31 Juli 2009
Geborgen, aber vergangen
Ich bin drei Jahre vor der Trennung von Marian zum ersten Mal in Berlin gewesen, wenige Wochen vor Beginn meines Studiums. Mein Vater war in Berlin geboren und er wollte meiner Mutter, nachdem er so viele Jahre weg war, die Stadt zeigen. Ich habe mich den beiden einfach angeschlossen. Berlin hatte nie auf meiner Agenda gestanden. Ich wollte nach dem Grundstudium ins Ausland, Paris und Barcelona standen zur Auswahl. Dass ich Linguistik und Literaturwissenschaften studieren würde, wusste ich schon lange, und dass ich, mit Rumänisch und Deutsch auf der Zunge, Sprachen lernen wollte, wusste ich ebenfalls. Französisch ist mir recht nah, das ist die Sprache der Gebildeten in Rumänien, die, wie Eugène Ionesco oder Emil Cioran, eine enge Bindung an die französische Kultur empfinden. Barcelona hingegen ist die Stadt meiner Träume, immer schon gewesen.
Mein Vater war zehn Jahre vor dem Mauerfall von Berlin nach Rumänien gegangen. Dass einer aus dem Westen in den Osten ging, in den Ostblock, wie man das damals sagte, das war eine Ungeheuerlichkeit. Oder einfach nur eine Dummheit. Töricht. Ich weiß nicht, ob der Mann, der damals noch nicht mein Vater war, sondern einfach ein abenteuerlustiger Mensch, an einem Globus gedreht, ob er Landkarten studiert oder lediglich ins ärmste Land Europas gewollt hatte. Er ist nach Rumänien gekommen und hat sich in eine junge Frau verliebt, die damals noch nicht meine Mutter war. Die beiden haben geheiratet und ein Kind bekommen. Dieses gemeinsame Kind hat von früh an das getan, was ihr Vater auch tat, in jeder freien Minute: lesen. Wir beide haben alles gelesen, was uns unter die Finger kam. Wir konnten stundenlang nebeneinander auf der Coach sitzen, oder Rücken an Rücken, und lesen. Wie haben die Abende gelesen und die Samstage und Sonntage. Nebeneinander sitzend, im Sessel und auf der Coach und manchmal auf dem Boden liegend, den Kopf in die Hände gestützt und dennoch waren wir weit voneinander entfernt, in anderen Büchern, anderen Geschichten und anderen Welten unterwegs.
Die Reise nach Berlin, das war das erste Mal seit meiner Jugend, das wir drei gemeinsam verreisten. Diese eine Woche ging schnell vorüber. Mein Vater hatte ununterbrochen geredet und sich erinnert und meine Mutter und ich hatten ununterbrochen zugehört und gefragt. Und dann, im Zug zurück nach Hause, wurde es plötzlich still. Tagelang hatten wir ihm nichts angemerkt, und mit einem Mal war mein Vater müde. Erschöpft von Berlin und den Veränderungen. Oder dem Korrigieren und Anpassen seiner Erinnerungen. Auf der Fahrt nach Bukarest war ich, da mein Vater meist schlief oder aus dem Fenster schaute, als erinnere er sich erst jetzt an sein Leben vor meiner Mutter und mir oder als stünden ihm erst jetzt die Konsequenzen seiner damaligen Handlungen deutlich vor Augen; auf dieser Zugfahrt war ich meiner Mutter sehr nahe. Wir sprachen nicht viel. Aber ich ließ es geschehen, dass sie mir über den Kopf strich, was ich früher nicht ausstehen konnte. Das sind meine Haare, habe ich gesagt und ihre Hand unwirsch beiseite geschoben. Dabei hatte ich sie ja von ihr, diese dunkelbraunen, dicken Haare. Einmal hielten wir uns an den Händen und ich neigte meinen Kopf an ihre Schulter.
Mein Vater, der mein Leben lang so präsent gewesen war, der viele Jahre einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf mich ausgeübt hatte, der war auf dieser Fahrt zurück seltsam abwesend. Als ich drei Jahre später zum zweiten Mal nach Berlin fuhr, dasselbe Gleis, derselbe Zug, morgens in der Frühe in Bukarest auf dem Bahnhof, da hatte ich das Gefühl meinem Vater entgegen zu fahren. Als wären drei Jahre zuvor nur ich und meine Mutter zurück nach Rumänien gekommen. Irgendwo auf der Mitte der Strecke mussten die beiden Züge einander begegnen. Ich hatte die intensive Vorstellung, mein Vater säße in dem anderen Zug und wir führen aufeinander zu. Für einen Moment mussten wir uns begegnen. Für einen winzigen Moment wären wir einander noch einmal so nahe wie damals, als ich noch ein Kind war. Und so kurz dieser Moment sein würde, er hätte doch eine erhebliche Dauer, weil meine Kindheit in ihm lag. Geborgen, aber vergangen.
Ich dachte an meinen Vater und ich dachte an Marian. Ich hatte nicht viel Gepäck. Einen Teil hatte ich vorab geschickt, meine Bücher würden nachkommen. Ich hatte lediglich eine Tasche und eine kleine Handtasche dabei. Darin befand sich ein CD-Spieler, den ich mir einige Jahre zuvor in Paris gekauft hatte. Nicht einer dieser winzigen MP3-Player, die hier alle haben. If you could read my mind, dieses Lied von Johnny Cash habe ich immer wieder gehört; hören, zurückspulen hören und erneut zurückspulen, nur um dieser Zeilen willen: “I don’t know where we went wrong, but the feeling is gone and I just can’t get it back.”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juli 31st, 2009 unter Allzupersönliches, voluminös











