23 August 2009
Die Laune des Lesers
Warum sollte man einen Text wie die Penthesilea heute noch zur Kenntnis nehmen? Der Mythos ist zweitausendfünfhundert Jahre alt, die Bearbeitung durch Kleist immerhin noch zweihundert Jahre. Ob man nun den größeren oder den kleineren Zeitraum in Betracht zieht, muss man zugestehen: es hat sich seither einiges verändert. Die Frauen heutzutage amputieren sich nicht mehr die Brüste. Sie lassen sie sich vielmehr verschönern. Auch ihre Waffen sind nicht mehr dieselben, aus Pfeil und Bogen sind Dekolleté und Minirock geworden. Außerdem ist die Sprache des Dramas antiquiert und der Satzbau sperrig, was die Lektüre gelegentlich etwas mühselig macht. Und gelegentlich mühselige Lektüre ist der Laune des Lesers in der Regel nicht förderlich. Warum sollten wir das also heute noch zur Kenntnis nehmen?
Weil womöglich Phylogenese und Ontogenese, die Entwicklung des Geschlechts und die eigene individuelle Entwicklung, nicht sehr weit auseinander liegen. Weil uns zweihundert oder zweitausend Jahre nicht vor der Erfahrung bewahren, dass wir uns unsere Sexualität nicht so einrichten können wie es uns gefällt. So wie wir uns andere Räume unserer Existenz einrichten, mit einem hübschen Teppich und den passenden Gardinen. Die Erfahrung, dass wir unserem Begehren ausgeliefert sind und dass die immer gleiche Zelle mal karg und mal königlich ausgestattet ist. Die Erfahrung, dass wir dieses Begehren nicht einfach abstellen können, weil der andere nicht so will, wie wir wollen. Oder der andere will, was wir nicht wollen. Wenn er vor der Türe steht, Einlass begeht und wir sie ihm vor der Nase zuschlagen. Vielleicht mit Verständnis, vielleicht aber auch mit voller Wucht.
Weil womöglich Identität nichts Starres ist, sondern etwas, was einer sich permanent erarbeiten muss. Weil auch die Grenzen sich verschieben. Grenzen, die einbrechen. Und die man dann wieder errichten muss. Oder die man einreißen muss, weil sie sie sich von alleine aufrichten. Weil Identität etwas ist, an dem man lebenslang laborieren muss, dass man verfertigen und verfestigen muss. Weil wir uns notgedrungen an andere wenden müssen und wir gerade dann mit dem eigenen Selbst konfrontiert werden. Mehr als wenn wir allein zu Hause hocken und unsere Einsamkeit kultivieren.
Weil womöglich die Erfahrung, jemanden zu begehren und zu lieben – nicht anders zu können, als zu lieben, auch wenn es einem nicht gut tut, sogar, wenn es alles andere mit einem tut, außer guttun -, weil eine solche Erfahrung zu machen, machen zu müssen, einem guttut. Die Erfahrung der Ausweglosigkeit. Wo man nur noch erleiden kann. Und hoffen, dass die Verletzungen und Blessuren, an denen man, wie Achill, sogar sterben kann, dass man es irgendwie übersteht.
Weil womöglich jede und jeder sich jederzeit positionieren muss: zwischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, zwischen den eigenen Wünschen und Vorstellungen, zwischen dem, was möglich und dem, was nicht möglich ist, zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zwischen tausend anderen Umständen. Weil womöglich das etwas ist, was wir alle bis zum Ende unseres Lebens tun müssen: uns positionieren.
Und weil man all dies bei Kleist lernen kann.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: August 23rd, 2009 unter - Kleist, Heinrich von : Penthesilea, lang, Paralipomena











