Diesseits
Jensseits
Kommentare:
Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...
Archiv vom Juli, 2009
Geborgen, aber vergangen
Ich bin drei Jahre vor der Trennung von Marian zum ersten Mal in Berlin gewesen, wenige Wochen vor Beginn meines Studiums. Mein Vater war in Berlin geboren und er wollte meiner Mutter, nachdem er so viele Jahre weg war, die Stadt zeigen. Ich habe mich den beiden einfach angeschlossen. Berlin hatte nie auf meiner Agenda gestanden. Ich wollte nach dem Grundstudium ins Ausland, Paris und Barcelona standen zur Auswahl. Dass ich Linguistik und Literaturwissenschaften studieren würde, wusste ich schon lange, und dass ich, mit Rumänisch und Deutsch auf der Zunge, Sprachen lernen wollte, wusste ich ebenfalls. Französisch ist mir recht nah, das ist die Sprache der Gebildeten in Rumänien, die, wie Eugène Ionesco oder Emil Cioran, eine enge Bindung an die französische Kultur empfinden. Barcelona hingegen ist die Stadt meiner Träume, immer schon gewesen.
Mein Vater war zehn Jahre vor dem Mauerfall von Berlin nach Rumänien gegangen. Dass einer aus dem Westen in den Osten ging, in den Ostblock, wie man das damals sagte, das war eine Ungeheuerlichkeit. Oder einfach nur eine Dummheit. Töricht. Ich weiß nicht, ob der Mann, der damals noch nicht mein Vater war, sondern einfach ein abenteuerlustiger Mensch, an einem Globus gedreht, ob er Landkarten studiert oder lediglich ins ärmste Land Europas gewollt hatte. Er ist nach Rumänien gekommen und hat sich in eine junge Frau verliebt, die damals noch nicht meine Mutter war. Die beiden haben geheiratet und ein Kind bekommen. Dieses gemeinsame Kind hat von früh an das getan, was ihr Vater auch tat, in jeder freien Minute: lesen. Wir beide haben alles gelesen, was uns unter die Finger kam. Wir konnten stundenlang nebeneinander auf der Coach sitzen, oder Rücken an Rücken, und lesen. Wie haben die Abende gelesen und die Samstage und Sonntage. Nebeneinander sitzend, im Sessel und auf der Coach und manchmal auf dem Boden liegend, den Kopf in die Hände gestützt und dennoch waren wir weit voneinander entfernt, in anderen Büchern, anderen Geschichten und anderen Welten unterwegs.
Die Reise nach Berlin, das war das erste Mal seit meiner Jugend, das wir drei gemeinsam verreisten. Diese eine Woche ging schnell vorüber. Mein Vater hatte ununterbrochen geredet und sich erinnert und meine Mutter und ich hatten ununterbrochen zugehört und gefragt. Und dann, im Zug zurück nach Hause, wurde es plötzlich still. Tagelang hatten wir ihm nichts angemerkt, und mit einem Mal war mein Vater müde. Erschöpft von Berlin und den Veränderungen. Oder dem Korrigieren und Anpassen seiner Erinnerungen. Auf der Fahrt nach Bukarest war ich, da mein Vater meist schlief oder aus dem Fenster schaute, als erinnere er sich erst jetzt an sein Leben vor meiner Mutter und mir oder als stünden ihm erst jetzt die Konsequenzen seiner damaligen Handlungen deutlich vor Augen; auf dieser Zugfahrt war ich meiner Mutter sehr nahe. Wir sprachen nicht viel. Aber ich ließ es geschehen, dass sie mir über den Kopf strich, was ich früher nicht ausstehen konnte. Das sind meine Haare, habe ich gesagt und ihre Hand unwirsch beiseite geschoben. Dabei hatte ich sie ja von ihr, diese dunkelbraunen, dicken Haare. Einmal hielten wir uns an den Händen und ich neigte meinen Kopf an ihre Schulter.
Mein Vater, der mein Leben lang so präsent gewesen war, der viele Jahre einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf mich ausgeübt hatte, der war auf dieser Fahrt zurück seltsam abwesend. Als ich drei Jahre später zum zweiten Mal nach Berlin fuhr, dasselbe Gleis, derselbe Zug, morgens in der Frühe in Bukarest auf dem Bahnhof, da hatte ich das Gefühl meinem Vater entgegen zu fahren. Als wären drei Jahre zuvor nur ich und meine Mutter zurück nach Rumänien gekommen. Irgendwo auf der Mitte der Strecke mussten die beiden Züge einander begegnen. Ich hatte die intensive Vorstellung, mein Vater säße in dem anderen Zug und wir führen aufeinander zu. Für einen Moment mussten wir uns begegnen. Für einen winzigen Moment wären wir einander noch einmal so nahe wie damals, als ich noch ein Kind war. Und so kurz dieser Moment sein würde, er hätte doch eine erhebliche Dauer, weil meine Kindheit in ihm lag. Geborgen, aber vergangen.
Ich dachte an meinen Vater und ich dachte an Marian. Ich hatte nicht viel Gepäck. Einen Teil hatte ich vorab geschickt, meine Bücher würden nachkommen. Ich hatte lediglich eine Tasche und eine kleine Handtasche dabei. Darin befand sich ein CD-Spieler, den ich mir einige Jahre zuvor in Paris gekauft hatte. Nicht einer dieser winzigen MP3-Player, die hier alle haben. If you could read my mind, dieses Lied von Johnny Cash habe ich immer wieder gehört; hören, zurückspulen hören und erneut zurückspulen, nur um dieser Zeilen willen: “I don’t know where we went wrong, but the feeling is gone and I just can’t get it back.”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 23:02 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Nichts ist vor der Liebe sicher
Ich war erst wenige Monate in Bukarest und hatte bereits eine unglückliche Liebe hinter mir. Vielmehr war ich mittendrin. Es war kein Ende in Sicht. Nicht einmal ein Anfang vom Ende. Ich hatte den festen Vorsatz, nie wieder einen Mann an mich heran zu lassen. Sollte es ihn je geben, so würde ich ihn auf Distanz halten und ihm höchstens die Fingerspitzen anbieten. Ich wollte dieses Gefühl von Liebe nicht mehr. Die Grenzen meines Körpers, dachte ich, seien sicher. Ich wollte nicht mehr in der Mitte meiner Existenz getroffen werden. Ich wollte diese Wehrlosigkeit nicht mehr. Die Verletzungen, die Kränkungen, die Rätsel, die der andere einem aufgibt, die Unsicherheit, die Fragen und die Verzweiflung. Die Euphorie und das Glück, auch das wollte ich nicht mehr. Ich hatte davon gekostet und es sagte mir nicht zu. Glück und Unglück lagen mir zu nah beieinander. Grenzenlos nah beieinander. Fingerspitzen, so nahm ich damals an, sind, anders als die Augen oder das Herz, vor solchen Empfindungen sicher. Aber das war ein Irrtum: Nichts ist vor der Liebe sicher.
Mitten im Kummer um den einen kam ein anderer. Vielmehr nicht mittendrin, sondern am Rand. In diesem Moment, da die Liebe an seinem einen, zukünftigen Rand erneut auftauchte, war der Kummer, den sie an seinem anderen, dem vergangenen Rand, bereitete, bereits vergessen. Ich war den ganzen Tag mit meinem Kummer beschäftigt gewesen. Mit meiner Leere. Dann stieß ich mit jemandem auf dem Bürgersteig zusammen, beinahe jedenfalls. Und plötzlich gab es ein Gegenüber. Ein Gegenüber, der spontan meine Hand ergriff. Ein anderer hätte mich angeschaut. Später habe ich erkannt, dass dieser Mann mich nicht anschaute, weil er nie jemanden anschaute. Weil er blind war. Mehr war nicht geschehen. Das war der Moment in dem die beiden folgenden Jahre lagen.
Das Ende unserer Beziehung kam ebenso überraschend wie ihr Anfang. Eine Woche nach der Trennung saß ich bereits im Zug nach Berlin. In diesen Tagen lag ich oft bewegungslos auf meinem Bett und betrachtete die Decke. Manchmal schaute ich aus dem Fenster auf die Straßenkreuzung, die ich zweieinhalb Jahre vom Schreibtisch betrachten konnte. Zwei Jahre zuvor hatte Marian meine Hand genommen. In diesen Tagen vor und nach der Trennung habe ich seine losgelassen. Die Fahrkarte nach Berlin besaß ich bereits als ich zum letzten Mal zu ihm ging. Ich brauchte das Gefühl, dass ich aus seiner Wohnung heraus käme. Und das mich seine Verzweiflung und seine Tränen nicht zum Bleiben zwingen würden. Ich brauchte die Versicherung, dass mein Leben nach der Trennung von Marian weitergehen würde. Selbst dann, wenn das seine still stünde.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Allzupersönliches, Confusion sexuelle, lang | Eintrag von Aléa Torik | um 10:36 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Buridans Esel
Dies ist die kurze und tragische Geschichte von Buridans Esel. Hungrig steht er zwischen zwei ähnlich großen Heuhaufen. Er kann nicht entscheiden, welcher der beiden der größere ist und da er sich mit dem kleineren nicht begnügen will, bleibt er auf der Stelle stehen. Und verhungert.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Belle-e-triste, kurz | Eintrag von Aléa Torik | um 18:42 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Wie ein Mensch
Das erste Stückchen des fünften Kapitels meines Romans “Der blinde Fotograf”. Ich habe tagsüber die Menschen beim Gehen beobachtet und mir Notizen gemacht. Nachts konnte ich dann nicht schlafen, weil diese Menschen durch meinen Kopf marschiert sind. Ich war übernächtigt, manchmal den Tränen nahe vor Erschöpfung und vollkommen glücklich.
„Mein Großvater führte Zeit seines Lebens einen meist stillen, manchmal verärgerten, oft belustigten, bisweilen verzweifelten und immer aussichtslosen Kampf gegen den Fortschritt. Seiner Auffassung nach war Fortschritt das Gegenteil jener Bewegung, für die der Mensch eigentlich gemacht war, das Gehen. Was ein Mensch zu Fuß nicht erreichen kann, solle er gar nicht erreichen können. Wenn seine Meinung zu dem Thema auch nicht die der Allgemeinheit war, so schätze man ihn doch wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten. Vor allem aber schätze man ihn wegen seiner Menschenkenntnis.
Mein Großvater war der Schuhmacher von Apoptygma. Jeder Schritt der im Dorf und in der näheren Umgebung gemacht wurde, wurde in Schuhen gemacht, die aus seiner Werkstatt stammten. Schuhe, die er eigenhändig hergestellt hatte, die er genau kannte, jede Naht und jeden Nagel hatte er gesetzt. Wenn ein Kunde kam, um sich ein neues Paar Schuhe anfertigen zu lassen, musste er auf und ab gehen, er musste stehen bleiben, wenden, anhalten, beschleunigen und wieder abbremsen, enge und weite Kurven und Kreise beschreiben, abrupt oder langsam, federnden Schrittes. Er hüpfte durch die Werkstatt und humpelte und hinkte, schreitend, schlendernd, schleichend und schlurfend, er warf sich in die Brust und stolzierte umher, er stelzte und stapfte und stampfte, trippelnd und tänzelnd und tapernd und tapsend und trottend. Mein Großvater saß auf seinem Schemel und sah sich das genau an. Wenn der Kunde einen Monat später kam, um die Schuhe abzuholen, fand eine ausführliche Anprobe statt. Erneut musste er auf- und abgehen, geradeaus, im Kreis, stehen bleiben und wieder loslaufen, abrupte und gemächliche Bewegungen vollführen. Mein Großvater beobachtete das sehr genau. Dann stand er auf, räusperte sich und gab Ratschläge, zu den Bewegungen und vor allem zum Bewegungsablauf.
„Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte er.
Er konnte es nicht ausstehen, wenn einer beim Gehen nur die Beine bewegte und den Rest seines Körpers herab hängen ließ oder hinter sich herzog. Er kritisierte zu passive Bewegungen ebenso wie übertriebene Beugung der Knie, das ostentative Vorschieben der Beine, das Vorwärts- oder Rückwärtsfallen des Oberkörpers und jede Form der Unregelmäßigkeit, drei schnelle Schritte, zwei langsame, vorübereilen und innehalten. Man sollte sich gerade halten beim Gehen, man sollte locker aus den Gelenken heraus gehen, man sollte mit seinem Körper gehen, nicht ohne ihn, nicht allein mit den Füßen oder den Beinen. Man sollte nicht zu sehr schaukeln, man sollte zügig, aber nicht hektisch gehen, gemächlich aber nicht behäbig. Man sollte nicht latschen und nicht watscheln, nicht kriechen und nicht krauchen.
„Was denn noch alles?”, fragten die Leute verunsichert.
Gehen schien das Selbstverständlichste von der Welt. Aber wer aus der Werkstatt des Schuhmachers trat, hatte meist Koordinationsschwierigkeiten. Mein Großvater hatte so lange über die komplexen Bewegungsmuster und Abläufe des Gehens gesprochen, über das Zusammenspiel von Armen, Beinen und Hüften, die den Oberkörper bald in die eine und bald in die andere Richtung tendieren ließen, über Gewicht und Gegengewicht und Gleichgewicht, über den Protagonisten und den Antagonisten, dass sie keinen einzigen Schritt mehr wagten, aus Angst sich im eigenen Gang zu verheddern.
Mein Großvater stellte nicht einfach Schuhe her und reparierte sie im Bedarfsfall. Wie der Schneider, der Vater von Rosa, Hosen oder Jacken herstellte und reparierte, oder der Tischler Tische und Stühle. Er fertigte Schuhe für den Lebensweg an, für die Strecke zwischen Geburt und Tod, die ein jeder in seiner Weise beschritt. Als gäbe es noch andere Wege zu denen es vielleicht leichteren Gepäcks und des entsprechenden Schuhwerks bedurfte. Er aber hatte sich auf diesen einen Weg spezialisiert und nur für diesen gab er den Leuten Ratschläge, wenn sie zu ihm kamen um ihre neuen oder neu besohlten Schuhe abzuholen.
„Geh mal bitte wie ein Mensch”, sagte mein Großvater zum Abschied.
Als eine Zuglinie und im Nachbardorf eine Bahnstation errichtet wurden, weigerte er sich, sie zu nutzen. Er wusste nicht, wohin er hätte fahren sollen. Er wollte ja nirgendwohin. Er wollte nicht einmal zur Bahnstation, um sie sich anzuschauen. In der ersten Zeit pilgerten die Leute ins Nachbardorf und warteten an der Station auf den einfahrenden Zug. Oder sie setzten sich irgendwo in der Nähe der Gleise ins Gras und sahen ihm bei voller Fahrt zu. Letzteres war weitaus beliebter, da die Geschwindigkeit, die der Zug dann hatte, viel größer war als wenn er lediglich in die Station einfuhr, um dort anzuhalten. Und es war vor allem diese Geschwindigkeit, die die Leute beeindruckte.
Eines Tages, es war ein Sommertag, ein Sonntag und die Leute saßen irgendwo in der Nähe der Bahngleise im Gras und warteten auf den Zug, da erkannte mein Großvater, dass er gegen den Fortschritt und gegen die Geschwindigkeit nicht ankam. Dass seine Ermahnungen, sich gemessenen Schrittes durchs Leben zu bewegen bei den Leuten auf taube Ohren stießen. An diesem Sonntagmorgen saß er vor seinem Laden. Er legte die Hände in den Schoß wie an jedem anderen Sonntag auch. An diesem einen Tag jedoch gab er seinen Widerstand gegen den Fortschritt auf. Am selben Abend war er tot.”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Das Geräusch des Werdens, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 21:37 eingtragen | Kommentare: 3 | Kommentieren
Gelotologie
Gelotologie gehört zu den Worten, die in diesem Jahr neu in den Duden aufgenommen werden. Die Gelotologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Auswirkungen des Lachens beschäftigt (näheres hier oder hier). Manche Auswirkung kann man an sich selbst spüren, dazu braucht es keine Wissenschaft. Andere sind vielleicht nicht so einfach erfahrbar. Wie wird man wohl Gelotologin: kann man sich da bewerben? Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen? Spezialisiert man sich im Laufe der Jahre? Twittern und Exzellenzcluster gehören ebenfalls zu den Worten, die es in die neue Auflage des Duden geschafft haben.
Schön, wenn neue Worte dazukommen. Euch ein herzliches Willkommen! Seht zu, dass ihr in aller Munde seid. Sonst fliegt ihr bei der nächsten Gelegenheit wieder raus. Ihr wärt nicht die ersten. Um manche Worte ist es schade. Bevor sie den Duden verlassen müssen, werden sie einige Jahre mit dem Zusatz „veraltet” bezeichnet. Auch Worte haben eine Geschichte, sie werden geboren, werden älter, reifer und ruhiger, erwachsen, wie man gemeinhin sagt, später werden sie dann milde und schließlich müde. Man nimmt sie kaum noch wahr, so zurückgezogen leben sie. Sie betrachten die Aufregungen der Welt nur noch mit verminderter Anteilnahme. Und dann sterben sie und nur wenige Angehörige derselben Wortfamilie, ein paar Bekannte und Freunde, wen man im Leben so kennen gelernt hat, stehen trauernd ums Grab herum. Sie weinen die eine oder andere Träne und wissen, dass sie dasselbe Schicksal ereilen wird.
So ist es gerade der Cochonnerie ergangen. Ihr Tod war absehbar. Sie hat die letzten Jahre ihres Lebens in zunehmender Einsamkeit verbracht, mehr siechend als seiend. Nun stehen die wenigen alten Freunde am Grab, der Prästidigitateur und der Pönitenziar. Sie wissen, dass sie die Nächsten sind, die abtreten müssen. So ist das in den Wörterbüchern des Lebens. Cochonnerie: ich habe dich nicht gekannt. Aber ich wünsche dir, wo immer du jetzt bist, im Paradies der verstorbenen Worte vielleicht, dass du‘s dort gut hast. Frei von allen Beschwerlichkeiten und aller Mühsal des diesseitigen Lebens.
Angesichts dieses beklagenswerten Todes begrüße ich hier voller Empathie das neue Leben: die Gelotologie. Ich freue mich über dich. Wenn du dich anständig aufführst und mir nicht, wo ich dich im Arm wiege, auf die Bluse kotzt, werde ich Sorge um dich tragen, solange ich lebe. Und ich hoffe, dass du dann, wenn es eines Tages soweit sein wird und die Aleatorik ihren letzten Gang geht, tun wirst, worum willen ich dich groß gezogen habe und was du am besten kann; also was du am besten erforschen kannst: das Gelächter an meinem Grab.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Worte, nichts als Worte | Eintrag von Aléa Torik | um 0:16 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Schönheit und Tod
Meine kleine Freundin Stella hatte mich nach der Schönheit von Marylin Monroe gefragt. Ich habe mich nie mit dieser Frau befasst und ich kann mir kein Urteil über diesen wohl schwierigen Charakter erlauben. Ich vermute, dass sie eine jener Frauen war, die ein eher geringes Selbstwertgefühl hatten. Das lässt sich mit Männern gut kompensieren. Mangelndes Selbstwertgefühl lässt sich mit Männern besser kompensieren als mit irgendetwas anderem.
Vorher hing dort, wo Frau Monroe jetzt hängt, ein Bild von einem Mann. Ein Bild, das ich von einem Mann geschenkt bekommen habe. Nachdem der an dem Ast gesägt hatte, auf dem er saß, habe ich instinktiv seine Hinterlassenschaft an meiner Wand übertüncht. Mit dem Bild von einer Frau. Nicht irgendeine Frau, sondern die Sex-Ikone des vergangenen Jahrhunderts. Eine Frau, der kaum jemand mangelnde Schönheit attestieren würde.
Schönheit ist ein wichtiges Thema für Stella. Manchmal schaut sie mich an und sagt hingegeben: „Du bist so schön.” Ich muss dann lachen. Sie hat bei diesen Worten eine Männerstimme. Die Betonung hat sie irgendwo aufgeschnappt. Gerade liebt sie das Wort hundertprozentig. Das kommt unweigerlich alle paar Minuten, ob’s passt oder nicht. „Da kann ich mich schon gar nicht mehr hundertprozentig dran erinnern”, sagt sie und ich muss wieder lachen. Deswegen lieben wir uns so, weil wir übereinander lachen können. „Du bist auch schön”, sage ich zu Stella. Dann verdreht sie die Augen. Sie wünscht sich genau dies, aber sie kann‘s kaum ertragen.
Kinder müssen Ich sagen. Sie müssen lernen, ihr Ich zu formen, seine Grenzen kennen zu lernen, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Wo fängt das Ich an? Wo hört es auf? Und obwohl dabei etwas zum ersten Mal beschrieben wird – das Ich oder das Selbst – wird schon etwas überschrieben. Die erste Beschreibung ist bereits ein Palimpsest. Eine Überschreibung von Angst. Die Angst vor dem, wo kein Ich ist. Wo nur noch Nichts ist.
Schön sein wollen, Nägel lackieren, Lippenstift auflegen. Schöner sein wollen als man ist. Um aufzufallen. Um das Begehren anderer zu wecken. Das Begehren derer, die einem sagen sollen, dass man schön ist. Schönheit, die Angst verdeckt. Die eigene und die des anderen. Die Angst vor allem und jedem. Und dazu die ganz große Angst; die nämlich, die hinter allem und jedem steckt. Die Angst vor dem Tod. Das ist vielleicht die wichtigste Funktion der Schönheit: den Tod vergessen zu machen.
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geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
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Thema lang, Paralipomena | Eintrag von Aléa Torik | um 0:21 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Daran stirbt man nicht
Dies ist die Geschichte vom Lackieren der Fußnägel. Ich sitze auf dem Balkon und überlege, ob ich meine Fußnägel lackieren soll. Das mache ich nicht selten: ich überlege mir Fuß- oder Fingernägel zu lackieren. Ich mache es dann nicht. Ich mache das nie. Ich schminke mich auch fast nie.. Manchmal benutze ich Lippenstift, ich habe einen tiefroten und einen schwarzen. Lippenstift betont die Zähne. Ich mag meine Zähne. Sie sind der einzige Schmuck den ich besitze. Besitzt man seinen Körper?. Ich habe weder Ohrlöcher, noch trage ich Ringe oder Ketten. Ich will nicht durch meine Attribute gefallen. Ich will schließlich kein Geld mit meinem Aussehen verdienen.
Ich sitze also auf dem Balkon und mache meditative Betrachtung des eigenen Bauchnabels: Omphaloskopie. Es klingelt. Ich stehe auf, gehe zur Wohnungstüre und öffne sie. Meine Freundin Stella steht vor mir. Wir wohnen im selben Haus und haben uns vor einiger Zeit im Flur ineinander verliebt. Stella ist vier Jahre alt. „Ich bin’s“, sagt sie. Obwohl ich das ja sehe. Manchmal klingelt sie, wenn sie unter vor dem Haus steht. „Ich“, sagt sie dann nur. „Ich“ ist die umfassendste Erklärung, die es in der Kinderwelt geben kann.
Heute muss ihre Mama etwas erledigen und Stella fragt, ob sie bei mir bleiben könne. Wir setzen uns zusammen auf den Balkon, aber das Kind lebt eher veranstaltungsorientiert. Sitzen und unterhalten ist ihr zu langweilig. Sie will was erleben. Und wenn das nicht von alleine passiert, dann muss sie eben nachhelfen. Wir spielen also zusammen. Nach etwa einer halben Stunde fasst sie mich an der Hand und sagt mit ernstem Gesicht “Ich muss mal.“ Ich soll sie auf die Toilette begleiten. Sie zieht sich zuerst die Hose aus, dann die Unterhose. Beides fliegt in hohem Bogen durchs Badezimmer. Sie setzt sich aufs Klo. Und dann passiert erst mal nichts mehr. „Ich dachte, du musst pinkeln“, sage ich. „Eben musste ich ja auch noch“ ist die Antwort. Damit scheint die Sache für sie erledigt. „Das kann ja wiederkommen“, sage ich nach einer kurzen Pause. Stelle nickt bedächtig. Ich setze mich auf den Wäschekorb. Es macht den Eindruck, als könne das länger dauern. Etwas lenkt sie vom Pinkeln ab. Ich folge ihrem Blick. An der Wand gegenüber hängt ein Bild von Marilyn Monroe, die sich, tief dekolletiert, der Kamera entgegen beugt. Etwas in Stella arbeitet, man sieht’s ihrem kleinen Gesicht an. „Was ist los?“, frage ich. Stella fragt zurück, ob die Frau auf dem Bild schön sei. Ich antwortete, dass viele Männer sie schön finden. Damit gibt sie sich nicht zufrieden, sie will wissen, ob ich sie schön finde. Ich weiß es selbst nicht so genau, ihren Erfolg bei den Männern, das ist das an ihr, was viele fasziniert. Aber ich? Beeindruckt mich dieser Erfolg? Ich weiß es nicht und versuche erneut auszuweichen. Aber Stella lässt nicht locker. Bis ich schließlich zugebe, dass ich sie schön finde. Und weil ich offenbar dann das Gefühl habe, es relativieren zu müssen, füge ich hinzu – als würde es dadurch relativiert! – dass die Frau auf dem Bild schon lange tot ist. „Ist die daran gestorben?“, fragt Stella und zeigt auf das Bild. Ich weiß erst nicht, was sie meint. Dann geht mir ein Licht auf, sie meint die lackierten Fußnägel. Ich muss lachen. „Nein“, sage ich, „daran stirbt man nicht“. Woran sie denn gestorben sei, fragt Stella. Ich sage, dass ich es nicht weiß. Stella fragt mich, wie ich wissen könne, dass sie nicht daran – sie zeigt erneut auf das Bild und die lackierten Fußnägel – gestorben sei, wenn ich gar nicht wisse woran sie gestorben sei.
Ich bin verblüfft. Und auch ein bisschen schockiert, dass mich ein kleines Kind der ungenauen Verwendung von Sprache überführt. Aber Kinder sind so: nicht ungeheuer klug, vielmehr sehr aufmerksam, was die Sprache angeht. Stella ist die nächste Stunde übertrieben fröhlich und ausgelassen. Später setzt sie sich auf meinen Schoß und schmiegt sich an mich. Ich lege die Arme um sie und drücke sie an mich. Wir schmusen. Dann befreit sie sich aus meiner Umarmung. Sie zieht mit einem Ruck gleichzeitig beide Socken herunter. Voller Stolz zeigt mir ihre kleinen Füße, mit den lackierten Fußnägeln.
Ich kenne das nun schon seit einiger Zeit, bin aber dennoch jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie sich manche Sachen in Kinderköpfen zusammensetzen. Sie hatte tatsächlich Angst an den lackierten Fußnägeln zu sterben.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Belle-e-triste, voluminös | Eintrag von Aléa Torik | um 21:23 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Die Wiederkehr der Mavala Shikongo
Der bisweilen schwierige Übergang vom einen zum anderen in der Wüste Namibias
Es ist der Autorin dieser Zeilen nicht ganz einsichtig, warum das Schreiben ein so hohes Ansehen genießt. Jeder der einmal einen Text verfasst hat, weiß, dass es sich dabei um keine anspruchsvolle Tätigkeit handelt. Vielmehr ist es ein Tun, das lediglich aus zwei Elementen besteht: Erstens muss einem etwas einfallen, das man dann, zweitens, aufschreibt.
In 155 kurzen und kürzesten Kapiteln führt uns Peter Orner vom Anfang zum Ende seiner Erzählung. Larry Kaplanski kommt aus Amerika, Cincinnati, in die Wüste Namibias und tritt an einer Jungenschule in Goas eine Stelle als Hilfslehrer an. Gleich bei seiner Ankunft verliert er seinen Vornamen und den letzten Buchstaben seines Nachnamens und wird zu Kaplansk. Goas ist die ehemalige Farm eines Buren, der das Land der katholischen Kirche vermacht hat, die dort ein Jungeninternat einrichtet. Ein Dutzend Gebäude liegen am zentralen Platz, der, wir sind schließlich in Afrika, ein Fußballplatz ist: Schule und Schülerwohnheim, die Häuser der verheirateten Lehrer, das des Direktors und das der Junggesellen, eine Kirche und eine Bücherei.
Da ist der Zimmernachbar Pohamba, der Oberlehrer Obadiah, dessen schrottreifer Datsun in der Wüste vergammelt und in dem er seine Nachmittage verbringt. Da sind Festus und Dekelidi und der Direktor und seine Frau, Miss Tuyeni. Die beiden sehen abends miteinander fern, obwohl sie keinen Empfang haben und vor einem schwarzen Bildschirm sitzen. „Miss Tuyeni lacht über etwas, das sie zu sehen glaubt.” Vor allem aber ist da Mavala Shikongo, die Schwägerin des Direktors, wie fast alle Erwachsenen an diesem Ort, von Beruf Lehrer. Alle Männer, „ob alleinstehend, geschieden oder die Scheidung herbeisehnend” verlieren bei ihrem Anblick den Kopf. Mavala, die Goas verlässt und drei Wochen später mit einem zweijährigen Kind zurückkehrt; Mavala, die mit ihren hochhackigen Schuhen durch die Wüste stöckelt; Mavala, die gegen die Buren gekämpft hat, eine Kalashnikov in siebzehn Sekunden auseinander nehmen kann und in der Kirche Orgel spielt; Mavala, die sich in Goas über die Maßen langweilt.
Auch wenn’s drauf steht, es ist kein Roman. Es ist nicht einmal ein durchgängiger Text. Es sind Erzählpartikel. Im klassischen Sinne wird keine Geschichte erzählt, aber alle erzählen Geschichten. Vom Geist jenes Jungen der ertrunken ist und seither ans Lagerfeuer der Lebenden tritt oder von dem, der eine Kuh mit einem Taschenmesser schlachtet. Geschichten von der Dürre, von verhungernden Menschen und verdurstendem Vieh. Geschichten von der Gewalt. Und vor allem Geschichten vom Krieg.
Der Krieg der Ahnen gegen die Kolonialherren und der Unabhängigkeitskrieg gegen Südafrika. Die Besiedlung durch die aus Südafrika stammenden Buren, die Voortrekker; die Christianisierung durch Missionare; der Aufstand der Herero im Jahr 1904; die Schlacht am Waterberg und die anschließende systematische Ausrottung der Herero durch den deutschen General Lothar von Trotha. Als in Berlin auffiel, dass seine Vorgehensweise nicht mit den Prinzipien der Kirche und der Menschlichkeit zu vereinbaren war, war es bereits zu spät. Von Trotha hatte das Volk der Herero, Krieger, Frauen und Kinder, in der Wüste verhungern und verdursten lassen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Versailles die ehemalige deutsche Kolonie Mandatsgebiet des Völkerbundes, unter der Verwaltung von Südafrika, das im Zuge der aufkommenden Apartheid die Homelands und die Rassentrennung einführt. Von 1966 an kämpft die SWAPO gegen die Besatzung durch Südafrika. 1989 finden die ersten freien Wahlen statt und im Jahr darauf wird das Land in die Unabhängigkeit entlassen.
Geschichte, die nicht in den Untiefen des vergangenen Jahrhunderts verschwunden ist, sondern höchst aktuell. Heidemarie Wieczorek-Zeul reist hundert Jahre nach dem Völkermord durch das Deutsche Reich nach Namibia und Thilo von Trotha entschuldigt sich erst 2007 für das durch seine Familie begangene Unrecht bei den Herero.
Das ist eine sehr zurückgenommene Erzählweise, vielmehr eine Betrachtungsweise. Vorsichtig ist Orners Blick, als wolle er vermeiden durch eine allzu ungestüme Erzählweise etwas zu verändern oder zu zerstören. Der Autor hetzt uns nicht von einem Bild zum nächsten. Er hat Zeit für Beobachtungen. Man spürt die Hochachtung des Autors vor seinen Figuren – und vielleicht vor seiner eigenen Geschichte, die er hier gestaltet. Aus dieser Achtung heraus, wendet er den Blick des Lesers in eine andere Richtung, wenn Mavala und Kaplansk sich bei den Gräbern der Voortrekker treffen, in drückender Hitze der Siesta. Sie machen Liebe auf dem Grab Grietas. Das hat nichts obszönes, die Jungs aus der Schule machen auch Klimmzüge am Kreuz Christi und Obadiah pisst auf seinen soeben beerdigten Freund als eine Art Abschiedsgruß. Die Gräber sind einfach ein Ort, an dem die beiden ohne die anderen sein können. „Magst du dich setzen?”, fragt Mavala, als sie einander das erste Mal treffen. „Hier?”, “Warum nicht? Man sitzt sehr bequem auf diesen toten Buren.”
Sie reden auch miteinander. Aber sie reden womöglich das Falsche. Auch wenn sie einander wiederholt dazu auffordern: „Rede.”, „Worüber?”, „Egal. Rede.”, „Mir fällt nichts ein. Null.”, „Was für ein Name ist Larry?”, „Französisch, glaube ich.”, „Bist du ein Franzose?”, „Nein.”, „Erzähl noch etwas.” Es bleibt bei solchen Belanglosigkeiten. Sie gebärden sich nicht wie Verliebte, machen kaum Zukunftspläne und als Kaplansk eine mögliche Hochzeit zwischen ihnen andeutet, fällt Mavala vor Lachen fast vom Grabstein.
Dennoch schreibt Kaplansk an seine Mutter einen jener Briefe, mit denen Mütter von Söhnen immer rechnen müssen: „Mutter, es tut mir leid. Es gibt so vieles, was mir leid tut, und deshalb musst du begreifen, dass ich es noch mehr bedauere als üblich, Dir mitteilen zu müssen, dass ich, solange ich lebe, nie mehr einen Fuß nach Cincinnati, Ohio, setzen werde, nicht einmal einen eiskalten Zehennagel, und dies soll auch für meine Leiche gelten. Sei versichert, dass ich in guten Händen bin. Ihr Name lautet Mavala Shikongo.”
Dieser Text berichtet vom Erzählen. Das ist der Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Richtig und Falsch. Und am Übergang vom einen zum anderen steht die Erzählung. Die Erzählung, die die Wahrheit des Erzählten behauptet, sie aber schon nicht mehr ist.
Wir dürfen vermuten, dass Wahrheit und Unwahrheit in einer Kultur, die stärker an die orale Tradition gebunden ist als die skripturalen Kulturen der westlichen Welt, eine andere Bedeutung zukommen, weil der Übergang vom einen zum anderen ein anderer ist. Der Übergang von der alten in eine neue Zeit. „Was macht er da?”, fragt Mavala als Pohamba wiederholt gegen die Wand klopft. „Er gibt Morsezeichen. Du warst doch im Krieg”, antwortet Kaplansk. „Wir haben Satellitentelefone benutzt” sagt Mavala.
Diese westliche Kultur hat Afrika nicht nur die Schrift, das Repetiergewehr und das Satellitentelefon gebracht. Sondern auch jene Waffen, die wir überall im Buch finden, die modernsten, derer die westliche Welt sich bedient, um vermeintlich inferiore Kulturen zu unterwandern, zu infiltrieren und schließlich zu unterwerfen: Pepsi, Fanta und Twix.
Die Geschichten werden in der Gegenwart oder in der Vergangenheit erzählt, in direkter oder in indirekter Rede, durch die Stimme eines Erzählers oder aus der Ichperspektive. Nur Mavala scheint die prädestinierte Ich-Perspektive nicht zu kennen. Sie bleibt rätselhaft. Und dann ist sie wieder verschwunden. Ohne Aussicht auf Rückkehr. Und auch hier wird, wie bei so vielen anderen Toden, nicht viel Aufhebens gemacht. Es gibt schlimmere Katastrophen, das ist jedenfalls Pohambas Meinung zu der Sache.
Wir wissen nicht, wie lange Kaplansk auf Mavala gewartet oder warum er sie nicht gesucht hat. Irgendwann sitzt er, dem Brief an seine Mutter zum Trotz, in der Bibliothek von Cincinnati und liest in einem Geschichtsbuch über Namibia. „Ich denke an ihre Lippen und daran wie spröde sie waren, und an ihre Stimme, die rauer wurde, wenn sie Durst hatte. Ich versuchte, ihr das Wasser vorzuenthalten, damit sie länger so rau klang. Allein ihre Stimme, das schwöre ich, konnte einen Nachmittag langsamer verstreichen lassen.”
Wer erzählt, erzählt ja nicht die Wahrheit. Er erzählt von ihrem Verlust. Zwischen Kaplansk und Mavala muss mehr geschehen sein als nur rauer, verschwitzter Sex. Sex und Liebe verhalten sich womöglich wie der Einfall und das Aufschreiben desselben. Jeder der schon einmal in das eine oder das andere involviert war, weiß: für sich genommen sind das zwei durchaus zu handhabende Umstände. Nur hapert es bisweilen am Übergang vom einen zum anderen. An diesem Übergang nun stehen die Worte. Worte, die einen gleichermaßen behindern oder befreien können. Peter Orner – und an seiner Seite der sensible Übersetzer Henning Ahrends – schreibt manchmal geradezu entfesselt.
Peter Orner, Die Wiederkehr der Mavala Shikongo
Carl Hanser Verlag, München 2008
339 Seiten, 21,50 €
ISBN 978-3-446-23060-6

Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema - Orner : Die Wiederkehr der Mavala Shikongo, Lessons & Lectures, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 21:56 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Der Fetischist
„Es gibt kein unglücklicheres Wesen unter der Sonne als einen Fetischisten, der sich nach einem Frauenschuh sehnt und mit einem ganzen Weib vorlieb nehmen muss.”
Karl Krauss, Aphorismen
Es gibt also in der Liebe nicht nur ein zuwenig, sondern auch ein zuviel.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Hier wird gemangelt, kurz | Eintrag von Aléa Torik | um 21:02 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
Räusche, Süchte und Delirien
Ich habe in der letzten Zeit die Lektüre vieler Bücher abgebrochen. Von Flächenbrand gar nicht erst zu reden, es springt nicht einmal ein winziger Funke über. Das vorhandene elektrische Potential brauche ich zur Enervierung meiner Armmuskulatur, um die Bücher mit zwei Fingern an einer Ecke anzufassen und mit leichtem Anflug von Ekel und Widerwillen aus dem Bett zu befördern. Am nächsten Morgen bekommen sie noch einen Tritt in den Hintern und dann wandern sie auf den Stapel im Flur und bei allernächster Gelegenheit ins Antiquariat. Ich will solche Schweinereien nicht in der Wohnung haben.
Es gibt auch weit weniger vornehme Arten, sich von Büchern zu trennen als sie ins Antiquariat zu geben. Ich habe gehört, dass ein Leser der „Feuchtgebiete” ins Buch defäkiert und es dem Lektor derart kommentiert zurückgeschickt hat. Keine schöne, wahrscheinlich aber eine angemessene Reaktion. Ich hab’s nicht gelesen. Ich stand vor dem Büchertisch meines bevorzugten Dealers und habe an zwei oder drei Stellen hineingelesen. Dann habe ich mich vorsichtig umgesehen, wie das Taschendiebe bestimmt auch tun, ob mich etwa jemand ertappt hat und dann hab ich’s möglichst geräuschlos wieder auf den Stapel zurück gleiten lassen. Ich bin sehr interessiert an Literatur und an Sexualität. Aber mit solchen triefenden Avancen kriegt man mich nicht ins Bett.
Warum gefällt mir Aravind Adiga mit „Der weisse Tiger” nicht? Der Titel stand weltweit in den Bestsellerlisten und hat Millionen Leser gefunden. Solche internationalen Bestseller lassen sich als gute Arbeit von Literaturscouts und Literaturagenten beschreiben; sie lassen sich auch als Rezeptionsphänomen beschreiben, aber durch beides sind sie nicht vollständig beschrieben. Dieses Buch muss eine Qualität besitzen, die ich nicht habe entdeckt können (und diese Qualität lässt sich nicht beschreiben mit dem Wort: Allgemeingeschmack. Der Tellkamp, der sicherlich sehr weit entfernt ist von dem Verdacht des Allgemeingeschmacks, hat hunderttausende Exemplare verkauft. Das lässt sich nicht einmal mit dem anderen großen Verdacht des Buchhandels erklären, nämlich Weihnachtsgeschenk). Oder ich habe einen Raubdruck abbekommen: als absehbar war, dass der Titel ein Erfolg wird, hat sich ein pfiffiger Schreiber hingesetzt und ungefähr dasselbe geschrieben wie der Adiga, irgendwie was mit Indien und mit reich und arm. Das lässt sich wahrscheinlich recht zügig runterschreiben. Dann hat er das Cover vom Adiga genommen und es den Buchhandlungen mit einer hübschen Kommission angeboten. Außerdem ist das Übersetzen ein mühseliges Geschäft. Und schließlich ist das selberschreiben von Bestsellern auch billiger als das Einkaufen derselben auf dem Markt: man spart die Lizenzgebühr, die in so einem Falle schon mal in die Hunderttausende gehen kann.
Mir gefällt es nicht. Und zwar aus einem einzigen Grund. Der ist recht naheliegend und deswegen bin ich auch nicht sofort darauf gekommen. Es gefällt mir nicht, weil mir kein einziger Satz gefällt. Dieser Autor, ob Adiga selbst oder sein deutscher sub-skribent, liebt die Sprache nicht, er benutzt sie lediglich. Er begehrt sie nicht, er beschläft sie nur. Kein einziger schöner Satz, keine schöne Bemerkung, keine liebevolle Betrachtung, keine sensible Schilderung von Natur, keine empfindsame von Menschen. Da ist nur irgendeine belanglose Figur, die sich auf ebenso belanglose Weise Seite um Seite beklagt. Nach zwanzig Seiten und zweihundert Belanglosigkeiten weiß ich wie der Hase läuft. Ein Hase, der keine Haken schlägt, sondern nur stur geradeaus läuft.
Oder Gerd Peter Eigner, „Die italienische Begeisterung”. Nach hundert solcher Sätze, konnte ich bei diesem hier einfach nicht mehr weiter: „Ich denke, es ist besser, ich wechsle das Thema.” (Wie wär’s mit: Ich denke, es ist besser das Thema zu wechseln. Ich wechsle besser das Thema. Es ist wohl besser, das Thema zu wechseln. Themawechsel.) Wechsle könnte man auch mit ä schreiben und dann würde man glauben, dass es eine bayrische oder österreicherische Bezeichnung für eine Wachskerze ist und der entsprechende männliche bayrische oder steirische Hochlandbewohner, bevor er sich zwecks Befriedigung seiner niederen Gelüste an seinem dauerhaft verehelichten Weib vergeht, eine romantische Seite an sich entdeckt und zu selbigem, Weibe nämlich, spricht: „Rosi, I zünd scho ma das Wächsle an, ja sappalot noch einmoal.”
Ich gerate inzwischen viel zu selten in einen Leserausch. In eine Lesesucht. Die Süchte anderer sind mir fremd. Nichts ist ernüchternder als die Räusche der anderen. Meine großen Leseräusche sind alle schon länger her. Vor drei, vier Jahren hatte ich einen schweren Anfall davon, bei den Romanen von Iris Murdoch, die der Deuticke Verlag mangels Nachfrage nicht mehr auflegt (Woran mag das liegen? An der Komplexität jedenfalls kann es nicht liegen. Die Murdoch liest sich genauso leicht wie der Adiga, sie schreibt nur viel besser). Vor vielen Jahren hatte ich solche Lesedelirien bei Tolstoi und Nabokov. Und später bei Saramago und natürlich, aber das ist ein anderes Thema – nicht mehr das der Erdbeben, sondern der Meteoriteneinschläge – bei Marcel Proust, Auf der Suche nach der verloren Zeit.
Meine letzte Entdeckung war ein herber Schlag ins Portemonnaie. Aber es hat sich gelohnt, Max Aub, „Das magische Labyrinth”. Diese sechsbändige Ausgabe war vom Eichborn Verlag äußerst liebevoll gestaltet. Nicht dieses Toilettenpapier, das ich beim Adiga bekommen habe. Gerade so als wüsste der Verlag durchaus, wozu es wirklich taugt. Vor allem aber sind es die Südamerikaner, die es mir angetan haben. Ich mag diese satte und saftige Literatur. Alles seit Borges. Dieser so genannte magische Realismus, richtige Schmöker, die mich nicht nur sinnlich, sondern auch intellektuell befriedigen.
Gerade kokettiere ich mit der Gesamtausgabe von Truman Capote; aber ich habe auch Angst. Nicht nur ums Portemonnaie. Amerikanische Literatur ist bei mir ein blinder Fleck und ich bin nicht sicher, ob ich das nicht dabei bewenden lassen sollte. Das Wenige, das ich aus Amerika kenne, war allerdings gut: Mark Z. Danielewski, „Das Haus”, ein höchst beeindruckendes Debüt, intellektuell und vom Satzspiegel her sehr anspruchsvoll und fast ein bisschen zu dick aufgetragen für einen Roman (Woran liegt das? Dieses Buch ist viel zu komplex, um den Allgemeingeschmack zu treffen. Auch Aub war komplex: man musste sich konzentriert mit dem Spanischen Bürgerkrieg auseinandersetzen. Das erleichtert einem auch die schöne Ausgabe nicht). Außerdem habe ich vor einigen Monaten Peter Orner gelesen, „Die Wiederkehr der Mavala Shikongo”. Meine Rezension stelle ich bei nächster Gelegenheit hierher.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Auf dem Fischmarkt, monströs | Eintrag von Aléa Torik | um 22:22 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren