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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Ich hatte bereits angekündigt, meine Präsenz im Netz zu reduzieren. Ich werde weiterhin Beiträge einstellen, seltener als bisher. Die Kommentarfunktion ist deaktiviert. Ich bedanke mich bei allen, die hier regelmäßig mitgeschrieben und dafür gesorgt haben, dass das ein spannendes und...
  • Aléa Torik: Lieber Christian, ich glaube, ich habe einen Ort für den Essay. Ich bin nicht ganz sicher, ich habe eine positive Mail bekommen und auch erfreut geantwortet, dann aber keine Reaktion mehr bekommen. Aber wenn es wahr ist – wenn es tatsächlich wahr sein sollte … dann hören Sie...
  • Christian: liebe Alea, apropos Essay: freue mich schon auf Ihren Essay zu David Foster Wallace den Sie hier vor Kurzem erwähnten. Gibt es schon einen Termin und Ort für die Veröffentlichung? liebe Grüße Christian
  • Aléa Torik: Lieber NO, zurück im Alten Europa? Ich vermute, bei Ihnen geht die Kulturumstellung inzwischen relativ schnell und Gewöhnung und der Alltag gewinnen bald Oberhand? Inzwischen beinahe schon ungewohnt, mich zu Kommentaren und Eingaben zu verhalten: Ich habe die Funktion deaktiviert, das...
  • NO: Alea Torik, Das Geräusch des Werdens, und Maddox, der verrückte Hund(e) Zurück aus den USA und noch ein Letztes: Maddox. Maddox, na ja. Ganz lustig. Ein Überempfindlicher, der in Masken und mit Zylinder herumläuft, der wie ein Bauchredner nicht mit den Menschen selber spricht, sondern nur...
  • Phorkyas: Liebe Alea, dieses Kommentarfeld hier hatte ich übersehen. Das ist eine sehr runde Sache geworden, Ihr Roman, wie ich finde – das lange Leiden und Feilen hat sich also gelohnt. Mir hat die Beschreibung von Marijans Mobilitätstraining sehr gefallen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon...
  • Aléa Torik: Lieber Avenarius, vielen Dank für die wohlmeinenden Worte. Die tun mir mehr gut als Sie glauben mögen. Ich werde weitermachen, weil es auch für den nächsten Roman wichtig ist. Und ich werde wohl die Kommentarfunktion deaktivieren. Das ist eine schwierigere Entscheidung als man...
  • avenarius: Liebe Alea, im Verhältnis zu Ihrer vorherigen Präsenz haben Sie sich bereits aus dem Netz zurückgezogen. Aber warum sollte ein Blog nur wegen verminderter Aktivität aufgegeben werden. Ich würde weiterköcheln – auf Sparflamme. Frohe Ostertage wünscht - avenarius
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, dafür gibt es einige Gründe und einige andere, die dagegen sprechen. Ich muss mir noch überlegen, wie ich das formuliere. Einmal für mich selbst und einmal hier, in der Öffentlichkeit. Ich hatte Anfang März schon überlegt, mich gänzlich aus dem Netz zurückzuziehen:...
  • Azadeh Sepehri: Warum denn?
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich überlege, die Kommentarfunktion gänzlich auszuschalten. Ich habe mich aber noch nicht entschieden. Aléa
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, warum kann man unter Ihren letzten Beiträgen keine Kommentare hinterlassen?
  • Azadeh Sepehri: Liebe Alea, ich glaube, ich hatte ihren Beitrag falsch verstanden und dachte, Sie schreiben unter einem Pseudonym. Aber auch falls Sie dies machen würden, fände ich es nicht schlimm. Schließlich hat jeder das Recht, selber darüber zu entscheiden.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, ich schlage vor, wir warten bis zur Veröffentlichung davon, was im Januar 2013 der Fall sein wird, und dann kann jeder entscheiden, was mein richtiger Name ist, was das richtige und das falsche Verhalten war. Herzlich Aléa
  • Azadeh Sepehri: Interessant. Ich dachte, Sie schreiben unter Ihrem “richtigen” Namen.
  • Aléa Torik: Liebe Azadeh, „Nehmer“ und „Geber“: Nehmen ist ja auch leichter als geben. Sein Recht in Anspruch zu nehmen ist leichter als einer daraus resultierenden Plicht zu entsprechen. Dass Recht und Pflicht so eng miteinander verbunden sind, dass sie dasselbe sind, auseinander hervorgehen,...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, Sie können hier gerne mit Ihrem Meißel klopfen. Und ich habe auch nichts dagegen, wenn dabei etwas anderes herauskommt als ich das beabsichtigt habe. Soviel verstehe ich von Literatur, um zu wissen, dass die Autorin eine Interpretation unter anderen hat. Es stehen, sowie...
  • Aléa Torik: Lieber NO, auch für mich sind Lydijakapitel und Aufzählungskapitel die beiden Höhepunkte dieses Romans. Es sind wohl auch die beiden schwierigsten Kapitel. Das Zentrum des ganzen Textes ist sicher das Aufzählungs- oder Berlinkapitel. Das war geplant als eine Beschreibung des...
  • avenarius: Liebe Alea, ja natürlich, es gibt immer eine Macht. Macht bedarf, ganz anders als die Gewalt, keinerlei Rechtfertigung, “da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist. Hingegen bedarf sie der Legitimität. Macht entsteht, wann immer Menschen sich zusammenfinden...
  • Aléa Torik: Lieber Ave Narius, ich bin da, soweit ich sehe, völlig einverstanden. Nur mit dem „Medusenhaupt der Macht“ habe ich Schwierigkeiten: es muss eine Verfassung geben, eine Legislative, und dann muss es auch eine Executive und eine Judikative geben. Es muss eine Macht geben und sie muss...

  • Archiv vom Mai, 2009

    10 Mai 2009

    Usnavi

    Dies ist die Geschichte einer Mutter, die, hochschwanger, von einem auf den anderen Tag den gemeinsam mit der Familie ausgesuchten Namen ihres Kindes ändern will. Trotz erheblichen Widerstands ihres Mannes und ihrer Eltern besteht sie darauf das Kind, ob Mädchen oder Junge, Usnavi zu nennen. Das ist kein gebräuchlicher Name in Kolumbien, und daher stammt die Geschichte. Die Tochter heißt dann tatsächlich so, zum Bedauern der Familie und auch zu deren eigenem Bedauern. Usnavi beklagt sich später oft über ihren ungewöhnlichen, vor allem unweiblichen Namen.

    Erst viele Jahre später, auf dem Totenbett, gibt die Mutter das Geheimnis um diesen Namen preis. Damals, kurz vor der Niederkunft, sei sie, so gibt sie zu verstehen, im Hafen spazieren gegangen. Dort habe sie ihn gesehen und vom ersten Moment an gewusst, dass dies der vorherbestimmte Name für ihr Kind sei. Sein Klang und das Gefühl für das Baby in ihrem Bauch haben einander auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise entsprochen. Am Tag darauf starb die Frau, ohne dass man noch einmal auf dieses Thema zu sprechen gekommen wäre. Die Nachforschungen ergaben später, dass in jenen Tagen, mehr als 30 Jahre zuvor, ein Verband amerikanischer Kriegsschiffe im Hafen gelegen hatte. Am Bug eines dieser Schiffe hatte sie offenbar gelesen, was am Bug eines jeden amerikanischen Kriegsschiffs zu lesen ist: U.S.Navy.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Mai 2009

    Das kommende Leben im gegenwärtigen

    Wenn ich an ein kommendes Leben glauben würde und mich im gegenwärtigen entscheiden müsste wie dies aussehen soll und ich mich nicht an das vorherige werde erinnern können und an die Entscheidungen, die ich da getroffen habe – mir also auch niemals werde Vorwürfe machen können -, dann würde ich mich im jetzigen Leben für ein kommendes entscheiden, das exakt so aussieht:

    Aber ich glaube eben nicht daran. Zum Glück.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Mai 2009

    Delirum

    Ich war davon ausgegangen, dass meine Auseinandersetzung mit dem Thema Blindheit beendet sei. Dabei fing sie gerade an. Alles andere davor war, so musste ich erkennen, keine Auseinandersetzung gewesen. Das war „nur” das Erleben. Die Auseinandersetzung fand tatsächlich erst statt, nachdem das unmittelbare Erleben, das keine Distanz zur Sache erlaubt, vorüber war (dies als Reminiszenz an meinen ersten Eintrag des Blogs).

    Das Phänomen begann mich zu verfolgen. Ich träumte von meiner eigenen Erblindung. Ich stieß auf Bücher über Blinde und von Blinden. Ich sah auf den Straßen immer öfter Blinde. Es schienen sogar immer mehr zu werden, wie die Influenzakranken bei einer Grippeepidemie. Gerade so, als wären sie von überall her gekommen, weil es sich als Blinder in Berlin besser lebt als sonst wo auf der Welt.

    Ich musste erkennen, dass ich auf der Suche war. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Beziehung zu Marian. Denn da steckte ich immer noch drin. Es lastete mir auf der Seele. Nein, nicht auf der Seele. Dann hätte ich es in Ruhe dort liegen lassen können. Es lag woanders. Ich habe es in meinem Körper herum geschoben, mal hatte ich es auf dem Herzen, mal lag es schwer im Magen, es ist mir auf die Nieren gegangen und auf die Nerven, dann wieder nur im Kopf herum, es hat unter den Fingern gebrannt. Es ist in mir herumgewandert. Es war nicht greifbar, es war nicht handhabbar. Ich wusste nicht, wie ich es loswerden sollte. Ich wusste nicht einmal, dass ich es loswerden wollte. Bis mir eines Tages ein Stopfen in die Hand fiel und ich daran zog. Ohne mir viel dabei zu denken.

    Ohne mir viel dabei zu denken, saß ich Tag und Nacht am Schreibtisch. In einem Zug habe ich einen fiktionalen Text geschrieben. Und wie Denken nicht die richtige Bezeichnung dafür ist, ist es auch Schreiben nicht. Das war einfach nur ein Delirium. Dass die delirierende Tätigkeit ein Schreiben war, habe ich kaum bemerkt. Ebenso gut hätte ich etwas anderes tun können, Malen beispielsweise, oder Klavierspielen. Meine Finger haben sich bewegt und zufällig war eben keine Klaviatur, sondern die Tastatur meines Rechners unter meinen Fingern.

    Nach drei Monaten ist es mir zum ersten Mal gelungen, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Ich hatte Schmerzen in den Unterarmen, eine vernachlässigte Wohnung, einen verwüsteten Schreibtisch mit einem Berg ungelesener Post daneben, und ein 300-seitiges Romanmanuskript auf dem Rechner; dazu das Ende meines Studiums vor der Nase. Und zwar beängstigend dicht davor.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Mai 2009

    Aggregate

    In den letzten Wochen war ein Mann in meiner Nähe. Weil er sie gesucht hat und nicht aufgrund natürlicher Gegebenheiten. Er hat sich um mich bemüht, ohne dass ich die Mühe dahinter erkennen musste. Dabei ist er vornehm zurückhaltend gewesen und gleichzeitig sehr präsent. Er hatte ein gutes Gespür für beide Strebungen, Anwesenheit und Abwesenheit. Er war aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein.Meine erste Reaktion bei spontaner Zuneigung von Männern ist oft Widerstand. Ich freue mich wenn mir jemand seine Zuneigung zeigt, ich freue mich durchaus. Aber ich bin dennoch widerständig. Gerade so, als wolle ich die Belastbarkeit dieser Neigung testen. Als wolle ich testen, bei welchem Neigungsgrad er anfängt umzukippen.

    In diesem einen Fall habe ich meinen Widerstand sehr bald aufgegeben und mich auf seine Neigung eingelassen. Und im selben Maße hat er sie gerade gerückt. Ist Neigung das richtige Wort? In dem Maße, in dem ich mich erwärmte, kühlte er ab. Wir waren jedenfalls nie im selben Zustand. Er war leicht, locker und luftig. Er war gasförmig, wo ich ihn fest gebraucht hätte. Und umgekehrt. Wenn ich Festigkeit und Verbindlichkeit wollte, verflüssigte er. Zerfloss ich gleichermaßen, verflüchtigte er sich.

    Ich habe einige Zeit gewartet. Warten aber war offenbar nicht die geeignete Methode. Vielleicht hätte ich deutlich intervenieren sollen, draufhauen womöglich. Ändert sich der Zustand eines Mannes durch massive mechanische Beeinflussung?

    Existieren Frauen wie Männer womöglich in allen drei Aggregatzuständen zugleich? Eine Mischung aus den möglichen Optionen. Nur zeigen wir uns mal so und mal anders, wir neigen dem einen Zustand und dann dem anderen zu. Je nachdem. Je nach Stimmung und dem jeweiligen Gegenüber. Je nachdem, ob wir uns gerade anpassen oder ausweichen, ob wir etwas wollen oder abwehren. Und je nachdem, ob wir von unseren Strebungen wissen oder nicht. Wir haben vielleicht nicht diese oder jene Neigung, sondern je nach Verhältnis aller beteiligten Strebungen neigen wir mal zum einen und dann wieder zum anderen.

    Wir befinden uns in einem bestimmten Aggregatzustand, aber wir befinden uns auch immer an der Grenze zu zwei anderen. Wir sind immer dabei zu kippen. In diese oder in jene Richtung. Aus Zuneigung oder aus Abneigung. In dem einen Zustand aber, in dem wir tatsächlich sind, sind wir nur, weil wir nicht zu einem anderen hinüberneigen. Aus Gleichgültigkeit oder aus Unentschiedenheit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 Mai 2009

    Der Eindruck auf meiner Netzhaut

    Durch diese gemeinsame Zeit mit Marian hat meine eigene optische Erfahrung gelitten. Ich schaue oft nicht hin. Vor allem bei bewegten Bildern. Sie interessieren mich nicht. Ich gehe ganz selten ins Kino. Ich habe im Kino das Gefühl, dass die Bilder vor mir weglaufen. Und ich laufe nicht hinterher. Ich bin gerne bereit zu warten, auf etwas oder auf jemanden, aber ich laufe keinem Bild hinterher. Ich habe keinen Fernseher und ich habe ganz viele Bilder nicht, die ein Mensch heute einfach hat, weil sie im Fernsehen gelaufen sind. Weil sie, wie andere sagen würden, dort zu sehen waren.

    Ich habe keine Bilder vom Irakkrieg, von Erdbebenopfern, von zusammenstürzenden Häusern oder von Hungerkatastrophen. Ich weiß nicht wie Politiker aussehen. Ich habe nicht etwa, wie man annehmen könnte, ein ausgesprochen empfindliches seismografisches Organ was Visualität angeht, weil ich nahezu zwei Jahre lang für zwei Personen schauen musste. Es ist sogar abgestumpft und unsensibel. Ich habe mich dem Zustand der Blindheit durch Assimilation angenähert. Ich bin erstaunt, wie wenig mich die visuelle Welt berührt. Bilder schaue ich mir gerne an, ich gehe gerne in Ausstellungen. Aber nur, wenn jemand dabei ist. Wenn ich dabei reden kann. Wenn ich das, was ich sehe, in Worte umformen kann. Die Bilder alleine haben kaum Einfluss auf mich.

    Das ist womöglich das Erbe, das mir Marian da gelassen hat. Oder vielleicht ist es das, was ich meine Schuld nennen müsste. Weil ich ihn verlassen habe, hat mir Gott oder das Schicksal die Fähigkeit genommen, visuelle Eindrücke einzuordnen und zu verstehen. Ich sehe sie zwar, anders als Marian, sie hinterlassen einen Eindruck auf meiner Netzhaut, es wird ein Reiz an mein Gehirn weitergegeben. Aber es kommt nichts an.

    Das Ende unserer Beziehung und mein Weggang aus Bukarest: das war ein- und dieselbe Bewegung. Das war ein- und dasselbe Ereignis. Am Ende habe ich gehofft, ich hätte ein wenig von dem, was der Chevalier de Seinsgalt, Giacomo Casanova, in so hohem Maße besessen haben muss: die Gabe des versöhnlichen Abschieds.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Mai 2009

    Liebesmüh

    Liebesmüh gibt es in der deutschen Sprache, soweit ich weiß, nur als eine vergebliche. Man sagt, etwas sei vergebene Liebesmüh. Das Wort wird lediglich pejorativ gebraucht. Diese Mühe mit der Liebe, ich stelle sie mir ganz konkret vor: Da liegen zwei auf einer Matratze. Die Welt um sie herum existiert nicht mehr. Sie sind ganz mit sich und dem anderen beschäftigt. Sie bemühen sich umeinander. Sie drehen sich umeinander. Sie sind aufeinander, untereinander, ineinander. Durcheinander.

    Diese Liebesmüh hat nichts vergebliches, sondern, jenseits von Erfolg und Misserfolg, die Bedeutung: den anderen in den Himmel heben. Denn da kommt die Liebe her, sie ist vom Himmel gefallen. Dennoch kommt der Tag, dennoch kommt der Moment, da macht sie Mühe. Eine durch und durch positive Mühe: Sich um jemanden bemühen, der einem vom Himmel gefallen ist, diesen Gefallenen wieder aufzurichten und ihn in den Himmel hinauf zu heben. Ihn dem Himmel zurückzugeben. Dann fällt er erneut vom Himmel. Und man muss ihn ein weiteres Mal erheben.

    Das hat nichts von der vergeblichen Arbeit des Sisyphos. Das ist die Liebesmüh. Eine durch und durch schöne Mühe. Selbst dann, wenn sie am Ende vergeblich gewesen sein sollte. Die Mühe wird dadurch nicht entwertet. Im Gegenteil. Das Vergebliche gehört sogar dazu, dieses immer wieder anfangen müssen. Das sich Bemühen um den anderen, das Begehren, das zu keinem Ende kommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 Mai 2009

    Nachtrag zum Anfang

    Nachträge sind wichtig. Vor allem dann, wenn sie den Anfang betreffen. Vielleicht sind sie sogar wichtiger als der eigentliche Anfang. Das kann ja auch keiner erwarten, dass einem am Anfang schon alles eingefallen ist. Gott ist bestimmt die Vertreibung aus dem Paradies auch nicht sogleich eingefallen. Dann wäre er vermutlich anders angefangen. Dieser Rausschmiss, die Expulsion, das war auch Gottes Niederlage.

    Mit einem einzelnen, singulären Anfang ist es natürlich nicht getan. Das geht ja immer weiter. Man muss ja immer wieder anfangen. Auch Adam und Eva mussten miteinander anfangen. Und da schon damals die Begehrensstruktur herrschte die noch heute die aktuell gültige ist, fängt eben der Mann an. Adam hat sich also in Evas Nähe begeben – was in einem menschenleeren Paradies jedenfalls nicht ohne Aufmerksamkeit vonstatten geht -, die Hand zum Gruß erhoben und mit männlicher, betont lässiger Stimme gefragt: „Wie geht’s denn so?” Hätte Eva eine Vergleichsmöglichkeit gehabt, hätte sie sich wohl an den Kopf gefasst und gedacht: „Ohhh, wie uncool ist das denn?!”

    Zum Glück für Adam hatte sie keinerlei Erfahrung mit Männern und deren Annäherungsversuchen. Im 21. Jahrhundert müssen die schon etwas gewitzter daherkommen als der adamitische Rohrkrepierer. Man kann von Glück sprechen, dass Frauen heute mehr Auswahl haben. Das zwingt die Männer dazu, sich etwas einfallen zu lassen.

    Obwohl, wenn der Mann einem gefällt, auch ein „Wie geht’s denn so?” als Anfang ausreicht. Das kann sogar ganz entzückend formuliert sein. Wenn er dabei auf so unnachahmbare Weise auf dem Fleck steht, wenn er nicht weiß, wo er hinschauen soll vor Verlegenheit und Lust. Dann muss man wider Willen lächeln. Am Abend, wenn man schon im Bett liegt, denkt man sich: gut. Dann lächelt man noch einmal, gut geht’s. Und dabei bemerkt man, das schon beim ersten Lächeln, an Ort und Stelle, kein Widerwillen dabei war. Da war nichts als Wille, von Anfang an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Mai 2009

    Des Tages Ende

    Ich war zwei Jahre mit einem Mann zusammen, der blind war. Wir haben uns geliebt. Eines Tages hat diese Liebe aufgehört. Von heute auf morgen. Ohne dass es einen Anlass dafür gegeben hätte. Sie hörte auf wie ein Tag aufhört.

    Das ist ein sonniger und warmer Tag. Wir sind sehr vertraut miteinander. Wir halten uns an den Händen. Dann aber fängt es zu dämmern an. Der Tag neigt sich. Es wird Abend, es wird Nacht. Um Mitternacht stehen wir uns gegenüber, und, unfassbar, unbegreiflich: da ist kein neuer Tag. Wir bleiben im Dunkeln auf dieser Schwelle zwischen zwei Minuten stehen. Die letzten gemeinsamen Sekunden, wir wissen nicht mehr wohin mit unseren Händen, und dann: Nichts! Es hört etwas auf, ohne das etwas anderes anfängt.

    So wird es sein, wenn es eines Tages soweit ist: das Sterben. Aufhören zu sein. Es kommt einfach nichts Neues mehr. Es kommt nicht einmal etwas Bekanntes, nicht einmal mehr das Immergleiche. Jede Erfahrung, die wir im Leben haben machen können, wird nicht ausreichen, um das zu beschreiben. Oder gar zu erfassen. Es hört einfach alles auf zu sein.

    Wenn eine Liebe zu Ende geht, ist das wie Sterben. Etwas hört auf, ohne dass etwas anderes anfängt. Das ist eine Erfahrung, die man im Leben sonst nicht macht. Aber das Ende einer Liebe überlebt man doch irgendwie. Obwohl man es nicht für möglich gehalten hat: man fängt wieder an. Man fängt wieder zu atmen an. Man lebt weiter. Mit Verletzungen, die lange nicht verheilen, die vielleicht nie verheilen. Aber man lebt. In den Momenten des Sterbens hingegen ist kein Leben mehr. Nichts Neues, nichts Versprechendes, nichts Ankündigendes. In diesen tiefen Schmerzen des Alleinseins, des Verlassen-Werdens, wenn man jemanden gehen lassen muss, den man nicht gehen lassen will. Es ist alles nur noch Vergangenheit, ödes, verbranntes Land. Was sich da noch regt, ist unerreichbar. So nah es zu sein scheint. Man meint hin greifen zu können und dennoch: dorthin führt kein Weg. Für immer verschlossen, liegt die gemeinsame Zeit hinter einem.





    01 Mai 2009

    Anfang, vor allem Anfang

    Der Anfang ist nicht das Erste. Es gibt etwas, das vor jedem Anfang liegt. Die Frage: wie anfangen? Wie hat das Universum, wie hat Gott angefangen? Am besten fängt man einfach an, ohne lange nachzudenken. Irgendwie haut es dann schon hin. Das Universum hat mit dem Urknall angefangen und die Menschheit mit Adam und Eva. Beides keine schlechten Anfänge. Meine Hochachtung an die Kollegen vom physikalischen und theologischen Institut. Irgendwie muss jede Geschichte losgehen. Es muss losgetreten werden: das vergehen von Zeit. Denn nur wenn Zeit vergeht, geschieht etwas. Oder umgekehrt.

    Die Vertreibung aus dem Paradies ist zu verstehen als das erste Vergehen, im doppelten Sinne des Wortes, im temporären wie im theologischen. Das Erkennen der Sündigkeit, das Erkennen der eigenen Nacktheit, aber auch eben jenes Erkennen, dass das Elysium, der Garten Eden, das Unreflektierte und das Nichtwissen bereits hinter einem liegen, sind diese Vergehen. In dem Moment, da man erkennt, dass etwas hinter einem liegt, entsteht Vergangenheit. Erkenntnis und Reflektion: das sind die eigentlichen Vergehen.

    Auch die erste Geschichte musste irgendwie anfangen. Vielmehr die Geschichte vom Ersten. Die Geschichte vom Anfang ist schon nicht mehr der Anfang selbst. Das Erste ist bereits vorüber, wenn es erzählt werden kann. Das ist unser Schicksal und das unseres Bewusstseins: Die Würfel sind bereits gefallen, wenn wir hinzukommen. Aber das ist nicht weiter schlimm. Weil wir sowieso wieder anfangen müssen. Immer wieder von neuem. Immer wieder müssen wir den Würfel in die Hand nehmen. Und das ist eine gute Nachricht.

    Diese Webpräsenz besteht aus sechs einzelnen Seiten, den sechs Seiten oder Möglichkeiten eines Würfels. Gott würfelt nicht, hat Einstein behauptet. Ein schönes Bild dafür, dass im Universum nichts zufällig geschieht. Einstein hat jedoch nicht bedacht, dass Gott aus gutem Grund nicht würfelt: weil er nämlich lieber Karten spielt. Die Aleatorik – das Zufällige und Willkürliche – scheint keine Methode von Gottes Gnaden zu sein. Und schon gar keine divinatorische. Die Aleatorik hat nämlich nur sechs Seiten. Da ist kein Platz für einen Sonntag. Bekanntlich brauchte Gott aber am siebten Tag vor allem eins: Ruhe. Obwohl man ihn durchaus im Verdacht haben könnte, schon an den Tagen zuvor in Pausenlaune gewesen zu sein: Wenn man sich die Welt da draußen anschaut, dann muss man zugestehen, dass ein genialer Plan anders aussieht und dass, was manche hochtrabend „Die Schöpfung“ nennen, doch einen recht zusammen gewürfelten Eindruck macht. Vielleicht kommt die Aleatorik ja doch noch zu ihrem Recht.

    Der erste Eintrag in diesem Blog: mein Anfang. Ein geradezu göttliches Gefühl, mir wird’s, zugegeben, ein wenig schwindelig. Gott hat’s wahrscheinlich auch geschwindelt, an seinem Anfang. Als er ahnte, was da alles noch auf ihn zukommt. Das muss ungefähr so sein, wie die Frage, ob SQL und php miteinander harmonieren, alle relevanten Daten und Formate vollständig übernommen werden und ob das Blog mit den anderen fünf Seiten des Würfels harmoniert. Aber auch die Vertreibung aus dem Paradies hat ja tadellos geklappt. Warum sollte das hier schlechter laufen?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben