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Aléas Anordnungen

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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom September, 2009

    29 September 2009

    Der Herzog von Charost

    Dies ist die Geschichte vom idealen Leser.

    Der Herzog von Charost ist auf dem Weg zum Schafott. Ich kann mich nicht an sein Vergehen erinnern, ob er, nach damaligem Verständnis, zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Er sitzt hinten auf einer Pritsche und liest seelenruhig in einem Buch. Dann kommt der Wagen an den Ort an dem das Urteil vollstreckt werden soll. Und dieser Mann, diese Heroe der Lesekultur, was macht er, Minuten bevor er guillotiniert wird? Er macht, bevor er das Buch zuschlägt, ein Eselsohr hinein! Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Dekapitation, die gewaltsame Abtrennung des Kopfes vom Rumpf; die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Tod überlebt, ist ja nun wirklich denkbar gering. Aber für den Fall, dass es doch so sein sollte, könnte er, kopf- und leblos wie er dann nun einmal ist, gleich an der Stelle weiterlesen, wo er, zu seinem Unbill, die Lektüre hatte unterbrechen müssen.

    Ich würde gerne wissen, was er da gelesen hat. Das kann eigentlich nur Shakespeare gewesen sein. Die Frage ist natürlich: Komödie oder Tragödie?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 September 2009

    Am Rand der Worte

    Ich habe in dem Beitrag zu Tolstoi die Formulierung gebraucht, dass, als mir mein Vater vorlas und ich den Worten folgte, sich meine Imagination am Rande seiner Worte bewegte. Das war nur so dahin gesagt. Ich bin eine große Anhängerin vom Dahinsagen. Schreiben und Denken haben nicht viel miteinander gemein. Das eine ist sinniger, das andere sinnlicher Natur. Wenn ich überlege, was ich schreiben will, dann denke ich bereits: und das ist es, was dem Schreiben im Weg steht. Bei mir ist das jedenfalls so. Drauflos Formulieren ist das einzige Mittel gegen Formulierungsschwierigkeiten. Denken kann ich später immer noch. Erst einmal sehen, wohin mich das Formulieren führt. Auch wenn ich dann irgendwo lande, wo ich nicht hin wollte, auf der Müllkippe, statt im Paradies. Dann muss ich davon ausgehen, dass der Wunsch nach dem Paradies nur ein vorgeschobener war und den ei-gentlichen Wunsch verdeckt hat. Außerdem ist die Müllkippe für Schriftsteller und Schriftstellerinnen der vielversprechendere Platz. Wenn kein Mangel mehr herrscht, wenn alles da ist und auch da ist wo es hingehört, dann kann ich mit dem Suchen und dem Formulieren aufhören.

    Mit dem Rand der Worte meine ich nicht den ersten und den letzten Buchstaben. Das wäre der materielle Rand. Ich spreche vom metaphorischen Rand. Inmitten eines Wortes ist dieses mit sich identisch. Mit der Mitte meine ich seine lexikalische Ebene: Es ist dieses eine Wort und nichts sonst. Und mit Worten ist das so wie mit allem anderen auch: Etwas ist es selbst, weil es nichts anderes ist. Dieses andere aber zeigt sich an den Rändern: Dort, wo ein Wort auf andere Worte verweist. Worte, die an seinem Horizont erscheinen. An seinen Rändern ist ein Wort sehr viel mehr als nur es selbst: es ist der Verweis auf andere. Es ist ein Verweis darauf, wie es weitergeht. Und Weitergehen ist die Grundstruktur alles Narrativen.

    Mit dem sich am Horizont andeutenden Wort: damit meine ich nicht das nächste Wort in der Reihe des Satzes. Sondern einfach ein anderes Wort. Irgendeines! Das muss nicht unbedingt das Wort sein, das der Autor des jeweiligen Texts dorthin gesetzt hat. Es kann auch jedes andere sein. Die Imagination klebt nicht an den Worten: sie löst sich vielmehr von ihnen, und das bereits bei der allerersten Gelegenheit. Die Imagination geht ihre eigenen Wege. Sie ist amoralisch und hat nicht viel übrig für die biedere Buchstabentreue.

    Worte sind seltsame Gebilde, die sich sowohl durch ihre Genauigkeit auszeichnen, denn alle denken bei einem Wort an dasselbe – sonst ließe es sich nicht in einem Lexikon abbilden und nicht übersetzen – und zur gleichen Zeit durch ihre Ungenauigkeit, alle denken, bei demselben Wort an etwas anderes. Wir denken darüber hinaus. Nehmen wir das Wort Liebe. Wir denken alle an dasselbe. Und doch denkt jeder etwas anderes, was über den bloß lexikalischen Corpus hinausgeht. Frauen denken partiell anderes als Männer, Enttäuschte anderes als Verliebte und ein jeder hat seine eigenen Erinnerungen, die sich in das vage und unbestimmte Gefühl von Liebe hineinmischen.

    Kunst des Autors ist es nun, den Leser an so kurzer Leine zu halten wie nötig und an so langer wie möglich. Der Autor muss dafür sorgen, dass sein Leser an den wesentlichen Abzweigungen mit abbiegt und gleichzeitig muss er ihn seine eigenen Wege gehen lassen. Der Leser muss dem Autor vertrauen, dass er deutlich macht, wenn rechts abgebogen wird. Und der Autor muss seinem Leser vertrauen, dass der nicht die ganze Zeit dämlich hinterhertrottet, sondern seine eigenen Wege geht und dennoch mitbekommt, wo rechts abgebogen wird. Wenn ein Schriftsteller das kann, dann ist er gut. Nur schlechte Autoren wollen, dass die Leser ihnen permanent folgen. Schlechte Autoren, einsame Autoren und solche, die Angst vor der Untreue ihrer Leser haben. Und die vergessen, dass Treue sich nicht aufgrund fehlender Gelegenheiten zur Untreue manifestiert, sondern erst durch diese Gelegenheiten.

    Während mein Vater Anna Karenina las, ist meine Phantasie ihre eigenen Wege gegangen. Ich habe mich am Rand seiner Worte bewegt, balancierend zwischen Treue und Untreue, zwischen der Fantasie des Autors und meiner eigenen, zwischen Genauigkeit und Ungenauigkeit. Ich habe in jenem Sommer im Garten, mit den Grillen und den Hummeln im Ohr, auf der Bank liegend die Worte meines Vaters gehört, aber in diese Worte haben sich auch jene gemischt, die ich im darauffolgenden Winter hörte, als ich auf derselben Bank saß, die dann in der Küche stand, wo der Kanonenofen in der Ecke bullerte, die Holzscheite knackten und die Worte meines Vaters von Madame Bovary erzählten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 September 2009

    Aléa

    Mein Vater ist ein gebildeter Mensch. Und er hat einen ausgefallenen Humor. Er hielt das vor 26 Jahren bestimmt für einen guten Witz, als er den Nachnamen seiner Frau Magdalena Torik annahm und seine Tochter Aléa nannte.

    Alle Buchstaben meines Vornamens finden sich auch in dem Vornamen meiner Mutter. Mein Vorname ist die zweite Hälfte des Namens meiner Mutter, mit einem weggefallenen Konsonanten, einer Synkope oder Elision: Aléa oder Elia vielmehr Elija im Hebräischen אליהו‎ – Elijahu. Dieser Name „Mein Gott ist der Herr (JHWH) also Jahwe, steht dann auch am Kreuz Christi. In der christlichen Auffassung kehrt Elija als Johannes der Täufer wieder und damit als derjenige, der das baldige Erscheinen des Messias prophezeit. Auch in der chassidischen Überlieferung ist Elija derjenige, der einen anderen ankündigt, der ihm folgt. Außerdem hat Elias eine auditive Ähnlichkeit mit der Ilias, dem großen Werk des Homer, das vor allem vom Zorn des Achill berichtet. Der vor den Mauren Trojas Hektor zu Tode schleift und dem dann, von Paris und Deiphobos erschlagen, Polyxena geopfert wird, die schöne Schwester der Kassandra. Kassandra, die Hellseherin, die Dinge ankündigt, die noch nicht sind. Aber nicht nur der Zorn ist ein Kennzeichen des Achill, auch seine Schnelligkeit (in der Regel im Kampf). Deswegen bestreitet er auch jenes ominöse Wettrennen gegen die Schildkröte, so berichtet es jedenfalls Zenon von Elea. Wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt heißt Alea “Die Aufsteigende”. Alea ist auch verwandt mit Eulalia, was sich aus den beiden Silben eu (gut) und lalein (reden) zusammensetzt, also die gut Redende oder die Sprachgewandte. Soviel zu meinem Vornamen.

    Ich hatte, wenn ich richtig verstehe, niemals die Wahl und nie die Aussicht, anderes zu unternehmen als etwas mit Sprache.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 September 2009

    „Unendlicher Spass“ I

    Julian: hör mir bitte zu!

    Das Anstrengende beim Lesen vom Unendlichen Spaß ist, das, obwohl sich das Verhältnis des Lesestoffs permanent verändert, so, dass das noch zu Lesende weniger, das bereist Gelesene mehr wird, sich trotz dieser permanenten Verschiebung die Gesamtmenge des Lesestoffs, was in diesem Fall vor allem mit dem Wort Gesamtgewicht beschrieben werden kann, in keiner Weise verändert. Klartext: Wenn ich mit dem Ding fertig bin, habe ich Oberarme wie Schwarzenegger. Und dann ändert sich der Ton zwischen uns beiden (es fällt das Bitte in der Anrede weg!).

    Du musst den Unendlichen Spaß lesen. Ich schwanke! Ich schwanke zwischen euphorisiert und deprimiert, und zwar fortwährend. Ich schwanke von Kapitel zu Kapitel, innerhalb der Kapitel, ich schwanke innerhalb der Sätze und manchmal schwanke ich sogar innerhalb einzelner Worte. Ich bin hin- und hergerissen, zwischen Lach- und Heulkrämpfen. Heulen ist aber gerade im Übergewicht. Weil ich auch dann heule, wenn mir eigentlich zum Lachen zumute ist. Umgekehrt passiert‘s aber nicht.

    Hier geht’s um Mathematisierung von Tennis:

    „Und Schtitt, der in formaler Mathematik ungefähr so bewandert ist wie ein taiwanischer Kindergärtner, wusste dessen ungeachtet etwas, das Hopman, van der Meer und Bollettieri entgangen sein dürfte: dass das Lokalisieren von Schönheit, Kunst, Magie, Vollendung und Wegen zu Rang und Sieg im weitschweifeigen Fluss eines Tennisspiels keine fraktale Frage der Reduktion von Chaos auf Muster ist. Spürte intuitiv, dass es überhaupt keine Frage der Reduktion war, sondern vielmehr – perverserweise – eine der Expansion, des aleatorischen Flatterns unkontrollierten, metastasierenden Wucherns – jeder gut geschlagene Ball erlaubte n mögliche Reaktionen, diese wiedrum erlaubten 2 hoch n mögliche Reaktionen und so weiter bis in ein, wie Incandenza es gegenüber jedem formulieren würde, der in seinen beiden Disziplinen beschlagen wäre, cantorianischen Kontinuum der Unendlichkeiten möglicher Bewegungen, cantorianisch und schön, weil infoliiert, inkludiert, diese diagnatische Unendlichkeit der Unendlichkeiten von Wahl und Ausführung, mathematisch unkontrolliert, aber menschlich inkludiert, eingegrenzt von Talent und Imagination bei Ich und Gegner, auf sich selbst zurückgekrümmt durch die inkludierenden Grenzen von Geschick und Imagination, die den einen Spieler schließlich zu Fall brachten, beide vom Siegen abhielten und schließlich ein Spiel schufen, diese Grenzen des Ichs.”

    Der Anfang dieser Stelle, dass ein Chaos, das sich auf ein Muster reduzieren lässt, bereits kein Chaos mehr ist, weil Chaos jedwede Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit per se ausschließt, das finde ich sehr schön! Und die dem Ich gesetzten Grenzen von Geschick und Imagination, am Ende der Textstelle, auch das gefällt mir gut. Aber die Sache von cantorianischem Kontinuum bis diagnatischer Unendlichkeit, die verstehe ich nicht, also bring deinen Laptop mit!

    Ich weiß noch gar nicht, wie ich mit solchen Stellen umgehen soll: entweder ich arbeite mich in diese ganzen spezifischen Themen- und Wortfelder ein, und da gibt’s weiß Gott noch anderes als Fraktale Physik, oder ich belasse es einem oberflächlichen Verständnis und lese einfach so drüber, in der Hoffnung, das reicht irgendwie aus. Aber wenn man einmal anfängt mit dem Überlesen und der Hoffnung, es reiche aus, es reiche eben irgendwie so gerade aus, ja, was dann? Das Einarbeiten in die verschiedenen Themenfelder hilft einem aber auch nicht, wenn du mit fraktaler Geometrie und Quantenphysik durch bist, kommt gleich das Nächste, dann musst du dich in die Wirkweise von Medikamenten einarbeiten und in die Psychiatrie.

    Endlich mal wieder ein Buch, in dem mein Name vorkommt. Ich dachte schon, den kennt keiner mehr. Was für eine furchbare Vorstellung (du erinnerst dich an meinen Beitrag hier zu Gelotologie), langsam in die veralteten Worte abzurutschen und irgendwann ganz aus dem Lexikon heraus zu fallen. So weit darf es nicht kommen! Da bekomme ich nämlich das aleatorische Flattern.

    Dieser Wallace ist unfassbar respektlos. Und du weißt, wie sehr mir so etwas gefällt (in der Literatur wohlgemerkt) und dann wieder ausgesprochen sensibel und empfindsam. Entweder feuere ich den auch irgendwann gegen die Wand oder zur übersichtlichen Gruppe der richtig guten Sachen ist ein weiterer Vertreter hinzugekommen.

    Oder hör dir das hier, am anderen Ende des sprachlichen Kompetenzfeldes, nach Abschaffung der indirekten Rede.

    „Wenn sie zu Reginald seiner Mama geht, sagt sie, dann geht Reginald seine Mama zu Wardine ihrer Mama, und dann glaubt Wardine ihre Mama, Wardine ist am Rummachen mit Reginald. Wardine sagt, ihre Mama sagt, wenn Wardine einen Mann an ihr rummachen lässt, und sie ist noch keine sechzehn, dann schlägt sie Wardine tot.”

    Ich bin AUSLÄNDERIN! Ich dachte das Buch sei übersetzt worden!

    Hier der letzte Lachkrampf: Wallace bezeichnet eine Schwangerschaft als Chromosomenkrieg!

    Julian, sag deinem Mäc Kinsey, dass du dich nicht mehr für Optimierung von Arbeitsprozessen interessierst. Weil das einfach totlangweilig ist. Und dass du dich jetzt wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zuwenden wirst. Dass deine Bewerbung ein Fehler war, ein grandioser Fehler, aber dass du eine Freundin hast, die dich wieder auf den Pfad der Tugend gebracht hat. Sag dem das! Mit stolzgeschwellter Brust musst du das formulieren. Streck ihm zum Abschied die Zunge raus! Und jetzt geh in die Buchhandlung und kauf dir diesen Ziegelstein. Wir treffen uns in einer Stunde am Märchenbrunnen zum Lesen. Es wird Zeit, dass du deinen Hintern mal wieder im Rhythmus der Literatur bewegst, mein lieber Freund!

    Und schalte endlich dein Telefon wieder ein. Das hier ist mein Blog und keine Nachrichtenzentrale für schwule Unternehmensberater, die sich in besseren Zeiten mal für Thomas Pynchon interessiert haben.

    Auf der anderen Seite: es gibt hier sowieso keine Leserinnen mehr. Ich habe gestern mit einer Frau aus dem Verlagswesen gesprochen, die sagte mir, Sibylle Berg hätte „unheimlich viele Anhängerinnen”. Nachdem ich ihr eine geknallt habe (der Frau Berg, meine ich), werden wahrscheinlich die wenigen Leserinnen, die ich hatte oder hätte haben können, allesamt mit Sack und Pack zu Sibylle Berg umgezogen sein. Wir beide sind hier sozusagen unter uns!

    Sibylle Berg, hat diese Frau gesagt, die im Übrigen sehr nett ist und bald ein Kind bekommt, habe einen sehr eigenen Ton! Also dieser Literaturbetrieb in diesem Land: Zuerst wird alles mit der Mähmaschine auf gleiche Höhe gekürzt, du bekommst dein Zeug wieder zurück – wie dieser Reinhard, von dem ich dir erzählt habe, der schreibt richtig gute Sachen, bekommt aber kaum etwas anderes zu hören, als dass das alles viel zu eigensinnig sei – und wenn‘s dann alles die gleiche Länge hat, loben sie dich, wenn du doch drüber hinaus wächst. Der Literaturbetrieb ist ein bisschen – wie heißt das in Mille Plateaus? – schizoid. Kapitalismus und Schizophrenie! Die Frage ist, ob eine Zensur aus kapitalistischen Erwägungen anders funktioniert als aus politischen. Ich weiß, dass sie moralisch anders zu bewerten ist, die Frage ist aber, ob sie deswegen auch eine andere Struktur hat.

    Du siehst, ich bin in der Verfassung zu streiten. Bring dir Hilfe mit! Bring auch das Brot und den Käse mit, den es in der vergangenen Woche bei dir gab. Und Bionade (Holunder!).

    Beeil dich! Sei pünktlich! Und grüß deine Mutter! Hihi!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 September 2009

    Lolita II

    Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich vor einiger Zeit die ersten Zeilen aus Vladimir Nabokovs „Lolita” kommentarlos hierherstellte, dass ich noch etwas dazu sagen will. Ich kenne einiges von Nabokov und war immer angetan. Jedenfalls habe ich in Erinnerung, angetan gewesen zu sein. Da ich viel lese, vergesse ich auch viel. Mindestens ebenso viel wie ich lese. Vielleicht euch ein kleines bisschen mehr. Da ich nicht gut im Rechnen bin, halte ich‘s nicht so genau nach. Es ist ein rein und raus in meinem Kopf. Das fühlt sich auch ganz gut an. Ich glaube nicht, dass es sich besser anfühlte, wenn es immer nur rein ginge.

    Jetzt habe ich ein paar Tage lang meine unteren Extremitäten baumeln lassen und mit den oberen das Buch gehalten. Und es dabei auch gelesen. Lolita scheint mir nicht Nabokovs bester Roman zu sein. Das Buch ist vor allem seiner chronique scandaleuse wegen bekannt. Dieses Thema – Pädophiler missbraucht Minderjährige – hat heute, so skandalös es ist, längst nicht mehr die Sprengkraft, die es im prüden Amerika der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte. Der Roman erinnert an Herman Melvilles „Moby Dick”: In beiden Büchern werden, neben dem eigentlichen Handlungsverlauf herlaufend, theoretische Exkurse zum jeweiligen Thema geboten. Der Grund, warum ich noch etwas zu dem Buch sage, ist dieser: Nabokov trifft nach dem ersten Teil des Textes, nach knapp der Hälfte seines Umfangs, eine folgenschwere Entscheidung, mit der er, wie ich die nächsten zweihundert Seiten meinte, seinen Roman regelrecht kaputt macht. Ein Konstruktionsfehler! Bis er ihn dann am Ende, auf den letzten Seiten, fulminant und dennoch absolut unspektakulär repariert. Aber der Reihe nach.

    Präludium: Das Buch ist die Autobiografie des pädophilen Humbert Humbert, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt und dort seine Geschichte notiert. Das kurze Vorwort eines Herausgebers informiert uns, dass Humbert zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits verstorben ist. Die letzten Zeilen teilen uns mit, dass dieser Text erst veröffentlich wird, wenn Lolita nicht mehr lebt. Beide Protagonisten sind also zum Zeitpunkt der Lektüre nicht mehr am Leben. Humberts Autobiografie entsteht zwischen seiner Verhaftung und dem Beginn seines Prozesses. Er will damit die Richter beeinflussen und für sich einnehmen. Also: seine Leser natürlich. Wir können uns von Anfang an auf einen hoch suggestiven Stil einstellen.

    Im ersten Teil beschreibt Humbert seine Neigung zu den von ihm verniedlichten “Nympchen”, wie er die 12-jährige Lolita (dabei belasse ich es, obwohl das Mädchen mit bürgerlichem Namen Dolores heißt) kennen lernt und ihre verwitwete Mutter heiratet. Die findet durch Humberts geheime Aufzeichnungen heraus, dass er in Wahrheit ihre Tochter begehrt und sie selbst lediglich als notwendiges Übel hinnimmt, um sich des Kindes zu bemächtigen. Die schockierte Frau schreibt sofort einige Briefe und wird, als sie die zum Briefkasten bringt, vom Auto überfahren. Lolita, die sich zu diesem Zeitpunkt im Ferienlager befindet, gerät dadurch in die Hände Humberts. Der behauptet dem Mädchen gegenüber, als er sie dort abholt, ihre Mutter liege im Krankenhaus. Nach der ersten gemeinsamen Nacht mit der 12-jährigen will Lolita ihre Mutter anrufen. Daraufhin sagt Humbert ihr die Wahrheit, dass die Mutter tot ist. Damit endet der erste Teil des Romans.

    Interludium: Autor und Autorin haben es immer mit den Erwartungen der Leserschaft zu tun. Zwischen Erwartung und Erfüllung dieser Erwartung liegt in der Regel ein Spalt. Die Autoren wissen das natürlich und ein erfahrener Autor, kann mit dieser Differenz spielen. Ein Spiel, das Nabokov exzellent beherrscht (man müsste sogar sagen: er hat ein nahezu kriminelles Gespür für die Erwartungen seiner Leser). Der Erwartungshorizont der hier aufgebaut wird, ist dieser: Wie reagiert die soeben missbrauchte Lolita darauf, dass die Mutter tot und sie selbst damit dem Täter hilflos ausgeliefert ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: gar nicht. Vielmehr, und das ist der Grund, warum ich von einem folgenschweren Konstruktionsfehler gesprochen habe, Nabokov lässt sie nicht reagieren.

    Im zweiten Teil wird der Roman zum Roadmovie: die beiden fahren durch Amerika, von einem Motel ins nächste, von einer Nacht und von einem Geschlechtsakt zum nächsten. Nirgendwo bleibend, immer unterwegs auf einer Reise, für die, das weiß Humbert genau, nur ein Ende vorstellbar ist: das Kind wird in die Pubertät kommen und jeglichen erotischen Reiz für ihn verlieren. So kommt es dann auch und es kommt noch anders: er verliert Lolita an einen Konkurrenten, unglücklicherweise ebenfalls ein Pädophiler, den Humbert schließlich aufspürt und brutal hinrichtet. Die Entscheidung Nabokovs, den ersten Teil mit der Mitteilung des Todes der Mutter zu beenden und im zweiten Teil dann die Auswirkungen dieses Todes darzustellen, nämlich die totale Ausweglosigkeit Lolitas, die ein Kind ist und die auf Humbert angewiesen ist bedeutet hier: Es wird an keiner einzigen Stelle etwas darüber gesagt, was dieser Tod für Lolita bedeutet. Der Leser erfährt nichts über das Innenleben, das Gefühlsleben dieses Kindes. Es wird alles aus der Sichtweise Humberts geschildert: wie er sich das Mädchen sexuell gefügig macht, welche Gefahren, welche Ängste er ausstehen muss. Aber kein Wort über die Ängste des Mädchens. Und genau das will der Autor. Er beschreibt die absolute Uneinsehbarkeit einer Figur: Humbert kommt nie an das heran, was das Mädchen über ihn denkt. Er bekommt sie nie wirklich zu greifen. Und genau dies ist es, was der Leser nicht will: er will wissen, was in dem Mädchen vorgeht. Die Sicht des Täters ist dem Leser sogar unangenehm, und gerade eines solches Täters, wie Humbert einer ist, intelligent, gebildet und immer versucht die Richter und Leser auf seine Seite zu ziehen. Weil er sein Sensorium auf Abwehr eingestellt hat. Und mehr als zweihundert Seiten mit auf Abwehr eingestelltem Sensorium: das kann ganz schön an den Nerven zerren.

    Postludium: Erst auf den letzten Seiten wird der eigentlich Skandal dieses Buches deutlich, der von dem sogenannten Skandal überschattet wird. Der sogenannte Skandal ist der Missbrauch einer Minderjährigen, das ruinierte Leben eines Kindes, die später, nicht einmal volljährig, schwanger wird und über deren weiteres Schicksal sich das Buch züchtig zurückhält; aber man weiß heute, dass solche Schicksale nahezu irreparabel sind. Nach der Hinrichtung des Konkurrenten durch Humbert, die so maßlos brutal ausfällt, weil sich darin auch der Versuch der Hinrichtung seiner eigenen Neigungen widerspiegelt, auf den letzten Zeilen dieser Lebensgeschichte wird es dem Leser – wurde es mir jedenfalls – bewusst, und ich hatte eine Gänsehaut dabei: der eigentlich Skandal, der viel schwerer wiegt als der vorgebliche, ist, dass Humbert Lolita wirklich über alles geliebt hat. Nicht der Missbrauch ist der Skandal, sondern die Liebe.

    Das hätte Nabokov nicht besser einfädeln können. Da hat er mich doch mehr als zweihundert Seiten lang hinters Licht geführt, der alte Fuchs.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 September 2009

    Das Unanständigere

    Was ist eigentlich das Unanständigere: jede Nacht mit einem anderen ins Bett zu gehen oder jede Nacht mit demselben?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 September 2009

    Kultbücher II

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Die Frage ist, ob der Kiepenheuer & Witch Verlag gerade eines im aktuellen Programm hat: „Infinite Jest” von David Foster Wallace, „Unendlicher Spaß”.

    Ich habe das vor einigen Tagen in meiner Besprechung, in meiner Anmoderation der zwanzig longfishlist Titel für den Deutschen Buchpreis nicht erwähnt, ich habe vielmehr offen von Roberto Bolaño und seinem hochgelobten Roman „2666″ gesprochen; ich hätte nicht gesagt, dass die oberen zweihunderttausend Leser in Deutschland für „Unendlicher Spaß” in Frage kommen, ich hätte das anders formuliert, etwas genauer nämlich, ich hätte gesagt, dass die oberen einhundertneunundneunzigtausendeinhundertneunundneunzig Leser dafür in Frage kommen, wenn nicht, ja, wenn ich es nicht bereits in Händen gehalten hätte.

    Ich vermute, bei der Seltenheit mit der ein Mensch in seinem Leben in so eine Situation gerät, dass er ein Kultbuch in Händen hält, es auch in meinem eigenen Leben nicht viele Gelegenheiten geben wird, wo mir das noch einmal passiert. Mit anderen Worten: ich habe den Bolaño noch einmal an die Seite geschoben und Wallace den Vorzug gegeben. Ich weiß zwar nicht, was ein Kultbuch ist, aber ich vermute ganz stark, ich bin sogar sehr sicher, dass nicht die Autoren, und auch nicht die Verleger mit ihrem Marketing, sondern nur die Leser aus einem Buch ein Kultbuch machen können. Ich mache jetzt also mit, beim kultivieren dieses ominösen Buchs. Und da ich ja sowieso, was das Lesen betrifft, lieber an den großen Schrauben drehe, bin ich bei dem Buch wohl genau richtig.

    Wo wir schon einmal bei Schrauben sind, hier noch eine kleine Anekdote von David Foster Wallace, aus einem Artikel des Spiegel, nach Wallace Selbstmord im vergangenen Jahr. David Foster Wallace ruft seinen Vater an, weil die Reifen an seinem Auto einen Plattfuß haben und er wissen will, wie man sie wechselt. “Wie bekomme ich das Rad vom Auto runter?”, fragte er am Telefon. “Du musst die Schrauben gegen den Uhrzeigersinn drehen”, sagte der Vater. Stille. Dann: “Ich habe meine Uhr nicht dabei, Papa.”

    Und auf diesen Mann lasse ich mich jetzt ein. Der Himmel stehe mir bei!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 September 2009

    Kultbücher I

    Ich weiß nicht, was ein Kultbuch ist. Dagegen gibt es eigentlich eine klassische Therapie: sich informieren. Will ich aber nicht. Ich könnte es stattdessen einfach definieren. Das wäre ein bisschen großmäuliger und sehr viel anstrengender. Will ich auch nicht. Ich plaudere also im Folgenden nur vor mich hin.

    Es gibt viele Aspiranten für Kultbücher, aber Kultbücher gibt es nur wenige. „Winnetou”, „Das Dschungelbuch”, „Der Struwelpeter”, „Der kleine Prinz” „Alice im Wunderland”, “Harry Potter” Tendenziell alles Kinderbücher, durch Jahre und Jahrzehnte hinweg gleichermaßen von Erwachsenen gelesen. Aber sind das Kultbücher? Wenn Dauer des Erfolges ein Kriterium ist, dann kommen als Anwärter vor allem die in Frage, die es schon seit Jahrhunderten gibt „Die göttliche Komödie”, „Das Dekamerone”, „Tausend und eine Nacht”, „Die Handschrift von Saragossa”. Die Höhe der Auflage und wie sie zustande kommt (im Jahr des Erscheinens, über Jahre und Jahrhunderte, in einem Land oder über den Globus verteilt) ist bei der Frage, ob ein Buch Kultstatus hat, ebenfalls unbedeutend. „Hundert Jahre Einsamkeit”: einer der bestverkauften Romane aller Zeiten und sein Autor, Gabriel García Márquez, ist einer der bekanntesten Existenzen auf diesem Planeten. Oder „Das Parfum” von Patrick Süskind ist wohl das bis heute meistgelesene Buch deutscher Sprache. Bücher, die außergewöhnlich gut beim Publikum angekommen sind. Beide sind meinem Dafürhalten nach keine Kultbücher.

    Selbst die in Deutschland hochheilige Riege aus Thomas Mann, Hermann Broch und Elias Canetti: keiner hat je ein Kultbuch geschrieben. Kult war eher Robert Musil, mit „Der Mann ohne Eigenschaften”, oder sogar noch eher Hans Henny Jahnn, „Fluss ohne Ufer”. Autoren, die etwas Neues probiert haben, neue Perspektiven, die alte Wege verlassen haben, die radikal anderes versucht haben. Und damit sicher auch gegen die Wand gefahren sind. Das spielt bei einem Kultbuch keine Rolle. Wenn andere Bücher sich verrennen und verkonstruieren, sind sie gescheitert, aber einem Kultbuch kann das nichts anhaben. Kultbuch war „Zettels Traum” von Arno Schmidt. Ich habe es nicht, ich habe es nicht gelesen, ich kenne keinen, der es hat, keinen, der es gelesen hat und ich glaube, all das gehört elementar zu dem Mythos dazu, der sich darum spinnt. Das Buch ist allein vom Umfang und Gewicht her unlesbar. Schmidt Adepten behaupten etwas von 7,6 Kilogramm, und damit ist das zumindest eine buchbinderische Herausforderung. Dagegen sind die 1, 5 kg vom Unendlichen Spaß eher als ein kleiner Scherz zu verstehen. Kaum ein Mensch hat wahrscheinlich Djuna Barnes „Nachtgewächs” gelesen, aber das war wohl ein Kultbuch. Ich glaube, dass „Tristam Shandy” von Laurence Stern ebenfalls eines war. Marcel Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” ist natürlich ein Kultbuch. Auch – trotz oder wegen seines enormen Anspruchs – James Joyce, “Ulysses”. Oder war es doch eher “Finnegans Wake” und der “Ulysses” hat sich bloß besser verkauft?

    [Ich werde niemals wieder Listen machen, weil ich selbstverständlich ganz wichtige Bücher vergessen habe, und jetzt nachträglich einarbeiten muss: Goethes "Werther" war ein Kultbuch, selbstverständlich; und Aldous Huxley mit "Brave New World", Tolkien mit "Der Herr der Ringe"]

    Viele Kultbücher waren, vom Umsatz her betrachtet, wohl eher Katastrophen. Aber auch das katastrophale ist keine Voraussetzung für den Kultstatus. Ebenso wenig die literarische Qualität: „Clockwork Orange” von Antony Burgess war Kult. Auch die Unlesbarkeit ist kein Kriterium, Burgess ist heute beinahe nicht mehr lesbar, aber Joyce war es noch nie. Qualität ist ebenfalls kein Kriterium für den Kultstatus. Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis” ist Sciencefiction, oft nahe am Kitsch, war ein Kultbuch. Ich erzähle die Anfangssituation nach, aber ich erzähle recht frei.

    Hauptfiguren sind Ford Prefect und Arthur Dent. Letzterer liegt zu Beginn des Buches auf der Erde vor seinem Haus. Er liegt da, weil der vor ihm stehende Bulldozer sein Haus abreißen will. Es soll abgerissen werden, weil es einer Umgehungsstraße im Wege ist. Die Leute von der Stadtverwaltung können Arthurs Widerstand nicht verstehen. Die Unterlagen, die über den bevorstehenden Abriss Auskunft geben, liegen schließlich seit vier Wochen im Rathaus. Da er keinen Widerspruch eingelegt habe, wurde das als sein Einverständnis interpretiert. Arthurs Einwand, dass er nicht wusste, dass da Unterlagen zu finden sind, wollen die Leute von der Stadtverwaltung nicht akzeptieren. Dann kommt Arturs Freund Ford Prefect dazu und geht mit dem höchst erregten Arthur erst einmal ein Bier trinken. In dem folgenden Gespräch, redet Ford Prefect auf Arthur ein, dass das mit dem Haus nicht so wichtig sei. Arthur regt sich weiter auf und will wissen, wieso das nicht wichtig sei. Ford Prefect stellt sich als Bewohner eines anderen Sterns heraus und informiert Arthur darüber, dass der Planet Erde in einer Stunde gesprengt wird. Diese Information führt nun nicht dazu, dass Arthur sich beruhigt, ganz im Gegenteil. Ford Prefect erklärt ihm das folgendermaßen: Die Erde wird gesprengt, weil sie einer intergalaktischen Fernstraße Platz machen soll. Die entsprechenden Unterlagen dazu liegen zur Einsicht seit vierzigtausend Jahren auf Alpha Centauri. Die Tatsache, dass niemand gekommen sei und Widerspruch gegen die Sprengung eingelegt habe, wurde als Einverständnis gewertet. Und dann macht‘s auch schon „wummmm” und die beiden schaffen‘s mit Ach und Krach auf ein zufällig vorbeirauschendes Raumschiff und die eigentliche Geschichte geht los.

    Das Buch muss man nicht unbedingt lesen, weil es wirklich nicht die ganz große Literatur ist. Da sollte man lieber eines jener Bücher lesen, die am Kultstatus vorbeigerauscht sind, zum Beispiel „Die Blendung” von Canetti. Douglas Adams kann man auch als Film anschauen, eine zusammengeschnittene Fernsehserie von BBC, am besten im englischen Original, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”, mit englischem Akzent und englischem Humor: komisch und klug, bisweilen zumindest, am besten im Kino mit einem englischen Bier und vielen anderen Leuten die ebenfalls die ganze Zeit über englischen Humor lachen und englisches Bier trinken. Hier gibt’s weitere Informationen zu der Serie von BBC.

    Und jetzt bin ich, nach einem langen und etwas verwinkelten Anlauf endlich dort, wo ich die ganze Zeit hin wollte: Frau Berg! Ich habe mich sofort nach meinem Ausrutscher entschuldigt. Und ich habe Ihnen mit meinem vorletzten Eintrag´die Gelegenheit zur Retourkutsche gegeben. Meine ersten Seiten haben hier gestanden. Da Sie keine Einwände formuliert haben, nehme ich an, dass Sie keine haben.

    Mit den Kultbüchern ist das schwierig. Ich vermute, dass sich überhaupt keine verlässlichen Aussagen darüber treffen lassen, ob ein Buch zum Kultbuch wird. Das Phänomen ist marktwirtschaftlich wohl auch zu vernachlässigen. Außer man ist ein Publikumsverlag und hat einen solchen Titel gerade im aktuellen Programm. Dann werden vermutlich alle anderen Titel vernachlässigt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 September 2009

    Die Gottesanbeterinnen

    Die Gottesanbeterinnen sind eine Insektenart, bei denen die Weibchen sehr viel größer sind als die Männchen. Die Männchen haben lediglich eine einzige Funktion in ihrem Leben, die der Befruchtung. Die Weibchen lassen sich nach der Geschlechtsreife von den Männchen begatten und dann fressen sie sie auf.

    Die Phasen, in denen ich an meinem Roman geschrieben habe, hatten eine sehr spezielle Färbung. Das war ein Gefühl, als kämpfe ich um mein Leben. Ich konnte das nicht verstehen. Mein Leben stand ja zu keinem Zeitpunkt auf dem Spiel. Ich habe nach dem Abschluss dieser Arbeit viele Wochen gebraucht, um mich zu erholen. Nun waren auch manche andere Phasen im Leben nicht ohne Strapazen. Dennoch spielt sich das triebhafte, das libidinöse Geschehen in einer ganz anderen Dimension ab: Es steht alles auf dem Spiel. Es steht alles auf des Messers Schneide. Es steht einem jeden Morgen das Wasser bis zum Hals. Man strampelt den ganzen Tag und die halbe Nacht wie verrückt, und am nächsten Tag, nach wenigen Stunden kaum erholsamen Schlafs, steht’s genau wieder da. Das mag anderen als unverständlich erscheinen, aber es war so: Ich habe um mein Leben geschrieben! Ich war jeden Moment in genau der Situation in der das Männchen bei den Gottesanbeterinnen während des Geschlechtsaktes ist. Solange ich noch kann, solange mir noch etwas einfällt, ich Veränderungsmöglichkeiten sehe und Verbesserungsmöglichkeiten einbringe, solange ich noch Potential habe, solange ich das Begehren des Weibchens – den Text und seine Forderungen an mich – entfache und befriedige und wieder neu entfache, so lange bin ich noch am Leben. Was danach kommt, steht auf einem anderen Blatt.

    Daher rührt auch diese ungeheure Erschöpfung nach Abschluss der Arbeit, diese totale Unfähigkeit für Monate, mich zu bewegen. Das war keine Erschöpfung, das war keine postkoitale Ermüdung, das war angstvolle Erstarrung.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 September 2009

    Leben oder Lamentieren. Oder: Last und Laster

    Vor ein paar Tagen, auf dem Weg ins Institut, habe ich ein Gespräch zwischen zwei Männern mitgehört, die sich unisono über ihre enorme Steuerlast beklagten. Das klang beängstigend, wie Atlas mussten die beiden die ganze Welt auf ihren Schultern tragen. Zumindest die ganze deutsche Welt. Und nicht nur, wie der gewöhnliche Steuerzahler, die eigene Welt.

    Ich habe gelesen, ich weiß nicht mehr wo, dass man, wenn man tot ist, sich nichts sehnlicher wünscht als Steuern zahlen zu können. Sich für die Dauer seines Totseins – und das ist lang, geradezu unübersichtlich lang – wünschen müssen, Steuern zu zahlen, finde ich eine angemessene Strafe. Statt sich zu freuen, dass man am Leben ist, beklagt man sich über dessen Last. Als gäbe es ein lastenfreies Leben. Vollkommen unbeschwert lebt sich‘s so dahin. Die beiden Männer haben offenbar vergessen, dass bei der beklagten Last auch ihre Einkünfte entsprechend formidabel sein müssen. Beide trugen die Devotionalien eines wohl situierten Lebenswandels, Schweizer Armbanduhren, rahmengenähte Schuhe und Lederaktentaschen, die ohne weiteres das Monatsgehalt eines Durchschnittsverdieners gekostet haben. Ich habe nichts dagegen, wenn einer eine Rolex trägt. Ich hab nur was dagegen, wenn er mir weismachen will, er hätte sie aus dem Kaugummiautomaten gezogen. Die Strafe für die Delinquenten, die lamentiert haben, lautet: in alle Ewigkeit ertragen zu müssen, dass sie nicht gelebt haben. Leben oder Lamentieren, beides gleichzeitig geht nun einmal nicht. Aber lamentieren ist sicher manchmal einfacher.

    Vielleicht hatten die beiden Angst. Nicht davor, dass der Fiskus die Rolex kassiert, sondern eine allgemeine Angst. Angst vielleicht vor der Zunahme der Last und des Drucks, vor jeder weiteren Akzeleration. Nicht nur vor der eigenen Last und der eigenen Bürde, sondern vor der Last im Allgemeinen. Und noch mehr Angst, die ganz große Angst, die vor der ins Unendliche gesteigerten Last, die Angst vor dem Laster. Weil sie womöglich glauben, dass dann das Maß des Erträglichen überschritten ist. Aber da täuschen sie sich: Ein Laster kann einem, anders als die Last, die alles bloß erschwert, manches erleichtern.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    07 September 2009

    Triebtäter

    Man mag, was ich gestern geschrieben habe, für überzogen halten. Oder für provokant. Zumindest für sehr prononciert. Damit meine ich nicht meine Behauptung, dass ein Staat nicht töten darf, sondern dass er der Anerkennung der von ihm Arretierten bedarf. Ich bin, im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit an Identität und Identitätsbildung immer auf der Suche nach Material. Das muss nicht richtig sein, was ich da formuliere, dies ist hier ja keine akademische Arbeit. Ich probiere lediglich herum. Der gestrige Text ist mir dann auch etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich war nicht sehr glücklich mit dem Verlauf, auch wenn es ein Lob von Sabine gegeben hat (hier ist sie mit ihrem eigenen Projekt: myalldayart). Eigentlich wollte ich ganz etwas anderes sagen. Dann habe bemerkt, dass ich nicht dazu komme. Das immer, wenn ich in die beabsichtigte Richtung marschiere, sich etwas anderes dazwischen schiebt. Ich habe mich zu Anfang gegen die Richtungsänderung gesträubt. Wie ein Esel. Wer das schon einmal gesehen hat, der weiß, was ich meine: Wenn ein Esel nicht will, dann will er nicht. Wenn der den nächsten Schritt nicht gehen will, dann geht er ihn auch nicht. Der ist immun, gegen Argumente und Prügel gleichermaßen. Selbst wenn sein Besitzer ihn halb tot schlägt, der Esel bleibt einfach auf der Stelle stehen. Irgendwann habe ich dann nachgegeben. Aber nicht, weil mir einer mit Prügel oder Argumenten gedroht hat.

    Das kann sehr interessant sein, wenn man einem Text nicht die eigenen Absichten aufzwingt, ihn nicht domestiziert, sondern seiner Wege gehen lässt. Wenn man ihn seiner Wege ziehen lässt, selbst dann, wenn das bedeutet, dass er sich nicht einmal umdreht und einfach fort geht. Solche Abschiede muss man lernen. Weil das wichtiger ist, als die anfängliche Absicht zu verfolgen, einen guten Text zu schreiben. Einen Text, der vor allen Anfechtungen und vor allem Kummer sicher ist.

    Was ich eigentlich sagen, was ich schön herleiten wollte und was jetzt nicht mehr herleitbar ist, weil die gestrige Inspiration weg ist, das war etwas zu Tätern, Intensivtätern und Triebtätern. Und dann wollte ich mit ausgesprochen elegantem Schwung eine Kurve beschreiben, die auf die gestrigen Eingangsformulierungen von Gerade und Kreis rekurriert, die dann etwas zur Kunst einflechtet, zur libidinösen Fundierung der Kunstschaffenden, zu Nähe von Trieb und Tat, Genuss und Gefahr, und die dann wunderbar endet mit einer Formulierung, die in meiner Inspiration den Ausgangspunkt bildete, und die solchermaßen geometrisch nachgezeichnet hätte, was formulierungstechnisch vorausgegangen war; eine Formulierung die da lautete: Unter den Verbrechern dieser Welt gehöre ich zur gefährlichsten Kategorie: den Triebtätern.

    Aber wie gesagt: das geht jetzt nicht mehr. Verdammter Mist!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    06 September 2009

    Ebene Umstände

    Susanne von der Mädchenmannschaft hatte in unserer Korrespondenz von meinem „Steckbrief” gesprochen. Ich schaue Worte nach, die mir nicht sehr geläufig sind, und habe ich das auch in diesem Fall getan. Dabei bin ich in dieses und in die umliegenden Wortfelder hinein geraten. Wie man in bestimmte Umstände gerät, auf die schiefe Bahn zum Beispiel. In irgendwelchen Umständen ist man ja immer und deren Neigung zu erkennen, ob sie nun ansteigend oder absteigend sind, oder vollkommen gerade, das kann man nicht sofort entscheiden.

    Gerade Linien sehen im Übrigen auf einem runden Planeten seltsam unnatürlich aus. An gerade Linien und Lebenswege und an ebene Umstände glauben vielleicht nur diejenigen, die auch an die Ebenerdigkeit und Scheibenhaftigkeit dieses Planeten glauben und die die großen Neuerungen des 15. Jahrhunderts nicht mitbekommen haben, dass die Erde eine Kugel ist, dass das heliozentrische Weltbild das geozentrische abgelöst hat und die ganze kopernikanische Wende, die von der zentralen Stellung des Betrachters absieht (Von der kopernikanischen Wende spricht man seit den Formulierungen Immanuel Kants in der „Kritik der reinen Vernunft”, B XVI, die ich hier zitiere: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.”)

    Steckbrief ist eine Erfindung des Wilden Westens – zu jener Zeit war die kopernikanische Wende bereits vollzogen; es galt längst als gesichert, dass die Seefahrer am Ende der Welt nicht herunterfallen und die Oberfläche einer Kugel zwar nicht endlos, aber unendlich ist -. Mit einem Steckbrief sucht man jemanden, der etwas auf dem Kerbholz hat. Und vielleicht auch, wenn er eins hat, auf dem Gewissen. Oder Gewissen ist etwas, was nicht vor, sondern nach der Tat entsteht. Wie Erinnerung ja auch nicht vor dem Ereignis stattfinden kann. Aber besäße er eins, hätte er wohl nicht getan, was er getan hat. Möglicherweise hat er es aber auch gar nicht getan, und ist vollkommen unschuldig. Und möglicherweise hat er es getan, ist aber dennoch unschuldig. Weil die Umstände schuldhaft waren. Es ist Aufgabe des Gerichts die Verantwortlichkeiten zu klären, inwieweit der Täter tatsächlich selbst nur Opfer war. Man kann sich ja auch gegen Umstände wehren, der Mensch hat einen freien Willen, zumindest einen Willen, und womöglich sogar einen zum Guten. Aber nach erdrückender Beweisführung, nach niedergeschlagenem Einspruch und abgelehnter Revision wird der Täter rechtskräftig verurteilt und wandert hinter schwedische Gardinen.

    Der Staat sperrt Leute für eine bestimmte Zeit weg, je nach Schwere der Tat. Wie lange er die Leute auch hinter Gitter bringen mag, er geht davon aus, dass sie wieder in das Staatswesen und die herrschende Rechtsordnung integrierbar sind. Das ist einer der Grundsätze der Rechtsauffassung: dass alle Menschen Teil dieser Gesellschaft sind und selbst durch ein Kapitelverbrechen nicht daraus ausgeschlossen werden. Das ist das Humane an unserer Gesellschaft. Der Rechtsstaat und die Rechtsprechung müssen von einem integrativen Charakter ihres Strafvollzuges ausgehen. Das hat einen Grund, der außerhalb der Rechtsordnung zu suchen ist: Nicht nur Menschen bedürfen der Anerkennung durch andere. Selbst so ein abstraktes Konstrukt wie „Der Staat” bedarf dieser Anerkennung. Im Falle der Justiz bedeutet das sogar, dass der Staat der Anerkennung des Angeklagten und Verurteilten bedarf. Die Legitimation seiner eigenen Taten, das Einsperren, schafft er sich, indem er den Eingesperrten die Möglichkeit gibt, sich wieder, unter Anerkennung der Gesetze, in das Gemeinwesen einzufinden. Ein Verurteilter muss die Möglichkeit haben wieder in Freiheit zu kommen.

    Diese Gesellschaft fußt auf der Grundannahme, dass alle Menschen gleich sind. Und diese Gleichheit aller ist wichtiger, als das Unbehagen einzelnen, einen Menschen, der beispielsweise einen Mord begangen hat, wieder in Freiheit zu sehen. Unter ganz bestimmten Voraussetzungen – wenn der Straftäter als de facto nicht integrierbar eingestuft wird – darf der Staat Menschen lebenslang wegsperren. Aber er darf sie nicht töten. Nicht, weil er möglicherweise ein Fehlurteil trifft, dann dürfte er ja auch niemanden einsperren, sondern weil er sich der Anerkennung seines Urteils durch den Verurteilten entzieht. Ein Staat darf niemals jemanden zum Tode verurteilen. Unter keinen Umständen. Selbst dann nicht, wenn es sich um einen Serienmörder handelt. Ja, nicht einmal, wenn es sich um Nicolae Ceauşescu handelt oder um Radovan Karadžić. Ein Staat, der das Todesurteil vollstreckt, hat jegliche Legitimation verloren. Weil er den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen zugunsten der Verurteilung eines Einzelnen aufgegeben hat. Ein Staat, der tötet, ist kein Rechtsstaat!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 September 2009

    Erinnern und Vergessen

    Die Mädchenmannschaft hat, und das geht völlig in Ordnung, das Interview mit mir um einen kleinen Absatz gekürzt. Aber da er ja nun einmal geschrieben und die investierte Zeit nicht wieder umzumünzen war, da die Worte nicht wieder in Zeit zurück zu verwandeln waren, publiziere ich sie im Nachgang zu dem Interview. Das ist ein durchaus erstaunlicher Umstand: Aus den Worten ist die investierte Zeit nicht wieder herauszubekommen. Obwohl sie ja drin ist. Man kann die Worte auswringen wie einen nassen Lappen, durch den Fleischwolf drehen oder auf jedwede denkbare Weise in die Mangel nehmen. Aber da ist nichts zu machen.

    Es ist auch eine andere Welt vorstellbar, eine Welt in der alles immer wieder und zu jedem Zeitpunkt in seinen originären Zustand zurück zu verwandeln wäre. Eine Welt in der nichts verloren geht. Oder alles. Lassen wir sie besser wie sie ist. Ich publiziere hier jene Worte, von denen ich eben noch behaupten wollte, sie wären die ursprünglichen.

    Schreiben, in welcher Form auch immer, liegt für mich in der Mitte zwischen Erinnern und Vergessen. Für die Dauer des Schreibprozesses erinnere ich mich sehr intensiv an das, was ich beschreibe. Vielleicht intensiver als ich es erlebt habe. Weil ich es im Beschreiben hin- und herwende und von allen Seiten betrachten kann. Und dann vergesse ich’s erleichtert. Würde ich es nicht aufschreiben, müsste ich es mühsam in der Erinnerung behalten. Oder vergessen, was nicht weniger mühsam ist. Schreiben ist der Raum zwischen diesen beiden Mühen und hat, in seltenen, aber sehr schönen Momenten etwas von Unbeschwertheit. Ich schreibe vor allem wegen dieser mühelosen Momente.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 September 2009

    Mädchenmannschaft

    Die Mädchenmannschaft hat mir die Gelegenheit gegeben, mich vorzustellen. Und weil das nicht selbstverständlich ist, bedanke ich mich natürlich. Hier geht’s zum Interview.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben