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  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
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  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • 23 Juli 2009

    Wie ein Mensch

    Das erste Stückchen des fünften Kapitels meines Romans “Der blinde Fotograf”. Ich habe tagsüber die Menschen beim Gehen beobachtet und mir Notizen gemacht. Nachts konnte ich dann nicht schlafen, weil diese Menschen durch meinen Kopf marschiert sind. Ich war übernächtigt, manchmal den Tränen nahe vor Erschöpfung und vollkommen glücklich.

    „Mein Großvater führte Zeit seines Lebens einen meist stillen, manchmal verärgerten, oft belustigten, bisweilen verzweifelten und immer aussichtslosen Kampf gegen den Fortschritt. Seiner Auffassung nach war Fortschritt das Gegenteil jener Bewegung, für die der Mensch eigentlich gemacht war, das Gehen. Was ein Mensch zu Fuß nicht erreichen kann, solle er gar nicht erreichen können. Wenn seine Meinung zu dem Thema auch nicht die der Allgemeinheit war, so schätze man ihn doch wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten. Vor allem aber schätze man ihn wegen seiner Menschenkenntnis.
    Mein Großvater war der Schuhmacher von Apoptygma. Jeder Schritt der im Dorf und in der näheren Umgebung gemacht wurde, wurde in Schuhen gemacht, die aus seiner Werkstatt stammten. Schuhe, die er eigenhändig hergestellt hatte, die er genau kannte, jede Naht und jeden Nagel hatte er gesetzt. Wenn ein Kunde kam, um sich ein neues Paar Schuhe anfertigen zu lassen, musste er auf und ab gehen, er musste stehen bleiben, wenden, anhalten, beschleunigen und wieder abbremsen, enge und weite Kurven und Kreise beschreiben, abrupt oder langsam, federnden Schrittes. Er hüpfte durch die Werkstatt und humpelte und hinkte, schreitend, schlendernd, schleichend und schlurfend, er warf sich in die Brust und stolzierte umher, er stelzte und stapfte und stampfte, trippelnd und tänzelnd und tapernd und tapsend und trottend. Mein Großvater saß auf seinem Schemel und sah sich das genau an. Wenn der Kunde einen Monat später kam, um die Schuhe abzuholen, fand eine ausführliche Anprobe statt. Erneut musste er auf- und abgehen, geradeaus, im Kreis, stehen bleiben und wieder loslaufen, abrupte und gemächliche Bewegungen vollführen. Mein Großvater beobachtete das sehr genau. Dann stand er auf, räusperte sich und gab Ratschläge, zu den Bewegungen und vor allem zum Bewegungsablauf.
    „Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte er.
    Er konnte es nicht ausstehen, wenn einer beim Gehen nur die Beine bewegte und den Rest seines Körpers herab hängen ließ oder hinter sich herzog. Er kritisierte zu passive Bewegungen ebenso wie übertriebene Beugung der Knie, das ostentative Vorschieben der Beine, das Vorwärts- oder Rückwärtsfallen des Oberkörpers und jede Form der Unregelmäßigkeit, drei schnelle Schritte, zwei langsame, vorübereilen und innehalten. Man sollte sich gerade halten beim Gehen, man sollte locker aus den Gelenken heraus gehen, man sollte mit seinem Körper gehen, nicht ohne ihn, nicht allein mit den Füßen oder den Beinen. Man sollte nicht zu sehr schaukeln, man sollte zügig, aber nicht hektisch gehen, gemächlich aber nicht behäbig. Man sollte nicht latschen und nicht watscheln, nicht kriechen und nicht krauchen.
    „Was denn noch alles?”, fragten die Leute verunsichert.
    Gehen schien das Selbstverständlichste von der Welt. Aber wer aus der Werkstatt des Schuhmachers trat, hatte meist Koordinationsschwierigkeiten. Mein Großvater hatte so lange über die komplexen Bewegungsmuster und Abläufe des Gehens gesprochen, über das Zusammenspiel von Armen, Beinen und Hüften, die den Oberkörper bald in die eine und bald in die andere Richtung tendieren ließen, über Gewicht und Gegengewicht und Gleichgewicht, über den Protagonisten und den Antagonisten, dass sie keinen einzigen Schritt mehr wagten, aus Angst sich im eigenen Gang zu verheddern.
    Mein Großvater stellte nicht einfach Schuhe her und reparierte sie im Bedarfsfall. Wie der Schneider, der Vater von Rosa, Hosen oder Jacken herstellte und reparierte, oder der Tischler Tische und Stühle. Er fertigte Schuhe für den Lebensweg an, für die Strecke zwischen Geburt und Tod, die ein jeder in seiner Weise beschritt. Als gäbe es noch andere Wege zu denen es vielleicht leichteren Gepäcks und des entsprechenden Schuhwerks bedurfte. Er aber hatte sich auf diesen einen Weg spezialisiert und nur für diesen gab er den Leuten Ratschläge, wenn sie zu ihm kamen um ihre neuen oder neu besohlten Schuhe abzuholen.
    „Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte mein Großvater zum Abschied.
    Als eine Zuglinie und im Nachbardorf eine Bahnstation errichtet wurden, weigerte er sich, sie zu nutzen. Er wusste nicht, wohin er hätte fahren sollen. Er wollte ja nirgendwohin. Er wollte nicht einmal zur Bahnstation, um sie sich anzuschauen. In der ersten Zeit pilgerten die Leute ins Nachbardorf und warteten an der Station auf den einfahrenden Zug. Oder sie setzten sich irgendwo in der Nähe der Gleise ins Gras und sahen ihm bei voller Fahrt zu. Letzteres war weitaus beliebter, da die Geschwindigkeit, die der Zug dann hatte, viel größer war als wenn er lediglich in die Station einfuhr, um dort anzuhalten. Und es war vor allem diese Geschwindigkeit, die die Leute beeindruckte.
    Eines Tages, es war ein Sommertag, ein Sonntag und die Leute saßen irgendwo in der Nähe der Bahngleise im Gras und warteten auf den Zug, da erkannte mein Großvater, dass er gegen den Fortschritt und gegen die Geschwindigkeit nicht ankam. Dass seine Ermahnungen, sich gemessenen Schrittes durchs Leben zu bewegen bei den Leuten auf taube Ohren stießen. An diesem Sonntagmorgen saß er vor seinem Laden. Er legte die Hände in den Schoß wie an jedem anderen Sonntag auch. An diesem einen Tag jedoch gab er seinen Widerstand gegen den Fortschritt auf. Am selben Abend war er tot.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.



    Kommentare

    Kommentar von alice
    Datum/Uhrzeit 30. Dezember 2009 um 17:53

    Liebe Alice,

    in Köln ist zur Zeit eine kleine Ausstellung zu sehen, genaugenommen ist es nur ein einziges, eher kleinformatiges Bild: “Ein Paar Schuhe” von Vincent van Gogh. Ich habe dieses Bild mehrmals besucht und ihm durch aufmerksames Betrachten meine Referenz erwiesen. Es fasziniert mich und öffnet Gedankenräume zwischen Leben und Tod – Lebenswegschuhe. Der Philosoph Derrida schrieb zu diesem Bild: “Was für Schuhe? Wessen Schuhe sind es? Woraus sind sie? Und sogar, wer sind sie? Das sind sie, die Fragen, das ist alles.” Sollte es sie in nächster Zeit nach Köln verschlagen – vielleicht haben sie Zeit und Lust zu einem Besuch im Wallraff-Richartz-Museum – bis zum 10. Januar sind die Schuhe dort noch zu sehen. Ihre Alice.

    Kommentar von alice
    Datum/Uhrzeit 30. Dezember 2009 um 17:57

    So geht es, wenn man ungeübt im Gebrauch von Pseudonymen ist. Ich meinte natürlich “Liebe Aléa”, und bitte um Entschuldigung! Alice

    Kommentar von Aléa Torik
    Datum/Uhrzeit 30. Dezember 2009 um 23:06

    Liebe Alice,

    vielen Dank für den Tip mit den Schuhen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich vor dem zehnten Januar nach Köln komme, liegt derzeit wohl bei glatt Null. Ich schreibe an meinem nächsten Roman. Da muss alles andere zurückstehen.
    Herzlich
    Aléa