09 Juni 2009
Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen
Ich habe den Film „Cyrano von Bergerac“ in Bukarest gesehen, im französischen Original, mit englischen Untertiteln und dem großartigen Gérard Depardieu in der Hauptrolle des Cyrano. Am nächsten Morgen habe ich gleich das Buch, die Komödie von Edmond Rostand, gekauft und in einem Zug durchgelesen. Vorlesung geschwänzt und einfach den ganzen Tag gelesen. Gelesen und geheult. Ich habe mir in den Wochen darauf sicher noch ein Dutzend Mal den Film angeschaut. Das war ein Kino mit roten Vorhängen, die im letzen Moment vor dem Film weggezogen wurden und zerschlissenen Plüschsesseln, in die man metertief hinein sank.
Ich war neunzehn, im dritten Semester und hatte eine schwere Attacke Liebeskummer auszustehen, wegen eines Mannes, der ein Idiot war. Aber das wusste ich damals nicht. Damals habe ich nur geliebt. Irgendwie wusste ich es schon, aber ich habe ihn trotzdem geliebt. Oder vielleicht habe ich ihn sogar gerade deswegen geliebt, weil ihn ja nun einmal eine lieben musste. Wenn man liebt, dann kann man den Grund dafür nicht greifen.
Die Rolle der Roxane war mir, fand ich, auf den Leib geschneidert. Roxane, die geliebt werden will vom schönen Christian, der auch ein Idiot ist und keinen graden Satz herausbekommt. Aber Roxane will gerade dies: dass einer seine Liebe in Worte fasst. Die Sprachfähigkeit, die Sprachkompetenz, ist für sie ein Synonym für die Wahrhaftigkeit der Liebe. Dies ist ein Motiv aus dem Mittelalter, das der höfischen (und höflichen) Liebe, wo der Galan die angebetete Dame besingt (die eine geradezu kultische Ausprägung findet in der sagenumwobenen Aliénor von Aquitanien, Königin von Frankreich, spätere Königin von England und Mutter von Richard Löwenherz) und das in den Liedern der Troubadoure seinen Niederschlag findet. Bei Rostand nun wird dieses Motiv variiert und in die Neuzeit hinüber gerettet: Sprachfähigkeit und Liebesfähigkeit gehen ineinander über. Wer seine Liebe nicht in Worte zu fassen weiß, der liebt auch nicht. Liebe macht hier nicht, wie heutzutage, sprachlos. Im Gegenteil, sie versetzt den Liebenden in eine höhere Potenz. So ist es zu verstehen, wenn Cyrano sagt: „Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat, lässt eine neue Tugend in mir reifen!”.
Roxane wird nun ihrerseits von Cyrano geliebt. Kein Idiot, ein Dichter, ein Poet, nur nicht gerade eine Schönheit, mit seiner monströsen Nase; ein Phantast dazu. Christian nun macht Roxane den Hof, redet aber – so sagt man das etwas flapsig heutzutage – nur Dünnschiss. Dann kommt Cyrano hinzu und souffliert für den schönen Nebenbuhler. Weil er Roxane wirklich liebt und weil ihm das egal ist, wenn ein anderer- der Idiot Christian – Kapital draus schlägt. Es geht ihm einzig darum, seine Liebe in Worte zu fassen.
Die beiden Männer stehen im Dämmerlicht unter Roxanes Balkon, Roxane sieht Christian, aber Cyrano ist derjenige, der spricht.
„Roxane: Und kommt die Zeit, in was für Worten dann
Wird sich Ihr Herz ergehen?
Cyrano: In allen, allen
Die mich in bunter Wildheit überfallen,
Bevor ich sie zum Sträußchen binden kann:
Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen,
Zum Glockenspiele machtest du mein Herz
Und weil es bebt in Sehnsucht und Frohlocken
Drum tönt dein Name laut von allen Glocken.
Nichts, was die Liebste tut, kann mir entrinnen:
Du trugst vergangnes Jahr am neunten März
Anders dein Haar geordnet als am achten.
Entschwindet mir’s, dann scheint der Tag zu nachten.
Wer sich zu lange der Sonne zugewendet,
der sieht ein goldnes Rund in allen Ecken,
und ich, von deiner Locken Glanz geblendet,
Gewahre, fern von dir, rings blonde Flecken.
Roxane (mit bewegter Stimme): Ja, das ist Liebe …
Cyrano: Dies Gefühl, das mich
Hinreißt in Eifersucht und Leidenschaft,
Ist wahrlich Liebe, hat die Qual und Kraft,
Der Liebe – und verlangt doch nichts für sich.
Mein Heil, ich gäb’ es für das deine gern,
Und ewig bliebe dir mein Tun verschwiegen;
Den Abglanz nur möchte ich erspähn von fern
Des Glücks, das meinem Opfer wär’ entstiegen!-
Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat,
lässt eine neue Tugend in mir reifen!
Verstehst du nun? Beginnst du zu begreifen,
Daß durch die Nacht dir meine Seele naht?
O süße, süße Nacht! O holdes Werben!
Dies alles sag ich, und sie lauscht mir, sie!
Das ist zu viel. So hoch verstieg sich nie
Mein kühnstes Hoffen. Könnt ich jetzt nur sterben!
Die Liebeskraft, die meinen Worten eigen,
lässt Sie dort zittern zwischen blauen Zweigen!
Ja, ja, sie zittert wie das Laub im Wind!
Du zitterst! Und am leisen Blätterweben
Spür ich, wie deiner Hände süßes Beben
leicht am Jasmingeranke niederrinnt.
(Er küsst leidenschaftlich das Ende eines herabhängenden Zweiges)
Roxane: Geliebter, ja, ich zittre, bin entflammt
Und bin berauscht.
Cyrano: O göttlicher Genuß,
dass dieser Rausch, mir, mir allein entstammt!
Nichts anderes fordre ich mehr als …
Christian (unter dem Balkon) Einen Kuß!
Roxane (zurückprallend) Wie?
Cyrano: Oh?!
Roxane: Sie fordern?
Cyrano: Ich …”
Und schon ist’s vorbei mit der Sprache der Liebe. Dieser verdammte Idiot Christian! Dieser Kretin! Mein eigener Idiot damals hieß Catalin.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juni 9th, 2009 unter Hier wird gemangelt, Sprache & Liebe, voluminös












Kommentar von Jean Stubenzweig
Datum/Uhrzeit 2. Juni 2010 um 05:18
Etwas verspätet bin ich darauf gestoßen. Das soll mich nicht hindern, Sie auf Le Schmachtfetzen hinzuweisen. Aber der liegt auch schon ein Weilchen zurück.