usain Bolts gewesen wäre, wenn er behauptet hätte, beim 100 Meter Lauf hätten alle gewonnen, die an den Start gegangen sind. Dabei hat es schon beim Zweitplatzierten so ausgesehen, als wäre er mit einer Stunde Verspätung im Ziel eingetrudelt.

    Es gibt in Deutschland vielleicht zweihunderttausend Leser anspruchsvoller Literatur. Und an die wendet sich der Buchpreis. Diese zweihunderttausend vermehren sich möglicherweise auf die klassische Art, durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr, aber sicher nicht durch die Verleihung des Buchpreises, wie Herr Schneider nahe legt. Es sei denn, der Mann wollte mit seiner These implizit behaupten, dass die Bücher alle miteinander so langweilig seien, das die Leser lieber wieder zur althergebrachten Form der Unterhaltung greifen, der Erotik.

    Von den in den Feuilletons positiv besprochenen Titeln im August findet sich kein einziger (!!!) auf der Bestsellerliste des Spiegel. Der Großteil der Konsumenten liest ganz was anderes. Der Großteil liest, ernährungsphysiologisch gesprochen, die Dickmacher. Das leicht zu konsumierende kalorienreiche Zeug, an dem nicht lange herumgekaut werden muss. Zeug, bei dem allerdings auch die Geschmacksknospen nicht berührt werden. Und von Verfeinerung des eigenen Geschmacksinnes kann schon gar nicht die Rede sein. Man konsumiert Bücher wie man eben alles konsumiert, als Unterhaltung. Und wird dabei langsam und sicher immer unbeweglicher. Das ist eine Klage, die wohl schon alt ist und die in Deutschland in keiner anderen Tonart gesungen wird, als in anderen Ländern.

    Und was lesen die – seien wir ruhig mal ein bisschen elitär – was lesen die oberen zweihunderttausend in diesem Herbst? Ein Drittel liest „Infinite Jest” von David Foster Wallace („Unendlicher Spaß”, hier geht es zwar nicht zum Buch, aber zum blog des Buches, das hundert Tage lang den Roman von nahezu 50 Schriftstellern begleiten lassen wird) das zweite Drittel wird den Gewinner des Buchpreises lesen und das verbleibende liest den Restbestand, die übrigen, ich weiß es nicht, zehntausend Titel vielleicht. Es gewinnen nicht einmal die zwanzig auf der longfishlist stehenden, es gewinnen vielleicht noch die sechs nominierten shortfishlist Titel, aber nur bis zum Tag der Preisverleihung. An diesem Tag wird dann nicht etwa einer den Preis gewinnen und die anderen fünf werden ihn nicht gewinnen. Vielmehr werden ihn die anderen fünf an diesem Tag verlieren.

    Es verkaufen sich durchaus auch die anspruchsvollen Sachen. Uwe Tellkamp hat hunderttausende Exemplare an den Mann gebracht. Das Missverhältnis zwischen verkauften und gelesenen Exemplaren war allerdings wohl auch noch nie so miserabel wie hier. Oder war es beim „Zauberberg” ähnlich? Ich schätze, über den Daumen, wild spekulierend und ohne jeden Anhaltspunkt, dass außer der Frau vom Tellkamp und der Frau des Lektors vom Tellkamp (weil der Lektor natürlich überhaupt keine Zeit hat, so einen unkomfortabel dicken Schinken zu lesen, außerdem lesen Lektoren immer nur die ersten Seiten, alles andere ist total unprofessionell und stößt bei den Kollegen der andere Verlage auf unverständliches Kopfschütteln und irgendwann auch auf soziale Ausgrenzung und Ächtung; deswegen sind Lektoren alle immer verheiratet) kaum mehr als eintausend Menschen das Buch zu Ende gelesen haben (davon 999 Frauen, die beim Berufswunsch ihres zukünftiges Mannes selbstverständlich Lektor angegeben haben). Dasselbe Schicksal wie Uwe Tellkamp wird wohl auch David Foster Wallace ereilen. Vielleicht ist das auch kein schlechtes Zeichen, nach fünfhundert Seiten sagen zu können: jetzt reicht‘s mir aber!

    Und obwohl ich bisher nur Einwände formuliert habe, mache ich es jetzt dennoch: Ich sage etwas zu den Textausschnitten. Aber ich sage nichts zu den Romanen! Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben.

    Ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Alphabetisch wäre anzufangen gewesen mit Frau Berg. Das wollte ich aber nicht. Dann habe ich das Pferd von hinten aufzäumen wollen. Aber diese Vorgehensweise gefiel mir auch nicht. Jetzt habe ich die einzig gerechte Methode gewählt, meine eigene natürlich, die aleatorische.

    Ernst Wilhelm Händler (Welt aus Glas): Ich würde gerne etwas sagen, angeblich hat er seine Wurzeln bei Broch und Musil, und das lässt mich aufhorchen, aber sein Thema, Geld und das Streben danach, lässt mich kalt. Und die Wurzeln entdecke ich in dem kurzen Textstück auch nicht. Allerdings muss man, um zu den Wurzeln zu kommen, ja auch graben.

    Anna Katharina Hahn (Kürzere Tage) kann unaufgeregt schöne Sätze schreiben, und das gefällt dem Literaturbetrieb und vielen Kritikern. Vielleicht kann sie sogar aufregend schöne Sätze schreiben, und das würde dann mir gefallen.

    Brigitte Kronauer (Zwei schwarze Jäger) ist die Autorin in dieser Versammlung, die die höchsten Meriten der deutschsprachigen Literatur errungen hat, den Büchnerpreis. Ich habe vor vielen Jahren „Teufelsbrück” abgebrochen. Ob das Buch damals zu dick oder ich selbst zu dünn war, weiß ich heute nicht mehr. Sie hat ihre Anhänger, ich gehöre nicht dazu und bin darüber nicht froh. Sie hat gute Formulierungen, nicht so flott dahergeredet, gleich am Eingang steht so eine: „Sie lässt sich schlagartig ins Alter fallen wie in eine Ohnmacht.” Ich mache wohl noch einmal einen Versuch mit ihr, aber nicht in diesem Jahr.

    Norbert Zähringer (Einer von vielen). Über ihn heißt es, er sei der deutsche Pynchon. Eine Antonomasie, die ich nicht nachvollziehen kann. Thomas Pynchon hat, anders als Zähringer in dem Textausschnitt, einen hochkomplexen Satzbau und hochkomplexe Gedankengänge. Eine Ähnlichkeit zu Pynchon zu konstruieren, damit das (mögliche) Genie des einen auf den anderen überspringt, ist eine Marketingstrategie, die mir als das Gegenteil von genial erscheinen will.

    Reiner Merkel (Lichtjahre entfernt), ein ehemaliger Therapeut, also einer, der in der Lage ist, innere Motivationen seiner Figuren zu verstehen, und das ist auf jeden Fall rein äußerlich bleibenden Beschreibungen, puren Handlungsabläufen, vorzuziehen, aber das Thema des Buches, ein Therapeut der vielen, nur sich selbst nicht helfen kann, finde ich nicht sehr spannend, obwohl der Textausschnitt einen schönen Ton hat.

    Thomas Glavinic (Das Leben der Wünsche). Wird hoch gelobt und ist mit Daniel Kehlmann befreundet. Sagt der Verlag. Thema des Buchs: Jonas lernt jemanden kennen, der ihm Wünsche erfüllt. Wie der Text das Thema auch gestalten mag, die Modernisierung Aschenputtels geht an mir vorbei. Aber Kehlmann geht auch an mir vorbei. Von daher ist die Freundschaft der beiden vielleicht sogar eine gute.

    David Wagner (Vier Äpfel). Ich hab was gegen den Mann! Ich habe etwas dagegen wie er auf dem Foto in die Kamera schaut, gegen seinen Anzug, gegen seinen Blick, und wie er auf einer Bank sitzt, die ich kenne, an einer Stelle, an der ich auch schon einmal gesessen habe, gegen seinen Namen, gegen den Titel seines Romans. Aber der Textausschnitt ist einfach richtig gut und hält sogar einer erneuten, vorsätzlich kritischen Lektüre ohne weiteres stand. Kompliment. Wenn der Rest des Buches ebenso ist, gehört er auf die shortfishlist. So Herr Wagner: und jetzt runter von meiner Bank!

    Wolf Hass (Der Brenner und der liebe Gott). Ich kann nichts dazu sagen, er schreibt einen Krimi und ich kann keine Krimis lesen (obwohl er mit „Das Wetter vor 15 Jahren” wohl, so flüstert man sich zu, einen wunderbaren Roman, und einen wunderbaren Romantitel, geschrieben hat).

    Stephan Thome (Grenzgang). Ich würde gerne etwas sagen kann aber erneut nicht. Oder ich könnte schon, wenn Herr Thome aufhören würde, mich vom Foto aus so intensiv anzuschauen. Mit weichen Knien kann ich nicht nachdenken.

    Herta Müller (Atemschaukel) kommt aus Rumänien, aus dem Banat, und ich komme aus Siebenbürgen. Und der Text ist gut. Und ich bin befangen. Und ich lehne es ab, etwas darüber zu sagen. Und ich sage dennoch etwas, das Herta Müller sich als Rumänin in der deutschen Sprachkompetenz ganz nach oben geschrieben hat. Und das bewundere ich sehr. Und ich sage noch etwas. Und das ist das Beste, was ich sagen kann: Sie ist meine persönliche Favoritin für diesen Preis.

    Reinhard Jirgl (Die Stille). Jener Jirgl, der in der DDR nicht publizieren durfte, was sich heute für diesen Jirgl nobilitierend auswirkt. Seine orthografischen Eskapaden, fürchte ich, werden viele Leser abhalten, sich mit seinen Texten zu beschäftigen. Jirgl ist klug und eigensinnig und avantgardistisch und hat vermutlich ziemlich viel Arno Schmidt gelesen. Ich habe einmal einen Versuch mit „Kaff” gemacht und beschämt muss ich zugeben: ich hab‘s nicht verstanden. Vielleicht ist Schmidt ein Autor fürs Alter. Oder sagen wir ab vierzig. Jirgl ist der zweite Favorit und für seine Nominierung müsste die Jury Mut aufbringen.

    Angelika Overath (Flughafenfische), den Namen kannte ich nicht. Was nichts bedeutet, ich kenne mich ganz gut aus und kenne doch fast alle nicht. Die Situation, ein Mann am Flughafen, der sich selbst und die anderen beschreibt: die Perspektive, die Sprache: das macht sie sehr gut! Die Atmosphäre am Flughafen, das evoziert sie sehr lebensnah und ich kann mir auch vorstellen, dass sie das über den gesamten Text beibehält.

    Norbert Scheuer (Überm Rauschen). Auf den ersten Blick ist das Cover des Buches eine Frechheit, der Titel alles andere als grandios. Zumindest das letztere kann sich ja noch verändern, wenn die Worte in einen Zusammenhang mit anderen Worten gerückt werden; und hier springt der Funke leider nicht über.

    Kathrin Schmidt (Du stirbt nicht) hat das interessanteste Thema, aber ich habe auch die größten Erwartungen daran: eine Frau, die sich an der Schwelle des Todes noch einmal umgedreht hat und wieder zurückgeht. Zurück ins Leben und zurück ins Sprechen. Diese Auseinandersetzung mit Sprache ist eine qualitativ andere, als wenn einer und eine, und nicht nur einer, sondern viele, denen nichts einfällt, ihre eigenen Beschränkungen mit denen der Sprache verwechseln und behaupten: die Worte reichen eben bedauerlicherweise nicht aus. Sie reichen nicht, um den Reichtum der eigenen Eingebungen Genüge zu tragen. Kleine Behauptung am Rande: die Worte reichen durchaus, sonst würde man nicht empfinden können, dass sie nicht ausreichen. Bei Frau Schmidt komme ich nur leider mit den Worten Hückelhoven und Häwelmann nicht zurecht. Aber vielleicht geht das einer Muttersprachlerin anders. Ich bin ja, wie ich letztens feststellen musste, Vatersprachlerin.

    Thomas Stangel (Was kommt), hat für mich den schönsten Textausschnitt abgeliefert. Mit einer verwegenen Perspektive, die der Titel bereits beschreibt und nebenbei formuliert er auf zwei schmalen Zeilen, wie jemand sich einen Kuss vorstellt, die Zunge des anderen mit der eigenen zu liebkosen, und das ist schöner als bei vielen, die über Sex schreiben als schrieben sie übers Schweineschlachten.

    Clemens J. Setz (Die Frequenzen) ist so alt wie ich, spricht fünf Sprachen, spielt Piano und hat schon dicke Romane geschrieben, mit hohem Faktor in Sachen Wunderkind. Kann leider wegen Befangenheit meinerseits nicht besprochen werden.

    Mirko Bonné (Wie wir verschwinden). Die Langsamkeit, mit der er seinen Text gestaltet, das erneute Ansetzen, das Widerholen, das gemächliche Ausarbeiten einer Szene, das gefällt mir sehr gut. Auch wenn das Thema, der Tod Camus, mich nicht wirklich fasziniert. Wenn einer gut schreiben kann, kann er den Leser für alles interessieren. Die Frage ist, ob einer in dem Ton ein ganzes Buch schreiben kann. Dieser Textausschnitt bietet von den 20 Textausschnitten auch den besten Textausschnittsabbruch. Und abbrechen, im Großen und im Kleinen, muss man auch können. Bei Sätzen, bei Vorstellungen, und Bildern, bei Kapiteln, bei Büchern.

    Peter Stamm (Sieben Jahre): ich komme nicht rein. Das mag wohl am Thema liegen. Ich spüre einen heftigen Widerstand gegen die Geschichte eines Mannes, der seine Geliebte schwängert und dessen Frau darauf höchst verhalten reagiert. Tut mir leid. Vor allem, weil der Stil von Stamm als ein lakonischer bezeichnet wird. Das empfinde ich als Lebenseinstellung nicht sehr spannend, umso spannender hingegen als Schreibweise.

    Terézia Mora (Der einzige Mann auf dem Kontinent). Ich habe, das muss ich zugeben, mich selbst in zehn Jahren erwartet. Ein überschaubares Werk von mit viel Lob bedachter anspruchsvoller Literatur liegt bereits hinter ihr, sie spricht zwei Sprachen, übersetzt auch aus der einen in die andere, sehr sensibel, was den Umgang mit diesem Werkzeug angeht, und, so habe ich mir ihr (und mein) Schicksal zurechtgelegt, bevor ich ein einziges Wort gelesen hatte: die geheime Mitfavoritin auf den Preis. Seltsamerweise habe ich mich von dieser Fantasie nicht einen Moment über lösen können. Von dem Text war ich, glaube ich, bis auf eine Stelle an der eine Frau einen Mann anziehend findet, eher enttäuscht. Hoffentlich werde ich von mir nicht auch eines Tages enttäuscht sein.

    Am Ende dieser Zusammenstellung findet sich noch ein schöner kleiner Text von Georg M. Oswald, der keinem Roman entnommen und nicht für den Preis nominiert worden ist, „Bezahlt werden”. Wenn er einen Untertitel führen würde, lautete der: Der Autor und sein Vermieter. Hier wird etwas beschrieben, worüber ich mir mit meinem Wunsch Schriftstellerin zu werden, eigentlich noch nie Gedanken gemacht habe: Geld verdienen zu müssen. Von der Schwierigkeit, Geld mit Literatur verdienen zu müssen!

    Insgesamt stelle fest, dass dieser Preis nicht meiner ist und ich besser eigene Wege gehe. Vielmehr, ich suche nach meinen eigenen Wegen und lasse sie mir nicht von solchen Hitlisten vorschreiben. Immerhin weiß ich, was ich als Nächstes lesen werde. Das werde ich hier auch besprechen, aber es wird wohl Weihnachten werden: Roberto Bolano „2666″.

    Und jetzt muss ich noch ein kleines Problem lösen:

    Sibylle Berg (Der Mann schläft). Wenn ich nicht mit ihr habe anfangen können, so kann ich immerhin mit ihr aufhören. Man verreißt keine Bücher. Das hat keinen Stil. Dann sollte man es lieber nicht besprechen. Es gibt es nun einmal Bücher, die passen nicht zur Rezensentin. So ist das mit diesem Text auch. Und statt ihn zu verreißen, zitiere ich ihn:

    „Ich nannte ihn nur „der Mann”, damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt.
    Er war die Antwort auf alle Fragen, die ich mir, bevor wir uns trafen, nicht gestellt hatte. Sie waren unklar immer da gewesen, wie ein Hunger, und ich hatte sie Sehnsucht genannt oder Heimweh.
    Dass alles, was das Leben an großartigem für mich bereithalten würde, nur ein Mensch war, hätte mich beschämen können, doch es war mir völlig unwichtig, vor mir selber glänzend darzustehen.
    Zum Glück! Denn sonst hätte ich den Tisch mit silbernen Kerzenleuchtern decken müssen, zu klassischer Musik, ich würde gut riechende Plunderteigstücke aus dem Umluftofen nehmen, sie mit selbsteingekochter biologischer Konfitüre bestreichen, und die Kinder rufen: Rainald, Beatrice, poschalista. Die Kinder würden multilingual aufwachsen und ausschließlich Sprachen beherrschen, die ich nicht verstand. Mein Mann käme zu Tisch, und er trüge einen Kaschmirschal um den Hals, unter dem er offene und sehr rare Geschwüre versteckt hielte.”

    Das ist die Sprache einer vierzehnjährigen. Da ist kein einziger Satz, der halbwegs gerade ist („sie waren unklar immer da gewesen”) und dem ich folgen kann. Ich verstehe die Bilder nicht, die Sätze nicht, ich verstehe die Überleitungen nicht und ich verstehe auch den Sinn nicht: wie können multilingual aufwachsende Kinder Sprachen (also mehr als die beiden Sprachen der Eltern) sprechen, die die Eltern nicht sprechen? Und warum gibt diese Figur ihren Kindern dann Anweisungen, sie die ja nicht verstehen? Und wenn dieses poschalista eine Anweisung aus einer dieser unbekannten Sprachen ist, dann spricht die Figur die Sprache ja doch! Vielleicht sollte Frau Berg, die sicher keine blasse Ahnung von den Schwierigkeiten kindlichen Zweitsprachenerwerbs hat, sich besser mit dem Erwerb einer ersten Sprache beschäftigen als sich über die zweite oder dritte Gedanken zu machen.

    Aber wie gesagt, Verrisse haben keinen Stil. Ich habe gerade keinen Stil! Ich entschuldige mich auch ausdrücklich dafür! Und ich kann‘s dennoch, wie sehr ich auch drücke, nicht unterdrücken.

    Ach ja, bevor ich das vergesse, die Frage liegt den Lesern und natürlich den Leserinnen schon die ganze Zeit auf der Zunge: Was ist eigentlich mit dem einzigen Mann, der den Tellkamp zu Ende gelesen hat? Hier muss ich eingestehen, dass ich in meinem Urteil zu schnell gewesen bin. Jetzt habe ich genauer hingeschaut und da stellt sich zu meiner eigenen Überraschung heraus: das war ein Transvestit. Vielmehr eine Transvestitin. Ein crossdresser oder eine crossdresserin. Was immer es sonst noch war, es war jedenfalls ein Irrtum.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.