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  • Silvia Kühnel: Lieber Claus, habe schon mal vor einigen Jahren geschrieben, weil ich die Idee mit der Kunstfigur gut finde. Ein frohes Fest und ein gutes neues Jahr und viel Freude mit dem Stipendium. Silvia (Buchhändlerin in Dortmund)
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  • nadine schmid: Ich habe mit Thien an der Uni Koeln studiert. Wir ware zeitweise befreundet, aber ich hatte wenig verstaendnis fuer seinen ‘Mangel’ am akademischen Streben und habe, trotz meiner Anerkennung seines Talents, sein Lebensziel, aus seiner Dichtung etwas zu machen, als...
  • bersarin: Es muß natürlich, entdecke ich beim zweiten Lesen, Monika Rinck heißen. Ich kann mir Namen nie merken.
  • Aléa Torik: Ja, Bersarin, seinerzeit hat‘s ziemlich gut funktioniert: es war Literatur und die Leute waren mittendrin. Manche, ohne es zu merken. Manche haben hinterher zufrieden gelächelt, weil sie bei etwas Neuem mitgemacht haben. Oder weil sie selbst zu einer Art literarischer Figur dadurch...
  • bersarin: Literarisches Bloggen, liebe Aléa Torik, funktioniert durchaus. Freilich nur bei den wenigsten. Das meiste, was geschrieben wird, stammt aus dem Klein-Klein der Halbgarküchen, ist Poesiealbumsprosa von Minderleistern, Befindlichkeitsscheiße ohne Form. Ich schreibe dahingehend und als...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, Du hast überschüssige Energie!? Da werden Dich viele drum beneiden, umso besser also, wenn sie in etwas fließt, was Sinn zu machen verspricht. Was soll man also dazu sagen? Ich sage: Es lebe die Literatur! Und Gratulation natürlich zum vollzogenen Ausstieg aus...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, verflixt, hab‘ ich schon wieder Recht? Ich kann sagen, was ich will, ich habe immer recht. Dabei schrieb ich das eigentlich, um zu provozieren. Entweder lässt sich keiner provozieren oder die Provokation im Netz ist so allgegenwärtig, dass man zu ganz anderen Kalibern...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, da triffst Du mal wieder den Nagel auf den Kopf wie die Faust das Auge: fiktional und ein Sein als solches hat ein literarisches Blog zu sein und nicht einfach noch ein weiterer Mitspieler auf dem Markt- und Kampfplatz realer Eitelkeiten. Als Schriftsteller:in...
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  • Aléa Torik: Lieber holio, ganz verstehen kann ich die Ottos und Ottisten ja tatsächlich nicht. Vielleicht ist das so, dass Otto und Otta, was ihr Leseverhalten betrifft, auch nicht ganz schlau aus sich werden. Sie greifen immer nur nach dem, wonach auch die anderen greifen. Das zeichnet die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, man ist ja einiges gewöhnt bei den Autoren. Was die alles tun, um gelesen zu werden, beispielsweise das Schreiben seltsamer Bücher. Ich fände es allerdings doch etwas übertrieben, wenn sich ein Autor nach dem Schreiben seines Buchs sogleich aus dem Leben verabschiedet:...
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  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, noch habe ich Deinen Essay ja nicht gelesen – kommt aber noch! Bin gespannt wie ein Flitzebogen! Und was meine durch eigenes Lesen hervorgerufene Belebung von Texten inzwischen leiblich von uns gegangener Autor:inn:en angeht, so ist es nicht Trost, den ich da...
  • Aléa Torik: Lieber holio, Sie haben recht, die Politik lassen wir hier außen vor. Richtig glücklich bin ja auch nicht mit dem Etikett der Postmoderne. Aber irgendwie müssen wir es ja benennen. Sagen wir Transmoderne. Die wesentliche Information ist allerdings angekommen, schon lange: dass Sie...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, fein, dass ich dich zum Assoziieren bringe. Dass steter Tropfen den Stein höhlt, habe ich bisweilen schon gehört. Aber hat mal jemand gefragt, was mit all den ausgehöhlten Steinen anzufangen ist? Wozu Steine höhlen? Was Cărtărescu betrifft, ich habe es in dem Essay...

  • Archiv vom Mai, 2009

    31 Mai 2009

    Die Drei-A-Theorie

    Die Drei-A-Theorie gehört zu den großen Theorien. Sie stammt von meiner Freundin Susanna, einer promovierten Philosophin. Wie viele Geisteswissenschaftler hat auch Susanna ein Faible für Theorien. Vor allem für große Theorien, also solche, die nicht nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit beschreiben, sondern einen universalen Anspruch haben.

    Die berühmteste aller Theorien stammt wohl von Sir Isaac Newton, steht in der „Prinzipia Mathematika” und trägt den altehrwürdigen Namen „Gravitationstheorie”: Alle schweren Körper fallen nach unten. Und zwar überall, auch im entferntesten Winkel des Universums, also auch in einer Region, in der man gar nicht zwischen oben und unten unterscheiden kann und wo schwere Körper, wie zum Beispiel Planeten, am Himmel zu hängen scheinen und eben nicht herunterfallen. Dieses Nichtfallen steht nicht im Widerspruch zur Theorie, es beweist sie erst: Planeten fallen nicht, weil sie sich gegenseitig anziehen (angeblich soll Newton die Idee dazu gekommen sein, als er unter einem Obstbaum saß und ihm ein Apfel auf die Birne gefallen ist).

    Andere große Theorien sind der Erste und der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der so genannte Energieerhaltungssatz und der Satz von der Entropie. Auch die Relativitätstheorie ist eine Theorie mit universalem Anspruch. Es ist kein Ort denkbar, an dem sie nicht gelten.

    Eine universale Theorie muss drei Qualitäten aufweisen: sie muss so einfach wie möglich sein (um mit Einstein zu reden: so einfach wie möglich, aber auch nicht einfacher. Dies ist ein echtes Bonmot und legt die Vermutung nahe, dass Einstein mehr gekonnt haben muss als ein bisschen Kopfrechnen: alles auf der Welt kann schwieriger sein als nötig, aber nichts kann einfacher sein als möglich. Im ersten Fall wäre etwas lediglich unnötig, im zweiten aber unmöglich. Und was unmöglich ist, ist nicht), sie muss schön und sie muss nachvollziehbar sein. Über Schönheit lässt sich bekanntlich streiten und über Nachvollziehbarkeit, vor allem von Theorien mathematischer und physikalischer Natur, ebenfalls. Gute Theorien, die allen drei Anforderungen Genüge tun, gibt es nicht viele. Und sie fallen, anders als Äpfel oder Birnen, auch nicht vom Himmel.

    Jetzt zur Drei-A-Theorie. Sie ist eine universale Theorie, da sie den Anspruch hat, überall und zu aller Zeit zu gelten. Außerdem kann sie jeder verstehen. Hier die Theorie im Wortlaut und in voller Schönheit: „Bei Liebeskummer hilft einzig und allein: Arbeit, Alkohol oder andere Männer.”

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    29 Mai 2009

    Schlimmer Kummer, weiter verschlimmert

    Ob richtig oder falsch, ob in einem Aggregatzustand, in einem anderen oder in keinem, mein Herz ist voller Sehnsucht. Auch wenn mir das nicht gut tut. Der Zustand, in den dieser Mann mich versetzt, außerhalb der drei bekannten Aggregatzustände, diese glückliche Verzweiflung, erinnert mich an einen ähnlichen Ausnahmezustand, vor vielen Jahren, in Bukarest, und an die Zeilen von Edmond Rostand:

    „Ruf laut, welch bittrer Stolz dein Herz umgibt,
    Doch leis gesteh mir, dass sie dich nicht liebt.”

    Das einzig mögliche Sedativum: Björk, Unravel. Hundert Mal hintereinander. Das ist das einzige, was hilft. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht hilft. Es macht sogar alles noch schlimmer. Aber Verschlimmern ist das einzige was hilft. Auch wenn es nicht hilft. Auch wenn es alles noch schlimmer macht.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    27 Mai 2009

    Literarische Tektonik

    Das Lesen von Rezensionen dient bei mir dem Gefühl für die momentane literarische Tektonik, für Strömungen und Themen, hat aber selten Auswirkungen auf die Wahl eines Titels. Rezensionen bauen Erwartungen auf und wenn ich einer Rezension folge, bin ich meist enttäuscht. Ich lese auch die Klappentexte; und glaube ihnen grundsätzlich kein Wort. Klappentexte sind eine ganz eigene Textsorte, die alles Mögliche beschreiben können; und es auch tun. Aber sie beschreiben eben das Mögliche, nicht das Wirkliche.

    Beim Tellkamp hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, weil ich mit seiner schönen Sprache entschädigt worden bin. Allerdings täuscht auch diese vokabelintensive Sprache nicht über die Ereignislosigkeit in seinem Buch hinweg. Womöglich ist das aber auch die These des Autors, dass die Ereignislosigkeit, die er da beschreibt – indem er vieles eben nicht beschreibt – mitverantwortlich für den Untergang der DDR gewesen sein sollte: Chapeau! dann hat er eine schöne These und sein Ziel, wie ich finde, erreicht. Wenn auch nach einem Kräfte zehrenden 900 Seiten-Marathon.

    Bisweilen war die Lektüre allerdings auch recht eintönig. Das gehört womöglich dazu, zu der Ereignislosigkeit, besser gesagt, zu dem Stillstand der Ereignisse. Es sind keine Veränderungen und keine Entwicklung möglich. Und dadurch kommt es zu einem Stillstand der Zeit. Dies kann einer nur dann beschreiben, wenn er sich sehr viel Zeit nimmt; und nahezu nichts dabei beschreibt. Dass dieser Stillstand der Zeit Tellkamps These sein mag, wird auch durch den ursprünglichen Untertitel dieses opus magnum nahegelegt: Der Schlaf in den Uhren. Das ist auch meine eigene Erfahrung: Zeit vergeht in Rumänien anders als in Deutschland. Das liegt nicht nur daran, dass ich, als ich dort lebte, jünger war und mit zunehmendem Alter eine Akzeleration des Zeitempfindens stattfindet.

    Glückwunsch, Herr Tellkamp, Ihr Buch hat mir Spaß gemacht. Ich habe dennoch das Gefühl, dass Ihnen die Angelegenheit gegen Ende – oder vielleicht sogar schon in der Mitte? -aus dem Ruder gelaufen ist und zur Soldatenburleske wurde, was auf den ersten Seiten als ernster Roman gestartet war. Oder sind Sie vielleicht auch so ein Erste-Seiten-Verweigerer und haben sich gedacht, dass Sie die Rezensenten an der Nase herumführen?

    Nachdem ich mich in den letzten Monaten von blutjungen Halunken habe verführen lassen, unter anderem von diesem Aravind Adiga (den habe ich, wie Mathias Faldbakken auch, vor Anbruch des Morgens vor die Tür gesetzt), wende ich mich jetzt wieder älteren Herren mit ernsteren Absichten zu. Ich schiele zum „Marbot” von Wolfgang Hildesheimer hinüber, aber ich schiele schon seit zwei oder drei Jahren. Vielleicht wird’s dabei blieben. Weil ich auch dieses Mal, da ich ihn mit beiden Augen fest fixiere, etwas anderes vorschiebe: den Essay von Jorge Luis Borges über das Lesen. Davor greife ich mir den Bruno Schulz, „Die Zimtläden”. Gestern gekauft. Ich habe den Umschlag gesehen, den Klappentext gelesen und dann ein paar Zeilen, irgendwo um die Seite hundert herum.

    Und danach schlägt meine Leidenschaft für gut aussehende Autoren wieder durch und es kommt „Die schonende Abwehr verliebter Frauen”, von Adam Soboczynski an die Reihe. Das wird hoffentlich ein amouröses Abenteuer. Ich habe einfach keine Lust, die Herren, Enttäuschung um Enttäuschung, vorzeitig bitten zu müssen, meine Schlafstatt zu verlassen. Aber so ein grandioser Titel muss einfach Lust machen. Das Buch kann ruhig noch ein wenig liegen. Das muss in meinem Bücherstapel von oben nach unten sinken und dann wieder langsam aufsteigen. So ist das mit der Lust, man kann nicht stunden- und tagelang, Seite um Seite, auf dem Höhepunkt verbleiben, das muss an- und absteigen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 Mai 2009

    Die ersten Seiten II

    Ich habe bei keinem der Kandidaten für den Deutschen Buchpreis im vergangenen Herbst die ersten Seiten gelesen. Auch beim Uwe Tellkamp nicht, den ich dann gewählt habe. Und ich habe ihn gewählt, weil ein Rezensent behauptet hat, der Autor schreibe über das Bildungsbürgertum der DDR. Hat der aber nicht.

    Auf den ersten Seiten konnte man allerdings der Meinung sein, der Herr Tellkamp würde im weiteren Verlauf seines Buches etwas in dieser Art schreiben. Vielleicht fand der Rezensent das Buch einfach zu dick, ums in Gänze zu lesen und er hat’s dann bei den ersten Seiten belassen. Das kann man ihm nicht ganz übel nehmen. Herr Tellkamp drückt nicht gerade aufs Gaspedal, was die Lesegeschwindigkeit angeht. Ganz im Gegenteil: versteht man Lesen als Bewegung, dann macht Uwe Tellkamp eine Gleichgewichtsübung aus seinem Text.

    Ich habe den Rolf Lappert nicht gewählt, weil mir das Foto auf dem Umschlag nicht gefiel. Ich habe die Iris Hanika nicht gewählt, weil mir der Titel nicht gefiel, den Ingo Schulze nicht, weil mir nichts von ihm gefällt, und den Sherko Fatah nicht, weil ich mich da schon für den Uwe Tellkamp entschieden hatte. Dietmar Dath habe ich nicht gewählt, weil ich die liebedienerische und unterwürfige Art nicht mag, mit der die Iris Radisch sich in einer Rezension in der ZEIT an ihn heranschleicht. Die kennen sich bestimmt und die Radisch war dem Dath von Herzen dankbar, weil der ihr beim letzten Mal so ein hübsches Kompliment über ihren Busen oder ihren Hintern gemacht hat und die Radisch einfach nicht wahrhaben will, dass der Dath im Fiktiven zu Hause ist. Die Radisch hat angenommen, der Dath meine es ernst mit ihr, aber der Dath meint gar nichts Ernst. Das hätte die Radisch verstehen können, wenn sie eine einzige Zeile vom Dath verstanden hätte. Jetzt sitzt sie zu Hause und heult sich die Augen aus dem Kopf.

    Der Fischmarkt ist auch ein Heiratsmarkt. Und einer der großen Illusionen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    22 Mai 2009

    Die ersten Seiten I

    Auf dem Fischmarkt wollen alles dasselbe: die ersten Seiten. Alle wollen dort zeigen, was sie können. Die Autoren wollen zeigen was sie schreiben können, die Lektoren wollen zeigen was sie streichen können, die Korrektoren was sie redigieren und die Rezensenten was sie ignorieren können. Bücher, scheint es, kann man überhaupt nur mit den ersten Seiten machen. Der ominöse Rest mag durchaus gelungen sein, und es mag auch den einen oder anderen Mitmenschen geben, der mit sich wenig anzufangen weiß, der nicht weiß, was Freizeitgestaltung ist, und das dann tatsächlich alles liest: aber diese vielen Seiten machen ein Buch eigentlich bloß unnötig dick. Außerdem nehmen Bücher wahnsinnig viel Platz weg in Buchhandlungen. Das ist ja auch ökonomisch unsinnig. Das macht die Bücher bloß teuer, schwer und schwer verkäuflich.

    Die ersten Seiten von „The Cocka Hola Company” von Mathias Faldbakken, erschienen im Blumenbar Verlag, sind wunderbar geraten; aber nach der ersten Ejakulation – das Personal des Romans verdient Geld mit Pornofilmen und das Buch beginnt mit einer entsprechend deftigen Szene – ist nicht nur der Hauptdarsteller mit seiner Lust am Ende, sondern offenbar auch der Autor. Vielleicht wird’s jenseits von Seite 50 wieder besser. Aber ohne mich. Ich will nichts über Pornografie lesen, um mich dann auf dröge Kost setzen und nur noch am kleinen Zeh kitzeln zu lassen. Im genannten Fall waren es nicht einmal die ersten Seiten, die mich überzeugt haben. Es war die Umschlaggestaltung und der Untertitel: Skandinavische Misanthropie. Liebe auf den ersten Fick wäre treffender gewesen.

    Selbst der sexgeilste Bücherwurm braucht, wenn er einen Buchladen betritt, einen Moment, um sich zu orientieren und ein Objekt ins Auge zu fassen, auf das er Appetit hat. Wer Liebe will, ist auf den ersten Seiten falsch. Da gibt’s nur Sex. Liebe hingegen muss über Seiten und Seiten wachsen, sie muss durch Glück und Verzweiflung gehen, durch Einzigartigkeit und Alltäglichkeit. Man kann nun gerne glauben, dass die Liebe nach und nicht vor dem Sex kommt und es gibt auch keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. Aber was und wer immer da noch kommt, eines kommt nicht mehr: das Rendezvous. Der Anfang, wenn zwei einander zum ersten Mal gegenüber stehen. Ich jedenfalls will eine Verabredung und die Anspannung davor, wenn ich vor dem Spiegel stehe und dabei versuche, mich mit dem Blick meines Gegenübers zu sehen.

    Man muss mich nicht rumkriegen. Ich will ja auch. Ich will ja lesen und lieben. Ich will ja in den Armen einer anderen Welt versinken. Ich will die Ekstase. Aber ich will mich nicht gleich im Buchladen vögeln lassen. Ich will umgarnt und verführt werden. Ich brauche Andeutung, Anspielung, Aufregung, die erotische Spannung eben. Ich brauche das Spiel und die Hoffnung. Eines aber brauche ich nicht: Die leere Versprechung, dass genau dieses Buch die Liebe meines Lebens wird. Diese Versprechung findet sich immer auf den ersten Seiten. Später macht sie nämlich keinen Sinn mehr. Dort klänge sie lediglich nach einem vertrösten. Vertrösten aber ist das Gegenteil von Trost.

    Ich lese, wenn ich mir ein Buch aussuche, nie die erste Seite. Die erste Seite ist das letzte, was ich lese. Also ich lese sie schon, und auch zuerst. Aber wenn ich sie lese, ist das Buch längst bezahlt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Mai 2009

    Schieben

    Ich bin nicht klug und auch nicht dumm,
    bin mehr so mittendrin.
    Halb mit Verlust und halb Gewinn,
    schieb ich’s so hin und her. Ich schiebs, ich schiebs im Kopf herum,

    ich schieb es längs, ich schieb es quer, von unten schieb ich’s nach oben.
    Doch nirgends findets seinen rechten Ort.
    Nach allem Schieben bleibt ein jedes Wort
    was es zuvor gewesen, nur verschoben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Mai 2009

    Unruhe

    Ich brauche Worte. Ich brauche Bücher. Und ich brauche Bücherregale, in denen die Bücher stehen. Ich sortiere das nicht, ich stelle sie wahllos irgendwohin. Ich finde auch nie etwas wieder. Weil ich das ebenfalls brauche, dieses Suchen nach Büchern. Ich brauche auch die Unruhe, weil ich wieder einmal ein Buch nicht finde. Und dann suche ich in meinem Gedächtnis nach etwas, das diesem Buch zuzuordnen ist, ein Bild, ein Titel, ein Klappentext. Ich suche nach der Situation, in der ich das Buch ins Regal gestellt habe. Ich suche nach Gedanken und Empfindungen, die ich beim Lesen hatte, und nach einzelnen Worten aus diesem Buch. Als würden sie nur dort stehen können. Als seien Worte etwas sehr Spezielles und Besonderes. Etwas inmitten ihres unerschöpflichen Vorkommens absolut einmaliges.

    Mehr noch als einzelne Worte, als Bücher und die Reihen, die sie in meinen Regalen bilden, brauche ich die Bücherstapel. Im Flur stehen die, die weg sollen, die ich nicht länger in der Wohnung haben will, weil sie mir nicht gefallen. Auf dem Schreibtisch liegen die, die ich für meine Promotion brauche und daneben jene, die kurz davor sind auf den Schreibtisch zu kommen oder schon wieder von ihm herunter mussten. Die meisten sind wissenschaftlicher Natur, ausgeliehen aus Bibliotheken und ich muss die Rückgabefristen beachten.

    Der Stapel neben dem Bett ist der wichtigste. Das ist auch der höchste. Da kommen die Bücher hin, die ich gekauft habe, weil ich sie lesen will. Dort herrscht die größte Unruhe. Wenn ein neues Buch dazu kommt, wird’s zuerst obenauf gelegt. Da ich meist mehrere Bücher gleichzeitig lesen will, mich aber nur auf eins konzentrieren kann, nehme ich bei jedem Neuankömmling eine erneute Bewertung des gesamten Stapels vor. So sickert ein Buch mit der Zeit nach unten, bis es, nach Wochen oder Monaten der Abwärtsbewegung, wieder aufsteigt.

    Ich könnte die Bücher in meinen Regalen sortieren, nach Themen, nach Ländern oder nach Genre, nach Größe oder Farbe, Benefit oder Plaisir beim Lesen. Die Worte könnte ich entsprechend behandeln, alphabetisch, nach Etymologie oder Fachgebieten angeordnet. Oder einfach der Länge nach. Das würde Ordnung bringen. Ich könnte dann aufhören zu suchen und mich beruhigen. Und das kann ich nicht. Weil sich die Worte nicht beruhigen lassen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Mai 2009

    Was kann die Welt mir wohl gewähren?

    „Was kann die Welt mir wohl gewähren?
    Entbehren sollst du! sollst entbehren!
    Das ist der ewige Gesang,
    Der jedem an die Ohren klingt,
    Den, unser ganzes Leben lang,
    Uns heiser jede Stunde singt.
    Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf,
    Ich möchte bittre Tränen weinen,
    Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
    Nicht EINEN Wunsch erfüllen wird, nicht EINEN,
    Der selbst die Ahnung jeder Lust
    Mit eigensinngem Krittel mindert,
    Die Schöpfung meiner regen Brust
    Mit tausend Lebensfratzen hindert.
    Auch muss ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
    Mich ängstlich auf das Lager strecken;
    Auch da wird keine Rast geschenkt,
    Mich werden wilde Träume schrecken.
    Der Gott, der mir im Busen wohnt,
    Kann tief mein Innerstes erregen;
    Der über allen meinen Kräften thront,
    Er kann nach außen nichts bewegen;
    Und so ist mir das Dasein eine Last,
    Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.”

    Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Mai 2009

    Diese, die Röcke verkürzenden Blicke

    Der Übergang vom Winter zum Frühling ist meist einer von wenigen Tagen. Die Menschen schauen etwas unsicher. Hier und da sieht man ein vorsichtig angedeutetes Lächeln, als wenn sie dem Braten nicht trauen. Und dann gibt’s einen Ruck. Alle strahlen und der Frühling ist da. Es ist jedes Jahr dasselbe, in Berlin nicht anders als in Bukarest. Und doch bin ich jedes Mal aufs Neue erstaunt.

    Ich beobachte die Blicke der Männer, die den Frauen folgen. Und die setzen sich diesen Blicken aus. Würden Frauen dermaßen kurze Röcke tragen, wenn es keine Männer gäbe, die sie dabei beobachten? Das ist eine alte Frage von uns Sprachwissenschaftlern: würden wir reden, wenn es niemanden gäbe, der uns zuhörte? Würden wir uns hübsch machen, wenn es niemanden gäbe, der das bemerkt? Ich spüre diese Blicke auch an mir. Auch meine Röcke sind kurz. Und dennoch wehre ich mich gegen diese, die Röcke verkürzenden Blicke anderer. Ich müsste, wenn es danach ginge, einen langen Mantel tragen. Mache ich aber nicht. Ich wehre mich nur ganz schwach, nahezu unmerklich.

    Ich komme nicht in diese Stimmung hinein, in der alle anderen zu sein scheinen. Ich versuche, nicht an diesen Mann zu denken. Ich versuche es immer wieder, so dass ich an nichts anderes denke. Ich müsste an mich denken, aber ich denke an ihn. Ich denke daran, dass er an mich denkt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: er denkt nicht an mich. Aber ich denke an ihn. Gerade so als ob es ihm gut täte. Ich müsste mich fragen, was mir selbst gut tut. Aber diese Frage tut mir schon nicht gut. Ich will mir gar nicht ausmalen müssen, wie es mit einer möglichen Antwort aussieht.

    Ob ich es nun als Liebe oder als Leere bezeichne, als Selbst oder als Selbstlosigkeit: ich beziehe mich auf einen anderen. Ich befinde mich in der Auseinandersetzung mit einem anderen. Was aber ist dieses Selbst? Etwas, das man mit dem Verb haben beschreiben könnte? Hat man ein Selbst, das man dann sein Selbst nennt, wie man ein Konto hat? Mal befindet man sich im Plus, mal im Minus. Hat man ein Selbst oder muss man es vielmehr beständig herstellen? Und hat’s dann doch nie? Weil es nicht statisch, sondern dynamisch und prozessual ist. Ist dieses Selbst unser innerster Kern, unser Wesen, unsere Seele? Etwas, das allen Veränderungen und allen Verformungen zum Trotz immer bestehen bleibt? Unser tiefstes Innerstes? An den Rändern hingegen franst es aus, es wird unscharf und das Selbst, das Ich, verwandelt sich in ein Du? Ist das Selbst eine psychische Konstruktion, eine narzisstische Struktur, ein filigranes, wackeliges Gerüst, das bei jeder noch so vorsichtigen Berührung zusammen zu stürzen droht? Das Selbst als der kategorische Ausschluss anderer? Und man wäre dann man Selbst, wo man nichts anderes ist? Dann wäre es lediglich eine negativistische Konstruktion. Oder ist man dieses Selbst vor allem in Beziehungen auf andere? Definiert man das in der Liebe anders als in der Leere? Ist das Selbst etwas mit sich Identisches? Oder ist es gerade durch die Differenz, durch das Nichtidentische? Ist es das, wonach man fragt? Ist es nur dann, wenn man fragt? Wird es vielleicht durchs Fragen gefährdet? Oder ist das vollkommen gleichgültig, weil es sowieso unhinterfragbar ist?

    Ich rede und ich mache mich hübsch für einen anderen. Auch wenn dieser andere nicht da ist, wenn er kein Wort von dem erfährt, was ich rede und schreibe. Auch wenn er mich nicht sieht. Wenn mich nur andere sehen. Aber die anderen sind eben auch anders. Und vielleicht reicht das schon. Vielleicht reicht das, wenn man morgens vor dem Kleiderschrank steht und vor dem Spiegel: das man von einem anderen gesehen wird. Egal von wem. Auch dann, wenn einem die Blicke nicht gefallen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    10 Mai 2009

    Usnavi

    Dies ist die Geschichte einer Mutter, die, hochschwanger, von einem auf den anderen Tag den gemeinsam mit der Familie ausgesuchten Namen ihres Kindes ändern will. Trotz erheblichen Widerstands ihres Mannes und ihrer Eltern besteht sie darauf das Kind, ob Mädchen oder Junge, Usnavi zu nennen. Das ist kein gebräuchlicher Name in Kolumbien, und daher stammt die Geschichte. Die Tochter heißt dann tatsächlich so, zum Bedauern der Familie und auch zu deren eigenem Bedauern. Usnavi beklagt sich später oft über ihren ungewöhnlichen, vor allem unweiblichen Namen.

    Erst viele Jahre später, auf dem Totenbett, gibt die Mutter das Geheimnis um diesen Namen preis. Damals, kurz vor der Niederkunft, sei sie, so gibt sie zu verstehen, im Hafen spazieren gegangen. Dort habe sie ihn gesehen und vom ersten Moment an gewusst, dass dies der vorherbestimmte Name für ihr Kind sei. Sein Klang und das Gefühl für das Baby in ihrem Bauch haben einander auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise entsprochen. Am Tag darauf starb die Frau, ohne dass man noch einmal auf dieses Thema zu sprechen gekommen wäre. Die Nachforschungen ergaben später, dass in jenen Tagen, mehr als 30 Jahre zuvor, ein Verband amerikanischer Kriegsschiffe im Hafen gelegen hatte. Am Bug eines dieser Schiffe hatte sie offenbar gelesen, was am Bug eines jeden amerikanischen Kriegsschiffs zu lesen ist: U.S.Navy.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    08 Mai 2009

    Das kommende Leben im gegenwärtigen

    Wenn ich an ein kommendes Leben glauben würde und mich im gegenwärtigen entscheiden müsste wie dies aussehen soll und ich mich nicht an das vorherige werde erinnern können und an die Entscheidungen, die ich da getroffen habe – mir also auch niemals werde Vorwürfe machen können -, dann würde ich mich im jetzigen Leben für ein kommendes entscheiden, das exakt so aussieht:

    Aber ich glaube eben nicht daran. Zum Glück.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    07 Mai 2009

    Delirum

    Ich war davon ausgegangen, dass meine Auseinandersetzung mit dem Thema Blindheit beendet sei. Dabei fing sie gerade an. Alles andere davor war, so musste ich erkennen, keine Auseinandersetzung gewesen. Das war „nur” das Erleben. Die Auseinandersetzung fand tatsächlich erst statt, nachdem das unmittelbare Erleben, das keine Distanz zur Sache erlaubt, vorüber war (dies als Reminiszenz an meinen ersten Eintrag des Blogs).

    Das Phänomen begann mich zu verfolgen. Ich träumte von meiner eigenen Erblindung. Ich stieß auf Bücher über Blinde und von Blinden. Ich sah auf den Straßen immer öfter Blinde. Es schienen sogar immer mehr zu werden, wie die Influenzakranken bei einer Grippeepidemie. Gerade so, als wären sie von überall her gekommen, weil es sich als Blinder in Berlin besser lebt als sonst wo auf der Welt.

    Ich musste erkennen, dass ich auf der Suche war. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Beziehung zu Marian. Denn da steckte ich immer noch drin. Es lastete mir auf der Seele. Nein, nicht auf der Seele. Dann hätte ich es in Ruhe dort liegen lassen können. Es lag woanders. Ich habe es in meinem Körper herum geschoben, mal hatte ich es auf dem Herzen, mal lag es schwer im Magen, es ist mir auf die Nieren gegangen und auf die Nerven, dann wieder nur im Kopf herum, es hat unter den Fingern gebrannt. Es ist in mir herumgewandert. Es war nicht greifbar, es war nicht handhabbar. Ich wusste nicht, wie ich es loswerden sollte. Ich wusste nicht einmal, dass ich es loswerden wollte. Bis mir eines Tages ein Stopfen in die Hand fiel und ich daran zog. Ohne mir viel dabei zu denken.

    Ohne mir viel dabei zu denken, saß ich Tag und Nacht am Schreibtisch. In einem Zug habe ich einen fiktionalen Text geschrieben. Und wie Denken nicht die richtige Bezeichnung dafür ist, ist es auch Schreiben nicht. Das war einfach nur ein Delirium. Dass die delirierende Tätigkeit ein Schreiben war, habe ich kaum bemerkt. Ebenso gut hätte ich etwas anderes tun können, Malen beispielsweise, oder Klavierspielen. Meine Finger haben sich bewegt und zufällig war eben keine Klaviatur, sondern die Tastatur meines Rechners unter meinen Fingern.

    Nach drei Monaten ist es mir zum ersten Mal gelungen, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Ich hatte Schmerzen in den Unterarmen, eine vernachlässigte Wohnung, einen verwüsteten Schreibtisch mit einem Berg ungelesener Post daneben, und ein 300-seitiges Romanmanuskript auf dem Rechner; dazu das Ende meines Studiums vor der Nase. Und zwar beängstigend dicht davor.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    06 Mai 2009

    Aggregate

    In den letzten Wochen war ein Mann in meiner Nähe. Weil er sie gesucht hat und nicht aufgrund natürlicher Gegebenheiten. Er hat sich um mich bemüht, ohne dass ich die Mühe dahinter erkennen musste. Dabei ist er vornehm zurückhaltend gewesen und gleichzeitig sehr präsent. Er hatte ein gutes Gespür für beide Strebungen, Anwesenheit und Abwesenheit. Er war aufmerksam, ohne aufdringlich zu sein.Meine erste Reaktion bei spontaner Zuneigung von Männern ist oft Widerstand. Ich freue mich wenn mir jemand seine Zuneigung zeigt, ich freue mich durchaus. Aber ich bin dennoch widerständig. Gerade so, als wolle ich die Belastbarkeit dieser Neigung testen. Als wolle ich testen, bei welchem Neigungsgrad er anfängt umzukippen.

    In diesem einen Fall habe ich meinen Widerstand sehr bald aufgegeben und mich auf seine Neigung eingelassen. Und im selben Maße hat er sie gerade gerückt. Ist Neigung das richtige Wort? In dem Maße, in dem ich mich erwärmte, kühlte er ab. Wir waren jedenfalls nie im selben Zustand. Er war leicht, locker und luftig. Er war gasförmig, wo ich ihn fest gebraucht hätte. Und umgekehrt. Wenn ich Festigkeit und Verbindlichkeit wollte, verflüssigte er. Zerfloss ich gleichermaßen, verflüchtigte er sich.

    Ich habe einige Zeit gewartet. Warten aber war offenbar nicht die geeignete Methode. Vielleicht hätte ich deutlich intervenieren sollen, draufhauen womöglich. Ändert sich der Zustand eines Mannes durch massive mechanische Beeinflussung?

    Existieren Frauen wie Männer womöglich in allen drei Aggregatzuständen zugleich? Eine Mischung aus den möglichen Optionen. Nur zeigen wir uns mal so und mal anders, wir neigen dem einen Zustand und dann dem anderen zu. Je nachdem. Je nach Stimmung und dem jeweiligen Gegenüber. Je nachdem, ob wir uns gerade anpassen oder ausweichen, ob wir etwas wollen oder abwehren. Und je nachdem, ob wir von unseren Strebungen wissen oder nicht. Wir haben vielleicht nicht diese oder jene Neigung, sondern je nach Verhältnis aller beteiligten Strebungen neigen wir mal zum einen und dann wieder zum anderen.

    Wir befinden uns in einem bestimmten Aggregatzustand, aber wir befinden uns auch immer an der Grenze zu zwei anderen. Wir sind immer dabei zu kippen. In diese oder in jene Richtung. Aus Zuneigung oder aus Abneigung. In dem einen Zustand aber, in dem wir tatsächlich sind, sind wir nur, weil wir nicht zu einem anderen hinüberneigen. Aus Gleichgültigkeit oder aus Unentschiedenheit.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    05 Mai 2009

    Der Eindruck auf meiner Netzhaut

    Durch diese gemeinsame Zeit mit Marian hat meine eigene optische Erfahrung gelitten. Ich schaue oft nicht hin. Vor allem bei bewegten Bildern. Sie interessieren mich nicht. Ich gehe ganz selten ins Kino. Ich habe im Kino das Gefühl, dass die Bilder vor mir weglaufen. Und ich laufe nicht hinterher. Ich bin gerne bereit zu warten, auf etwas oder auf jemanden, aber ich laufe keinem Bild hinterher. Ich habe keinen Fernseher und ich habe ganz viele Bilder nicht, die ein Mensch heute einfach hat, weil sie im Fernsehen gelaufen sind. Weil sie, wie andere sagen würden, dort zu sehen waren.

    Ich habe keine Bilder vom Irakkrieg, von Erdbebenopfern, von zusammenstürzenden Häusern oder von Hungerkatastrophen. Ich weiß nicht wie Politiker aussehen. Ich habe nicht etwa, wie man annehmen könnte, ein ausgesprochen empfindliches seismografisches Organ was Visualität angeht, weil ich nahezu zwei Jahre lang für zwei Personen schauen musste. Es ist sogar abgestumpft und unsensibel. Ich habe mich dem Zustand der Blindheit durch Assimilation angenähert. Ich bin erstaunt, wie wenig mich die visuelle Welt berührt. Bilder schaue ich mir gerne an, ich gehe gerne in Ausstellungen. Aber nur, wenn jemand dabei ist. Wenn ich dabei reden kann. Wenn ich das, was ich sehe, in Worte umformen kann. Die Bilder alleine haben kaum Einfluss auf mich.

    Das ist womöglich das Erbe, das mir Marian da gelassen hat. Oder vielleicht ist es das, was ich meine Schuld nennen müsste. Weil ich ihn verlassen habe, hat mir Gott oder das Schicksal die Fähigkeit genommen, visuelle Eindrücke einzuordnen und zu verstehen. Ich sehe sie zwar, anders als Marian, sie hinterlassen einen Eindruck auf meiner Netzhaut, es wird ein Reiz an mein Gehirn weitergegeben. Aber es kommt nichts an.

    Das Ende unserer Beziehung und mein Weggang aus Bukarest: das war ein- und dieselbe Bewegung. Das war ein- und dasselbe Ereignis. Am Ende habe ich gehofft, ich hätte ein wenig von dem, was der Chevalier de Seinsgalt, Giacomo Casanova, in so hohem Maße besessen haben muss: die Gabe des versöhnlichen Abschieds.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Mai 2009

    Liebesmüh

    Liebesmüh gibt es in der deutschen Sprache, soweit ich weiß, nur als eine vergebliche. Man sagt, etwas sei vergebene Liebesmüh. Das Wort wird lediglich pejorativ gebraucht. Diese Mühe mit der Liebe, ich stelle sie mir ganz konkret vor: Da liegen zwei auf einer Matratze. Die Welt um sie herum existiert nicht mehr. Sie sind ganz mit sich und dem anderen beschäftigt. Sie bemühen sich umeinander. Sie drehen sich umeinander. Sie sind aufeinander, untereinander, ineinander. Durcheinander.

    Diese Liebesmüh hat nichts vergebliches, sondern, jenseits von Erfolg und Misserfolg, die Bedeutung: den anderen in den Himmel heben. Denn da kommt die Liebe her, sie ist vom Himmel gefallen. Dennoch kommt der Tag, dennoch kommt der Moment, da macht sie Mühe. Eine durch und durch positive Mühe: Sich um jemanden bemühen, der einem vom Himmel gefallen ist, diesen Gefallenen wieder aufzurichten und ihn in den Himmel hinauf zu heben. Ihn dem Himmel zurückzugeben. Dann fällt er erneut vom Himmel. Und man muss ihn ein weiteres Mal erheben.

    Das hat nichts von der vergeblichen Arbeit des Sisyphos. Das ist die Liebesmüh. Eine durch und durch schöne Mühe. Selbst dann, wenn sie am Ende vergeblich gewesen sein sollte. Die Mühe wird dadurch nicht entwertet. Im Gegenteil. Das Vergebliche gehört sogar dazu, dieses immer wieder anfangen müssen. Das sich Bemühen um den anderen, das Begehren, das zu keinem Ende kommt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
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    03 Mai 2009

    Nachtrag zum Anfang

    Nachträge sind wichtig. Vor allem dann, wenn sie den Anfang betreffen. Vielleicht sind sie sogar wichtiger als der eigentliche Anfang. Das kann ja auch keiner erwarten, dass einem am Anfang schon alles eingefallen ist. Gott ist bestimmt die Vertreibung aus dem Paradies auch nicht sogleich eingefallen. Dann wäre er vermutlich anders angefangen. Dieser Rausschmiss, die Expulsion, das war auch Gottes Niederlage.

    Mit einem einzelnen, singulären Anfang ist es natürlich nicht getan. Das geht ja immer weiter. Man muss ja immer wieder anfangen. Auch Adam und Eva mussten miteinander anfangen. Und da schon damals die Begehrensstruktur herrschte die noch heute die aktuell gültige ist, fängt eben der Mann an. Adam hat sich also in Evas Nähe begeben – was in einem menschenleeren Paradies jedenfalls nicht ohne Aufmerksamkeit vonstatten geht -, die Hand zum Gruß erhoben und mit männlicher, betont lässiger Stimme gefragt: „Wie geht’s denn so?” Hätte Eva eine Vergleichsmöglichkeit gehabt, hätte sie sich wohl an den Kopf gefasst und gedacht: „Ohhh, wie uncool ist das denn?!”

    Zum Glück für Adam hatte sie keinerlei Erfahrung mit Männern und deren Annäherungsversuchen. Im 21. Jahrhundert müssen die schon etwas gewitzter daherkommen als der adamitische Rohrkrepierer. Man kann von Glück sprechen, dass Frauen heute mehr Auswahl haben. Das zwingt die Männer dazu, sich etwas einfallen zu lassen.

    Obwohl, wenn der Mann einem gefällt, auch ein „Wie geht’s denn so?” als Anfang ausreicht. Das kann sogar ganz entzückend formuliert sein. Wenn er dabei auf so unnachahmbare Weise auf dem Fleck steht, wenn er nicht weiß, wo er hinschauen soll vor Verlegenheit und Lust. Dann muss man wider Willen lächeln. Am Abend, wenn man schon im Bett liegt, denkt man sich: gut. Dann lächelt man noch einmal, gut geht’s. Und dabei bemerkt man, das schon beim ersten Lächeln, an Ort und Stelle, kein Widerwillen dabei war. Da war nichts als Wille, von Anfang an.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    02 Mai 2009

    Des Tages Ende

    Ich war zwei Jahre mit einem Mann zusammen, der blind war. Wir haben uns geliebt. Eines Tages hat diese Liebe aufgehört. Von heute auf morgen. Ohne dass es einen Anlass dafür gegeben hätte. Sie hörte auf wie ein Tag aufhört.

    Das ist ein sonniger und warmer Tag. Wir sind sehr vertraut miteinander. Wir halten uns an den Händen. Dann aber fängt es zu dämmern an. Der Tag neigt sich. Es wird Abend, es wird Nacht. Um Mitternacht stehen wir uns gegenüber, und, unfassbar, unbegreiflich: da ist kein neuer Tag. Wir bleiben im Dunkeln auf dieser Schwelle zwischen zwei Minuten stehen. Die letzten gemeinsamen Sekunden, wir wissen nicht mehr wohin mit unseren Händen, und dann: Nichts! Es hört etwas auf, ohne das etwas anderes anfängt.

    So wird es sein, wenn es eines Tages soweit ist: das Sterben. Aufhören zu sein. Es kommt einfach nichts Neues mehr. Es kommt nicht einmal etwas Bekanntes, nicht einmal mehr das Immergleiche. Jede Erfahrung, die wir im Leben haben machen können, wird nicht ausreichen, um das zu beschreiben. Oder gar zu erfassen. Es hört einfach alles auf zu sein.

    Wenn eine Liebe zu Ende geht, ist das wie Sterben. Etwas hört auf, ohne dass etwas anderes anfängt. Das ist eine Erfahrung, die man im Leben sonst nicht macht. Aber das Ende einer Liebe überlebt man doch irgendwie. Obwohl man es nicht für möglich gehalten hat: man fängt wieder an. Man fängt wieder zu atmen an. Man lebt weiter. Mit Verletzungen, die lange nicht verheilen, die vielleicht nie verheilen. Aber man lebt. In den Momenten des Sterbens hingegen ist kein Leben mehr. Nichts Neues, nichts Versprechendes, nichts Ankündigendes. In diesen tiefen Schmerzen des Alleinseins, des Verlassen-Werdens, wenn man jemanden gehen lassen muss, den man nicht gehen lassen will. Es ist alles nur noch Vergangenheit, ödes, verbranntes Land. Was sich da noch regt, ist unerreichbar. So nah es zu sein scheint. Man meint hin greifen zu können und dennoch: dorthin führt kein Weg. Für immer verschlossen, liegt die gemeinsame Zeit hinter einem.





    01 Mai 2009

    Anfang, vor allem Anfang

    Der Anfang ist nicht das Erste. Es gibt etwas, das vor jedem Anfang liegt. Die Frage: wie anfangen?Wie hat das Universum, wie hat Gott angefangen?

    Am besten fängt man einfach an, ohne lange nachzudenken. Irgendwie haut es dann schon hin. Das Universum hat mit dem Urknall angefangen und die Menschheit mit Adam
    und Eva. Meine Hochachtung an die Kollegen vom physikalischen und theologischen Institut, beides sind gelungene Anfänge. Irgendwie muss jede Geschichte losgehen. Es muss
    losgetreten werden: das Vergehen von Zeit. Denn nur wenn Zeit vergeht, geschieht etwas. Oder umgekehrt.

    Die Vertreibung aus dem Paradies ist zu verstehen als das erste Vergehen, im doppelten Sinne des Wortes, im temporären wie im moralischen. Das Erkennen der Sündigkeit, das Erkennen der eigenen Nacktheit, aber auch jenes Erkennen, dass das Elysium, der Garten Eden, das Unreflektierte und das Nichtwissen bereits hinter einem liegen, sind Vergehen. In dem Moment, da man erkennt, dass etwas hinter einem liegt, entsteht Vergangenheit. Erkenntnis und Reflektion: Das sind die eigentlichen Vergehen des modernen Menschen.

    Auch die erste Geschichte musste irgendwie anfangen. Vielmehr die Geschichte vom Ersten. Die Geschichte vom Anfang ist schon nicht mehr der Anfang selbst. Das Erste ist bereits vorüber, wenn es erzählt werden kann. Das ist unser Schicksal und das unseres Bewusstseins: Die Würfel sind bereits gefallen, wenn wir hinzukommen. Aber das ist nicht weiter
    schlimm. Weil wir erneut anfangen müssen. Immer wieder müssen wir den Würfel in die Hand nehmen.

    Meine Webpräsenz besteht aus sechs einzelnen Seiten, den sechs Seiten oder Möglichkeiten eines Würfels. ›Gott würfelt nicht‹, hat Einstein behauptet. Ein schönes Bild dafür, dass im Universum nichts zufällig geschieht. Die Sentenz Einsteins sagt jedoch nichts darüber aus, warum Gott nicht würfelt: weil er nämlich lieber Karten spielt. Die Aleatorik – das Zufällige und Willkürliche – scheint keine Methode von Gottes Gnaden zu sein. Und schon gar keine divinatorische. Die Aleatorik, die sich des klassischen Kubus bedient, also ein regelmäßiges Hexaeder ist, hat nämlich nur sechs Flächen. Da ist kein Platz für einen Sonntag.

    Bekanntlich brauchte Gott am siebten Tag vor allem Ruhe. Obwohl man ihn durchaus im Verdacht haben könnte, schon an den Tagen zuvor in Pausenlaune gewesen zu sein: Wenn
    man sich die Welt anschaut, dann muss man zugestehen, dass ein genialer Plan anders aussieht. Was manche hochtrabend ›Die Schöpfung‹ nennen, macht doch einen recht  zusammengewürfelten Eindruck. Vielleicht kommt die Aleatorik ja doch noch zu ihrem Recht.

    Der erste Eintrag in diesem Blog: mein Anfang. Ein geradezu göttliches Gefühl. Mir wird’s, zugegeben, ein wenig schwindelig. Gott hat wahrscheinlich auch geschwindelt an seinem Anfang. Warum sollte ich also die Wahrheit sagen?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben