Archiv vom Juni, 2009
05 Juni 2009
Der Maler
Dies ist die Geschichte eines Malers, der im Kundenauftrag einen Hahn zeichnen soll. Künstler und Auftraggeber vereinbaren im Voraus einen festgelegten Betrag für die Arbeit. Viele Wochen später, am vereinbarten Tag, kommt der Kunde, um seine Zeichnung abzuholen.
Der Maler scheint viel zu tun zu haben und lässt den Kunden warten. Der macht bald auf sich aufmerksam. Der Maler scheint ihn nicht zu erkennen. Bis der Kunde deutlich zu verstehen gibt, dass er am heutigen Tag seine Zeichnung abholen könne. Der Künstler scheint sich widerwillig zu erinnern. Er greift nach einem Blatt und zeichnet mit schnellen Strichen einen Hahn auf’s Papier. Das Ganze dauert keine zwei Minuten. Der Kunde ist erst erstaunt und dann erbost. Wie könne er, fragt er den Maler, ihm einen dermaßen hohen Betrag für diese zwei Minuten Arbeit abverlangen? Wie könne er, der das da, der Kunde weist verächtlich auf den Hahn, aus dem Handgelenk geschüttelt habe, so viel Geld dafür verlangen? Der Maler schweigt. Der Kunde ereifert sich, er wird wütend, er versteigt sich immer weiter. Bis der Maler, ohne ein Wort zu sagen, unter den Tisch greift und einen dicken Stapel Blätter hervorholt: Hähne in allen Stellungen und Varianten, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit und ohne Farbgebung, mit und ohne Hintergrund, realistische Perspektiven, skurrile Varianten, Studien über Studien, dutzende Blätter. Beschämt wendet sich der Kunde ab, zahlt und verlässt, seinerseits nun ohne Worte, das Atelier.
Die Moral von der Geschichte? Nicht etwa, dass einer viel arbeiten muss, um ein guter, womöglich auch (nur) ein gefragter Künstler zu werden. Nicht, dass Entlohnung und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Vielmehr dass Kunst aus dem Handgelenk kommt und deswegen etwas onanistisches und unanständiges hat. Das ist ihr Kapital!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema Belle-e-triste, mittel | Eintrag von Aléa Torik | um 16:00 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren
03 Juni 2009
Sternhagelvoll
Ich war über Pfingsten auf eine Party eingeladen. Erst wollte ich nicht hingehen. Ich mochte keine Menschen sehen und auf einer Party lässt sich das nur schwer vermeiden. Kurzfristig habe ich meine Meinung geändert, vielleicht brächte mich das auf andere Gedanken. Als ich am Samstagabend das Haus verließ, ist mir das Wort sternhagelvoll eingefallen. Es sind nur drei oder vier Querstraßen von mir zu Marlene, die ihren Geburtstag feierte. Das Wort ist mir auf dem Weg dorthin nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
Angekommen, habe ich mich sofort auf die Suche nach den Spirituosen gemacht. Meist liegen die ja in der Badewanne und die harten Sachen stehen in der Küche. Dort ballt es sich immer, weil da nicht nur die stehen, die etwas essen wollen, sondern auch die, die nicht wissen wohin mit sich. Auf Partys gibt es jene, die ohne Schwierigkeiten navigieren können und mit jedermann ins Gespräch kommen. Und es gibt die, die das nicht können. Letztere trifft man in der Küche. An allen anderen Orten fallen sie auf. Und Auffallen ist das letzte was sie wollen. Weil sie Angst haben, dass ihre Unsicherheit auffällt. Der Preis den sie dafür zahlen, ist hoch, weil nicht nur ihre Angst unsichtbar bleibt, sondern auch sie selbst. Ich gehöre zu denen, die ziemlich gut navigieren können, aber ich mag eigentliche jene, die das nicht können. Und deswegen sitze ich bei einer Party am liebsten in der Küche. Da trifft man die, die einen hilflos anschauen. Nicht, dass dadurch meine mütterlichen Instinkte angesprochen werden, gar nicht. Vielmehr mag ich sie, weil sie ein bisschen so sind, wie ich gerne wäre. Ein bisschen hilfloser eben.
An diesem Abend aber war das anders. Am liebsten hätte ich mich in einer Kammer eingesperrt. Marlene, die entfernt über meinen desolaten Zustand informiert war, umarmte mich kurz, fragte wie’s mir ginge und war wieder weg, bevor ich eine Antwort geben konnte. Auch gut. Ich habe mich dann sofort in die nächste Ecke gesetzt, mit einer vollen Flasche Absolut Vodka. Den Wunsch direkt aus der Flasche zu trinken, habe ich gerade noch abbiegen können und mir einen Becher gegriffen. Gesprächen bin ich aus dem Weg gegangen, obwohl ich mich nicht bewegt und die ganze Zeit auf der Stelle gesessen habe. Ich wollte keine Konversation machen, ich wollte sternhagelvoll sein. Und zwar so schnell wie möglich.
Am Sonntag, als ich noch im Bett lag, schwer gezeichnet vom Abend zuvor, von der entscheidenden halben Stunde dieses Abends, ist mir aufgefallen, dass ich womöglich doch mein Ziel erreicht hatte. Ich hatte nämlich bis zu diesem Moment angenommen, dass ich, auf der Toilette, über der Kloschüssel, das Experiment habe vorzeitig abbrechen müssen. Womöglich ist sternhagelvoll genauso wie ich mich am Samstagabend gefühlt habe. Ich hatte es mir nur anders vorgestellt, so wie Betrunkene im Comic, mit einer Aureole aus Sternen um den Kopf und einem ebenso gestirnten Gesichtsausdruck. Aber ohne Kopfschmerzen, Schwindel und vor allem ohne Brechen.
Ob ich diesen Zustand nun erreicht habe oder nicht, eines jedenfalls habe ich nicht erreicht: meinen vorherigen Zustand zu verlassen. Und das war es eigentlich, was ich wollte. Ich wollte meinen Liebeskummer ersäufen. Aber daran bin ich gescheitert.
Ist gescheitert eigentlich der Komparativ von gescheit? Und wie sieht der Superlativ aus, gescheiterter? Ich bin gestern zwar an meinem Vorsatz gescheitert, aber zumindest nicht gescheiterter als gewöhnlich.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Thema lang, Worte, nichts als Worte | Eintrag von Aléa Torik | um 9:11 eingtragen | Kommentare: keine | Kommentieren











