07 Juni 2009
Demokratie im 21. Jahrhundert
Eben habe ich Radio gehört. Das mache ich morgens normalerweise nicht. Ich bin anfällig für Ohrwürmer und ich summe, wenn mir kurz nach dem Aufstehen eine Melodie ins Ohr gerät, oft den ganzen Tag irgendwelches abscheuliches Zeug. In so einem Fall kann ich gleich im Institut anrufen und mich krank melden. Vielleicht sind die Kopfschmerzen, die viele Menschen haben, keine Kopfschmerzen. Das ist der Ohrwurm vom Morgen, der da noch nachsummt, kein Tinnitus und keine Migräne.
Aber eben hatte ich Glück, keine Musik. Der Moderator forderte die Zuhörer auf, an der heutigen Wahl zum Europäischen Parlament teilzunehmen. Das sei wichtig, so der Mann, weil in Brüssel Gesetze erlassen würden, die Auswirkungen auf alle Mitgliedsstaaten der EU hätten. Also auch auf Deutschland (das hat er tatsächlich gesagt). So seien diese Gesetze aus Brüssel zum Beispiel dafür verantwortlich, dass die Roaming-Gebühren beim Handy heute günstiger seien als vor Jahren.
Ist das wirklich wahr, dass man den Leuten die Bedeutung von Demokratie und Mitbestimmung – das Herzstück einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft – erklären muss? Und ist das wirklich wahr, dass sie das offensichtlich dann am ehesten begreifen, wenn man es Ihnen anhand ihrer Handygebühren darlegt? Es würde mich nicht wundern, wenn die Zuhörer dieses Senders am Wahltag die Stelle auf dem Wahlzettel suchen, wo sie ihr Kreuz für eine weitere Senkung der Handyrechnung machen können. Und wenn sie diese Stelle nicht finden, dann beginnen sie an der Demokratie zu zweifeln und an der Funktionalität ihrer Instrumente. Sie fragen sich vermutlich, ob die Grundbedingungen, unter denen nach Aristoteles ein freiheitliches Staatswesen überhaupt erst möglich ist – Autonomie, Autochthonie und Autakie – in unserem Staatsgebilde überhaupt gegeben sind. Ihnen geht vielleicht die Frage durch den Kopf, ob die Gewaltenteilung – Legislative, Exekutive und Judikative – adäquat umgesetzt wird. Sie fragen sich eventuell auch, ob das Grundgesetz mit seinen einzelnen Artikeln tatsächlich jenem außerordentlichen Anspruch genügt, dass die Rechte eines Individuums sich gleichermaßen auch als seine Pflichten umformulieren lassen müssen. Und außerdem, denkt der Wähler mit dem Stift in der Hand und dem Wahlzettel vor der Nase, müssen endlich die verdammten Handygebühren runter. Man wird ja wohl einem freien Bürger und einer freien Bürgerin nicht noch in der Wahlkabine die Grundrechte streitig machen wollen. Das hier ist eine Demokratie, das müssten die da oben endlich mal begreifen. Überhaupt: die da oben! Die mit ihrem antidemokratischen und scheißmonarchistischen Denken!
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Juni 7th, 2009 unter lang, Paralipomena











