29 August 2009
Eine Erfindung Tolstois
Ich erinnere mich an einen Sommer, hinten bei uns im Garten. Ich lag im Schatten, mit dem Rücken auf der Bank. Mein Vater saß neben mir, ein Wasserkrug mit einer oben schwimmenden Zitronenscheibe stand auf dem Tischchen daneben. Insekten summten um den Krug. Irgendwo quakte Rosalie, eine Kröte, die unter den Steinblöcken der Terrasse lebte und die sich ohne jede Hemmung manchmal zu uns gesellte. Ich ekelte mich ein bisschen. Ich wollte nicht mit ihr in Berührung kommen. Deswegen lagen meine Füße auf dem Schoß meines Vaters. Und da lag meistens auch noch ein Buch. In diesem Sommer waren es die Romane von Leo Tolstoi.
War ich sieben oder acht Jahre alt? Ich weiß es nicht genau. Das Summen der Hummeln, der kaum wahrnehmbare Zitronengeschmack des Leitungswassers, die leichte Beunruhigung wegen Rosalie, die Stimme meines Vaters und meine Imagination, die sich am Rande seiner Worte bewegte: Das alles vermischte sich zu einem alterslosen Gefühl für diesen Sommer. Ich las schon eigene Bücher, aber manchmal bat ich meinen Vater laut zu lesen, um seine Stimme zu hören und weil ich dabei, was beim eigenen Lesen nicht möglich war, die Augen schließen konnte.
Mein Vater war ein leidenschaftlicher Leser. Er sprach voller Hochachtung und dennoch sehr vertraut von Literatur und Literaten. In diesem einen Sommer war es eben Tolstoi. Ich dachte damals, vielleicht aufgrund des vertrauten Tonfalls, Tolstoi sei ein Freund meines Vaters. Manche Vorstellungen scheinen die Nähe zueinander zu suchen und verbinden sich, obwohl sie weit auseinander liegen, während andere sich trotz großer Ähnlichkeit nicht einmal unter Anstrengungen zueinander bringen lassen. Mein Vater unterhielt sich manchmal mit einem Mann am Gartenzaun. Obwohl ich wusste, dass dieser Mann die Straße herunter wohnte, nahm ich an, dass dies Tolstoi sei. Und ebenso selbstverständlich nahm ich an, Tolstoi habe alles, was er aufschrieb auch erlebt. Wie sonst hätte er all diese Dinge von Anna Karenina wissen können? Er und mein Vater mussten diese Frau kennen, die vielleicht ebenfalls nur die Straße herunter wohnte. Ich wusste durchaus, dass Russland, St. Petersburg und Moskau, weit weg waren. Aber diese Dinge fanden eben nicht zueinander, jedenfalls nicht so wie Tolstoi und mein Vater bei uns am Gartenzaun.
Ich war unendlich traurig, als mir mein Vater eines Tages sagte, Tolstoi sei tot. Ich nahm wahrscheinlich an, er sei gerade erst gestorben. Ich hatte ihn ja noch wenige Tage zuvor gesehen. Ich wunderte mich, dass mein Vater dies so gelassen sagte. Erst später, vielleicht am nächsten Tag oder im darauffolgenden Winter oder als ich den Nachbarn sah, verstand ich, dass die beiden einander nie gekannt hatten und dass Tolstoi schon tot war, als mein Vater geboren wurde. Dieser Mann, der am anderen Ende unserer Straße wohnte, war eben nur ein Nachbar. Und ich habe auch entdecken müssen, dass Tolstoi das, was er beschrieb, gar nicht erlebt hatte und dass dies alles nicht der Wirklichkeit entsprach. Dass Anna Karenina den Grafen Wronskij nicht wirklich geliebt, weil sie überhaupt nie existiert hatte.
Dieser ganze Sommer, da ich abends mit geschlossenen Augen der Stimme meines Vaters gefolgt war, bekam dadurch eine andere Färbung. Anna Karenina war eine Erfindung Tolstois. Diese Frau, die die Wahrheit so sehr liebte und den Betrug verachtete, war selbst nur ein Betrug. Das alles war ein Lügengestrick, in das ich mich verfangen hatte. Ich war verärgert. Ich war richtig wütend. Tolstoi hatte mich hintergangen und betrogen.
Irgendwann muss diese Verärgerung und diese Enttäuschung in Bewunderung umgeschlagen sein. Das ist wahrscheinlich ein langsamer Prozess gewesen. Literatur hat für mich seither diesen Reiz einer Wirklichkeit, die ein enger Freund meines Vaters erlebt hatte. Und ich echauffiere mich über misslungene Bücher, weil ich dann jedes Mal den Nachbarn vor Augen habe, wie er in seiner ärmlichen Joppe am Zaun unseres Gartens steht, statt des großen Nikolajewitsch Graf Tolstoi, der Vertraute meines Vaters, der Anna Karenina gekannt hatte.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 29th, 2009 unter Paralipomena, voluminös











