24 Juni 2009
Das Singen der Sirenen
Was einem Menschen normalerweise als Wahnsinn angekreidet wird, damit kommt man im Urlaub ganz gut zurecht. Zum Beispiel: machen können was man will. Das macht man ja normalerweise nicht. Manche mögen jetzt die Nase rümpfen und sich denken: ich mache durchaus was ich will. Aber das zu denken ist bereits ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie dem Wahnsinn verfallen sind. In Wirklichkeit würden sie etwas ganz anderes machen. Aber das wissen sie nicht, und wollen das auch nicht wissen. Weil das unabsehbare Folgen haben könnte.
Weil einer, wenn er richtig gut im Saft steht, befürchten muss, dass er etwas ganz anderes will. Gerade ist einer noch Vorstandsvorsitzender eines großen Unternehmens und schon bewirbt er sich, weil er hat erkennen müssen, was er wirklich will, in einer Schlachterei. Weil er eben immer schon Rinderhälften hat auseinander sägen wollen. Oder andersherum, mit blutigen Händen kommt einer zum Vorstand Human Ressources und bewirbt sich auf den Chefposten, weil er eben keine Rinderhälften mehr auseinander sägen will, sondern Vorstände und Aufsichtsratmitglieder. Vielleicht geht’s aber auch nur ums Sägen und er läßt sich, von einem verständigen Mitarbeiter der Agentur für Arbeit vermittelt, zum Illusionisten umschulen. Da kann er dann seine hübschen Assistentinnen zersägen. Und wenn er sich versägt, lässt er sich erneut umschulen: zum Bestatter. Wenn man sich vor Augen hält, dass in den nächsten hundert Jahren nahezu sieben Milliarden Menschen sterben, wenn auch nicht alle an Sägeverletzungen, dann kann man erkennen, welch ein enormes Potential dahinter steckt. Da kann einer leicht ein Wirtschaftsimperium drauf aufbauen. Und wenn er dann nach einer Zeit des Wachstums und der Expansion CEO dieses Unternehmens ist, kann er sich ja immer noch, in einer schwachen Minute, wenn er sich fragt, was er eigentlich wirklich will, in einer Schlachterei bewerben. Und an so einer Wustmaschine stehend, wo vorne Rinderhälften rein und hinten Bratwürstchen rauskommen, ist er dann vielleicht zum ersten Mal im Leben richtig glücklich. Wenn er sich vorstellt, was man da vorne noch alles reinschieben kann. Das mit diesem Glück, das er empfindet, darf er natürlich der Polizei nicht sagen, wenn er die Vermisstenanzeige für Frau und Kinder aufgibt.
Man kann das Pferd natürlich auch von hinten aufzäumen und behaupten, dass, was immer einer oder eine tut: es ist grundsätzlich das, was er oder sie tun will. Der Mensch ist in allem frei; nur nicht darin, frei zu sein. Jeder Mensch ist so frei, dass er tut, was er tun will. Das eben ist die Definition von Freiheit, in ihrer ganz strengen Variante. Wenn einer im Leben keinen Erfolg hat, dann weil er es in letzter Konsequenz nicht will. Da kann er sich noch so anstrengen: er will eben nicht. Nur weiß er das nicht.
Wie aber bekommt man heraus, was man wirklich will? Das ist, zugegeben, ein schwieriges Gewässer. Diese Formulierung erinnert an den 12. Gesang der Odyssee, als Odysseus durch jenes Gewässer kommt, das von den Sirenen bevölkert wird, deren Gesang die Seeleute dazu bringt, über Board zu springen. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin, und dazu eine Verfechterin des Buches in seiner jetzigen Form, aber manchmal hat die elektronische Variante auch Vorteile. Es geht einfach schneller. Der Text des Homer im Internet, hier. Seinen Kameraden dichtet Odysseus die Ohren mit Wachs ab, er selbst lässt sich an den Mastbaum binden, mit der Maßgabe, ihn unter keinen Umständen loszubinden, wie sehr er darum auch betteln mag: er wollte den Gesang der Sirenen hören und mit eigenen Ohren vernehmen, was die Menschen ins Verderben zieht.
Ebendieses muss man mit sich auch machen können. Wenn einem der Sirenengesang vernimmt, dass man zu wissen meint, was man eigentlich will: Ohren abdichten! Sonst wird man wahnsinnig. Oder Schlachter. Oder aber gleich das Verderben wählen! Verderben, das lehrt der 12. Gesang der Odyssee, ist eine verlockende Angelegenheit. Und es gibt durchaus das eine oder andere Verderben, für das der Untergang lohnt.
Die wichtige, höchst beunruhigende Frage, geradezu in den Wahnsinn treibend, lautet: Wovon singen die Sirenen?
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juni 24th, 2009 unter Miszellen & Mesalliancen, voluminös











