20 Mai 2009
Der Wels im Schollenpelz
Ich achte auf meine Ernährung und kaufe, wenn es das Budget hergibt, im Bioladen. Ich bin Vegetarierin, aber ich esse Fisch. Fisch ist gesund, reich an ungesättigten Fettsäuren. Den kaufe ich am liebsten auf dem Markt, wo er frisch ist. Ich schlendere gerne und schaue mich um. An manchen Ständen liegen Prospekte und Tabellen in den Auslagen, wo die Fische systematisiert werden, nach Fischfamilien und Herkunft, Süß- oder Salzwasser. Es gibt gezüchtete und frei lebende Fische, solche aus fließenden und aus stehenden Gewässern, Fische in Küstennähe, Hoch- und Tiefseefische. Manche Fische werden geangelt, andere harpuniert, Schwärme werden in Netzen gefangen.
Die Weltmeere werden von Kuttern, Schleppern und Trawlern durchpflügt. Der Fang wird in der Regel noch vor Ort verarbeitet, nur wenige Fische kommen lebend an Land. Der größte Teil wird ausgenommen und eingefroren, der kleinere kommt auf den Fischmarkt. Die Fischverkäufer versuchen die Kunden an den eigenen Stand zu locken und Ihnen den Fisch so schmackhaft wie möglich zu machen. Einem Fischkörper anzusehen wie er später schmeckt, ist eine besondere Kunst. Und eine größere Kunst noch ist es, den toten Fisch in der heimischen Küche in ein lebendiges Geschmackserlebnis zu verwandeln.
Zur Regulation der Kundenströme gibt es Prospekte und Ankündigungen, Webseiten, Besprechungen in Fischzeitschriften, Fischhandlungen, Stände und Imbissbuden die von den Fischvertretern besucht werden. Und es gibt die medialen Ereignisse wie die Verleihung des Deutschen Fischpreises, mit longfishlist und shortfishlist. Es gibt Fischagenten und Fischscouts und die Fischmessen in Frankfurt und in Leipzig. Dort werden die großen Fischschwärme der Weltmeere unter die kulinarische Lupe genommen. Was gestern der frankophonen oder der anglophilen Welt gemundet hat, soll heute auf dem heimischen Tisch seine geneigten Esser finden.
In Neptuns Reich gibt’s vor allem die kleinen Fische. Obwohl alle von einem guten Fang träumen, und davon, einmal einen richtig dicken Fisch an Land zu ziehen. In so einem Fall wird der Fisch sogar um Auskunft gebeten. Vorausgesetzt er riecht nicht unangenehm, hat keine Gräten, keine Schuppen, keine triefenden Augen und er sieht auch nicht aus wie ein toter Fisch. Er muss adrett und freundlich daherkommen, das muss ein richtig doller Hecht sein und kein dürrer Hering. Er muss die ganze Zeit lächeln, die Kiemen halten und darf nur antworten, wenn er gefragt wird. Und vor allem muss er seine Flossen bei sich behalten, wenn eine hübsche Ichthyologin ihn interviewt. In so einer Situation darf er sich nicht als Wels im Schollenpelz herausstellen. Andernfalls wird er von den Standbesitzern umgehend zu Fischstäbchen verarbeitet. Oder, aber da muss der Fisch schon Glück haben, zu einer wohlschmeckenden Bouillabaisse.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 20th, 2009 unter Auf dem Fischmarkt, lang











