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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
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  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Juni, 2009

    30 Juni 2009

    Leichtsinn

    Wieder einmal ein Wort, das nur noch pejorativ, also bedeutungsverschlechternd, gebraucht wird. Es scheinen, im Vergleich zu den vielen Abstiegen, wenig Worte einen Aufstieg und eine Verbesserung zu erfahren. Das Paradebeispiel dafür ist die Unverschämtheit. Das Wort wird heute negativ empfunden, eigentlich aber beschreibt es etwas positives: weder verschämt noch verklemmt. Das Wort ist unversehens in die Sphäre des Moralischen geraten. Und wenn man da einmal drin ist, kommt man so leicht nicht wieder heraus. Eher zieht einer sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf.

    Wer leichtsinnig die Straße überquert, riskiert Leib und Leben; Wer leichtsinnig mit anderen ins Bett geht, Hepatitis und HIV. Wer leichtsinnig ist, der denkt nicht nach, der bedenkt nicht, reflektiert nicht und überlegt sich nicht die Auswirkungen seines Handelns. Leichtsinnig wird die Zukunft aufs Spiel gesetzt. Wer leichtsinnig ist, ist unverantwortlich sich selbst und anderen gegenüber. Wenn man das einmal weg schlägt, die Farbe abkratzt, wenn man das Palimpsest von seinen Übermalungen und Neuerungen und Überschreibungen befreit, dann kommt etwas Wunderschönes zum Vorschein: leichtes Sinnes sein, freudig, heiter, beseelt, unbeschwert und frohen Mutes.

    Nicht weit vom Leichtsinn entfernt, ist ein anderes Wort angesiedelt: Glück. Wie so oft, weiß ich nicht mehr wo ich das gelesen habe, mein Hirn ist eine Ansammlung von Residuen und Resten. Die Menschen aus Bangladesch, stand dort, sind die glücklichsten auf der Welt. Umfragen sind leicht auszuhebeln, wenn man nach ihren Bedingungen fragt. Die kenne ich in diesem Fall nicht, aber es wundert mich auch nicht, dass gerade die Ärmsten der Armen sich als glücklich bezeichnen. Nicht, weil sie weniger zu verlieren haben als die Reichen. Sondern weil sie ein anderes Verständnis von Glück und Leichtsinn haben: ein weniger beschwerliches.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung III

    Wenn ich mir die letzten beiden Bemerkungen anschaue, wie sie da stehen, für jeden zugänglich und einsehbar; sie sehen anders aus als noch Minuten zuvor, da nur ich sie sehen konnte, zu dem Zeitpunkt, da es noch eine sehr intime Erfahrung gewesen ist; jetzt ist sie öffentlich und dadurch ist sie eine andere: sie ist nicht mehr nur meine Erfahrung, sie ist von mir abgerückt, entfernt, beinahe so als hätte ich es nicht selbst geschrieben, sondern läse, was ein anderer zu dem Thema Hoffnung geschrieben hat -; wenn ich mir also die letzten beiden Bemerkungen anschaue, dann frage ich mich: gibt es eigentlich auch Lebenserfahrung, die man nicht so verdammt teuer bezahlen muss.

    Ans Ende dieses Satzes müsste ein Fragezeichen, aber ich habe keine Kraft für ein Fragezeichen. Der Preis für diese paar Worte ist so unermesslich hoch und eigentlich gar nicht in Worte zu fassen. Und der Preis für das, was nicht in Worte zu fassen ist, ist verdammt noch mal zu hoch. Es gibt immer noch diese Momente, da schüttelt mich die Hoffnungslosigkeit. Ich sitze auf meinem Stuhl in der Küche und fange zu weinen an. Ich kann nichts dagegen tun.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung II

    Wie sehr man die Hoffnung auch ausrottet, wie sehr man sich wieder dem Verstand zuneigt und der Wirklichkeit und erkennen will und muss, dass der andere einen tatsächlich nicht liebt und nicht will: ein Funken Hoffnung bleibt immer. Und bei der allernächsten Gelegenheit steht man wieder in Flammen. Man brennt lichterloh. Unbegreiflich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    26 Juni 2009

    Hoffnung

    Hoffnung ist eine seltsame Angelegenheit. Da hofft man, dass es geht. Das es wider allem Anschein doch geht. Obwohl man ja weiß, dass es nicht geht. Und dass es nie gehen wird. Aber man hofft einfach weiter. Man legt sich das Verhalten eines anderen Menschen zurecht, sucht Entschuldigungen und Erklärungen. Und die ganze Zeit tut man nichts anderes, als hoffen. All diese Erklärungen und Entschuldigungen sind nichts anderes als Ausdruck von Hoffnung. Man macht das alles nur, damit man weiter hoffen kann. Obwohl man ja bereits weiß, seit langem schon weiß, dass all die Hoffnung, die man da aufbringt und mobilisiert, jeden Tag und jede Stunde und jede Minute, das man sich all diese Hoffnung nur deswegen macht, weil man weiß, wie hoffnungslos die ganze Sache ist. Durch und durch hoffnungslos.

    Und wenn man das verstanden hat, dann weiß man auch, dass es zu Ende ist. Selbst wenn man in dem Moment noch nicht die Kraft aufbringt, für den einen letzten Schritt. Diese Trennung von der Hoffnung. Weil sich davon zu trennen, das Schwerste von allem ist. Das fühlt sich an, als würde man nie wieder hoffen können. Und ohne Hoffnung kann man nicht existieren. Wenn man nicht mehr auf irgendetwas hofft, dann ist man am Ende. Nicht an einem dieser Enden, die einen im Leben erwarten – Leben besteht nun einmal aus anfangen und aus beenden – , nicht an einem Interimsende, sondern an einem richtigen Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Juni 2009

    Das Singen der Sirenen

    Was einem Menschen normalerweise als Wahnsinn angekreidet wird, damit kommt man im Urlaub ganz gut zurecht. Zum Beispiel: machen können was man will. Das macht man ja normalerweise nicht. Manche mögen jetzt die Nase rümpfen und sich denken: ich mache durchaus was ich will. Aber das zu denken ist bereits ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie dem Wahnsinn verfallen sind. In Wirklichkeit würden sie etwas ganz anderes machen. Aber das wissen sie nicht, und wollen das auch nicht wissen. Weil das unabsehbare Folgen haben könnte.

    Weil einer, wenn er richtig gut im Saft steht, befürchten muss, dass er etwas ganz anderes will. Gerade ist einer noch Vorstandsvorsitzender eines großen Unternehmens und schon bewirbt er sich, weil er hat erkennen müssen, was er wirklich will, in einer Schlachterei. Weil er eben immer schon Rinderhälften hat auseinander sägen wollen. Oder andersherum, mit blutigen Händen kommt einer zum Vorstand Human Ressources und bewirbt sich auf den Chefposten, weil er eben keine Rinderhälften mehr auseinander sägen will, sondern Vorstände und Aufsichtsratmitglieder. Vielleicht geht’s aber auch nur ums Sägen und er läßt sich, von einem verständigen Mitarbeiter der Agentur für Arbeit vermittelt, zum Illusionisten umschulen. Da kann er dann seine hübschen Assistentinnen zersägen. Und wenn er sich versägt, lässt er sich erneut umschulen: zum Bestatter. Wenn man sich vor Augen hält, dass in den nächsten hundert Jahren nahezu sieben Milliarden Menschen sterben, wenn auch nicht alle an Sägeverletzungen, dann kann man erkennen, welch ein enormes Potential dahinter steckt. Da kann einer leicht ein Wirtschaftsimperium drauf aufbauen. Und wenn er dann nach einer Zeit des Wachstums und der Expansion CEO dieses Unternehmens ist, kann er sich ja immer noch, in einer schwachen Minute, wenn er sich fragt, was er eigentlich wirklich will, in einer Schlachterei bewerben. Und an so einer Wustmaschine stehend, wo vorne Rinderhälften rein und hinten Bratwürstchen rauskommen, ist er dann vielleicht zum ersten Mal im Leben richtig glücklich. Wenn er sich vorstellt, was man da vorne noch alles reinschieben kann. Das mit diesem Glück, das er empfindet, darf er natürlich der Polizei nicht sagen, wenn er die Vermisstenanzeige für Frau und Kinder aufgibt.

    Man kann das Pferd natürlich auch von hinten aufzäumen und behaupten, dass, was immer einer oder eine tut: es ist grundsätzlich das, was er oder sie tun will. Der Mensch ist in allem frei; nur nicht darin, frei zu sein. Jeder Mensch ist so frei, dass er tut, was er tun will. Das eben ist die Definition von Freiheit, in ihrer ganz strengen Variante. Wenn einer im Leben keinen Erfolg hat, dann weil er es in letzter Konsequenz nicht will. Da kann er sich noch so anstrengen: er will eben nicht. Nur weiß er das nicht.

    Wie aber bekommt man heraus, was man wirklich will? Das ist, zugegeben, ein schwieriges Gewässer. Diese Formulierung erinnert an den 12. Gesang der Odyssee, als Odysseus durch jenes Gewässer kommt, das von den Sirenen bevölkert wird, deren Gesang die Seeleute dazu bringt, über Board zu springen. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin, und dazu eine Verfechterin des Buches in seiner jetzigen Form, aber manchmal hat die elektronische Variante auch Vorteile. Es geht einfach schneller. Der Text des Homer im Internet, hier. Seinen Kameraden dichtet Odysseus die Ohren mit Wachs ab, er selbst lässt sich an den Mastbaum binden, mit der Maßgabe, ihn unter keinen Umständen loszubinden, wie sehr er darum auch betteln mag: er wollte den Gesang der Sirenen hören und mit eigenen Ohren vernehmen, was die Menschen ins Verderben zieht.

    Ebendieses muss man mit sich auch machen können. Wenn einem der Sirenengesang vernimmt, dass man zu wissen meint, was man eigentlich will: Ohren abdichten! Sonst wird man wahnsinnig. Oder Schlachter. Oder aber gleich das Verderben wählen! Verderben, das lehrt der 12. Gesang der Odyssee, ist eine verlockende Angelegenheit. Und es gibt durchaus das eine oder andere Verderben, für das der Untergang lohnt.

    Die wichtige, höchst beunruhigende Frage, geradezu in den Wahnsinn treibend, lautet: Wovon singen die Sirenen?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Juni 2009

    Die Zimtläden

    „Die Zimtläden” von Bruno Schulz. Ich kannte den Namen nicht. „Der große polnische Erzähler”, heißt es irgendwo über ihn. Solchen Äußerungen schenke ich schon lange keinen Glauben mehr. Rezensenten machen aus einer Mücke gerne mal einen Elefanten. Ein kleiner naturwissenschaftlicher Exkurs brächte manchen Kollegen wieder auf den Teppich der zoologischen Tatsachen zurück.

    Das Buch besteht aus einzelnen Geschichten. Die erste dieser Geschichten habe ich zweimal lesen müssen. Es ließ sich gerade auf den ominösen ersten Seiten nur schwerlich ein Sinn erfassen. Unzählige Adjektive drehen sich um eine handvoll Substantive, sie drängeln sich um die paar Personen, die kaum je einen Schritt hierhin und dorthin machen. Ich habe mich recht bald zum Nachwort der Übersetzerin geflüchtet und einem kurzen theoretischen Text des Autors, seine Poetik. Sofort wusste ich, was mich an „August” so irritiert hat: Der Leser sieht die Welt mit den Augen eines Kindes: es verschwimmt alles im kindlichen Empfinden dieses flirrend heißen Sommers. Es bedarf keiner dramatis personae, keiner kontinuierlichen Entwicklung. Es ist Sommer, es ist heiß, im Garten wütet die wild gewordene Vegetation und die wahnsinnige Tluja hat ihr Bett auf dem Komposthaufen aufgeschlagen.

    Der Erzähler ist ein Junge von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, und er hat eine entsprechende Wahrnehmung: „Die Wohnung besaß keine bestimmte Anzahl von Zimmern, niemand hatte sich je gemerkt, wie viele davon an fremde Mieter vergeben waren. Nicht selten kam es vor, dass man zufällig eine der vergessenen Kammern öffnete und sie leer vorfand”. Ähnlich verwinkelt, mit Fluren Zimmern und Nebenzimmern, sind diese Geschichten angelegt. Die Erzählweise ist nicht geordnet einherschreitend, sondern hüpfend; als wenn der Erzähler sich mitunter nicht erinnern könnte wie er angefangen hatte.

    In „Pan” kriecht erst nach der Hälfte der kaum sieben Seiten langen Geschichte ein Subjekt aus dem Gebüsch der Worte hervor; bis dahin wird lediglich der Nachbargarten beschrieben. Das Kommende könnte ich in einer Rezension natürlich nicht machen, diese langen Zitate. Das würde mir vom CvD regelrecht in Stücke gerissen. Aber hier kann ich machen was ich will! Wenn man in der Pubertät auch genau davon träumt: normalerweise ist das ein Zeichen des totalen Irrsinns, wenn man machen kann was man will. Oder man ist gerade im Urlaub. Aber hier geht’s total irrsinnig zu – und ebenso erholsam. Und mit dem Wort Irrsinn, sind wir beim Thema:

    „Der Garten war weitläufig und vielfach verästelt, es gab darin verschiedene Zonen und Klimata. Auf der einen Seite war er offen, voll Himmelsmilch und Luftmilch, und dort unterlegte er den Himmel mit weichstem, zartestem und duftigstem Grün. Doch in dem Maße, in dem sich der Garten in die Tiefe eines seiner langgezogenen Ausläufer senkte und in den Schatten zwischen der Rückwand der stillgelegten Sodawasserfabrik und einer langen baufälligen Scheunenwand eintauchte, bewölkte er sich deutlich, wurde ruppig und schlampig, verwilderte und verkam, wütete mit Brennnesseln, sträubte seine Disteln, verschorfte mit allerlei Unkraut, bis er am hintersten Ende, in der weiten, rechteckigen Bucht zwischen den Wänden jegliches Maß verlor und dem Wahnsinn verfiel. Dort gab es keinen Baumgarten mehr, sondern nur noch den Paroxysmus der Raserei, den Ausbruch äußerster Wut, zynische Schamlosigkeit und Ausschweifung. Dort machten sich die bestialischen, verwilderten, hohlen Kohlköpfe der Kletten breit und frönten ihren Leidenschaften – riesige Hexen, die sich am helllichten Tag ihrer weiten Röcke entledigten, sie von sich warfen, einen Rock nach dem anderen, bis ihre geblähten, raschelnden, löchrigen Lumpen das zänkische Volk der Bastarde unter den verrückt gewordenen Fetzen begraben hatten.”

    Und dort, in den Tiefen des Gartens, wo Wut und Wahnsinn regieren, trifft der Erzähler – vielmehr das Subjekt des Erzählens – auf etwas nicht weniger wahnsinniges. Inmitten der Kletten hockt jemand! Der Junge erschreckt sich zu Tode und sein Gegenüber erschreckt gleichermaßen. Für diesen langen Moment bleibt die Zeit stehen. Unter unbändigem Lachen dann steht dieses rätselhafte, Angst einflößende Gegenüber plötzlich auf und verschwindet einfach. Es ist die Kunst des Bruno Schulz, der in einen kunstvollen Text verwandeln kann, was in Wirklichkeit nur einfache Notdurft war: der Junge hatte einen Vagabunden beobachtet, wie der sein Geschäft in dem Garten erledigte.

    Diese Geschichten können gelesen werden als die Beschreibung eines Jungen der älter wird und erkennen muss, dass sein Vater krank ist und sich in einer unbegreiflichen Weise verändert. In einer frühen Phase seiner Krankheit klettert der Vater auf die Gardinenstange, schlägt mit den Armen wie mit Flügeln und beginnt wie ein Hahn zu krähen. Im fortgeschrittenen Stadium entwickelt sich seine Leidenschaft für exotische Vögel, er lässt befruchtete Eier liefern und sie von heimischen Hennen ausbrüten.

    „Besonders ein Kondor ist mir in Erinnerung geblieben, ein riesiger Vogel mit nacktem Hals, verrunzeltem Gesicht und wuchernden Höckern. Es war ein magerer Asket, ein buddhistischer Lama, dessen ganz nach dem eisernen Zeremoniell seiner großen Sippe ausgerichtetes Verhalten voll unerschütterlicher Würde war. Wenn er sich meinem Vater gegenüber setzte, in der reglosen Haltung unsterblicher ägyptischer Gottheiten, das Auge von einer weißlichen Nickhaut überzogen, die er von der Seite her über die Pupille schob, um sich vollständig in die Kontemplation seiner erhabenen Einsamkeit zurückzuziehen, dann gab er sich mit seinem steinernen Profil als älterer Bruder meines Vater aus. Die gleiche Körpermaterie, Sehnen und runzelige, harte Haut, das gleiche ausgedörrte und knochige Gesicht, die gleichen verhornten, tiefen Augenhöhlen. Sogar die Hände mit ihren dicken Knoten, die langen, mageren Hände meines Vaters mit den gewölbten Fingernägeln bildeten eine Analogie zu den Krallen des Kondors. Wenn ich ihn so schlafen sah, drängte sich mir der Eindruck auf, ich hätte eine Mumie vor mir, die ausgetrocknete und daher geschrumpfte Mumie meines Vaters.” Der Haushälterin Adela reicht es irgendwann mit dem Gefieder und sie setzt an zum großen Kehraus. Von da an ist sie dem Vater suspekt.

    Wenn einem gelungen ist, etwas Schönes zu formulieren und wenn man das in ganz gewöhnlichen Worten gesagt hat, ohne es in seiner Schönheit zu beschneiden oder sogar zu beschädigen, ja ohne es zu verändern, man präpariert lediglich heraus, was sowieso da ist, das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen; wenn einem das gelungen ist, dann will man es herumzeigen. Und weil Bruno Schulz das jetzt nicht mehr kann, dieses Herumzeigen einer Formulierung, dieses Gefühl eines Schriftstellers, aus dem Vollen geschöpft zu haben, mache ich das hier für ihn:

    „Jeder weiß, dass die wunderlich gewordene Zeit mitunter in einer Folge gewöhnlicher, normaler Jahre noch andere Jahre, besondere Jahre, missratene Jahre aus ihrem Schoß gebiert, Jahre, denen gleich einem sechsten, kleinen Finger an der Hand irgendwo ein dreizehnter, falscher Monat wächst.”

    Seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren, seit Heraklits Äußerung, dass einer nicht zweimal in denselben Fluss steigt (weil der Fluss und er selbst beim zweiten Mal schon andere sind) haben wir unsere Vorstellung vom Vergehen der Zeit als einem Fließen nicht verändert. Man muss verstehen, was hier passiert: Wie viele Große des Geistes- und Ideengeschichte – Augustinus, Newton, Einstein – haben es letztlich nicht geschafft, sich von der Vorstellung der Zeit als Linearität, als ein geordnetes Nacheinander, als chronos logos, zu lösen und das Heraklitsche Diktum der Zeit als Verfließen zu überwinden. Und dann kommt so ein kleines polnisches Schriftstellerwürstchen daher und fordert den großen griechischen Philosophen heraus. Das muss sich einer erstmal trauen!

    Die Zeit – die wunderlich gewordene Zeit – vergeht nicht einfach, sie verfließt nicht. Sie wächst vielmehr. Es sind nicht Jahre und Monate die einfach nur von der zukünftigen Seite der Existenz auf die vergangene wechseln, die, wie man so sagt, vergehen. Vielmehr wächst die Zeit, die Jahre und Monate. Und manchmal verwächst es eben auch oder es wuchert. In so einer Zeit, in so einem Monat, ist auch die letzte Geschichte, „Die Nacht der grossen Saison” situiert. Am Ende kehren die Vögel zurück und der Vater wird wahnsinnig. Hier geht scheinbar alles durcheinander: die Tuchballen seines Geschäfts, die Buchhaltung, die Leute, die ihm auf den Leib rücken, Adela und die Gehilfen, die irgendwo in den Tiefen das Hauses, in den Abgründen menschlichen Daseins, miteinander sündigen, das alles macht diesen Mann maßlos wütend. Hier zeigt sich das Können des Herrn Schulz. Es geht in der Tat durcheinander, aber sehr geordnet: Schuss und Kette wirken an einem dichten Tuch, einem Brokat, den es in der heutigen Literatur so vielleicht gar nicht mehr geben könnte, weil es den modernen Vorstellungen von Stoff nicht entspricht, aus Motiven und Metaphern – die Vögel, die um sich greifende Dämmerung als Wahn, der Morgen als Erlösung von ihm, der biblische Exodus – die sich zu einer einzigen Apotheose des Wahnsinns verdichten.

    Am Ende kehren die Vögel zurück: aber es sind nur noch abgestürzte Schatten, Kadaver ihrer exotischen Existenz. Der Vater verwüstet in seinen Halluzinationen den Tuchladen, den er sein Leben lang geführt hat. Er kann nicht mehr erkennen, dass es sich bei dem Geflatter um die Tuchballen handelt, die er aus den Regalen reißt. Das Leben aber geht weiter, mit einem ganz normalen Tag, einem Morgen, als wäre nichts geschehen: „Oben in der Küche mahlte Adela, noch schlafwarm und mit zerzaustem Haar, den Kaffee in einer Mühle, die sie an die weiße Brust gedrückt hielt, von der die Bohnen Glanz und Hitze annahmen. Die Katze putzte sich in der Sonne.”

    Ein normaler Tag? Kaffeebohnen, die die Glut und Hitze einer weiblichen Brust annehmen? Da ist wohl kaum von Körpertemperatur die Rede. Rede ist auch übertrieben. Es sind Andeutungen dieses ganz speziellen Wahnsinns. Wir haben hier noch immer die Perspektive eines Kindes. Und am Bodensatz so manchen kindlichen Wahnsinns, und nicht nur des kindlichen, steht genau dies: die Sexualität. Die Ahnungen, die Vermutungen und die Ängste und Befürchtungen, die sich darum drehen. Und bisweilen drehen sie sich irrsinnig schnell.

    Schulz betrachtet den Wahnsinn nicht von Außen, um ihn zu bewerten; er beschreibt die Innenperspektive. Die nimmt er auch in „Nimrod” ein, wo er über einen, ein Insekt anbellenden Hund schreibt, was ebenso gut für ihn selbst und für jeden anderen der schreibenden Zunft gelten kann; er „will im Grunde nichts anderes als das unsagbar Geglückte dieses herrlichen, mit Pikanterie, unverhofftem Erschauern und Pointen gefüllten Lebensabenteuers in Worte fassen.” Ein Satz wie ein Testament!

    Die Lesegeschwindigkeit bei den Zimtläden ist zuerst gering, weil man sich daran gewöhnen muss, dass, wo die Erzählung hüft, das Verständnis hinterher hinken muss; später, weil man diese Art der Fortbewegung, das Hüpfen und Hinken und Hopsen, genießt und einfach mitmacht. Dass das sprachliche Niveau alles andere als ein kindliches ist, sondern dem Leser Anstrengungen abfordert, macht die Sache nicht schlechter: es sind die Anstrengungen des Adoleszenz, die einer bestehen muss, wenn er die Welt der Erwachsenen betritt. Der lange Weg vom Hüpfen zum Gehen.

    Schulz hat verwegne und verwunschene Konstruktionen, absonderliche und absurde: aber sie sind jedes Mal ein Genuss. Ich bin des Polnischen nicht mächtig, aber was Doreen Daume beschreibt, muss das Übersetzen manchmal ein Martyrium gewesen sein. Ich kann nur Lesen und am Lesegenuss ermessen, was Frau Daume dafür hat erleiden müssen. Und an dieses Maß gehalten, muss ich sagen: Sie hat eine großartige Arbeit geleistet und ich danke ihr, dass sie mich daran hat teilhaben lassen.

    Gleichsam als Persiflage des platonischen Höhlengleichnisses – wo die erkennbare Welt Schatten der wirklichen und sinnlich nicht erfassbaren Welt ist – heißt es bei Schulz im Anhang: „Wir halten das Wort üblicherweise für den Schatten der Wirklichkeit, für ihr Abbild. Richtiger wäre die umgekehrte Behauptung: Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes. Philosophie ist eigentlich Philologie, sie ist die tiefgreifende, schöpferische Erforschung des Wortes.” Dies mutet der Sprache ein erhebliches Gewicht zu, was unter Sprachtheoretikern nicht unumstritten ist, aber des Streits durchaus wert.

    Bedauerlich, das Schicksal dieses Buches, und entsetzlich das seines Autors. Schulz hat sich außerhalb Polens jahrelang um Übersetzung und Anerkennung bemüht. Trotz Kontakten zu Joseph Roth und womöglich zu Thomas Mann waren seine Bemühungen nicht erfolgreich. Und dann ist er 1942 auf offener Straße von einem Mann der Gestapo erschossen worden.

    Noch einmal das Testament des Bruno Schulz. Er wollte, wir Schreibenden wollen nichts anderes, „als das unsagbar Geglückte dieses herrlichen, mit Pikanterie, unverhofftem Erschauern und Pointen gefüllten Lebensabenteuers in Worte fassen.”

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    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
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    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Juni 2009

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    14 Juni 2009

    Antony and the Johnsons

    Bis zum Internet 3.0 muss man für den Rauch selbst sorgen. Den Schall gibt’s bereits in der aktuellen Version. Bei der Lektüre des Textausschnittes von Edmond Rostand, oder besser des ganzes Buches, sollte man das Folgende hören. Immer wieder. Die Wiederholung hat nichts monotones, sondern das schichtet sich aufeinander, das drückt aufeinander und wird dadurch immer dichter und dichter. Antony and the Johnsons; Daylight and the sun.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Juni 2009

    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen

    Ich habe den Film „Cyrano von Bergerac“ in Bukarest gesehen, im französischen Original, mit englischen Untertiteln und dem großartigen Gérard Depardieu in der Hauptrolle des Cyrano. Am nächsten Morgen habe ich gleich das Buch, die Komödie von Edmond Rostand, gekauft und in einem Zug durchgelesen. Vorlesung geschwänzt und einfach den ganzen Tag gelesen. Gelesen und geheult. Ich habe mir in den Wochen darauf sicher noch ein Dutzend Mal den Film angeschaut. Das war ein Kino mit roten Vorhängen, die im letzen Moment vor dem Film weggezogen wurden und zerschlissenen Plüschsesseln, in die man metertief hinein sank.

    Ich war neunzehn, im dritten Semester und hatte eine schwere Attacke Liebeskummer auszustehen, wegen eines Mannes, der ein Idiot war. Aber das wusste ich damals nicht. Damals habe ich nur geliebt. Irgendwie wusste ich es schon, aber ich habe ihn trotzdem geliebt. Oder vielleicht habe ich ihn sogar gerade deswegen geliebt, weil ihn ja nun einmal eine lieben musste. Wenn man liebt, dann kann man den Grund dafür nicht greifen.

    Die Rolle der Roxane war mir, fand ich, auf den Leib geschneidert. Roxane, die geliebt werden will vom schönen Christian, der auch ein Idiot ist und keinen graden Satz herausbekommt. Aber Roxane will gerade dies: dass einer seine Liebe in Worte fasst. Die Sprachfähigkeit, die Sprachkompetenz, ist für sie ein Synonym für die Wahrhaftigkeit der Liebe. Dies ist ein Motiv aus dem Mittelalter, das der höfischen (und höflichen) Liebe, wo der Galan die angebetete Dame besingt (die eine geradezu kultische Ausprägung findet in der sagenumwobenen Aliénor von Aquitanien, Königin von Frankreich, spätere Königin von England und Mutter von Richard Löwenherz) und das in den Liedern der Troubadoure seinen Niederschlag findet. Bei Rostand nun wird dieses Motiv variiert und in die Neuzeit hinüber gerettet: Sprachfähigkeit und Liebesfähigkeit gehen ineinander über. Wer seine Liebe nicht in Worte zu fassen weiß, der liebt auch nicht. Liebe macht hier nicht, wie heutzutage, sprachlos. Im Gegenteil, sie versetzt den Liebenden in eine höhere Potenz. So ist es zu verstehen, wenn Cyrano sagt: „Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat, lässt eine neue Tugend in mir reifen!”.

    Roxane wird nun ihrerseits von Cyrano geliebt. Kein Idiot, ein Dichter, ein Poet, nur nicht gerade eine Schönheit, mit seiner monströsen Nase; ein Phantast dazu. Christian nun macht Roxane den Hof, redet aber – so sagt man das etwas flapsig heutzutage – nur Dünnschiss. Dann kommt Cyrano hinzu und souffliert für den schönen Nebenbuhler. Weil er Roxane wirklich liebt und weil ihm das egal ist, wenn ein anderer- der Idiot Christian – Kapital draus schlägt. Es geht ihm einzig darum, seine Liebe in Worte zu fassen.

    Die beiden Männer stehen im Dämmerlicht unter Roxanes Balkon, Roxane sieht Christian, aber Cyrano ist derjenige, der spricht.

    Roxane: Und kommt die Zeit, in was für Worten dann
    Wird sich Ihr Herz ergehen?
    Cyrano: In allen, allen
    Die mich in bunter Wildheit überfallen,
    Bevor ich sie zum Sträußchen binden kann:
    Ich liebe dich, bin toll, verrückt, von Sinnen,
    Zum Glockenspiele machtest du mein Herz
    Und weil es bebt in Sehnsucht und Frohlocken
    Drum tönt dein Name laut von allen Glocken.
    Nichts, was die Liebste tut, kann mir entrinnen:
    Du trugst vergangnes Jahr am neunten März
    Anders dein Haar geordnet als am achten.
    Entschwindet mir’s, dann scheint der Tag zu nachten.
    Wer sich zu lange der Sonne zugewendet,
    der sieht ein goldnes Rund in allen Ecken,
    und ich, von deiner Locken Glanz geblendet,
    Gewahre, fern von dir, rings blonde Flecken.
    Roxane (mit bewegter Stimme): Ja, das ist Liebe …
    Cyrano: Dies Gefühl, das mich
    Hinreißt in Eifersucht und Leidenschaft,
    Ist wahrlich Liebe, hat die Qual und Kraft,
    Der Liebe – und verlangt doch nichts für sich.
    Mein Heil, ich gäb’ es für das deine gern,
    Und ewig bliebe dir mein Tun verschwiegen;
    Den Abglanz nur möchte ich erspähn von fern
    Des Glücks, das meinem Opfer wär’ entstiegen!-
    Ein jeder Blick von dir lässt eine Tat,
    lässt eine neue Tugend in mir reifen!
    Verstehst du nun? Beginnst du zu begreifen,
    Daß durch die Nacht dir meine Seele naht?
    O süße, süße Nacht! O holdes Werben!
    Dies alles sag ich, und sie lauscht mir, sie!
    Das ist zu viel. So hoch verstieg sich nie
    Mein kühnstes Hoffen. Könnt ich jetzt nur sterben!
    Die Liebeskraft, die meinen Worten eigen,
    lässt Sie dort zittern zwischen blauen Zweigen!
    Ja, ja, sie zittert wie das Laub im Wind!
    Du zitterst! Und am leisen Blätterweben
    Spür ich, wie deiner Hände süßes Beben
    leicht am Jasmingeranke niederrinnt.
    (Er küsst leidenschaftlich das Ende eines herabhängenden Zweiges)
    Roxane: Geliebter, ja, ich zittre, bin entflammt
    Und bin berauscht.
    Cyrano: O göttlicher Genuß,
    dass dieser Rausch, mir, mir allein entstammt!
    Nichts anderes fordre ich mehr als …
    Christian (unter dem Balkon) Einen Kuß!
    Roxane (zurückprallend) Wie?
    Cyrano: Oh?!
    Roxane: Sie fordern?
    Cyrano: Ich …”

    Und schon ist’s vorbei mit der Sprache der Liebe. Dieser verdammte Idiot Christian! Dieser Kretin! Mein eigener Idiot damals hieß Catalin.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Juni 2009

    Demokratie im 21. Jahrhundert

    Eben habe ich Radio gehört. Das mache ich morgens normalerweise nicht. Ich bin anfällig für Ohrwürmer und ich summe, wenn mir kurz nach dem Aufstehen eine Melodie ins Ohr gerät, oft den ganzen Tag irgendwelches abscheuliches Zeug. In so einem Fall kann ich gleich im Institut anrufen und mich krank melden. Vielleicht sind die Kopfschmerzen, die viele Menschen haben, keine Kopfschmerzen. Das ist der Ohrwurm vom Morgen, der da noch nachsummt, kein Tinnitus und keine Migräne.

    Aber eben hatte ich Glück, keine Musik. Der Moderator forderte die Zuhörer auf, an der heutigen Wahl zum Europäischen Parlament teilzunehmen. Das sei wichtig, so der Mann, weil in Brüssel Gesetze erlassen würden, die Auswirkungen auf alle Mitgliedsstaaten der EU hätten. Also auch auf Deutschland (das hat er tatsächlich gesagt). So seien diese Gesetze aus Brüssel zum Beispiel dafür verantwortlich, dass die Roaming-Gebühren beim Handy heute günstiger seien als vor Jahren.

    Ist das wirklich wahr, dass man den Leuten die Bedeutung von Demokratie und Mitbestimmung – das Herzstück einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft – erklären muss? Und ist das wirklich wahr, dass sie das offensichtlich dann am ehesten begreifen, wenn man es Ihnen anhand ihrer Handygebühren darlegt? Es würde mich nicht wundern, wenn die Zuhörer dieses Senders am Wahltag die Stelle auf dem Wahlzettel suchen, wo sie ihr Kreuz für eine weitere Senkung der Handyrechnung machen können. Und wenn sie diese Stelle nicht finden, dann beginnen sie an der Demokratie zu zweifeln und an der Funktionalität ihrer Instrumente. Sie fragen sich vermutlich, ob die Grundbedingungen, unter denen nach Aristoteles ein freiheitliches Staatswesen überhaupt erst möglich ist – Autonomie, Autochthonie und Autakie – in unserem Staatsgebilde überhaupt gegeben sind. Ihnen geht vielleicht die Frage durch den Kopf, ob die Gewaltenteilung – Legislative, Exekutive und Judikative – adäquat umgesetzt wird. Sie fragen sich eventuell auch, ob das Grundgesetz mit seinen einzelnen Artikeln tatsächlich jenem außerordentlichen Anspruch genügt, dass die Rechte eines Individuums sich gleichermaßen auch als seine Pflichten umformulieren lassen müssen. Und außerdem, denkt der Wähler mit dem Stift in der Hand und dem Wahlzettel vor der Nase, müssen endlich die verdammten Handygebühren runter. Man wird ja wohl einem freien Bürger und einer freien Bürgerin nicht noch in der Wahlkabine die Grundrechte streitig machen wollen. Das hier ist eine Demokratie, das müssten die da oben endlich mal begreifen. Überhaupt: die da oben! Die mit ihrem antidemokratischen und scheißmonarchistischen Denken!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Juni 2009

    Der Maler

    Dies ist die Geschichte eines Malers, der im Kundenauftrag einen Hahn zeichnen soll. Künstler und Auftraggeber vereinbaren im Voraus einen festgelegten Betrag für die Arbeit. Viele Wochen später, am vereinbarten Tag, kommt der Kunde, um seine Zeichnung abzuholen.

    Der Maler scheint viel zu tun zu haben und lässt den Kunden warten. Der macht bald auf sich aufmerksam. Der Maler scheint ihn nicht zu erkennen. Bis der Kunde deutlich zu verstehen gibt, dass er am heutigen Tag seine Zeichnung abholen könne. Der Künstler scheint sich widerwillig zu erinnern. Er greift nach einem Blatt und zeichnet mit schnellen Strichen einen Hahn auf’s Papier. Das Ganze dauert keine zwei Minuten. Der Kunde ist erst erstaunt und dann erbost. Wie könne er, fragt er den Maler, ihm einen dermaßen hohen Betrag für diese zwei Minuten Arbeit abverlangen? Wie könne er, der das da, der Kunde weist verächtlich auf den Hahn, aus dem Handgelenk geschüttelt habe, so viel Geld dafür verlangen? Der Maler schweigt. Der Kunde ereifert sich, er wird wütend, er versteigt sich immer weiter. Bis der Maler, ohne ein Wort zu sagen, unter den Tisch greift und einen dicken Stapel Blätter hervorholt: Hähne in allen Stellungen und Varianten, ausgeführt in verschiedenen Techniken, mit und ohne Farbgebung, mit und ohne Hintergrund, realistische Perspektiven, skurrile Varianten, Studien über Studien, dutzende Blätter. Beschämt wendet sich der Kunde ab, zahlt und verlässt, seinerseits nun ohne Worte, das Atelier.

    Die Moral von der Geschichte? Nicht etwa, dass einer viel arbeiten muss, um ein guter, womöglich auch (nur) ein gefragter Künstler zu werden. Nicht, dass Entlohnung und Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Vielmehr dass Kunst aus dem Handgelenk kommt und deswegen etwas onanistisches und unanständiges hat. Das ist ihr Kapital!

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Juni 2009

    Sternhagelvoll

    Ich war über Pfingsten auf eine Party eingeladen. Erst wollte ich nicht hingehen. Ich mochte keine Menschen sehen und auf einer Party lässt sich das nur schwer vermeiden. Kurzfristig habe ich meine Meinung geändert, vielleicht brächte mich das auf andere Gedanken. Als ich am Samstagabend das Haus verließ, ist mir das Wort sternhagelvoll eingefallen. Es sind nur drei oder vier Querstraßen von mir zu Marlene, die ihren Geburtstag feierte. Das Wort ist mir auf dem Weg dorthin nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

    Angekommen, habe ich mich sofort auf die Suche nach den Spirituosen gemacht. Meist liegen die ja in der Badewanne und die harten Sachen stehen in der Küche. Dort ballt es sich immer, weil da nicht nur die stehen, die etwas essen wollen, sondern auch die, die nicht wissen wohin mit sich. Auf Partys gibt es jene, die ohne Schwierigkeiten navigieren können und mit jedermann ins Gespräch kommen. Und es gibt die, die das nicht können. Letztere trifft man in der Küche. An allen anderen Orten fallen sie auf. Und Auffallen ist das letzte was sie wollen. Weil sie Angst haben, dass ihre Unsicherheit auffällt. Der Preis den sie dafür zahlen, ist hoch, weil nicht nur ihre Angst unsichtbar bleibt, sondern auch sie selbst. Ich gehöre zu denen, die ziemlich gut navigieren können, aber ich mag eigentliche jene, die das nicht können. Und deswegen sitze ich bei einer Party am liebsten in der Küche. Da trifft man die, die einen hilflos anschauen. Nicht, dass dadurch meine mütterlichen Instinkte angesprochen werden, gar nicht. Vielmehr mag ich sie, weil sie ein bisschen so sind, wie ich gerne wäre. Ein bisschen hilfloser eben.

    An diesem Abend aber war das anders. Am liebsten hätte ich mich in einer Kammer eingesperrt. Marlene, die entfernt über meinen desolaten Zustand informiert war, umarmte mich kurz, fragte wie’s mir ginge und war wieder weg, bevor ich eine Antwort geben konnte. Auch gut. Ich habe mich dann sofort in die nächste Ecke gesetzt, mit einer vollen Flasche Absolut Vodka. Den Wunsch direkt aus der Flasche zu trinken, habe ich gerade noch abbiegen können und mir einen Becher gegriffen. Gesprächen bin ich aus dem Weg gegangen, obwohl ich mich nicht bewegt und die ganze Zeit auf der Stelle gesessen habe. Ich wollte keine Konversation machen, ich wollte sternhagelvoll sein. Und zwar so schnell wie möglich.

    Am Sonntag, als ich noch im Bett lag, schwer gezeichnet vom Abend zuvor, von der entscheidenden halben Stunde dieses Abends, ist mir aufgefallen, dass ich womöglich doch mein Ziel erreicht hatte. Ich hatte nämlich bis zu diesem Moment angenommen, dass ich, auf der Toilette, über der Kloschüssel, das Experiment habe vorzeitig abbrechen müssen. Womöglich ist sternhagelvoll genauso wie ich mich am Samstagabend gefühlt habe. Ich hatte es mir nur anders vorgestellt, so wie Betrunkene im Comic, mit einer Aureole aus Sternen um den Kopf und einem ebenso gestirnten Gesichtsausdruck. Aber ohne Kopfschmerzen, Schwindel und vor allem ohne Brechen.

    Ob ich diesen Zustand nun erreicht habe oder nicht, eines jedenfalls habe ich nicht erreicht: meinen vorherigen Zustand zu verlassen. Und das war es eigentlich, was ich wollte. Ich wollte meinen Liebeskummer ersäufen. Aber daran bin ich gescheitert.

    Ist gescheitert eigentlich der Komparativ von gescheit? Und wie sieht der Superlativ aus, gescheiterter? Ich bin gestern zwar an meinem Vorsatz gescheitert, aber zumindest nicht gescheiterter als gewöhnlich.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.