18 Juli 2009
Schönheit und Tod
Meine kleine Freundin Stella hatte mich nach der Schönheit von Marylin Monroe gefragt. Ich habe mich nie mit dieser Frau befasst und ich kann mir kein Urteil über diesen wohl schwierigen Charakter erlauben. Ich vermute, dass sie eine jener Frauen war, die ein eher geringes Selbstwertgefühl hatten. Das lässt sich mit Männern gut kompensieren. Mangelndes Selbstwertgefühl lässt sich mit Männern besser kompensieren als mit irgendetwas anderem.
Vorher hing dort, wo Frau Monroe jetzt hängt, ein Bild von einem Mann. Ein Bild, das ich von einem Mann geschenkt bekommen habe. Nachdem der an dem Ast gesägt hatte, auf dem er saß, habe ich instinktiv seine Hinterlassenschaft an meiner Wand übertüncht. Mit dem Bild von einer Frau. Nicht irgendeine Frau, sondern die Sex-Ikone des vergangenen Jahrhunderts. Eine Frau, der kaum jemand mangelnde Schönheit attestieren würde.
Schönheit ist ein wichtiges Thema für Stella. Manchmal schaut sie mich an und sagt hingegeben: „Du bist so schön.” Ich muss dann lachen. Sie hat bei diesen Worten eine Männerstimme. Die Betonung hat sie irgendwo aufgeschnappt. Gerade liebt sie das Wort hundertprozentig. Das kommt unweigerlich alle paar Minuten, ob’s passt oder nicht. „Da kann ich mich schon gar nicht mehr hundertprozentig dran erinnern”, sagt sie und ich muss wieder lachen. Deswegen lieben wir uns so, weil wir übereinander lachen können. „Du bist auch schön”, sage ich zu Stella. Dann verdreht sie die Augen. Sie wünscht sich genau dies, aber sie kann‘s kaum ertragen.
Kinder müssen Ich sagen. Sie müssen lernen, ihr Ich zu formen, seine Grenzen kennen zu lernen, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Wo fängt das Ich an? Wo hört es auf? Und obwohl dabei etwas zum ersten Mal beschrieben wird – das Ich oder das Selbst – wird schon etwas überschrieben. Die erste Beschreibung ist bereits ein Palimpsest. Eine Überschreibung von Angst. Die Angst vor dem, wo kein Ich ist. Wo nur noch Nichts ist.
Schön sein wollen, Nägel lackieren, Lippenstift auflegen. Schöner sein wollen als man ist. Um aufzufallen. Um das Begehren anderer zu wecken. Das Begehren derer, die einem sagen sollen, dass man schön ist. Schönheit, die Angst verdeckt. Die eigene und die des anderen. Die Angst vor allem und jedem. Und dazu die ganz große Angst; die nämlich, die hinter allem und jedem steckt. Die Angst vor dem Tod. Das ist vielleicht die wichtigste Funktion der Schönheit: den Tod vergessen zu machen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juli 18th, 2009 unter lang, Paralipomena











