Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • Juni 2016
  • April 2016
  • Oktober 2015
  • Juli 2015
  • April 2015
  • März 2015
  • Februar 2015
  • Dezember 2014
  • November 2014
  • Oktober 2014
  • September 2014
  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2017 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Literaturkritik II
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    KLG
    Literaturport
    Wikipedia


    Kommentare:

  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
  • irisnebel: klasse! gratuliere! musst du ne gegenleistung bringen? als stadtschreiber z.b.?
  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
  • Aléa Torik: Never ride a dead horse – das hätte auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten können. Gestern Nacht bin ich mit dem Rad 35 km durch das ausgestorbene Berlin gefahren, bis weit jenseits der Stadtgrenze. Da ich ziemlich kaputt war, konnte ich dabei nichts denken, aber wenn...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
  • Aléa Torik: Liebe Miss Lingen, bitte entschuldigen Sie die kleine Verspätung meiner Antwort. Ich war auf anderen Schlachtfeldern unterwegs. Sie haben absolut recht, es ist viel zu komplex. Dabei darf ich mir zugutehalten, es deutlich vereinfacht zu haben. Denn im Original – wenn wir uns darauf...
  • Miss Lingen: Obwohl, wie Sie wissen, ich hier mit Sympathie lese, frage ich doch: ist das nicht alles ein wenig zu komplex?
  • Aléa Torik: Dann bin ich gespannt, was du von dem Essay hältst.
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, die Idee des freiwilligen Ablebens um des Erfolges willen stand ja schon einmal im Raum, aber das nur zu machen, um ausgerechnet auf meine Leseliste zu kommem, nee, da hast Du recht, das wäre schon sehr übertrieben! http://www.litblogs.net/hue...
  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
  • holio: Traurig ist das in der Tat. Und so ganz zu verstehen auch nicht. Im Geräusch des Werdens war der Anknüpfungspunkt für Otto Normalleser ja da. Und die Bălkanexotik ist auch rezipiert und rezensiert worden. Die Sprache ist einfach, der Plot verständlich, erinnere die Szene mit dem blinden...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom August, 2009

    31 August 2009

    Reisebericht aus einer untergegangenen Welt

    Dies ist die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Vaters. Er und seine Frau haben vor einigen Wochen ihr zweites Kind bekommen, einen Jungen. Am vergangenen Wochenende wurde Oskar den Freunden und Bekannten präsentiert. Das Baby ist der ganze Stolz seines Vaters Timo. Im Laufe des Abends wurde erst aufs Kind getrunken, dann aufs Leben im Allgemeinen, später auf die Zukunft des Jungen und noch später auf die eigene Vergangenheit. Und dann kamen die Geschichten auf den Tisch.

    Der Vater des Jungen hatte viele Jahre zuvor eine Weltreise unternommen. Diese Reise ist ein schier unendliches Reservoir für Geschichten. Von Berlin aus waren er und zwei Freunde damals in Richtung Türkei gefahren, nach Osten. Immer weiter nach Osten, bis es nicht mehr weiterging. Mit dem Zug über Istanbul, Bagdad, Teheran, Kabul bis nach Lahore. So war jedenfalls der Plan. Und dieser Plan, das spürten die drei, die sich in den ersten Tagen der Reise immer wieder ungläubig anschauten, war der totale Wahnsinn. Das Ende der Welt. Bis ans Ende dessen, was man sich vorstellen konnte. Und da würde es dann liegen, ein Juwel, der in der Sonne blitzte.

    Alle paar Wochen, so hatten sie bei der Abreise versprochen, wollten sie zu Hause anrufen. Das stellte sich vor allen in China als ein Problem heraus. Die Währung, die Sprache, mit Englisch kam man nicht weiter, der Laden in dem sie telefonieren wollten, die Zahlen, die man mit dem Apparat wählen musste, alles war plötzlich ein Problem. Und hatten sie es geschafft, hatten sie eine Leitung und klingelte am anderen Ende dieser Leitung, tausende Kilometer weit weg, das Telefon, dann klingelte und klingelte es und niemand nahm ab. Wartete wirklich niemand auf den Anruf? War man daheim schon vergessen? Sie sahen einander an, sagten aber nichts. Sie sprachen den ganzen Abend nicht, keiner fand die richtigen Worte, um diese Stimmung zu durchbrechen. Am nächsten Morgen war der Anfall von Heimweh vorüber. Sie traten aus dem billigen Hotel, an der Straßenecke ein Tempel zu Ehren Shivas, und sahen die gigantische Bergkette des Himalajas vor sich. Sie befanden sich an der Grenze zu Tibet, auf dem Weg in jene Stadt, von der sie bereits bei ihrer Abreise geträumt hatten und der von Anfang an das Ziel gewesen war. Dieser Ort, der ihre Phantasie seit so vielen Jahren beschäftigte. In den nächsten Tagen würden sie ihn sehen: Kathmandu.

    Selbst wenn einer an der Welt nicht interessiert ist, an ihren geografischen Schönheiten oder an den Menschen, sollte doch jeder eine Weltreise machen. Am besten in jungen Jahren, sodass er später davon erzählen kann. Je größer der Abstand zwischen Reise und Erzählung, so scheint es, desto verwegener wird die Reise und desto erstaunlicher die Welt, die man da zu sehen bekommen hatte und desto großartiger die Erzählung von ihr. Eine Welt, die heute, zehn oder zwanzig Jahre später, verschwunden zu sein scheint. Das sind Geschichten aus einer untergegangenen Welt. Nur die eigenen Erinnerungen zeugen noch von ihr. Nur die eigenen Geschichten retten sie vor dem endgültigen Untergang.

    Solche Geschichten wird auch der Sohn eines Tages zu hören bekommen. Er wird an den Lippen seines Vaters hängen, an jedem Wort, das der erzählt. Keine dieser Geschichte ist zu abenteuerlich, keine zu gefährlich. Andere Menschen, andere Sitten, andere Sprachen, andere Zeitzonen und andere Vorstellungen von der Zeit: Nichts klingt dem Sohn zu absurd, um an seinem Vater zu zweifeln. Aber als es an die Telefongeschichte geht, den stundenlangen Versuch in diesem Laden, eine Art Cafe´, in dem ungewöhnliche Lampen von der Decke hängen und Kleidungsstücke, an kleinen Tischchen hocken vor allem ältere Opiumraucher und man schaut die drei sehr skeptisch an oder feindselig oder ohne jede Regung, das können sie nicht entscheiden; als der Vater diese Geschichte erzählt, von dem Versuch zu Hause anzurufen, stundenlang wird gewählt, mit dem Kopf geschüttelt und gestikuliert, und wieder und wieder auf den Apparat gezeigt, der erneut hinübergereicht wird, da zweifelt der Zehnjährige dann doch an seinem Vater. Warum er denn nicht übers Internet angerufen habe, will er wissen. Damals, antwortet sein Vater, gab’s noch kein Internet.

    Alles, alles hat der Junge seinem Vater geglaubt, kein Berg zu hoch, keine Schlucht zu tief, kein Feuer speiender chinesischer Drache zu gefährlich, aber dass es kein Internet gegeben haben soll, das glaubt er ihm nicht. Das kann er nicht glauben. Weil kein einigermaßen vernünftiger Grund erkennbar ist, warum es das nicht gegeben haben soll.

    Man findet viel im Internet, nahezu alles. Eines aber findet sich dort nicht: die Erinnerung an die Zeit davor.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 August 2009

    Eine Erfindung Tolstois

    Ich erinnere mich an einen Sommer, hinten bei uns im Garten. Ich lag im Schatten, mit dem Rücken auf der Bank. Mein Vater saß neben mir, ein Wasserkrug mit einer oben schwimmenden Zitronenscheibe stand auf dem Tischchen daneben. Insekten summten um den Krug. Irgendwo quakte Rosalie, eine Kröte, die unter den Steinblöcken der Terrasse lebte und die sich ohne jede Hemmung manchmal zu uns gesellte. Ich ekelte mich ein bisschen. Ich wollte nicht mit ihr in Berührung kommen. Deswegen lagen meine Füße auf dem Schoß meines Vaters. Und da lag meistens auch noch ein Buch. In diesem Sommer waren es die Romane von Leo Tolstoi.

    War ich sieben oder acht Jahre alt? Ich weiß es nicht genau. Das Summen der Hummeln, der kaum wahrnehmbare Zitronengeschmack des Leitungswassers, die leichte Beunruhigung wegen Rosalie, die Stimme meines Vaters und meine Imagination, die sich am Rande seiner Worte bewegte: Das alles vermischte sich zu einem alterslosen Gefühl für diesen Sommer. Ich las schon eigene Bücher, aber manchmal bat ich meinen Vater laut zu lesen, um seine Stimme zu hören und weil ich dabei, was beim eigenen Lesen nicht möglich war, die Augen schließen konnte.

    Mein Vater war ein leidenschaftlicher Leser. Er sprach voller Hochachtung und dennoch sehr vertraut von Literatur und Literaten. In diesem einen Sommer war es eben Tolstoi. Ich dachte damals, vielleicht aufgrund des vertrauten Tonfalls, Tolstoi sei ein Freund meines Vaters. Manche Vorstellungen scheinen die Nähe zueinander zu suchen und verbinden sich, obwohl sie weit auseinander liegen, während andere sich trotz großer Ähnlichkeit nicht einmal unter Anstrengungen zueinander bringen lassen. Mein Vater unterhielt sich manchmal mit einem Mann am Gartenzaun. Obwohl ich wusste, dass dieser Mann die Straße herunter wohnte, nahm ich an, dass dies Tolstoi sei. Und ebenso selbstverständlich nahm ich an, Tolstoi habe alles, was er aufschrieb auch erlebt. Wie sonst hätte er all diese Dinge von Anna Karenina wissen können? Er und mein Vater mussten diese Frau kennen, die vielleicht ebenfalls nur die Straße herunter wohnte. Ich wusste durchaus, dass Russland, St. Petersburg und Moskau, weit weg waren. Aber diese Dinge fanden eben nicht zueinander, jedenfalls nicht so wie Tolstoi und mein Vater bei uns am Gartenzaun.

    Ich war unendlich traurig, als mir mein Vater eines Tages sagte, Tolstoi sei tot. Ich nahm wahrscheinlich an, er sei gerade erst gestorben. Ich hatte ihn ja noch wenige Tage zuvor gesehen. Ich wunderte mich, dass mein Vater dies so gelassen sagte. Erst später, vielleicht am nächsten Tag oder im darauffolgenden Winter oder als ich den Nachbarn sah, verstand ich, dass die beiden einander nie gekannt hatten und dass Tolstoi schon tot war, als mein Vater geboren wurde. Dieser Mann, der am anderen Ende unserer Straße wohnte, war eben nur ein Nachbar. Und ich habe auch entdecken müssen, dass Tolstoi das, was er beschrieb, gar nicht erlebt hatte und dass dies alles nicht der Wirklichkeit entsprach. Dass Anna Karenina den Grafen Wronskij nicht wirklich geliebt, weil sie überhaupt nie existiert hatte.

    Dieser ganze Sommer, da ich abends mit geschlossenen Augen der Stimme meines Vaters gefolgt war, bekam dadurch eine andere Färbung. Anna Karenina war eine Erfindung Tolstois. Diese Frau, die die Wahrheit so sehr liebte und den Betrug verachtete, war selbst nur ein Betrug. Das alles war ein Lügengestrick, in das ich mich verfangen hatte. Ich war verärgert. Ich war richtig wütend. Tolstoi hatte mich hintergangen und betrogen.

    Irgendwann muss diese Verärgerung und diese Enttäuschung in Bewunderung umgeschlagen sein. Das ist wahrscheinlich ein langsamer Prozess gewesen. Literatur hat für mich seither diesen Reiz einer Wirklichkeit, die ein enger Freund meines Vaters erlebt hatte. Und ich echauffiere mich über misslungene Bücher, weil ich dann jedes Mal den Nachbarn vor Augen habe, wie er in seiner ärmlichen Joppe am Zaun unseres Gartens steht, statt des großen Nikolajewitsch Graf Tolstoi, der Vertraute meines Vaters, der Anna Karenina gekannt hatte.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 August 2009

    An der Schwelle zum Gefallen

    Mir gefallen Texte. Auch experimentelle und unfertige. Auch solche, die mit Zuordnungen und Gattungen spielen. Ich habe in der Literatur, wie man das so sagt, einen fortgeschrittenen Geschmack. Das macht‘s mir nicht unbedingt leicht. Mir gefällt vieles. Aber nur, weil mir vieles gefällt, gefällt mir noch lange nicht alles. Vielmehr gefällt mir sogar nahezu nichts. Es gefällt mir nämlich nur beinahe. Oder beinahe nicht. Das ist einerlei, denn was mir eigentlich gefällt, ist die Schwelle zum Gefallen.

    An diese Schwelle stehen alle Texte. Manche können sich erstaunlich lange dort aufhalten, sie machen es sich da geradezu gemütlich, sie richten sich häuslich ein. Andere kippen bereits mit den ersten Worten, sie kippen einfach um, in die eine oder in die anderen Richtung. Manche taumeln, manche versuchen sich durch die Hintertür herein zu schleichen, manche suchen Mitleid zu erringen, manche nehmen mehrere Anläufe, manche wollen die Schwelle überrennen, manche wollen sich hineinschleichen, sie tänzeln von einem auf den anderen Fuß, sie kokettieren, sie liebäugeln mit mir. Solche Avancen sind vergebens. Ich bin‘s nicht, die da urteilt: es ist mein Geschmack. Und auf meinen Geschmack habe ich keinen Einfluss.

    Dieser Geschmack verändert sich auch unentwegt. Mit jedem Text, ob er die Schwelle nun überwindet oder nicht. Vielmehr bin ich es, die sich verändert. Weil ich für jede Reaktion auf einen Text, sei sie zustimmender oder ablehnender Natur, pauschal oder differenziert und präzise, ausformuliert oder erahnt, eine Aktivität entfalten muss, eine Positionsveränderung. Ich schleiche seit Wochen wie eine Katze um den heißen Brei um einen Text von Jean Améry, Die Tortur. Ich weiß, dass, was immer mich da erwartet, Auswirkungen auf mich haben und damit eine Veränderung meines Gesamtgeschmacks nach sich ziehen wird. Und dadurch auch eine Veränderung meiner selbst.

    Bei der Lyrik aber ist das anders. Da bewege ich mich nicht mehr. Ich hatte einmal ein kurzes Geplänkel mit Ossip Mandelstamm. Eine vergangene und unheilbare Liebe mit Paul Celan. Da war mal was mit Oskar Pastior, aber das war weder Liebe noch Sex, das muss etwas anderes gewesen sein. Ich habe Baudelaire und Mallarme gelesen, aber beides war Schullektüre und mehr Exerzitium als Lust. Ich habe einen Versuch mit Durs Grünbein gemacht. Und einen anderen mit Oswald Egger. Die beiden letztgenannten teilen sich, wenn ich die Verhältnisse in der deutschsprachigen Lyrik richtig einschätze, den Thron. Ich weiß allerdings nicht, ob sie nebeneinander oder nacheinander drauf sitzen, der eine nachts, der andere tags, oder ob ihn der eine zum Regieren und der andere zum Defäkieren benutzt. Trotz dieser Versuche bin ich an einer Stelle, bei Rilke nämlich, stehen geblieben.

    Oder ist diese Erklärung eine Farce? Ist nicht der Kern dieser Angelegenheit vielmehr, dass ich bei anderen Textformen meine, ein Wörtchen mitreden zu können? Bei der Lyrik hingegen liegt die Latte unerreichbar hoch, da komme ich nie hin. Dabei ist mein Deutsch tadellos – ich kann einen Kuhfuß von einem Pferdefuß, von einem Krähenfuß und einem Hasenfuß unterscheiden, Verse von einer Ferse von einer Färse, einen Schrat von einem Schranz, umfahren von umfahren und Genus von Genuss -, muttersprachliches Niveau einer Geisteswissenschaftlerin. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin. Ich habe, weil mir viele aktuelle Romane nicht gefallen, einen eigenen geschrieben. Ich führe dieses Blog, an dem ich tagtäglich arbeite. Ich promoviere in Linguistik und stehe mit meinem Thema mehr als nur mit einem Bein in der Philosophie. Und trotzdem reicht‘s für Lyrik nicht. Gestern habe ich konzedieren müssen, dass mein Rumänisch nicht ausreicht, heute muss ich dasselbe fürs Deutsche tun. Ich sollte aufhören, darüber nachzudenken.

    Worum geht es dabei? Es geht nicht um eine Hinwendung, sondern um eine Abwendung. Denn meine Muttersprache ist nicht Deutsch, sondern Rumänisch. Deutsch ist die Sprache meines Vaters. Wenn ich aus Rumänien weggegangen bin, wenn ich nach Deutschland gekommen bin, dann bin ich nicht in jemandes Arme geflohen, sondern aus jemand anderes Arme geflüchtet (aus jemand anderes Arme: ist das wirklich muttersprachliches Niveau? Ich bin nicht sehr sicher in Interpunktion, aber ich habe einen ausgeprägten grammatischen Instinkt, der mich selten im Stich lässt. Jetzt aber ist so ein Fall. Ich lese diese Worte und weiß nicht, ob sie richtig sind. Weiß ich es nicht, weil ich über den Inhalt unsicher bin?). Verkaufe ich das Rumänische zugunsten des Deutschen? Wende ich mich von dem einen ab, um mich dem anderen zuzuwenden? Vielleicht muss ich zugestehen, dass ich mich von der einen Sprache nicht so sehr abzuwenden vermag, dass ich in der anderen ankomme. Ich habe viele Jahre von Paris und von Barcelona geträumt. Warum bin ich nach Berlin gegangen? Weil ich da bereits wusste, dass ich nur in Deutsch würde schreiben können? Und weil ich da schon wusste, dass ich schreiben will? Wusste ich auch schon, was ich schreiben würde?

    In diesem Zusammenhang muss ich eine Bemerkung betrachten, wie die, ich sei fasziniert von Männlichkeit. Deutsch ist männlich, Rumänisch weiblich. Ist mein Deutsch männlich? Weiche ich dem weiblichen aus? Hat weichen, ausweichen, etwas mit weich zu tun? Ist weich nicht ein Synonym für Weiblichkeit? Und Ausweichen? Ist das noch eine Form von weich, von weiblich? Seine Verstärkung oder seine Verneinung?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 August 2009

    Lolita

    Ein schöner Tag macht noch keinen Sommer und eine schöne Formulierung noch keinen Schriftsteller. Manchen Formulierungen ist anzusehen, dass sie keine singulären meteorologischen Ereignisse sind, wie den ersten Sätzen der „Lolita”. Vladimir Nabokov ist meines Wissens der einzige Schriftsteller, jedenfalls der einzige, den ich kenne, der in zwei Sprachen schreiben konnte, in Russisch und in Englisch. Ich kann auch zwei Sprachen. Obwohl ich Rumänisch bis zum Abitur in der Schule hatte, obwohl mein Studium in Bukarest, meine Freunde dort, alles war selbstverständlich Rumänisch in Rumänien: ich könnte niemals in dieser Sprache schreiben. Schriftsprache, literarische Sprache, ist Deutsch. Obwohl ich es mein Leben lang gesprochen habe, reicht mein Rumänisch nicht, um kreativ damit umzugehen.

    „Lolita, light of my life, fire of my loins. My sin, my soul. Lo-lee-ta: the tip of the tongue taking a trip of three steps down the palate to tap, at three, on the teeth. Lo. Lee. Ta.”

    Vladimir Nabokov, Lolita

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 August 2009

    Kassandra

    Ein ganz anderes Bild der Penthesilea zeichnet Christa Wolf in ihrem Buch „Kassandra”. Penthesilea ist hier eine Frau, die die Männer hasst. Die Amazonen werden von Panthoos so beschrieben „Die töten, wen sie lieben, lieben, um zu töten”.
    Ich habe das Buch in Paris auf Englisch gekauft und erst später, als ich schon in Berlin lebte, noch einmal auf Deutsch. Penthesilea sitzt in der folgenden Szene mit Frauen der Trojer zusammen, mit Myrine, Arisbe, Oinone, Hekabe und Kassandra.

    „Die bewohnte Welt, soweit sie uns bekannt war, hatte sich immer grausamer, immer schneller gegen uns gekehrt. Gegen uns Frauen, sagte Penthesilea. Gegen uns Menschen, hielt Arisbe ihr entgegen.
    Penthesilea: Die Männer kommen schon auf ihre Kosten.
    Arisbe: Du nennst ihren Niedergang zu Schlächtern auf ihre Kosten kommen?
    Penthesilea: Sie sind Schlächter. So tun sie, was ihnen Spaß macht.
    Arisbe: Und wir? Wenn wir auch Schlächterinnen würden?
    Penthesilea: So tun wir, was wir müssen. Doch es macht uns keinen Spaß.
    Arisbe: Wir sollen tun, was sie tun, um unser Anderssein zu zeigen!
    Penthesilea: Ja.
    Oinone: Aber so kann man nicht leben.
    Pethesilea: Nicht leben? Sterben schon.
    Hekabe: Kind. Du willst, daß alles aufhört.
    Penthesilea. Das will ich. Da ich kein anderes Mittel kenne, daß die Männer aufhörn.”

    Das ist eine interessante Überlegung von Christa Wolf: Dasselbe tun, um sein Anderssein zu zeigen. Aber auch diese Wendung bringt der Penthesilea kein Glück. Auch bei Christa Wolf muss sie untergehen.

    Christa Wolf, Kassandra, Seite 158 f

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 August 2009

    Rausgeworfene Erfahrungen

    Gemessen an dem, was einer und eine bei Kleist lernen kann, ist eine `gelegentlich mühselige Lektüre´ ein denkbar geringer Preis. Es gibt Umstände, die schlagen mit ganz anderen Kosten zu Buche. Dabei kann man sich durch die Lektüre der Penthesilea, durch Lektüre überhaupt, nicht einmal etwas ersparen. Man muss für alle seine Erfahrungen schon den vollen Betrag entrichten. Manchmal muss man sogar einen verdammt hohen Preis bezahlen und bekommt im Gegenzug nur recht dürftige Erfahrung dafür. Ja, manchmal zahlt man jahrelang Tranchen für eine zweiminütige Erfahrung, auf die man gar nicht machen wollte. Aber wenn eines Tages dann alles abbezahlt hat, auf Heller und Pfennig, Zins und Zinseszins, dann ist es nicht einfach nur futsch. Zwar ist es futsch, aber man weiß wenigstens, wo es geblieben ist: das eigene Vermögen. Und irgendwie, Zauber aller Lebenserfahrung, ist es auch nicht futsch. Dieses Vermögen und diesen Reichtum kann man sich nicht ersparen. Das bekommt man nur, indem man’s mit vollen Händen ausgibt. Indem man‘s rauswirft. Und am besten zum Fenster raus. Dieses Rauswerfen ist das, was wir Erfahrung nennen. Weil Erfahrung kein ansparen, ansammeln und anhäufen ist. Sondern ein verschwenden, ein verschleudern und verprassen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 August 2009

    Die Laune des Lesers

    Warum sollte man einen Text wie die Penthesilea heute noch zur Kenntnis nehmen? Der Mythos ist zweitausendfünfhundert Jahre alt, die Bearbeitung durch Kleist immerhin noch zweihundert Jahre. Ob man nun den größeren oder den kleineren Zeitraum in Betracht zieht, muss man zugestehen: es hat sich seither einiges verändert. Die Frauen heutzutage amputieren sich nicht mehr die Brüste. Sie lassen sie sich vielmehr verschönern. Auch ihre Waffen sind nicht mehr dieselben, aus Pfeil und Bogen sind Dekolleté und Minirock geworden. Außerdem ist die Sprache des Dramas antiquiert und der Satzbau sperrig, was die Lektüre gelegentlich etwas mühselig macht. Und gelegentlich mühselige Lektüre ist der Laune des Lesers in der Regel nicht förderlich. Warum sollten wir das also heute noch zur Kenntnis nehmen?

    Weil womöglich Phylogenese und Ontogenese, die Entwicklung des Geschlechts und die eigene individuelle Entwicklung, nicht sehr weit auseinander liegen. Weil uns zweihundert oder zweitausend Jahre nicht vor der Erfahrung bewahren, dass wir uns unsere Sexualität nicht so einrichten können wie es uns gefällt. So wie wir uns andere Räume unserer Existenz einrichten, mit einem hübschen Teppich und den passenden Gardinen. Die Erfahrung, dass wir unserem Begehren ausgeliefert sind und dass die immer gleiche Zelle mal karg und mal königlich ausgestattet ist. Die Erfahrung, dass wir dieses Begehren nicht einfach abstellen können, weil der andere nicht so will, wie wir wollen. Oder der andere will, was wir nicht wollen. Wenn er vor der Türe steht, Einlass begeht und wir sie ihm vor der Nase zuschlagen. Vielleicht mit Verständnis, vielleicht aber auch mit voller Wucht.

    Weil womöglich Identität nichts Starres ist, sondern etwas, was einer sich permanent erarbeiten muss. Weil auch die Grenzen sich verschieben. Grenzen, die einbrechen. Und die man dann wieder errichten muss. Oder die man einreißen muss, weil sie sie sich von alleine aufrichten. Weil Identität etwas ist, an dem man lebenslang laborieren muss, dass man verfertigen und verfestigen muss. Weil wir uns notgedrungen an andere wenden müssen und wir gerade dann mit dem eigenen Selbst konfrontiert werden. Mehr als wenn wir allein zu Hause hocken und unsere Einsamkeit kultivieren.

    Weil womöglich die Erfahrung, jemanden zu begehren und zu lieben – nicht anders zu können, als zu lieben, auch wenn es einem nicht gut tut, sogar, wenn es alles andere mit einem tut, außer guttun -, weil eine solche Erfahrung zu machen, machen zu müssen, einem guttut. Die Erfahrung der Ausweglosigkeit. Wo man nur noch erleiden kann. Und hoffen, dass die Verletzungen und Blessuren, an denen man, wie Achill, sogar sterben kann, dass man es irgendwie übersteht.

    Weil womöglich jede und jeder sich jederzeit positionieren muss: zwischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen, zwischen den eigenen Wünschen und Vorstellungen, zwischen dem, was möglich und dem, was nicht möglich ist, zwischen Hoffnung und Verzweiflung und zwischen tausend anderen Umständen. Weil womöglich das etwas ist, was wir alle bis zum Ende unseres Lebens tun müssen: uns positionieren.

    Und weil man all dies bei Kleist lernen kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 August 2009

    Wie Männer Weiber lieben

    Ich bekomme die Amazonenkönigin nicht aus dem Kopf. Dabei habe ich den Kleist gegriffen, weil ich mir seinen Amphitryon anschauen wollte. Und dann bin ich unbeabsichtigt bei der Penthesilea hängen geblieben.

    Als Achill zu Prothoe sagt, dass er sich in Penthesilea verliebt habe, fragt sie, die nicht sofort versteht: „Wie? Was war das?” Und Achill antwortet:

    „Beim Himmel, wie! Wie Männer Weiber lieben;
    Keusch und das Herz voll Sehnsucht doch, in Unschuld,
    Und mit der Lust doch, sie darum zu bringen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1522 f.

    Das kann man nicht weiter kommentieren. Das kann man sich nur übers Bett hängen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    21 August 2009

    Mein gewürfelter Grabstein

    Die folgenden drei Zeilen aus der Penthesiliea kommen auf meinen gewürfelten Grabstein.

    „Mein Alles hab ich an den Wurf gesetzt;
    Der Würfel, der entscheidet, liegt, er liegt:
    Begreifen muss ich – - und daß ich verlor.”

    Heinrich von Kleist, Penthesilea, Zeile 1304 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 August 2009

    Nicht aber wanke in dir selber mehr

    Wir haben womöglich kein einheitliches Köperbild, aber wir wissen zumindest um die Grenzen unseres Körpers. Nur lässt sich aus einer schnöden Grenzerfahrung noch kein einheitliches Selbstbild erstellen. Obwohl wir es ja sind, dieses Selbst, bekommen wir es nicht richtig zu fassen. Wir bekommen es nicht zu greifen, zu begreifen: außer im Bild von uns. Aber wir wissen auch, wir ahnen es, dass das Bild von der Sache nicht mit der Sache selbst identisch ist. Erst recht nicht, wenn wir nur das Bild haben.

    Ich zitiere ein weiteres Mal Prothoe, die mir immer besser gefällt, ihre Sprache und ihre Bilder und Handlungen, vor allem ihre Freundschaft zur Penthesilea.

    „Sinke nicht,
    Und wenn der ganze Orkus auf dich drückte!
    Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht,
    Weil seiner Blöcke jeder stürzen will!
    Beut deine Scheitel, einem Schlußstein gleich,
    der Götter Blitzen dar, und rufe, trefft!
    Und laß dich bis zum Fuß herab zerspalten,
    Nicht aber wanke in dir selber mehr,
    Solang ein Atem Mörtel und Gestein,
    In dieser jungen Brust, zusammenhält”

    Kleist Penthesilea, Zeile 1348 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 August 2009

    Nichts als ein töricht Herz

    Ich zitiere noch einmal aus der Penthesilea. Prothoe, die sich, als sie erkennen muss, dass Penthesilea nicht anders handeln kann, als wirkliche Freundin erweist. Prothoe gibt keine Ratschläge wie man’s machen könnte. Was auch schlimm wäre, denn Freundschaft spielt sich in einer anderen Dimension ab, in der der emotionalen Nähe. Mit Ratschlägen hingegen hält man sich die Leute vom Leib. Prothoe gibt der Freundin keine Ratschläge wie sie’s gut, oder, schlimmer noch, wie sie’s besser machen könnte.

    Obwohl sie den Grund dafür nicht versteht, versteht sie, dass die Freundin an ihrer Grenze angekommen. Eine Grenze, die sie nicht übertreten kann. Als sie zumindest ahnt, was mit der Königin los ist: dass etwas sie geradezu vernichtet und sie die Freundin gegenüber der Priesterin verteidigt, die nichts davon versteht, geschweige denn, dass einer von ihnen es benennen könnte. Das Gefühl der Liebe ist, sozusagen, neu. Das hat es vor der Individualisierung nicht gegeben: da war, was einer fühlen, denken, tun konnte von allen anderen nachvollziehbar. Aber das ist in der Liebe nicht mehr so. Liebe ist irrational. Das Problem der Objektivität gibt es erst, seit es die Subjektivität gibt. Ein anderer kann das nicht verstehen, was in eines Menschen Brust vorgeht, diese unsäglichen Schmerzen, die die Liebe verursachen kann: „Was in ihr walten mag, das weiß nur sie”

    „PROTHOE
    Nun, wie du willst.
    Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis! Weine nicht.
    Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist,
    Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt,
    Was du nicht leisten kannst: die Götter hüten,
    Daß ich es von dir fordre! Geht, ihr Jungfraun,
    Geht: kehrt in eure Heimatflur zurück:
    Die Königin und ich, wir bleiben hier.
    DIE OBERPRISTERIN
    Wie, du Unsel’ge? Du bestärkst sie noch?
    MEROE
    Unmöglich wärs ihr, zu entfliehn?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unmöglich
    Da nichts von Außen sie, kein Schicksal, hält
    Nichts als ein töricht Herz -
    PROTHOE
    Das ist ihr Schicksal!
    Dir scheinen Eisenbanden unzerreißbar,
    Nicht wahr? Nun sieh: sie bräche sie vielleicht,
    Und das Gefühl doch nicht, das du verspottest.
    Was in ihr walten mag, das weiß nur sie
    Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel.
    Des Lebens höchstes Gut erstrebte sie.
    Sie streift‘, ergriff es schon: die Hand versagt ihr,
    Nach einem andern noch sich auszustrecken. -
    Komm, magst dus jetzt an meiner Brust vollenden.
    - Was fehlt dir? Warum weinst du?
    PENTHESILEA
    Schmerzen, Schmerzen.”

    Kleist, Penthesilea, Zeile 1270 f.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 August 2009

    Kleist und Goethe

    Vor dem geschilderten Hintergrund suchte Kleist einen Platz für seine beiden Figuren. Und auch einen für sich selbst, im Olymp der Literaten, gleich neben Goethe am liebsten, dem er sich mit der Penthesilea „auf den Knien meines Herzens” genähert hatte. In welchem Verhältnis Kleist, der sich angeblich an einer Phimose hatte operieren (amputieren?) lassen müssen, neben dem unbesiegbaren Goethe (außer an seinen Versen) gestanden haben mochte, darüber lässt sich durchaus spekulieren. Goethe jedenfalls hat diese Annäherung von sich gewiesen. Richtige Kerle mögen‘s nicht, wenn die Weiber zu ihnen kommen und ihr Begehren artikulieren. Weil sie das womöglich als zu männlich empfinden, und weil sie dann, da sie selbstverständlich auf eine Trennung von Männern und Frauen bestehen müssen, die weibliche Rolle übernehmen müssten. Und Johann Wolfgang von Goethe in Strapsen: das ist wirklich schwer vorstellbar.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    12 August 2009

    Küßt ich ihn tot?

    Allzu empfindsame Geister sollten sich das Folgende ersparen. Es berichtet von den letzten Momenten im Leben der Penthesilea, in der gleichnamigen Tragödie von Heinrich von Kleist. Hier gibt’s den Text im Rahmen des Gutenbergprojektes.

    Im Krieg um Troja (etwa 1200 Jahre vor Christus), der mit dem Raub Helenas durch Paris begonnen und nach und nach die gesamte Ägäis in Mitleidenschaft gezogen hatte, kommen die Amazonen den von den Griechen bedrängten Trojern zu Hilfe. Dabei geht es nur scheinbar um Helena. Der wirkliche Grund dieses, fast könnte man sagen: dieses ersten Weltkrieges, ist ein wirtschaftlicher. Die Kontrolle über die Durchfahrt durch die Dadanellen und damit einer der wichtigsten Handlungswege dieser Zeit verspricht einen prosperierenden Staat, Reichtum und Wohlstand.

    Mit Penthesilea, der Königin der Amazonen, und Achill, dem griechischen Helden schlechthin, treffen pars pro toto zwei Personen aufeinander, zwischen denen sich der dramatische Konflikt aufbaut. Die enorme Brutalität mit der er sich bei Kleist entlädt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier nicht nur zwei Menschen aufeinander stoßen, sondern andere, sehr viel machtvollere Umstände.

    Es stoßen mit den Personen zwei Geschlechter aufeinander und zwei Herrschaftsstrukturen: Achill, als Inbegriff der Männlichkeit und nahezu unverletzlich – außer an seinen Fersen -, ist Vertreter des Patriachats, Penthesilea hingegen eine Vertreterin des Matriarchats, vielmehr der Gynäkokratie – der Herrschaft der Frauen -. Außerdem stoßen zwei Kulturstufen aufeinander, die Griechen bilden die Hochkultur unter den Völkern der Ägäis. Das Volk der Amazonen, das aus dem kleinasiatischen Raum stammt, aus dem Kaukasus, gehört hingegen zu den primitiven Völkern. Ohne Männer lebend, überfallen sie, um die Nachkommenschaft zu sichern, andere Völker, rauben deren Männer, zeugen Kinder mit ihnen und schicken deren Väter dann wieder zu ihren eigenen Völkern zurück. Die Jungen werden unmittelbar nach der Geburt getötet oder weggegeben, den Mädchen wird in der Pubertät eine Brust amputiert, damit sie mit Pfeil und Bogen umgehen können. Die individuelle Partnerwahl ist den Amazonen verboten. Eine Amazone muss einem Mann im Kampf begegnen. Wenn sie als Siegerin aus dieser Konfrontation hervorgeht, kann sie mit dem Besiegten tun was sie will. Und was die Amazonen von den Besiegten wollen, ist eindeutig: sie wollen sie lieben; sie wollen mit ihm schlafen. Diese Frauen wollen lieben und geliebt werden, aber die Gesetze lassen dies nicht zu. Liebe ist nur unter dem Patronat der Gewalt denkbar. Und das verstehen natürlich die Gegner im Kampf nicht, dass diese Frauen Gewalt anwenden, weil sie das Gegenteil davon wollen.

    Die Mutter der Penthesilea hatte ihrer Tochter auf dem Totenbett prophezeit, dass sie sich in Achill verlieben werde. Damit steht Penthesilea an einer historischen Zäsur. Denn mit der Liebe, und mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Liebesobjekt – also nicht mehr einem Mann, den der Zufall einer Amazone im Kampf zuführt – beginnt Penthesilea ihre Individualisierung. Schlafen kann man zur Not mit jedem, aber lieben kann man nicht jeden. „Ich sage vom Gesetz der Fraun, mich los und folge diesem Jüngling hier”, formuliert sie. Und sie zahlt den denkbar höchsten Preis dafür: sie bezahlt mit ihrem Leben.

    Penthesilea weiß dass sie, sowie sie Achill begegnet, ihn lieben wird. Aber sie kennt das Gefühl der Liebe noch gar nicht. Es trifft sie dann auch mit unerhörter Gewalt. Es trifft sie auf eine Art, die man eher als eine männliche bezeichnen möchte: sie ist rasend vor Begierde. Sie will dieses Liebesobjekt mit aller Macht und Gewalt. Und die wendet sie an, um zum Ziel zu kommen: sie geht bei jeder Gelegenheit mit dem Schwert, dem Dolch und dem Bogen auf ihn los und am Ende sogar mit Hunden und Elefanten. Erst in der 15. Szene lässt sie davon ab, als sie einem Irrtum aufsitzend, sich als vermeintliche Siegerin im Zweikampf mit Achill wähnt. In dieser Situation sind jene Bedingungen erfüllt, die sie versteht: der Gewinn eines Mannes durch seine Überwindung. Sie erzählt Achill die Geschichte der Amazonen und spricht von ihrer Liebe. Sie schaut voll Neid auf die Liebeskultur der Griechen. Sie sehnt sich danach, eine weibliche Rolle zu beziehen und nicht länger mit den maskulinen Attributen ausgestattet zu sein.

    Als Amazone, als Vertreterin ihres Volkes, muss sie Achill, um ihn lieben zu dürfen, unterwerfen. Als Liebende hingegen ist sie dem eigenen Gefühl unterworfen. Und gegen dieses Gefühl, das sich ja auf Achill bezieht, kann sie nicht ankämpfen. Diese einander widersprechenden Umstände bringt sie nicht zusammen. Sowie sie erkennen muss, dass sie einem Schein unterlegen und Achill der Sieger im Zweikampf gewesen ist, und sie Gefangene der Griechen, verliert sie vollständig die Kontrolle über sich und ihr weiteres Tun. Aus dem verlorenen Zweikampf schließt sie, dass sie auch Achill verloren hat.

    Das Schicksal nimmt seinen unerbittlichen Lauf als die Amazonen ihre Königin aus den Händen der Griechen befreien und Penthesilea den Geliebten erneut verliert. Sie, die die Handlung bisher immer weiter getrieben hat und dem Liebesobjekt auf den Fersen (!) geblieben ist, erscheint mit einem Mal lethargisch und willenlos. Achill aber bietet ihr durch einen Boten die Wiederaufnahme des Kampfes an. Durch die Erzählung Penthesileas hat er verstanden, dass eine Amazone sich einen Mann erkämpfen muss. Und weil er auch verstanden hat, dass Penthesilea ihn liebt, und er sie seinerseits, stellt er sich, mit der Absicht zu unterliegen, dem erneuten Kampf. Aber Penthesilea, gerade erst durch den Schein getäuscht, zieht ihm mit dem ganzen „Schreckenspomp des Kriegs” entgegen. Und besiegt ihn. Nachdem sie Achill einen Pfeil durch den Hals geschossen hat, zerfleischt sie ihn auf bestialische Art und Weise.

    Der Grund für diese furchtbare Entwicklung ist darin zu suchen, dass Penthesileas Selbstbild auseinander fällt. Deswegen legt sie erheblichen Wert auf jenes Bild, dass Achill von ihr hat. Als der in jener 15. Szene nach ihrem Namen fragt, geht sie gar nicht darauf ein. Erst als er ihr das Bild zurückspiegelt, das sie sie selbst hat, erst als er ihr dies Selbst bestätigt, nennt sie ihren Namen. Der Name ist ihr ebenso unwichtig wie ihre Funktion als Königin: sie fragt nach ihren Zügen, nach ihrer Eigenheit und nach ihrer Individualität.

    Penthesilea weiß, dass, wenn sie untergeht, die Amazonen ihr folgen werden: „Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft”: Tanäis war die Uramazone, die erste Königin. Mit dem Bruch gegenüber dem Vermächtnis und der Verpflichtung der Amazonen den althergebrachten Gesetzen gegenüber, geht dieses Volk unter. Sie weiß, dass sie, in mehrfacher Hinsicht, die Erste ihres Volkes ist. Die Amazonen sind das unterlegene Volk und das Matriarchat das unterlegene Herrschaftsmodell. Nicht, weil die Herrschaft der Frauen schlechter wäre als jene der Männer. Sondern weil die Widersprüche nicht vermittelbar waren: jene Widersprüche von männlich und weiblich, von Gewalt auf der einen und Liebe, Verständnis und Rücksichtnahme auf der anderen Seite, von Außen und Innen, von Selbst- und von Fremdwahrnehmung.

    Ich zitiere die letzten Verse der Tragödie, und die letzten Worte im Leben der Amazonenkönigin. Verse, da Penthesilea erkennen muss, was sie im Rausch getan hat. Dieser letzte, der 24. Auftritt, ist äußerst ergreifend. Penthesilea taumelt, äußerlich wie innerlich. Sie sieht die Leiche des Achill, sie erkennt seine furchtbaren Verstümmelungen. Und sie will wissen, wer das getan hat, sie fordert Rechenschaft für dieses Tun. Sie weiß nicht, dass sie es selbst war: weil sie dieses Selbst nicht findet. Das ist ihr abhanden gekommen und sie muss es erst wiederherstellen. Diese Wiederherstellung ist zu verstehen als ein Zurückgewinnen ihrer Handlungsfähigkeit. Sie stellt ihr Selbst und ihr Selbstbild her, indem sie sich tötet. Und zwar, tatsächlich (!), mit nichts als ihren Worten. In vollkommener Übereinstimmung von Rede und Handlung erschafft sie ihr Selbst: indem sie sich, oder besser gesagt dieses Selbst, vernichtet.

    Wir werden hier Zeugen der wunderlichen Bewusstwerdung einer Tat, der Anerkennung dieser Tat und dem anschließenden Suizid, der mit den Worten beginnt: „Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder”. Diese zehn Zeilen gehören sicher zum Besten, was die deutsche Dramatik zu bieten hat. Da spürt man etwas von der ungeheuren Macht der Sprache. Mehr als einem lieb sein kann.

    Dramatis personae sind: Penthesilea, die erste Priesterin, die Oberpriesterin, Meore und die Freundin Penthesileas, Prothoe. Vor den Füßen der Frauen liegt der blutige Leichnam des Achill.

    „PENTHESILEA
    Was! Ich? Ich hätt ihn -? Unter meinen Hunden -?
    Mit diesen kleinen Händen hätt ich ihn -?
    Und dieser Mund hier, den die Liebe schwellt -?
    Ach, zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn -!
    Die hätten, lustig stets einander helfend,
    Mund jetzt und Hand, und Hand und wieder Mund -?
    PROTHOE
    O Königin!
    DIE OBERPRISTERIN
    Ich rufe Wehe! Dir.
    PENTHESILEA
    Nein, hört, davon nicht überzeugt ihr mich.
    Und stünds mit Blitzen in die Nacht geschrieben,
    Und rief es mir des Donners Stimme zu
    So rief ich doch euch beiden zu: ihr lügt!
    MEROE
    Laß ihn, wie Berge, diesen Glauben stehn;
    Wir sind es nicht, die ihn erschüttern werden.
    PENTHESILEA
    Wie kam es denn, daß er sich nicht gewehrt?
    DIE OBERPRISTERIN
    Er liebte dich, Unseligste! Gefangen
    Wollt er sich dir ergeben, darum naht‘ er!
    Darum zum Kampfe fordert‘ er dich auf!
    Die Brust voll süßen Friedens kam er her,
    Um dir zum Tempel Artemis‘ zu folgen.
    Doch du -
    PENTHESILEA
    So, so -
    DIE OBERPRISTERIN
    Du trafst ihn -
    PENTHESILEA.
    Ich zerriß ihn.
    PROTHOE
    O meine Königin!
    PENTHESILEA
    Oder war es anders?
    MEROE
    Die Gräßliche!
    PENTHESILEA
    Küßt ich ihn tot?
    DIE ERSTE PRIESTERIN
    O Himmel!
    PENTHESILEA
    Nicht? Küßt ich nicht? Zerrissen wirklich? Sprecht?
    DIE OBERPRISTERIN
    Weh! Wehe! ruf ich dir. Verberge dich!
    Laß fürder ewge Mitternacht dich decken!
    PENTHESILEA
    - So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,
    Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,
    Kann schon das eine für das andre greifen,
    MEROE
    Helft ihr, ihr Ewgen, dort!
    PROTOE ergreift sie
    Hinweg!
    PENTHESILEA
    Laßt, laßt!
    Sie wickelt sich los, und läßt sich auf Knien vor der Leiche nieder.
    Du Ärmster aller Menschen, du vergibst mir!
    Ich habe mich, bei Diana, bloß versprochen,
    Weil ich der raschen Lippe Herr nicht bin;
    Doch jetzt sag ich dir deutlich, wie ichs meinte:
    Dies, du Geliebter, wars, und weiter nichts.
    Sie küßt ihn.
    DIE OBERPRISTERIN
    Schafft sie hinweg!
    MEROE
    Was soll sie länger hier?
    PENTHESILEA
    Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
    Sagt wohl das Wort, sie liebt ihn, o so sehr,
    Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
    Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
    Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon.
    Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht.
    Sieh her: als ich an deinem Halse hing
    Hab ichs wahrhaftig Wort für Wort getan;
    Ich war nicht so verrückt als es wohl schien.
    MEROE. Die Ungeheuerste! Was sprach sie da?
    DIE OBERPRISTERIN
    Ergreift sie! Bringt sie fort!
    PROTHOE
    Komm, meine Königin!
    PENTHESILEA, sie läßt sich aufrichten.
    Gut, gut. Hier bin ich schon.
    DIE OBERPRISTERIN
    So folgst du uns?
    PENTHESILEA
    Euch nicht.
    Geht ihr nach Themiscyra, und seit glücklich,
    Wenn ihr es könnt -
    Vor allem meine Prothoe -
    Ihr alle -
    Und – - – im Vertrauen ein Wort, das niemand höre,
    Der Tanäis Asche, streut sie in die Luft!
    PROTHOE
    Und du, mein teures Schwesterherz?
    PENTHESILEA
    Ich?
    PROTHOE
    Du!
    PENTHESILEA
    Ich will dir sagen, Prothoe,
    Ich sage vom Gesetz der Fraun mich los,
    Und folge diesem Jüngling hier.
    PROTHOE
    Wie, meine Königin?
    DIE OBERPRISTERIN
    Unglückliche!
    PROTHOE
    Du willst – ?
    DIE OBERPRISTERIN
    Du denkst -
    PENTHESILEA
    Was? Allerdings!
    MEROE
    Oh Himmel!
    PROTHOE
    So laß mich dir ein Wort, mein Schwesterherz -
    Sie sucht ihr den Dolch abzunehmen.
    PENTHESILEA
    Nun denn, und was? – - Was suchst du mir am Gurt?
    - Ja so. Wart, gleich. Verstand ich dich doch nicht.
    - – Hier ist der Dolch.
    Sie löst sich den Dolch aus dem Gurt, und gibt ihn Prothoe.
    Willst du die Pfeile auch?
    Sie nimmt den Köcher von der Schulter.
    Hier schütt ich ihren ganzen Köcher aus.
    Sie schüttet die Pfeile vor sich nieder.
    Zwar reizend wär es, von einer Seite -
    Sie hebt einige davon wieder auf.
    Denn dieser hier – nicht? Oder war es dieser – ?
    Ja, der? Ganz recht – Gleichviel! Da? Nimm sie hin.
    Nimm alle die Geschosse zu dir hin.
    Sie rafft den ganzen Bündel wieder auf, und gibt ihn Prothoe in die Hände.
    PROTHOE
    Gib her.
    PENTHESILEA
    Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
    Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
    Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
    Dies Erz, dies läutr‘ ich in der Glut des Jammers
    Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann
    Heizätzendem der Reue, durch und durch;
    Trag es der Hoffnung ewgem Amboß zu,
    Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;
    Und diesen Dolch jetzt reich ich meine Brust:
    So! So! So! So! Und wieder! – nun ists gut.
    Sie fällt und stirbt.
    PROTHOE, die Königin auffassend.
    Sie stirbt!
    MEROE
    Sie folgt ihm, in der Tat!
    PROTHOE
    Wohl ihr! Denn hier war ihres fernern Bleibens nicht.
    Sie legt sie auf den Boden nieder.
    DIE OBERPRISTERIN
    Ach! Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter!
    Wie stolz, die hier geknickt liegt, noch vor kurzem,
    Hoch auf des Lebens Gipfeln rauschte sie!
    PROTHOE
    Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte!
    Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
    Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
    Weil er in ihre Krone greifen kann.”





    10 August 2009

    Nervenkostüm und Fracksausen

    Aussagen über eine wie immer geartete, zerbrechliche Verfassung. Zwei Worte, die mehr sagen als lange Sätze. Und die doch wieder nichts sagen, die nur andeuten. Weder das eine noch das andere gibt’s von Chanel oder Givenchy. Männer wie Frauen tragen es, die Frauen das ihre oft mit größerem Aplomb. Auch Männer tragen ein Nervenkostüm, auch Frauen haben Fracksausen. Dennoch kommen sie nicht in den Verdacht der Androgynität. Es gibt keine Unterwäsche, auch nichts zum darüber ziehen, für die kalten Tage. Das Nervenkostüm trägt eine Frau als trüge sie nichts. Abseits jeder Mode ist es zu allen Zeiten tragbar und gleichermaßen unerträglich gewesen.

    Die Leute sehen es einem von Weitem an, wenn man es lieber verbergen möchte. Dann wieder wollen sie nichts sehen, wie sehr man es ihnen auch unter die Nase reibt. Man ruft um Hilfe und kein Mensch hört es. Brüllend und wimmernd liegt man auf der Erde und niemand sieht einen. Man kommt sich vor wie ein Clochard, wie ein Penner. Man wird gemieden als hätte man die Pest. Und gerät dabei immer tiefer in diese Stimmung. Es geht, scheint’s, nicht vorüber. Man bekommt die Kleider nicht mehr vom Leib. Es sitzt zu eng auf der eigenen Haut, es kratzt, es zwickt und zwängt, es wird jeden Moment schlimmer und immer enger. Es läuft ein. Es erstickt einen. Es verwächst mit dem eigenen Ich.

    Und dann die Befreiung. Unverhofft und plötzlich. Wo gerade noch Resignation und Verzweiflung herrschten, glüht man wenige Stunden später vor Freude und Erleichterung. Wo man meinte, sich vor der Welt verbergen, sich verkriechen zu müssen, gehört man mit einem Mal zu den geladenen Gästen, zu den Auserwählten. Ein Fest, ein Ball, ein nächtliches Bankett. Man betritt den Saal, man ist unter Menschen, die über ausgesuchte Höflichkeit und distinguierte Umgangsformen verfügten. Man plaudert, man lacht hierhin und dorthin, man flirtet, lächelt und zwinkert, man kokettiert und schlägt die Augen auf. Man schreitet durch Räume, die königlichen Gemächern in nichts nachstehen, wo Klavier- und Cembaloklang den Damen und Herren die Stunden des nächtlichen Beisammenseins verkürzten. So werden Nervenkostüm und Fracksausen unverhofft zur ganz großen Garderobe.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 August 2009

    Zwischen zweien

    Auch wenn der Nachtisch bereits hinter uns liegt, wenn alle Schüsseln leer und alle Gläser ausgetrunken sind, es muss jetzt noch was zum Knabbern her. Also noch einmal zum Thema: zwischen zweien.

    Bei manchen Paaren fragt man sich, was die beiden eigentlich aneinander finden und was sie im anderen sehen. Das muss jedenfalls etwas sein, das Dritten nicht zugänglich ist. Weil es vielleicht gar nicht da ist, jedenfalls nicht wirklich da. Hier und da sind so genannte deiktische Partikel.

    Jetzt kommt eine linguistische Schulmeisterei. Wem das nicht passt, der muss sich bis zum Ende des Absatzes die Ohren oder die Augen zuhalten (beides hundsmiserable Ratschläge: wer sich die Ohren zuhält, kann ja währenddessen weiterlesen, wer sich die Augen zuhält, erfährt nicht, wann der Absatz zu Ende ist. Einzig mögliche Lösung dieses Problems: Augen und Ohren offenhalten, Zähne zusammen beißen). Als deiktisch bezeichnen wir etwas dann, wenn es in Abhängigkeit vom Betrachter steht. Ist etwas hingegen von einem Objekt abhängig, bezeichnen wir es als intrinsisch. „Hinter dem Fahrrad” bedeutet intrinsisch: hinter dem Hinterrad des Fahrrades. Deiktisch hingegen kann es sowohl hinter dem Hinterrad des Fahrrads bedeuten, dann befindet sich der Betrachter vor dem Fahrrad; es kann aber auch vor dem Vorderrad des Fahrrads meinen, dann befindet sich der Betrachter hinter dem Fahrrad. Das eine ist eine absolute, das andere eine relationale Bestimmung.

    Deiktische, sprecherabhängige räumliche Bestimmungen, sind nicht die geeignete Weise um intersubjektives Erleben zu beschreiben. Was zwei aneinander finden, ist nicht hier oder da, bei dem einen oder dem anderen: es entsteht zwischen zweien. Und nur zwischen diesen zweien. Alle anderen mögen sich fragen, was die beiden eigentlich aneinander finden. Die Antwort ist vielleicht recht einfach: das, was sie gesucht haben.

    Und wenn die Liebe zu Ende ist, wechselt man notgedrungen die Perspektive von intrinsisch zu deiktisch. Tief verletzt, an der eigenen Identität und an der des anderen leidend, muss man erkennen: vor dem Rad ist hinter dem Rad.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 August 2009

    Wenn ich liebe, seh ich Sterne

    Nach Hors d’oeuvre und Hauptgericht gibt’s noch etwas Süßes zum Dessert.

    „Wenn ich liebe, seh ich Sterne.
    Ist’s getan, seh ich den Mond.
    Ach, es war nur die Laterne! -
    Trotzdem hat es sich gelohnt.”

    Gedichte der Julie Schrader

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 August 2009

    Begreifen und begrapschen

    Auf meine Blogroll kommt nicht jeder. Aber jeder, der darauf kommt, kommt vollkommen zu Recht drauf. Bei jeder und jedem weiß ich, was ich an ihnen habe. Und das bekommen diejenigen auch zu hören. Heute fange ich mit flannel apparel an. Die anderen können sich also vorerst entspannt zurücklehnen.

    Liebe Tess: Ich mag deine Seite. Das merke ich jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme. Du hast da ein richtiges Zuhause. Mir gefallen deine Schränke, deine Bilder und deine Teppiche; die ganze liebevolle Art, mit der du dir da die (der du dir da die: das ist eine alliterative Reihung, die dir gefallen dürfte, nicht?) Bude eingerichtet hast. Zwischendrin ein bisschen Gerümpel, alles schön systematisch sortiert oder sabotiert. Einige, die dir vor die Flinte kommen, werden brüskiert, die meisten hingegen büstiert. Das sieht dann immer sehr sexy aus.

    Ich mag die Art, mit der du Feminismus und weibliche Sexualität zu deinem Thema machst. Zu diesem Thema möchte ich etwas sagen, wenn’s auch, in theoretischer Hinsicht, nicht ganz das meine ist. Ich beziehe mich im Folgenden auf deinen Beitrag „Große Gier und großes Glück” und auf den auch von dir verlinkten Artikel von Beatrice Schlag in der Weltwoche, „Landkarte der Lust

    Ich mache zwei Vorbemerkungen. Erstens: Kein Thema ist wie das Thema Sexualität. Aber wir benehmen uns, als sei es eines unter anderen. Zweitens: wir stecken bis zum Hals in unserer Sexualität. Aber wir benehmen uns, als würden wir nur die Zehenspitzen drin baden. Beides suggeriert Objektivität und Unbefangenheit. Außerdem lasse ich zwei Bedingungen außer Acht. Erstens: Die Überlegungen, inwieweit wir gesellschaftlich vermittelte Rollen übernehmen und sie als einen Ausdruck unseres Selbstseins empfinden und dementsprechend als vollkommen natürlich. Zweitens: Ich abstrahiere von individuellen Tendenzen und Eigenheiten (dies muss ich sagen, weil ich am Ende des Beitrags meinen Kopf wieder aus der Schlinge ziehen will).

    So wenig wie der Feminismus mein Thema ist, so wenig ist Porno meine Literatur. Gut über Sex schreiben, können die wenigsten. Und schlechte Literatur gibt es zuhauf, dazu braucht‘s die pornografische nicht. Was du über Sophie Andresky und ihr Buch „Vögelfrei” schreibst, wird mich nicht dazu bringen, es in die Hand zu nehmen. Jan Off mit „Unzucht” klingt schon etwas spannender. Möglicherweise werden diese Texte eines Tages zur Illustration der Sittengeschichte herhalten können, wie die von Anaïs Nin und Henry Miller oder die überaus reichhaltige und vorzüglich zu lesende des Giacomo Casanova. Aber die Annahme, dass Pornoliteratur, dass ficktive Lecktüre Aufklärung im Kantschen Sinne sei, (die aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit) entbehrt, wie ich meine, jeder Grundlage. Und Porno, der von Frauen verfasst wird, ist ebenso wenig Aufklärung im feministischen Sinne wie sie diese im Sinne einer Gleichstellung der Geschlechter ist. Ich glaube, allem theoretischen Unterbau zum Trotz, dass Frau Andresky (ebenso wie auch Frau Roche und ihre „Feuchtgebiete”) mit Schlüpfrigkeit Geld verdienen wollte, nicht mit Literatur.

    Im letzten Teil deiner ausführlichen und eigensinnigen Rezension kommst du auf den Zeitungsartikel von Beatrice Schlag zu sprechen, der von den Differenzen weiblicher und männlicher Lust berichtet. Auf der Suche nach einem spezifisch weiblichen Begehren werden wir von der Daumenregel, nach der die Entfernung von Vagina und Klitoris nicht mehr als Daumenbreite betragen darf, sonst ist es für die Frau unmöglich während der Penetration zum Höhepunkt zu kommen, über Experimente, da Männern und Frauen Sexszenen vorgesetzt werden, um ihre Erregung zu messen, die Befragung von Vergewaltigungsopfern, bis zur Untersuchung von Frauen, die mal hetero-, mal homoerotische Beziehungen eingehen. Das alles ist recht unterhaltsam. Wir sind erheitert, wenn wir Sätze lesen wie: „Gegen die Bandbreite dessen, was Frauen erregen kann, hat das, was Männer anturnt, auf einem Schnürsenkel Platz.” Wir halten unsere eigene Sexualität für reichhaltiger und komplexer als die der Männer. Wir lachen erleichtert und vergessen darüber noch leichter, was uns alles kalt lassen kann. Dafür braucht es, so scheint’s, manchmal eine ganze Schnürsenkelfabrik. Die in dem Artikel beschriebenen Vermessungen und Verkabelungen der weiblichen Genitalien, die Durchblutung und Sekretion messen, ergeben nämlich: Frauen können sexuell erregt sein, ohne das Mindeste davon zu wissen. Und Frauen spüren mitunter in erotischen Situationen „nicht nur keine Lust, sondern geradezu gähnende Langeweile”.

    Männer sind da einigermaßen banal strukturiert: sie begehren, was sie erregt. Wie schlagend einfach dieser Zusammenhang ist, wird erst deutlich, wenn man sich anschaut, wie das bei den Frauen funktioniert. Oder nicht funktioniert. Sie begehren womöglich gar nicht die eigene Erregung, sondern die des anderen (der sie sich dann, so formuliert man das gerne, hingeben). Sie begehren, begehrt zu werden. Das wird von der amerikanischen Professorin Marta Maena sogar als „Orgasmus schlechthin” bezeichnet.

    Mir gefällt diese Äußerung nicht. Weil der Wunsch nach dem Begehren eines anderen Begehrens unseren Narzissmus bedient, unsere Eitelkeit und unseren Wunsch nach Anerkennung. Das mit Sexualität zu verwechseln, empfinde ich als ausgesprochen fatal. Sexualität ist kein rein physiologisches Ereignis und betrifft natürlich unsere Psyche. Aber Eitelkeit und Anerkennung, wie sehr man sie auch steigern mag, lassen sich nicht zum Orgasmus steigern (außer vielleicht für jene, die ihren Narzissmus als Extremsportart betrachten). Wenn eine Frau sich dem männlichen Begehren lediglich hingibt, ohne dabei zu einem eigenen Begehren zu kommen, dann muss sie sich nicht wundern, wenn sie sich am Ende der Veranstaltung mit einem Spiegel zwischen den Beinen sitzend wiederfindet, auf der Suche nach der Entfernung ihrer Vagina vom vermeintlichen Zentrum ihres Empfindens. Ihre Lust, ihre Sehnsucht, ihr Genießen und ihren Trieb wird sie da nicht finden; ebenso wenig wie sie die im Spiegel ihrer Eitelkeit findet.

    Mir gefällt die Konnotation von Opfer und Wehrlosigkeit in dieser Äußerung nicht. Das klingt mal wieder nach Passivität: mal sehen, was die Herren der Schöpfung im Bett – oder auf dem Weg dahin – so zustande bringen. Unter solchen Voraussetzung geraten Frauen leicht in die Defensive. Dann halten die Passivistinnen den Aktivisten (die Pazifistinnen den Attentätern) lediglich noch die von ihnen bevorzugten Körperteile hin. Es gehört durchaus zum gesellschaftlichen Gepräge (in der westlichen Hemisphäre des 21. Jahrhunderts), dass die Männer aktiver sind als die Frauen. Männer sind per se alle miteinander Brandstifter und das männliche Begehren kann ein enormer Brandbeschleuniger sein, ein Tanklaster voller Kerosin, aber das bedeutet nicht, dass es zu einer Explosion kommen muss. Das initiative Begehren des Mannes kann auch wirkungslos verpuffen.

    Du sagst in deinem Grundsatztext (den ich gestern verlinkt habe), dass Männer sich nicht aufgrund des Aussehens in Frauen verlieben. Nicht um seines Aussehens willen geliebt zu werden, das klingt gut und ehrlich. Gerade so, als sei es, würde man darum willen geliebt, falsch und verlogen. Als sei Aussehen eine oberflächliche, weil äußerliche Kategorie. Dies legt nahe, man müsse tiefer schürfen, um an den Kern der Sache, an die Person und den Charakter derselben zu kommen. Um dann nicht mehr um seines Aussehen willens geliebt zu werden, sondern um seiner Selbst willen. Damit ist aber die Kuh nicht vom Eis. Weil nicht deutlich wird, was dieses Selbst ist. Was ist mit jenen, die mit sich und ihrem Selbst wenig anzufangen wissen? Werden die weniger geliebt; oder können zumindest nicht erwarten, um ihrer bisschen Selbst willen geliebt zu werden? Was ist mit jenen, die sich nicht wohl fühlen in ihrer Haut? Oder die gar nicht genau sagen können, was sie ausmacht, was das Individuelle an ihnen ist, weil sie nicht über die sprachlichen, die analytischen oder synthetischen Möglichkeiten verfügen, die aber nichtsdestotrotz – oder sogar gerade deswegen – ausgesprochen liebenswerte Individuen sind?

    Wir – wir Frauen und wir alle – wollen durchaus um unseres Aussehen willens geliebt werden. Weil unser Äußeres das Äußere unseres Inneren ist. Und nicht irgendein anderes Äußeres, ein arbiträres, willkürliches, zufälliges. Wir sind daran gewöhnt, als unser Ich oder unser Selbst zu empfinden, was wir sehen. Vielmehr, und das macht die Sache etwas kompliziert, das als unser Selbst zu empfinden, was wir nicht sehen; unser Selbst ist das, was die anderen sehen. Was wir sehen, ist das Selbst der anderen. Dieses Selbst ist keines, das von allen anderen separiert ist. Es ist keine solipsistische Konstruktion. Das eine Selbst entsteht vielmehr an den Grenzen zu den anderen: durch deren Zuschreibungen und Spiegelungen. Wir bekommen unser Selbst – vor dem Spiegel oder in irgendeiner anderen reflexiven Verfahrensweise – nicht so zu greifen, wie andere es uns begreifen lassen. Etwas strenger formuliert könnte man sagen, dass ein Selbst nur dort das eigene Selbst ist, wo wir es durch einen anderen begreifen. Wo andere uns begreifen. Begreifen und bisweilen auch begrapschen.

    Ich verstehe das Selbst als das Verhältnis von Ich und Anderer. Und Selbstbewusstsein – ich spreche nicht von jener umgangssprachlich nivellierten Ausprägung, als narzisstisch geprägte Selbstsicherheit, sondern von einem Bewusstsein seines Selbst als einem Verhältnis – verstehe ich als einen dynamischen Prozess. Männer wie Frauen wenden sich in und mit ihrem Begehren an andere. Andere, durch deren Wahrnehmung unser Selbstbewusstsein gebildet und deren Selbstbewusstsein durch uns gebildet wird. Das bedeutet, dass wir manche Eigenschaften nicht haben und manches nicht sind, sondern erst in der Zuschreibung durch andere bekommen oder werden. Frauen sind nicht anmutig. Aber sie können es werden, indem andere diese Anmut in ihnen erkennen oder zu erkennen meinen. So verstanden ist Anmut keine weibliche Eigenschaft, sie entsteht durch die Zuschreibung der Männer. Anmut wäre dann sogar eher eine männliche Eigenschaft: bzw. der Mangel daran oder der Wunsch danach. Dementsprechend könnte man weitergehend phantasieren und formulieren: typisch weibliche oder typisch männliche Eigenschaften sind eben nicht Ausprägungen maskuliner oder femininer Natur, sondern das, was die eine Seite auf der anderen sieht oder sucht oder begehrt. Anmut oder Großzügigkeit – oder welche Eigenschaften man als weiblich, respektive männlich empfindet – entsteht zwischen zweien, zwischen den Geschlechtern, Individuen oder Subjekten. Wenn zwei Vorstellungen, zwei Erwartungen oder Hoffnungen sich umeinander drehen, sich aneinander reiben und entzünden. Zwischen zweien entsteht es und dazwischen bleibt`s auch. Das gehört weder auf die eine noch auf die andere Seite.

    Ich verstehe das Begehren als das Verlassen des Ich in Richtung eines anderen, und zwar in geradezu idealer Weise. Weil wir dadurch dem anderen die Möglichkeit geben, etwas zu sein (das wäre jetzt die existentialistische Wendung des Gesagten: der andere ist, was er ist, weil ich es ihn sein, vielmehr werden lasse). Im Begehren reiben sich zwei Vorstellungen, Erwartungen, Subjekte. Und sie reiben sich an ihren Oberflächen und an ihren Rändern. In einem Bereich, der zwischen zweien geschieht und weder auf die eine noch auf die andere Seite gehört. Weil es nur dort geschehen kann. An einem Ort, an dem der eine nicht ist, er aber durch den anderen werden kann.

    Mit dem Gesagten betone ich das Gemeinsame von weiblicher und männlicher Sexualität. Ich finde es methodologisch eleganter, erst das Gemeinsame zu bestimmen, bevor die Unterschiede herausgearbeitet werden. Wenn ich den Unterschied betonen wollte, dann würde ich etwas zum Verhältnis von Lust und Angst bei den Geschlechtern sagen. Angst hat etwas mit Tiefe zu tun, Genuss aber mit Oberfläche (behaupte ich, Widerspruch wird gerne entgegen genommen). Vielleicht ist die weibliche Sexualität tatsächlich, wie Freud meinte, unergründlich. Aber nicht unergründlich tief, sondern unergründlich oberflächlich.

    Liebe Tess, du endest deine Besprechung mit der Aufforderung „Zumindest für den Bereich Porno muss gelten: weniger Diskurs, mehr Praxis.” Da bin ich ganz deiner Meinung. Aber wenn du von der Auflösung der Rollenmodelle sprichst und davon, dass unsere „Betten und Bücher den Nährboden des Festgefahrenen längst überwunden haben sollten”, dann suggerierst du, dass Sexualität unproblematisch ist. Gerade so, als könnten wir alles in alle Richtungen hin auflösen und überwinden. Als seien wir vollkommen frei, unsere Sexualität und unser Selbst in unserer Sexualität zu gestalten. Diese Auffassung halte ich für problematisch.

    Ich bin der Meinung, dass Sexualität ein Skandal ist (und eine Schweinerei sowieso). Wir, die wir uns eng an unsere Vernunft schmiegen und an unsere intellektuellen Fähigkeiten, die wir alles begreifen und durchdringen, wir haben mit Sexualität durchaus ein Problem. Weil wir nämlich da an den Rand unserer vernünftigen und kausalen Existenz getrieben sind. Und dort warten die anderen (oder warten eben nicht), die ebenfalls am Rand ihrer eigenen Existenz stehen und ihrerseits auf uns treffen (oder nicht). Und beide Seiten, das ist das eigentlich skandalöse, sind auf die Zuschreibung durch die anderen angewiesen. Sexualität ist ein Skandal. Und dieses Skandalon ist nicht zu entproblematisieren oder zu normalisieren, indem wir uns benehmen, als sei Sexualität ein Thema unter vielen. Ein Thema, in dem wir mal die Füße baden wenn uns ein Lüstchen überkommt. Wir baden nicht in der Sexualität, die mit duftenden Ingredienzien versetzt ist; wir baden nicht in ihr, wir saufen in ihr ab.

    Zum Abschluss mal was anderes, zum Teufel mit der Theorie. Und zum Teufel auch mit dem Sex. Jetzt geht’s mal um ein wirklich wichtiges Thema, um Liebe natürlich: Wo bekommst du eigentlich immer diese attraktiven Jungs in deinem Blog her? Kann man sich mit denen mal verabreden? Oder sind die nur zum träumen und zerfallen bei der ersten Berührung zu Staub?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 August 2009

    Artikel, Appendix und Ammenmärchen

    Gegen Ende des Sommersemesters habe ich einen Vortrag am Institut gehört. Danach gab es eine Diskussion. Die meisten Diskussionen in meinem Doktorandenseminar werden sehr zivilisiert geführt. Daran gemessen, ging‘s bei diesem Vortrag eher rustikal zu. Nach meiner eigenen Anmerkung ist M. aufgestanden und sagte mit einer Stimme, als könne sie sich gerade noch bändigen, dass ich mich eines männlichen Sprachgebrauchs bediene, wenn ich „man” sage. Diese Äußerung hatte weder etwas mit dem Thema des Vortrags, noch mit meinem Wortbeitrag zu tun. Lakonisch entgegnete ich, dass ich nichts gegen Männlichkeit habe und eo ipso auch nicht gegen einen solchen Sprachgebrauch. Ganz im Gegenteil, wollte ich gerade noch süffisant hinzufügen, aber da habe ich M.s Gesichtsausdruck gesehen und es lieber herunter geschluckt. Wir beide mögen uns nur dann, wenn wir uns provozieren können. Obwohl die Diskussion sofort wieder zum Thema zurückkehrte, hatte ich kein gutes Gefühl. Danach haben wir auf dem Flur gesprochen und sind beide ein Stückchen zurückgerudert. Gerade soweit wie nötig.

    Ich möchte die Sache auch jetzt noch so lakonisch wie möglich behandeln. Also etwa in dieser Art: die Stimmung war durch den Vortrag sowieso aufgeheizt, M. war noch aufgeheizter und „man” haben alle gesagt, einschließlich M. selbst. Oder so: wenn ich „man” sage, dann meine ich das ungeschlechtlich, sächlich, neutral. Ich will nicht bei jeder Gelegenheit die weibliche Form nachschieben und addieren. Ich bin keine Gleichberechtigungsfanatikerin. Ich diskriminiere dabei weder mich noch andere. Ich kann mich durchaus angesprochen fühlen, wenn andere den unpersönlichen Artikel gebrauchen. Ich verweigere mich ja auch nicht dem männlichen Artikel (damit meine ich den grammatischen Artikel, nicht den Appendix). Die permanente Ergänzung des weiblichen Geschlechts zeigt für mich lediglich ein Abhängigkeitsverhältnis aus dem man (sic!) sich ja gerade dadurch zu lösen versucht. Ich verspüre nicht den Wunsch, mich aus allen Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen. Es gibt Bedingungen, die mich mehr beschränken als diese.

    Aber diese Angelegenheit so und nur so zu betrachten, hieße sich die Sache zu einfach zu machen. Ich habe bei der Wahl meines Dissertationsthemas vor einem guten halben Jahr keine feministische Fragestellung gewählt. Ich habe mich bewusst nicht in die große Gruppe der Genderstudies eingeordnet (obwohl dort gute Leute arbeiten, wie M., die gescheit ist, aber alles andere als geistreich). Nur machen das gerade alle. Und ich habe noch nie das gemacht, was alle machen. Für mein Thema – Identität, Authentizität und Illusion – wäre das nicht uninteressant (hinter der vierten Würfelseite meines Namens verbirgt sich die Promotion; bislang allerdings verbirgt sie sich sehr gekonnt). Ich will weder Judith Butler noch Julia Kriszteva noch Luce Irigaray interpretieren. Jedenfalls nicht in ihrer akademischen Variante. Und aufgeweichte und alltagskompatible Ammenmärchen will ich schon gar nicht.

    Die vor allem politische Dimension des Feminismus bleibt dabei, hoffe ich doch, unberührt; die empfinde ich sogar als dringend notwendig. Die Worte von Tess sprechen mich sehr an, hier: „Nichts ist”, sagt sie dort, „so sexy, wie ein starker, kluger Kopf.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.