14 Mai 2009
Diese, die Röcke verkürzenden Blicke
Der Übergang vom Winter zum Frühling ist meist einer von wenigen Tagen. Die Menschen schauen etwas unsicher. Hier und da sieht man ein vorsichtig angedeutetes Lächeln, als wenn sie dem Braten nicht trauen. Und dann gibt’s einen Ruck. Alle strahlen und der Frühling ist da. Es ist jedes Jahr dasselbe, in Berlin nicht anders als in Bukarest. Und doch bin ich jedes Mal aufs Neue erstaunt.
Ich beobachte die Blicke der Männer, die den Frauen folgen. Und die setzen sich diesen Blicken aus. Würden Frauen dermaßen kurze Röcke tragen, wenn es keine Männer gäbe, die sie dabei beobachten? Das ist eine alte Frage von uns Sprachwissenschaftlern: würden wir reden, wenn es niemanden gäbe, der uns zuhörte? Würden wir uns hübsch machen, wenn es niemanden gäbe, der das bemerkt? Ich spüre diese Blicke auch an mir. Auch meine Röcke sind kurz. Und dennoch wehre ich mich gegen diese, die Röcke verkürzenden Blicke anderer. Ich müsste, wenn es danach ginge, einen langen Mantel tragen. Mache ich aber nicht. Ich wehre mich nur ganz schwach, nahezu unmerklich.
Ich komme nicht in diese Stimmung hinein, in der alle anderen zu sein scheinen. Ich versuche, nicht an diesen Mann zu denken. Ich versuche es immer wieder, so dass ich an nichts anderes denke. Ich müsste an mich denken, aber ich denke an ihn. Ich denke daran, dass er an mich denkt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: er denkt nicht an mich. Aber ich denke an ihn. Gerade so als ob es ihm gut täte. Ich müsste mich fragen, was mir selbst gut tut. Aber diese Frage tut mir schon nicht gut. Ich will mir gar nicht ausmalen müssen, wie es mit einer möglichen Antwort aussieht.
Ob ich es nun als Liebe oder als Leere bezeichne, als Selbst oder als Selbstlosigkeit: ich beziehe mich auf einen anderen. Ich befinde mich in der Auseinandersetzung mit einem anderen. Was aber ist dieses Selbst? Etwas, das man mit dem Verb haben beschreiben könnte? Hat man ein Selbst, das man dann sein Selbst nennt, wie man ein Konto hat? Mal befindet man sich im Plus, mal im Minus. Hat man ein Selbst oder muss man es vielmehr beständig herstellen? Und hat’s dann doch nie? Weil es nicht statisch, sondern dynamisch und prozessual ist. Ist dieses Selbst unser innerster Kern, unser Wesen, unsere Seele? Etwas, das allen Veränderungen und allen Verformungen zum Trotz immer bestehen bleibt? Unser tiefstes Innerstes? An den Rändern hingegen franst es aus, es wird unscharf und das Selbst, das Ich, verwandelt sich in ein Du? Ist das Selbst eine psychische Konstruktion, eine narzisstische Struktur, ein filigranes, wackeliges Gerüst, das bei jeder noch so vorsichtigen Berührung zusammen zu stürzen droht? Das Selbst als der kategorische Ausschluss anderer? Und man wäre dann man Selbst, wo man nichts anderes ist? Dann wäre es lediglich eine negativistische Konstruktion. Oder ist man dieses Selbst vor allem in Beziehungen auf andere? Definiert man das in der Liebe anders als in der Leere? Ist das Selbst etwas mit sich Identisches? Oder ist es gerade durch die Differenz, durch das Nichtidentische? Ist es das, wonach man fragt? Ist es nur dann, wenn man fragt? Wird es vielleicht durchs Fragen gefährdet? Oder ist das vollkommen gleichgültig, weil es sowieso unhinterfragbar ist?
Ich rede und ich mache mich hübsch für einen anderen. Auch wenn dieser andere nicht da ist, wenn er kein Wort von dem erfährt, was ich rede und schreibe. Auch wenn er mich nicht sieht. Wenn mich nur andere sehen. Aber die anderen sind eben auch anders. Und vielleicht reicht das schon. Vielleicht reicht das, wenn man morgens vor dem Kleiderschrank steht und vor dem Spiegel: das man von einem anderen gesehen wird. Egal von wem. Auch dann, wenn einem die Blicke nicht gefallen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Geschrieben: Mai 14th, 2009 unter lang, Miszellen & Mesalliancen











