27 Mai 2009
Literarische Tektonik
Das Lesen von Rezensionen dient bei mir dem Gefühl für die momentane literarische Tektonik, für Strömungen und Themen, hat aber selten Auswirkungen auf die Wahl eines Titels. Rezensionen bauen Erwartungen auf und wenn ich einer Rezension folge, bin ich meist enttäuscht. Ich lese auch die Klappentexte; und glaube ihnen grundsätzlich kein Wort. Klappentexte sind eine ganz eigene Textsorte, die alles Mögliche beschreiben können; und es auch tun. Aber sie beschreiben eben das Mögliche, nicht das Wirkliche.
Beim Tellkamp hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, weil ich mit seiner schönen Sprache entschädigt worden bin. Allerdings täuscht auch diese vokabelintensive Sprache nicht über die Ereignislosigkeit in seinem Buch hinweg. Womöglich ist das aber auch die These des Autors, dass die Ereignislosigkeit, die er da beschreibt – indem er vieles eben nicht beschreibt – mitverantwortlich für den Untergang der DDR gewesen sein sollte: Chapeau! dann hat er eine schöne These und sein Ziel, wie ich finde, erreicht. Wenn auch nach einem Kräfte zehrenden 900 Seiten-Marathon.
Bisweilen war die Lektüre allerdings auch recht eintönig. Das gehört womöglich dazu, zu der Ereignislosigkeit, besser gesagt, zu dem Stillstand der Ereignisse. Es sind keine Veränderungen und keine Entwicklung möglich. Und dadurch kommt es zu einem Stillstand der Zeit. Dies kann einer nur dann beschreiben, wenn er sich sehr viel Zeit nimmt; und nahezu nichts dabei beschreibt. Dass dieser Stillstand der Zeit Tellkamps These sein mag, wird auch durch den ursprünglichen Untertitel dieses opus magnum nahegelegt: Der Schlaf in den Uhren. Das ist auch meine eigene Erfahrung: Zeit vergeht in Rumänien anders als in Deutschland. Das liegt nicht nur daran, dass ich, als ich dort lebte, jünger war und mit zunehmendem Alter eine Akzeleration des Zeitempfindens stattfindet.
Glückwunsch, Herr Tellkamp, Ihr Buch hat mir Spaß gemacht. Ich habe dennoch das Gefühl, dass Ihnen die Angelegenheit gegen Ende – oder vielleicht sogar schon in der Mitte? -aus dem Ruder gelaufen ist und zur Soldatenburleske wurde, was auf den ersten Seiten als ernster Roman gestartet war. Oder sind Sie vielleicht auch so ein Erste-Seiten-Verweigerer und haben sich gedacht, dass Sie die Rezensenten an der Nase herumführen?
Nachdem ich mich in den letzten Monaten von blutjungen Halunken habe verführen lassen, unter anderem von diesem Aravind Adiga (den habe ich, wie Mathias Faldbakken auch, vor Anbruch des Morgens vor die Tür gesetzt), wende ich mich jetzt wieder älteren Herren mit ernsteren Absichten zu. Ich schiele zum „Marbot” von Wolfgang Hildesheimer hinüber, aber ich schiele schon seit zwei oder drei Jahren. Vielleicht wird’s dabei blieben. Weil ich auch dieses Mal, da ich ihn mit beiden Augen fest fixiere, etwas anderes vorschiebe: den Essay von Jorge Luis Borges über das Lesen. Davor greife ich mir den Bruno Schulz, „Die Zimtläden”. Gestern gekauft. Ich habe den Umschlag gesehen, den Klappentext gelesen und dann ein paar Zeilen, irgendwo um die Seite hundert herum.
Und danach schlägt meine Leidenschaft für gut aussehende Autoren wieder durch und es kommt „Die schonende Abwehr verliebter Frauen”, von Adam Soboczynski an die Reihe. Das wird hoffentlich ein amouröses Abenteuer. Ich habe einfach keine Lust, die Herren, Enttäuschung um Enttäuschung, vorzeitig bitten zu müssen, meine Schlafstatt zu verlassen. Aber so ein grandioser Titel muss einfach Lust machen. Das Buch kann ruhig noch ein wenig liegen. Das muss in meinem Bücherstapel von oben nach unten sinken und dann wieder langsam aufsteigen. So ist das mit der Lust, man kann nicht stunden- und tagelang, Seite um Seite, auf dem Höhepunkt verbleiben, das muss an- und absteigen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 27th, 2009 unter Auf dem Fischmarkt, lang











