17 Mai 2009
Unruhe
Ich brauche Worte. Ich brauche Bücher. Und ich brauche Bücherregale, in denen die Bücher stehen. Ich sortiere das nicht, ich stelle sie wahllos irgendwohin. Ich finde auch nie etwas wieder. Weil ich das ebenfalls brauche, dieses Suchen nach Büchern. Ich brauche auch die Unruhe, weil ich wieder einmal ein Buch nicht finde. Und dann suche ich in meinem Gedächtnis nach etwas, das diesem Buch zuzuordnen ist, ein Bild, ein Titel, ein Klappentext. Ich suche nach der Situation, in der ich das Buch ins Regal gestellt habe. Ich suche nach Gedanken und Empfindungen, die ich beim Lesen hatte, und nach einzelnen Worten aus diesem Buch. Als würden sie nur dort stehen können. Als seien Worte etwas sehr Spezielles und Besonderes. Etwas inmitten ihres unerschöpflichen Vorkommens absolut einmaliges.
Mehr noch als einzelne Worte, als Bücher und die Reihen, die sie in meinen Regalen bilden, brauche ich die Bücherstapel. Im Flur stehen die, die weg sollen, die ich nicht länger in der Wohnung haben will, weil sie mir nicht gefallen. Auf dem Schreibtisch liegen die, die ich für meine Promotion brauche und daneben jene, die kurz davor sind auf den Schreibtisch zu kommen oder schon wieder von ihm herunter mussten. Die meisten sind wissenschaftlicher Natur, ausgeliehen aus Bibliotheken und ich muss die Rückgabefristen beachten.
Der Stapel neben dem Bett ist der wichtigste. Das ist auch der höchste. Da kommen die Bücher hin, die ich gekauft habe, weil ich sie lesen will. Dort herrscht die größte Unruhe. Wenn ein neues Buch dazu kommt, wird’s zuerst obenauf gelegt. Da ich meist mehrere Bücher gleichzeitig lesen will, mich aber nur auf eins konzentrieren kann, nehme ich bei jedem Neuankömmling eine erneute Bewertung des gesamten Stapels vor. So sickert ein Buch mit der Zeit nach unten, bis es, nach Wochen oder Monaten der Abwärtsbewegung, wieder aufsteigt.
Ich könnte die Bücher in meinen Regalen sortieren, nach Themen, nach Ländern oder nach Genre, nach Größe oder Farbe, Benefit oder Plaisir beim Lesen. Die Worte könnte ich entsprechend behandeln, alphabetisch, nach Etymologie oder Fachgebieten angeordnet. Oder einfach der Länge nach. Das würde Ordnung bringen. Ich könnte dann aufhören zu suchen und mich beruhigen. Und das kann ich nicht. Weil sich die Worte nicht beruhigen lassen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 17th, 2009 unter lang, Miszellen & Mesalliancen











