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Jensseits
Kommentare:
Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...
Archiv vom August, 2009
Reisebericht aus einer untergegangenen Welt
Dies ist die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Vaters. Er und seine Frau haben vor einigen Wochen ihr zweites Kind bekommen, einen Jungen. Am vergangenen Wochenende wurde Oskar den Freunden und Bekannten präsentiert. Das Baby ist der ganze Stolz seines Vaters Timo. Im Laufe des Abends wurde erst aufs Kind getrunken, dann aufs Leben im Allgemeinen, später auf die Zukunft des Jungen und noch später auf die eigene Vergangenheit. Und dann kamen die Geschichten auf den Tisch.
Der Vater des Jungen hatte viele Jahre zuvor eine Weltreise unternommen. Diese Reise ist ein schier unendliches Reservoir für Geschichten. Von Berlin aus waren er und zwei Freunde damals in Richtung Türkei gefahren, nach Osten. Immer weiter nach Osten, bis es nicht mehr weiterging. Mit dem Zug über Istanbul, Bagdad, Teheran, Kabul bis nach Lahore. So war jedenfalls der Plan. Und dieser Plan, das spürten die drei, die sich in den ersten Tagen der Reise immer wieder ungläubig anschauten, war der totale Wahnsinn. Das Ende der Welt. Bis ans Ende dessen, was man sich vorstellen konnte. Und da würde es dann liegen, ein Juwel, der in der Sonne blitzte.
Alle paar Wochen, so hatten sie bei der Abreise versprochen, wollten sie zu Hause anrufen. Das stellte sich vor allen in China als ein Problem heraus. Die Währung, die Sprache, mit Englisch kam man nicht weiter, der Laden in dem sie telefonieren wollten, die Zahlen, die man mit dem Apparat wählen musste, alles war plötzlich ein Problem. Und hatten sie es geschafft, hatten sie eine Leitung und klingelte am anderen Ende dieser Leitung, tausende Kilometer weit weg, das Telefon, dann klingelte und klingelte es und niemand nahm ab. Wartete wirklich niemand auf den Anruf? War man daheim schon vergessen? Sie sahen einander an, sagten aber nichts. Sie sprachen den ganzen Abend nicht, keiner fand die richtigen Worte, um diese Stimmung zu durchbrechen. Am nächsten Morgen war der Anfall von Heimweh vorüber. Sie traten aus dem billigen Hotel, an der Straßenecke ein Tempel zu Ehren Shivas, und sahen die gigantische Bergkette des Himalajas vor sich. Sie befanden sich an der Grenze zu Tibet, auf dem Weg in jene Stadt, von der sie bereits bei ihrer Abreise geträumt hatten und der von Anfang an das Ziel gewesen war. Dieser Ort, der ihre Phantasie seit so vielen Jahren beschäftigte. In den nächsten Tagen würden sie ihn sehen: Kathmandu.
Selbst wenn einer an der Welt nicht interessiert ist, an ihren geografischen Schönheiten oder an den Menschen, sollte doch jeder eine Weltreise machen. Am besten in jungen Jahren, sodass er später davon erzählen kann. Je größer der Abstand zwischen Reise und Erzählung, so scheint es, desto verwegener wird die Reise und desto erstaunlicher die Welt, die man da zu sehen bekommen hatte und desto großartiger die Erzählung von ihr. Eine Welt, die heute, zehn oder zwanzig Jahre später, verschwunden zu sein scheint. Das sind Geschichten aus einer untergegangenen Welt. Nur die eigenen Erinnerungen zeugen noch von ihr. Nur die eigenen Geschichten retten sie vor dem endgültigen Untergang.
Solche Geschichten wird auch der Sohn eines Tages zu hören bekommen. Er wird an den Lippen seines Vaters hängen, an jedem Wort, das der erzählt. Keine dieser Geschichte ist zu abenteuerlich, keine zu gefährlich. Andere Menschen, andere Sitten, andere Sprachen, andere Zeitzonen und andere Vorstellungen von der Zeit: Nichts klingt dem Sohn zu absurd, um an seinem Vater zu zweifeln. Aber als es an die Telefongeschichte geht, den stundenlangen Versuch in diesem Laden, eine Art Cafe´, in dem ungewöhnliche Lampen von der Decke hängen und Kleidungsstücke, an kleinen Tischchen hocken vor allem ältere Opiumraucher und man schaut die drei sehr skeptisch an oder feindselig oder ohne jede Regung, das können sie nicht entscheiden; als der Vater diese Geschichte erzählt, von dem Versuch zu Hause anzurufen, stundenlang wird gewählt, mit dem Kopf geschüttelt und gestikuliert, und wieder und wieder auf den Apparat gezeigt, der erneut hinübergereicht wird, da zweifelt der Zehnjährige dann doch an seinem Vater. Warum er denn nicht übers Internet angerufen habe, will er wissen. Damals, antwortet sein Vater, gab’s noch kein Internet.
Alles, alles hat der Junge seinem Vater geglaubt, kein Berg zu hoch, keine Schlucht zu tief, kein Feuer speiender chinesischer Drache zu gefährlich, aber dass es kein Internet gegeben haben soll, das glaubt er ihm nicht. Das kann er nicht glauben. Weil kein einigermaßen vernünftiger Grund erkennbar ist, warum es das nicht gegeben haben soll.
Man findet viel im Internet, nahezu alles. Eines aber findet sich dort nicht: die Erinnerung an die Zeit davor.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Belle-e-triste, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 20:52 eingtragen | Kommentare: 2 | Kommentieren
Eine Erfindung Tolstois
Ich erinnere mich an einen Sommer, hinten bei uns im Garten. Ich lag im Schatten, mit dem Rücken auf der Bank. Mein Vater saß neben mir, ein Wasserkrug mit einer oben schwimmenden Zitronenscheibe stand auf dem Tischchen daneben. Insekten summten um den Krug. Irgendwo quakte Rosalie, eine Kröte, die unter den Steinblöcken der Terrasse lebte und die sich ohne jede Hemmung manchmal zu uns gesellte. Ich ekelte mich ein bisschen. Ich wollte nicht mit ihr in Berührung kommen. Deswegen lagen meine Füße auf dem Schoß meines Vaters. Und da lag meistens auch noch ein Buch. In diesem Sommer waren es die Romane von Leo Tolstoi.
War ich sieben oder acht Jahre alt? Ich weiß es nicht genau. Das Summen der Hummeln, der kaum wahrnehmbare Zitronengeschmack des Leitungswassers, die leichte Beunruhigung wegen Rosalie, die Stimme meines Vaters und meine Imagination, die sich am Rande seiner Worte bewegte: Das alles vermischte sich zu einem alterslosen Gefühl für diesen Sommer. Ich las schon eigene Bücher, aber manchmal bat ich meinen Vater laut zu lesen, um seine Stimme zu hören und weil ich dabei, was beim eigenen Lesen nicht möglich war, die Augen schließen konnte.
Mein Vater war ein leidenschaftlicher Leser. Er sprach voller Hochachtung und dennoch sehr vertraut von Literatur und Literaten. In diesem einen Sommer war es eben Tolstoi. Ich dachte damals, vielleicht aufgrund des vertrauten Tonfalls, Tolstoi sei ein Freund meines Vaters. Manche Vorstellungen scheinen die Nähe zueinander zu suchen und verbinden sich, obwohl sie weit auseinander liegen, während andere sich trotz großer Ähnlichkeit nicht einmal unter Anstrengungen zueinander bringen lassen. Mein Vater unterhielt sich manchmal mit einem Mann am Gartenzaun. Obwohl ich wusste, dass dieser Mann die Straße herunter wohnte, nahm ich an, dass dies Tolstoi sei. Und ebenso selbstverständlich nahm ich an, Tolstoi habe alles, was er aufschrieb auch erlebt. Wie sonst hätte er all diese Dinge von Anna Karenina wissen können? Er und mein Vater mussten diese Frau kennen, die vielleicht ebenfalls nur die Straße herunter wohnte. Ich wusste durchaus, dass Russland, St. Petersburg und Moskau, weit weg waren. Aber diese Dinge fanden eben nicht zueinander, jedenfalls nicht so wie Tolstoi und mein Vater bei uns am Gartenzaun.
Ich war unendlich traurig, als mir mein Vater eines Tages sagte, Tolstoi sei tot. Ich nahm wahrscheinlich an, er sei gerade erst gestorben. Ich hatte ihn ja noch wenige Tage zuvor gesehen. Ich wunderte mich, dass mein Vater dies so gelassen sagte. Erst später, vielleicht am nächsten Tag oder im darauffolgenden Winter oder als ich den Nachbarn sah, verstand ich, dass die beiden einander nie gekannt hatten und dass Tolstoi schon tot war, als mein Vater geboren wurde. Dieser Mann, der am anderen Ende unserer Straße wohnte, war eben nur ein Nachbar. Und ich habe auch entdecken müssen, dass Tolstoi das, was er beschrieb, gar nicht erlebt hatte und dass dies alles nicht der Wirklichkeit entsprach. Dass Anna Karenina den Grafen Wronskij nicht wirklich geliebt, weil sie überhaupt nie existiert hatte.
Dieser ganze Sommer, da ich abends mit geschlossenen Augen der Stimme meines Vaters gefolgt war, bekam dadurch eine andere Färbung. Anna Karenina war eine Erfindung Tolstois. Diese Frau, die die Wahrheit so sehr liebte und den Betrug verachtete, war selbst nur ein Betrug. Das alles war ein Lügengestrick, in das ich mich verfangen hatte. Ich war verärgert. Ich war richtig wütend. Tolstoi hatte mich hintergangen und betrogen.
Irgendwann muss diese Verärgerung und diese Enttäuschung in Bewunderung umgeschlagen sein. Das ist wahrscheinlich ein langsamer Prozess gewesen. Literatur hat für mich seither diesen Reiz einer Wirklichkeit, die ein enger Freund meines Vaters erlebt hatte. Und ich echauffiere mich über misslungene Bücher, weil ich dann jedes Mal den Nachbarn vor Augen habe, wie er in seiner ärmlichen Joppe am Zaun unseres Gartens steht, statt des großen Nikolajewitsch Graf Tolstoi, der Vertraute meines Vaters, der Anna Karenina gekannt hatte.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Paralipomena, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 9:49 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
An der Schwelle zum Gefallen
Mir gefallen Texte. Auch experimentelle und unfertige. Auch solche, die mit Zuordnungen und Gattungen spielen. Ich habe in der Literatur, wie man das so sagt, einen fortgeschrittenen Geschmack. Das macht‘s mir nicht unbedingt leicht. Mir gefällt vieles. Aber nur, weil mir vieles gefällt, gefällt mir noch lange nicht alles. Vielmehr gefällt mir sogar nahezu nichts. Es gefällt mir nämlich nur beinahe. Oder beinahe nicht. Das ist einerlei, denn was mir eigentlich gefällt, ist die Schwelle zum Gefallen.
An diese Schwelle stehen alle Texte. Manche können sich erstaunlich lange dort aufhalten, sie machen es sich da geradezu gemütlich, sie richten sich häuslich ein. Andere kippen bereits mit den ersten Worten, sie kippen einfach um, in die eine oder in die anderen Richtung. Manche taumeln, manche versuchen sich durch die Hintertür herein zu schleichen, manche suchen Mitleid zu erringen, manche nehmen mehrere Anläufe, manche wollen die Schwelle überrennen, manche wollen sich hineinschleichen, sie tänzeln von einem auf den anderen Fuß, sie kokettieren, sie liebäugeln mit mir. Solche Avancen sind vergebens. Ich bin‘s nicht, die da urteilt: es ist mein Geschmack. Und auf meinen Geschmack habe ich keinen Einfluss.
Dieser Geschmack verändert sich auch unentwegt. Mit jedem Text, ob er die Schwelle nun überwindet oder nicht. Vielmehr bin ich es, die sich verändert. Weil ich für jede Reaktion auf einen Text, sei sie zustimmender oder ablehnender Natur, pauschal oder differenziert und präzise, ausformuliert oder erahnt, eine Aktivität entfalten muss, eine Positionsveränderung. Ich schleiche seit Wochen wie eine Katze um den heißen Brei um einen Text von Jean Améry, Die Tortur. Ich weiß, dass, was immer mich da erwartet, Auswirkungen auf mich haben und damit eine Veränderung meines Gesamtgeschmacks nach sich ziehen wird. Und dadurch auch eine Veränderung meiner selbst.
Bei der Lyrik aber ist das anders. Da bewege ich mich nicht mehr. Ich hatte einmal ein kurzes Geplänkel mit Ossip Mandelstamm. Eine vergangene und unheilbare Liebe mit Paul Celan. Da war mal was mit Oskar Pastior, aber das war weder Liebe noch Sex, das muss etwas anderes gewesen sein. Ich habe Baudelaire und Mallarme gelesen, aber beides war Schullektüre und mehr Exerzitium als Lust. Ich habe einen Versuch mit Durs Grünbein gemacht. Und einen anderen mit Oswald Egger. Die beiden letztgenannten teilen sich, wenn ich die Verhältnisse in der deutschsprachigen Lyrik richtig einschätze, den Thron. Ich weiß allerdings nicht, ob sie nebeneinander oder nacheinander drauf sitzen, der eine nachts, der andere tags, oder ob ihn der eine zum Regieren und der andere zum Defäkieren benutzt. Trotz dieser Versuche bin ich an einer Stelle, bei Rilke nämlich, stehen geblieben.
Oder ist diese Erklärung eine Farce? Ist nicht der Kern dieser Angelegenheit vielmehr, dass ich bei anderen Textformen meine, ein Wörtchen mitreden zu können? Bei der Lyrik hingegen liegt die Latte unerreichbar hoch, da komme ich nie hin. Dabei ist mein Deutsch tadellos – ich kann einen Kuhfuß von einem Pferdefuß, von einem Krähenfuß und einem Hasenfuß unterscheiden, Verse von einer Ferse von einer Färse, einen Schrat von einem Schranz, umfahren von umfahren und Genus von Genuss -, muttersprachliches Niveau einer Geisteswissenschaftlerin. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin. Ich habe, weil mir viele aktuelle Romane nicht gefallen, einen eigenen geschrieben. Ich führe dieses Blog, an dem ich tagtäglich arbeite. Ich promoviere in Linguistik und stehe mit meinem Thema mehr als nur mit einem Bein in der Philosophie. Und trotzdem reicht‘s für Lyrik nicht. Gestern habe ich konzedieren müssen, dass mein Rumänisch nicht ausreicht, heute muss ich dasselbe fürs Deutsche tun. Ich sollte aufhören, darüber nachzudenken.
Worum geht es dabei? Es geht nicht um eine Hinwendung, sondern um eine Abwendung. Denn meine Muttersprache ist nicht Deutsch, sondern Rumänisch. Deutsch ist die Sprache meines Vaters. Wenn ich aus Rumänien weggegangen bin, wenn ich nach Deutschland gekommen bin, dann bin ich nicht in jemandes Arme geflohen, sondern aus jemand anderes Arme geflüchtet (aus jemand anderes Arme: ist das wirklich muttersprachliches Niveau? Ich bin nicht sehr sicher in Interpunktion, aber ich habe einen ausgeprägten grammatischen Instinkt, der mich selten im Stich lässt. Jetzt aber ist so ein Fall. Ich lese diese Worte und weiß nicht, ob sie richtig sind. Weiß ich es nicht, weil ich über den Inhalt unsicher bin?). Verkaufe ich das Rumänische zugunsten des Deutschen? Wende ich mich von dem einen ab, um mich dem anderen zuzuwenden? Vielleicht muss ich zugestehen, dass ich mich von der einen Sprache nicht so sehr abzuwenden vermag, dass ich in der anderen ankomme. Ich habe viele Jahre von Paris und von Barcelona geträumt. Warum bin ich nach Berlin gegangen? Weil ich da bereits wusste, dass ich nur in Deutsch würde schreiben können? Und weil ich da schon wusste, dass ich schreiben will? Wusste ich auch schon, was ich schreiben würde?
In diesem Zusammenhang muss ich eine Bemerkung betrachten, wie die, ich sei fasziniert von Männlichkeit. Deutsch ist männlich, Rumänisch weiblich. Ist mein Deutsch männlich? Weiche ich dem weiblichen aus? Hat weichen, ausweichen, etwas mit weich zu tun? Ist weich nicht ein Synonym für Weiblichkeit? Und Ausweichen? Ist das noch eine Form von weich, von weiblich? Seine Verstärkung oder seine Verneinung?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Paralipomena, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 23:21 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Lolita
Ein schöner Tag macht noch keinen Sommer und eine schöne Formulierung noch keinen Schriftsteller. Manchen Formulierungen ist anzusehen, dass sie keine singulären meteorologischen Ereignisse sind, wie den ersten Sätzen der „Lolita”. Vladimir Nabokov ist meines Wissens der einzige Schriftsteller, jedenfalls der einzige, den ich kenne, der in zwei Sprachen schreiben konnte, in Russisch und in Englisch. Ich kann auch zwei Sprachen. Obwohl ich Rumänisch bis zum Abitur in der Schule hatte, obwohl mein Studium in Bukarest, meine Freunde dort, alles war selbstverständlich Rumänisch in Rumänien: ich könnte niemals in dieser Sprache schreiben. Schriftsprache, literarische Sprache, ist Deutsch. Obwohl ich es mein Leben lang gesprochen habe, reicht mein Rumänisch nicht, um kreativ damit umzugehen.
„Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, on the teeth. Lo. Lee. Ta.”
Vladimir Nabokov, Lolita
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Hier wird gemangelt, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 23:45 eingtragen | Kommentare: 2 | Kommentieren
Kassandra
Ein ganz anderes Bild der Penthesilea zeichnet Christa Wolf in ihrem Buch „Kassandra”. Penthesilea ist hier eine Frau, die die Männer hasst. Die Amazonen werden von Panthoos so beschrieben „Die töten, wen sie lieben, lieben, um zu töten”.
Ich habe das Buch in Paris auf Englisch gekauft und erst später, als ich schon in Berlin lebte, noch einmal auf Deutsch. Penthesilea sitzt in der folgenden Szene mit Frauen der Trojer zusammen, mit Myrine, Arisbe, Oinone, Hekabe und Kassandra.
„Die bewohnte Welt, soweit sie uns bekannt war, hatte sich immer grausamer, immer schneller gegen uns gekehrt. Gegen uns Frauen, sagte Penthesilea. Gegen uns Menschen, hielt Arisbe ihr entgegen.
Penthesilea: Die Männer kommen schon auf ihre Kosten.
Arisbe: Du nennst ihren Niedergang zu Schlächtern auf ihre Kosten kommen?
Penthesilea: Sie sind Schlächter. So tun sie, was ihnen Spaß macht.
Arisbe: Und wir? Wenn wir auch Schlächterinnen würden?
Penthesilea: So tun wir, was wir müssen. Doch es macht uns keinen Spaß.
Arisbe: Wir sollen tun, was sie tun, um unser Anderssein zu zeigen!
Penthesilea: Ja.
Oinone: Aber so kann man nicht leben.
Pethesilea: Nicht leben? Sterben schon.
Hekabe: Kind. Du willst, daß alles aufhört.
Penthesilea. Das will ich. Da ich kein anderes Mittel kenne, daß die Männer aufhörn.”
Das ist eine interessante Überlegung von Christa Wolf: Dasselbe tun, um sein Anderssein zu zeigen. Aber auch diese Wendung bringt der Penthesilea kein Glück. Auch bei Christa Wolf muss sie untergehen.
Christa Wolf, Kassandra, Seite 158 f
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Hier wird gemangelt, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 12:19 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Rausgeworfene Erfahrungen
Gemessen an dem, was einer und eine bei Kleist lernen kann, ist eine `gelegentlich mühselige Lektüre´ ein denkbar geringer Preis. Es gibt Umstände, die schlagen mit ganz anderen Kosten zu Buche. Dabei kann man sich durch die Lektüre der Penthesilea, durch Lektüre überhaupt, nicht einmal etwas ersparen. Man muss für alle seine Erfahrungen schon den vollen Betrag entrichten. Manchmal muss man sogar einen verdammt hohen Preis bezahlen und bekommt im Gegenzug nur recht dürftige Erfahrung dafür. Ja, manchmal zahlt man jahrelang Tranchen für eine zweiminütige Erfahrung, auf die man gar nicht machen wollte. Aber wenn eines Tages dann alles abbezahlt hat, auf Heller und Pfennig, Zins und Zinseszins, dann ist es nicht einfach nur futsch. Zwar ist es futsch, aber man weiß wenigstens, wo es geblieben ist: das eigene Vermögen. Und irgendwie, Zauber aller Lebenserfahrung, ist es auch nicht futsch. Dieses Vermögen und diesen Reichtum kann man sich nicht ersparen. Das bekommt man nur, indem man’s mit vollen Händen ausgibt. Indem man‘s rauswirft. Und am besten zum Fenster raus. Dieses Rauswerfen ist das, was wir Erfahrung nennen. Weil Erfahrung kein ansparen, ansammeln und anhäufen ist. Sondern ein verschwenden, ein verschleudern und verprassen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema mittel, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 23:05 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Die Laune des Lesers
Warum sollte man einen Text wie die Penthesilea heute noch zur Kenntnis nehmen? Der Mythos ist zweitausendfünfhundert Jahre alt, die Bearbeitung durch Kleist immerhin noch zweihundert Jahre. Ob man nun den größeren oder den kleineren Zeitraum in Betracht zieht, muss man zugestehen: es hat sich seither einiges verändert. Die Frauen heutzutage amputieren sich nicht mehr die Brüste. Sie lassen sie sich vielmehr verschönern. Auch ihre Waffen sind nicht mehr dieselben, aus Pfeil und Bogen sind Dekolleté und Minirock geworden. Außerdem ist die Sprache des Dramas antiquiert und der Satzbau sperrig, was die Lektüre gelegentlich etwas mühselig macht. Und gelegentlich mühselige Lektüre ist der Laune des Lesers in der Regel nicht förderlich. Warum sollten wir das also heute noch zur Kenntnis nehmen?
Weil womöglich Phylogenese und Ontogenese, die Entwicklung des Geschlechts und die eigene individuelle Entwicklung, nicht sehr weit auseinander liegen. Weil uns zweihundert oder zweitausend Jahre nicht vor der Erfahrung bewahren, dass wir uns unsere Sexualität nicht so einrichten können wie es uns gefällt. So wie wir uns andere Räume unserer Existenz einrichten, mit einem hübschen Teppich und den passenden Gardinen. Die Erfahrung, dass wir unserem Begehren ausgeliefert sind und dass die immer gleiche Zelle mal karg und mal königlich ausgestattet ist. Die Erfahrung, dass wir dieses Begehren nicht einfach abstellen können, weil der andere nicht so will, wie wir wollen. Oder der andere will, was wir nicht wollen. Wenn er vor der Türe steht, Einlass begeht und wir sie ihm vor der Nase zuschlagen. Vielleicht mit Verständnis, vielleicht aber auch mit voller Wucht.
Weil womöglich Identität nichts Starres ist, sondern etwas, was einer sich permanent erarbeiten muss. Weil auch die Grenzen sich verschieben. Grenzen, die einbrechen. Und die man dann wieder errichten muss. Oder die man einreißen muss, weil sie sie sich von alleine aufrichten. Weil Identität etwas ist, an dem man lebenslang laborieren muss, dass man verfertigen und verfestigen muss. Weil wir uns notgedrungen an andere wenden müssen und wir gerade dann mit dem eigenen Selbst konfrontiert werden. Mehr als wenn wir allein zu Hause hocken und unsere Einsamkeit kultivieren.
Weil womöglich die Erfahrung, jemanden zu begehren und zu lieben – nicht anders zu können, als zu lieben, auch wenn es einem nicht gut tut, sogar, wenn es alles andere mit einem tut, außer guttun -, weil eine solche Erfahrung zu machen, machen zu müssen, einem guttut. Die Erfahrung der Ausweglosigkeit. Wo man nur noch erleiden kann. Und hoffen, dass die Verletzungen und Blessuren, an denen man, wie Achill, sogar sterben kann, dass man es irgendwie übersteht.
Weil womöglich jede und jeder sich jederzeit positionieren muss: zwischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, zwischen den eigenen Wünschen und Vorstellungen, zwischen dem, was möglich und dem, was nicht möglich ist, zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zwischen tausend anderen Umständen. Weil womöglich das etwas ist, was wir alle bis zum Ende unseres Lebens tun müssen: uns positionieren.
Und weil man all dies bei Kleist lernen kann.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Kleist : Penthesilea, lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 20:42 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Wie Männer Weiber lieben
Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.
Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:
„Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”
Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.
Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Kleist : Penthesilea, Confusion sexuelle, Hier wird gemangelt, kurz | Eintrag von Aléa Torik | um 19:40 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Mein gewürfelter Grabstein
Die folgenden drei Zeilen aus der Penthesiliea kommen auf meinen gewürfelten Grabstein.
„Mein Alles hab ich an den Wurf gesetzt;
Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
Begreifen muss ich – - und daß ich verlor.”
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Zeile 1304 f.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Kleist : Penthesilea, kurz, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 19:31 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Nicht aber wanke in dir selber mehr
Wir haben womöglich kein einheitliches Köperbild, aber wir wissen zumindest um die Grenzen unseres Körpers. Nur lässt sich aus einer schnöden Grenzerfahrung noch kein einheitliches Selbstbild erstellen. Obwohl wir es ja sind, dieses Selbst, bekommen wir es nicht richtig zu fassen. Wir bekommen es nicht zu greifen, zu begreifen: außer im Bild von uns. Aber wir wissen auch, wir ahnen es, dass das Bild von der Sache nicht mit der Sache selbst identisch ist. Erst recht nicht, wenn wir nur das Bild haben.
Ich zitiere ein weiteres Mal Prothoe, die mir immer besser gefällt, ihre Sprache und ihre Bilder und Handlungen, vor allem ihre Freundschaft zur Penthesilea.
„Sinke nicht,
Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!
Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich,
der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft!
Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,
Nicht aber wanke in dir selber mehr,
Solang ein Atem Mörtel und Gestein,
In dieser jungen Brust, zusammenhält”
Kleist Penthesilea, Zeile 1348 f.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Kleist : Penthesilea, Hier wird gemangelt, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 19:29 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren