27 August 2009
An der Schwelle zum Gefallen
Mir gefallen Texte. Auch experimentelle und unfertige. Auch solche, die mit Zuordnungen und Gattungen spielen. Ich habe in der Literatur, wie man das so sagt, einen fortgeschrittenen Geschmack. Das macht‘s mir nicht unbedingt leicht. Mir gefällt vieles. Aber nur, weil mir vieles gefällt, gefällt mir noch lange nicht alles. Vielmehr gefällt mir sogar nahezu nichts. Es gefällt mir nämlich nur beinahe. Oder beinahe nicht. Das ist einerlei, denn was mir eigentlich gefällt, ist die Schwelle zum Gefallen.
An diese Schwelle stehen alle Texte. Manche können sich erstaunlich lange dort aufhalten, sie machen es sich da geradezu gemütlich, sie richten sich häuslich ein. Andere kippen bereits mit den ersten Worten, sie kippen einfach um, in die eine oder in die anderen Richtung. Manche taumeln, manche versuchen sich durch die Hintertür herein zu schleichen, manche suchen Mitleid zu erringen, manche nehmen mehrere Anläufe, manche wollen die Schwelle überrennen, manche wollen sich hineinschleichen, sie tänzeln von einem auf den anderen Fuß, sie kokettieren, sie liebäugeln mit mir. Solche Avancen sind vergebens. Ich bin‘s nicht, die da urteilt: es ist mein Geschmack. Und auf meinen Geschmack habe ich keinen Einfluss.
Dieser Geschmack verändert sich auch unentwegt. Mit jedem Text, ob er die Schwelle nun überwindet oder nicht. Vielmehr bin ich es, die sich verändert. Weil ich für jede Reaktion auf einen Text, sei sie zustimmender oder ablehnender Natur, pauschal oder differenziert und präzise, ausformuliert oder erahnt, eine Aktivität entfalten muss, eine Positionsveränderung. Ich schleiche seit Wochen wie eine Katze um den heißen Brei um einen Text von Jean Améry, Die Tortur. Ich weiß, dass, was immer mich da erwartet, Auswirkungen auf mich haben und damit eine Veränderung meines Gesamtgeschmacks nach sich ziehen wird. Und dadurch auch eine Veränderung meiner selbst.
Bei der Lyrik aber ist das anders. Da bewege ich mich nicht mehr. Ich hatte einmal ein kurzes Geplänkel mit Ossip Mandelstamm. Eine vergangene und unheilbare Liebe mit Paul Celan. Da war mal was mit Oskar Pastior, aber das war weder Liebe noch Sex, das muss etwas anderes gewesen sein. Ich habe Baudelaire und Mallarme gelesen, aber beides war Schullektüre und mehr Exerzitium als Lust. Ich habe einen Versuch mit Durs Grünbein gemacht. Und einen anderen mit Oswald Egger. Die beiden letztgenannten teilen sich, wenn ich die Verhältnisse in der deutschsprachigen Lyrik richtig einschätze, den Thron. Ich weiß allerdings nicht, ob sie nebeneinander oder nacheinander drauf sitzen, der eine nachts, der andere tags, oder ob ihn der eine zum Regieren und der andere zum Defäkieren benutzt. Trotz dieser Versuche bin ich an einer Stelle, bei Rilke nämlich, stehen geblieben.
Oder ist diese Erklärung eine Farce? Ist nicht der Kern dieser Angelegenheit vielmehr, dass ich bei anderen Textformen meine, ein Wörtchen mitreden zu können? Bei der Lyrik hingegen liegt die Latte unerreichbar hoch, da komme ich nie hin. Dabei ist mein Deutsch tadellos – ich kann einen Kuhfuß von einem Pferdefuß, von einem Krähenfuß und einem Hasenfuß unterscheiden, Verse von einer Ferse von einer Färse, einen Schrat von einem Schranz, umfahren von umfahren und Genus von Genuss -, muttersprachliches Niveau einer Geisteswissenschaftlerin. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin. Ich habe, weil mir viele aktuelle Romane nicht gefallen, einen eigenen geschrieben. Ich führe dieses Blog, an dem ich tagtäglich arbeite. Ich promoviere in Linguistik und stehe mit meinem Thema mehr als nur mit einem Bein in der Philosophie. Und trotzdem reicht‘s für Lyrik nicht. Gestern habe ich konzedieren müssen, dass mein Rumänisch nicht ausreicht, heute muss ich dasselbe fürs Deutsche tun. Ich sollte aufhören, darüber nachzudenken.
Worum geht es dabei? Es geht nicht um eine Hinwendung, sondern um eine Abwendung. Denn meine Muttersprache ist nicht Deutsch, sondern Rumänisch. Deutsch ist die Sprache meines Vaters. Wenn ich aus Rumänien weggegangen bin, wenn ich nach Deutschland gekommen bin, dann bin ich nicht in jemandes Arme geflohen, sondern aus jemand anderes Arme geflüchtet (aus jemand anderes Arme: ist das wirklich muttersprachliches Niveau? Ich bin nicht sehr sicher in Interpunktion, aber ich habe einen ausgeprägten grammatischen Instinkt, der mich selten im Stich lässt. Jetzt aber ist so ein Fall. Ich lese diese Worte und weiß nicht, ob sie richtig sind. Weiß ich es nicht, weil ich über den Inhalt unsicher bin?). Verkaufe ich das Rumänische zugunsten des Deutschen? Wende ich mich von dem einen ab, um mich dem anderen zuzuwenden? Vielleicht muss ich zugestehen, dass ich mich von der einen Sprache nicht so sehr abzuwenden vermag, dass ich in der anderen ankomme. Ich habe viele Jahre von Paris und von Barcelona geträumt. Warum bin ich nach Berlin gegangen? Weil ich da bereits wusste, dass ich nur in Deutsch würde schreiben können? Und weil ich da schon wusste, dass ich schreiben will? Wusste ich auch schon, was ich schreiben würde?
In diesem Zusammenhang muss ich eine Bemerkung betrachten, wie die, ich sei fasziniert von Männlichkeit. Deutsch ist männlich, Rumänisch weiblich. Ist mein Deutsch männlich? Weiche ich dem weiblichen aus? Hat weichen, ausweichen, etwas mit weich zu tun? Ist weich nicht ein Synonym für Weiblichkeit? Und Ausweichen? Ist das noch eine Form von weich, von weiblich? Seine Verstärkung oder seine Verneinung?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 27th, 2009 unter Paralipomena, voluminös











