Aléa Torik: Lieber Christian, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich freue mich, dass Sie ungeduldig waren. Ungeduld ist ja nicht nur fehlende Geduld, sondern auch Neugier und das ist es eben, was...
Aléa Torik: Liebe Alice und lieber Dietmar, ich habe diesen Beitrag der meinen Roman ankündigt jetzt oben weggenommen. Das war tatsächlich wohl nicht förderlich für die anderen Artikel und wer hier...
Aléa Torik: Liebe Dietmar, lieber Avenarius, vielen Dank für die Hinweise. Ich kann mit Technik wenig anfangen. Ich habe dem Mann, der diese Umstellungen macht, eine Mail geschrieben. Er hat...
Christian: Hallo Alea, ok, ich war zu ungeduldig um auf’s angekündigte ebook zu warten. pardon. Warten ist keine Stärke von mir. Ich werde das Warten gerne nochmal üben. Und zwar auf die...
avenarius: Krummes ist gerade geworden, halbes voll.- Meine Hinweise von soeben haben sich scheinbar erledigt. Einen schönen eisigen Tag avenarius
avenarius: … andere kommen zweimal – alles geht schief.
avenarius: Der jeweils erste Kommentar geht unter. Freundlichst – avenarius
Der Buecherblogger: Liebe Aléa, leider lassen sich auch die Kommentare anscheinend nicht mehr aufrufen. Den von Alice kann ich nur links bis zu den drei Punkten lesen, der Kommentar selbst wird nur...
Alice: Liebe Aléa, vielleicht liegt das auch daran, dass man bei einem kurzen, flüchtigen Besuch gar nicht merkt, dass Sie einen neuen Text eingestellt haben, denn ganz oben steht immer noch der...
Aléa Torik: Liebe Ulrike, es muss nicht jede_r eine vollständige Rezension einstellen. Ich freue mich, wenn du etwas mit dem Buch anfangen kannst und Leute kennst, die das auch können. Nicht nur...
Aléa Torik: Liebe Claudia, hier wird’s auch kalt, aber keine sibirische Kälte. Nur einfache Kälte. Ich mag Winter und Kälte auch sehr, vor allem draußen, wenn man schön warm angezogen ist und wenn...
Ulrike Berretz: Liebe Aléa, am Wochenende habe ich das Geräusch das Werdens in Happen sprich Kapiteln genossen. Und direkt Montag ein weiteres Exemplar an eine Kollegin verschenkt. Nicht besonders...
Claudia Katzmarski: Liebe Aléa, ja, hier in Stockholm ist es auch sehr kalt! Aber es ist auch genau die richtige Zeit, sich mit (d)einem guten Buch in einen gossen Sessel zu kuscheln… Liebe...
Aléa Torik: Lieber Avenarius, da muss noch mal der Mann mit dem Bohrer oder dem Hammer ran! Ich werde dem gleich mal eine Mail schreiben. Was haben die Menschen eigentlich früher gemacht, als...
avenarius: Liebe Alea, komisch, dass diese Internetzseiten regelmäßig in funktioneller Hinsicht kollabieren. Selbst Fachleute wundern sich, wenn sie sehen, wie ihr Model auf dem Laufsteg aus den...
Aléa Torik: Ich fürchte fast, dass da noch einiges nicht in Ordnung ist. Der Kommentar steht dort, wo er stehen soll, aber er ist dreimal vorhanden. Oder zehn Mal. Da muss ich noch etwas ändern.
Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich bin heute kurz angebunden. Entweder bin ich im Stress oder ich bilde mir das nur ein. Warten Sie noch ein paar Tage und dann kommt der Artikel. Allerdings dürfen...
phorkyas: Liebe Alea, dann warte ich gespannt. Vielleicht gibt es dann ja auch was Neues zu überlichtschnellen Neutrinos, Higgs-Bosonen oder dunkler Materie. Herzlich, Phorkyas
Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich bin auf Ihre Reaktion gespannt. Es wird sicher viele verschiedene Reaktionen geben und was dem einen gefällt, ist dem anderen ein Graus. Das ist der Reichtum,...
Iffland: Liebe Aléa Torik, manchmal ist man ja verblüfft über so manche Entwicklung in unmittelbarer Nähe, so dass Ihre Frage nach meinem Befinden ausgerechnet heute -und trotz meiner Sparsamkeit...
Archiv vom Mai, 2009
31Mai2009
Die Drei-A-Theorie
Die Drei-A-Theorie gehört zu den großen Theorien. Sie stammt von meiner Freundin Susanna, einer promovierten Philosophin. Wie viele Geisteswissenschaftler hat auch Susanna ein Faible für Theorien. Vor allem für große Theorien, also solche, die nicht nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit beschreiben, sondern einen universalen Anspruch haben.
Die berühmteste aller Theorien stammt wohl von Sir Isaac Newton, steht in der „Prinzipia Mathematika” und trägt den altehrwürdigen Namen „Gravitationstheorie”: Alle schweren Körper fallen nach unten. Und zwar überall, auch im entferntesten Winkel des Universums, also auch in einer Region, in der man gar nicht zwischen oben und unten unterscheiden kann und wo schwere Körper, wie zum Beispiel Planeten, am Himmel zu hängen scheinen und eben nicht herunterfallen. Dieses Nichtfallen steht nicht im Widerspruch zur Theorie, es beweist sie erst: Planeten fallen nicht, weil sie sich gegenseitig anziehen (angeblich soll Newton die Idee dazu gekommen sein, als er unter einem Obstbaum saß und ihm ein Apfel auf die Birne gefallen ist).
Andere große Theorien sind der Erste und der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der so genannte Energieerhaltungssatz und der Satz von der Entropie. Auch die Relativitätstheorie ist eine Theorie mit universalem Anspruch. Es ist kein Ort denkbar, an dem sie nicht gelten.
Eine universale Theorie muss drei Qualitäten aufweisen: sie muss so einfach wie möglich sein (um mit Einstein zu reden: so einfach wie möglich, aber auch nicht einfacher. Dies ist ein echtes Bonmot und legt die Vermutung nahe, dass Einstein mehr gekonnt haben muss als ein bisschen Kopfrechnen: alles auf der Welt kann schwieriger sein als nötig, aber nichts kann einfacher sein als möglich. Im ersten Fall wäre etwas lediglich unnötig, im zweiten aber unmöglich. Und was unmöglich ist, ist nicht), sie muss schön und sie muss nachvollziehbar sein. Über Schönheit lässt sich bekanntlich streiten und über Nachvollziehbarkeit, vor allem von Theorien mathematischer und physikalischer Natur, ebenfalls. Gute Theorien, die allen drei Anforderungen Genüge tun, gibt es nicht viele. Und sie fallen, anders als Äpfel oder Birnen, auch nicht vom Himmel.
Jetzt zur Drei-A-Theorie. Sie ist eine universale Theorie, da sie den Anspruch hat, überall und zu aller Zeit zu gelten. Außerdem kann sie jeder verstehen. Hier die Theorie im Wortlaut und in voller Schönheit: „Bei Liebeskummer hilft einzig und allein: Arbeit, Alkohol oder andere Männer.”
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ob richtig oder falsch, ob in einem Aggregatzustand, in einem anderen oder in keinem, mein Herz ist voller Sehnsucht. Auch wenn mir das nicht gut tut. Der Zustand, in den dieser Mann mich versetzt, außerhalb der drei bekannten Aggregatzustände, diese glückliche Verzweiflung, erinnert mich an einen ähnlichen Ausnahmezustand, vor vielen Jahren, in Bukarest, und an die Zeilen von Edmond Rostand:
„Ruf laut, welch bittrer Stolz dein Herz umgibt,
Doch leis gesteh mir, dass sie dich nicht liebt.”
Das einzig mögliche Sedativum: Björk, Unravel. Hundert Mal hintereinander. Das ist das einzige, was hilft. Auch wenn es in Wirklichkeit nicht hilft. Es macht sogar alles noch schlimmer. Aber Verschlimmern ist das einzige was hilft. Auch wenn es nicht hilft. Auch wenn es alles noch schlimmer macht.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Das Lesen von Rezensionen dient bei mir dem Gefühl für die momentane literarische Tektonik, für Strömungen und Themen, hat aber selten Auswirkungen auf die Wahl eines Titels. Rezensionen bauen Erwartungen auf und wenn ich einer Rezension folge, bin ich meist enttäuscht. Ich lese auch die Klappentexte; und glaube ihnen grundsätzlich kein Wort. Klappentexte sind eine ganz eigene Textsorte, die alles Mögliche beschreiben können; und es auch tun. Aber sie beschreiben eben das Mögliche, nicht das Wirkliche.
Beim Tellkamp hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, weil ich mit seiner schönen Sprache entschädigt worden bin. Allerdings täuscht auch diese vokabelintensive Sprache nicht über die Ereignislosigkeit in seinem Buch hinweg. Womöglich ist das aber auch die These des Autors, dass die Ereignislosigkeit, die er da beschreibt – indem er vieles eben nicht beschreibt – mitverantwortlich für den Untergang der DDR gewesen sein sollte: Chapeau! dann hat er eine schöne These und sein Ziel, wie ich finde, erreicht. Wenn auch nach einem Kräfte zehrenden 900 Seiten-Marathon.
Bisweilen war die Lektüre allerdings auch recht eintönig. Das gehört womöglich dazu, zu der Ereignislosigkeit, besser gesagt, zu dem Stillstand der Ereignisse. Es sind keine Veränderungen und keine Entwicklung möglich. Und dadurch kommt es zu einem Stillstand der Zeit. Dies kann einer nur dann beschreiben, wenn er sich sehr viel Zeit nimmt; und nahezu nichts dabei beschreibt. Dass dieser Stillstand der Zeit Tellkamps These sein mag, wird auch durch den ursprünglichen Untertitel dieses opus magnum nahegelegt: Der Schlaf in den Uhren. Das ist auch meine eigene Erfahrung: Zeit vergeht in Rumänien anders als in Deutschland. Das liegt nicht nur daran, dass ich, als ich dort lebte, jünger war und mit zunehmendem Alter eine Akzeleration des Zeitempfindens stattfindet.
Glückwunsch, Herr Tellkamp, Ihr Buch hat mir Spaß gemacht. Ich habe dennoch das Gefühl, dass Ihnen die Angelegenheit gegen Ende – oder vielleicht sogar schon in der Mitte? -aus dem Ruder gelaufen ist und zur Soldatenburleske wurde, was auf den ersten Seiten als ernster Roman gestartet war. Oder sind Sie vielleicht auch so ein Erste-Seiten-Verweigerer und haben sich gedacht, dass Sie die Rezensenten an der Nase herumführen?
Nachdem ich mich in den letzten Monaten von blutjungen Halunken habe verführen lassen, unter anderem von diesem Aravind Adiga (den habe ich, wie Mathias Faldbakken auch, vor Anbruch des Morgens vor die Tür gesetzt), wende ich mich jetzt wieder älteren Herren mit ernsteren Absichten zu. Ich schiele zum „Marbot” von Wolfgang Hildesheimer hinüber, aber ich schiele schon seit zwei oder drei Jahren. Vielleicht wird’s dabei blieben. Weil ich auch dieses Mal, da ich ihn mit beiden Augen fest fixiere, etwas anderes vorschiebe: den Essay von Jorge Luis Borges über das Lesen. Davor greife ich mir den Bruno Schulz, „Die Zimtläden”. Gestern gekauft. Ich habe den Umschlag gesehen, den Klappentext gelesen und dann ein paar Zeilen, irgendwo um die Seite hundert herum.
Und danach schlägt meine Leidenschaft für gut aussehende Autoren wieder durch und es kommt „Die schonende Abwehr verliebter Frauen”, von Adam Soboczynski an die Reihe. Das wird hoffentlich ein amouröses Abenteuer. Ich habe einfach keine Lust, die Herren, Enttäuschung um Enttäuschung, vorzeitig bitten zu müssen, meine Schlafstatt zu verlassen. Aber so ein grandioser Titel muss einfach Lust machen. Das Buch kann ruhig noch ein wenig liegen. Das muss in meinem Bücherstapel von oben nach unten sinken und dann wieder langsam aufsteigen. So ist das mit der Lust, man kann nicht stunden- und tagelang, Seite um Seite, auf dem Höhepunkt verbleiben, das muss an- und absteigen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ich habe bei keinem der Kandidaten für den Deutschen Buchpreis im vergangenen Herbst die ersten Seiten gelesen. Auch beim Uwe Tellkamp nicht, den ich dann gewählt habe. Und ich habe ihn gewählt, weil ein Rezensent behauptet hat, der Autor schreibe über das Bildungsbürgertum der DDR. Hat der aber nicht.
Auf den ersten Seiten konnte man allerdings der Meinung sein, der Herr Tellkamp würde im weiteren Verlauf seines Buches etwas in dieser Art schreiben. Vielleicht fand der Rezensent das Buch einfach zu dick, ums in Gänze zu lesen und er hat’s dann bei den ersten Seiten belassen. Das kann man ihm nicht ganz übel nehmen. Herr Tellkamp drückt nicht gerade aufs Gaspedal, was die Lesegeschwindigkeit angeht. Ganz im Gegenteil: versteht man Lesen als Bewegung, dann macht Uwe Tellkamp eine Gleichgewichtsübung aus seinem Text.
Ich habe den Rolf Lappert nicht gewählt, weil mir das Foto auf dem Umschlag nicht gefiel. Ich habe die Iris Hanika nicht gewählt, weil mir der Titel nicht gefiel, den Ingo Schulze nicht, weil mir nichts von ihm gefällt, und den Sherko Fatah nicht, weil ich mich da schon für den Uwe Tellkamp entschieden hatte. Dietmar Dath habe ich nicht gewählt, weil ich die liebedienerische und unterwürfige Art nicht mag, mit der die Iris Radisch sich in einer Rezension in der ZEIT an ihn heranschleicht. Die kennen sich bestimmt und die Radisch war dem Dath von Herzen dankbar, weil der ihr beim letzten Mal so ein hübsches Kompliment über ihren Busen oder ihren Hintern gemacht hat und die Radisch einfach nicht wahrhaben will, dass der Dath im Fiktiven zu Hause ist. Die Radisch hat angenommen, der Dath meine es ernst mit ihr, aber der Dath meint gar nichts Ernst. Das hätte die Radisch verstehen können, wenn sie eine einzige Zeile vom Dath verstanden hätte. Jetzt sitzt sie zu Hause und heult sich die Augen aus dem Kopf.
Der Fischmarkt ist auch ein Heiratsmarkt. Und einer der großen Illusionen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Auf dem Fischmarkt wollen alles dasselbe: die ersten Seiten. Alle wollen dort zeigen, was sie können. Die Autoren wollen zeigen was sie schreiben können, die Lektoren wollen zeigen was sie streichen können, die Korrektoren was sie redigieren und die Rezensenten was sie ignorieren können. Bücher, scheint es, kann man überhaupt nur mit den ersten Seiten machen. Der ominöse Rest mag durchaus gelungen sein, und es mag auch den einen oder anderen Mitmenschen geben, der mit sich wenig anzufangen weiß, der nicht weiß, was Freizeitgestaltung ist, und das dann tatsächlich alles liest: aber diese vielen Seiten machen ein Buch eigentlich bloß unnötig dick. Außerdem nehmen Bücher wahnsinnig viel Platz weg in Buchhandlungen. Das ist ja auch ökonomisch unsinnig. Das macht die Bücher bloß teuer, schwer und schwer verkäuflich.
Die ersten Seiten von „The Cocka Hola Company” von Mathias Faldbakken, erschienen im Blumenbar Verlag, sind wunderbar geraten; aber nach der ersten Ejakulation – das Personal des Romans verdient Geld mit Pornofilmen und das Buch beginnt mit einer entsprechend deftigen Szene – ist nicht nur der Hauptdarsteller mit seiner Lust am Ende, sondern offenbar auch der Autor. Vielleicht wird’s jenseits von Seite 50 wieder besser. Aber ohne mich. Ich will nichts über Pornografie lesen, um mich dann auf dröge Kost setzen und nur noch am kleinen Zeh kitzeln zu lassen. Im genannten Fall waren es nicht einmal die ersten Seiten, die mich überzeugt haben. Es war die Umschlaggestaltung und der Untertitel: Skandinavische Misanthropie. Liebe auf den ersten Fick wäre treffender gewesen.
Selbst der sexgeilste Bücherwurm braucht, wenn er einen Buchladen betritt, einen Moment, um sich zu orientieren und ein Objekt ins Auge zu fassen, auf das er Appetit hat. Wer Liebe will, ist auf den ersten Seiten falsch. Da gibt’s nur Sex. Liebe hingegen muss über Seiten und Seiten wachsen, sie muss durch Glück und Verzweiflung gehen, durch Einzigartigkeit und Alltäglichkeit. Man kann nun gerne glauben, dass die Liebe nach und nicht vor dem Sex kommt und es gibt auch keinen Grund, warum das nicht so sein sollte. Aber was und wer immer da noch kommt, eines kommt nicht mehr: das Rendezvous. Der Anfang, wenn zwei einander zum ersten Mal gegenüber stehen. Ich jedenfalls will eine Verabredung und die Anspannung davor, wenn ich vor dem Spiegel stehe und dabei versuche, mich mit dem Blick meines Gegenübers zu sehen.
Man muss mich nicht rumkriegen. Ich will ja auch. Ich will ja lesen und lieben. Ich will ja in den Armen einer anderen Welt versinken. Ich will die Ekstase. Aber ich will mich nicht gleich im Buchladen vögeln lassen. Ich will umgarnt und verführt werden. Ich brauche Andeutung, Anspielung, Aufregung, die erotische Spannung eben. Ich brauche das Spiel und die Hoffnung. Eines aber brauche ich nicht: Die leere Versprechung, dass genau dieses Buch die Liebe meines Lebens wird. Diese Versprechung findet sich immer auf den ersten Seiten. Später macht sie nämlich keinen Sinn mehr. Dort klänge sie lediglich nach einem vertrösten. Vertrösten aber ist das Gegenteil von Trost.
Ich lese, wenn ich mir ein Buch aussuche, nie die erste Seite. Die erste Seite ist das letzte, was ich lese. Also ich lese sie schon, und auch zuerst. Aber wenn ich sie lese, ist das Buch längst bezahlt.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ich achte auf meine Ernährung und kaufe, wenn es das Budget hergibt, im Bioladen. Ich bin Vegetarierin, aber ich esse Fisch. Fisch ist gesund, reich an ungesättigten Fettsäuren. Den kaufe ich am liebsten auf dem Markt, wo er frisch ist. Ich schlendere gerne und schaue mich um. An manchen Ständen liegen Prospekte und Tabellen in den Auslagen, wo die Fische systematisiert werden, nach Fischfamilien und Herkunft, Süß- oder Salzwasser. Es gibt gezüchtete und frei lebende Fische, solche aus fließenden und aus stehenden Gewässern, Fische in Küstennähe, Hoch- und Tiefseefische. Manche Fische werden geangelt, andere harpuniert, Schwärme werden in Netzen gefangen.
Die Weltmeere werden von Kuttern, Schleppern und Trawlern durchpflügt. Der Fang wird in der Regel noch vor Ort verarbeitet, nur wenige Fische kommen lebend an Land. Der größte Teil wird ausgenommen und eingefroren, der kleinere kommt auf den Fischmarkt. Die Fischverkäufer versuchen die Kunden an den eigenen Stand zu locken und Ihnen den Fisch so schmackhaft wie möglich zu machen. Einem Fischkörper anzusehen wie er später schmeckt, ist eine besondere Kunst. Und eine größere Kunst noch ist es, den toten Fisch in der heimischen Küche in ein lebendiges Geschmackserlebnis zu verwandeln.
Zur Regulation der Kundenströme gibt es Prospekte und Ankündigungen, Webseiten, Besprechungen in Fischzeitschriften, Fischhandlungen, Stände und Imbissbuden die von den Fischvertretern besucht werden. Und es gibt die medialen Ereignisse wie die Verleihung des Deutschen Fischpreises, mit longfishlist und shortfishlist. Es gibt Fischagenten und Fischscouts und die Fischmessen in Frankfurt und in Leipzig. Dort werden die großen Fischschwärme der Weltmeere unter die kulinarische Lupe genommen. Was gestern der frankophonen oder der anglophilen Welt gemundet hat, soll heute auf dem heimischen Tisch seine geneigten Esser finden.
In Neptuns Reich gibt’s vor allem die kleinen Fische. Obwohl alle von einem guten Fang träumen, und davon, einmal einen richtig dicken Fisch an Land zu ziehen. In so einem Fall wird der Fisch sogar um Auskunft gebeten. Vorausgesetzt er riecht nicht unangenehm, hat keine Gräten, keine Schuppen, keine triefenden Augen und er sieht auch nicht aus wie ein toter Fisch. Er muss adrett und freundlich daherkommen, das muss ein richtig doller Hecht sein und kein dürrer Hering. Er muss die ganze Zeit lächeln, die Kiemen halten und darf nur antworten, wenn er gefragt wird. Und vor allem muss er seine Flossen bei sich behalten, wenn eine hübsche Ichthyologin ihn interviewt. In so einer Situation darf er sich nicht als Wels im Schollenpelz herausstellen. Andernfalls wird er von den Standbesitzern umgehend zu Fischstäbchen verarbeitet. Oder, aber da muss der Fisch schon Glück haben, zu einer wohlschmeckenden Bouillabaisse.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ich bin nicht klug und auch nicht dumm,
bin mehr so mittendrin.
Halb mit Verlust und halb Gewinn,
schieb ich’s so hin und her. Ich schiebs, ich schiebs im Kopf herum,
ich schieb es längs, ich schieb es quer, von unten schieb ich’s nach oben.
Doch nirgends findets seinen rechten Ort.
Nach allem Schieben bleibt ein jedes Wort
was es zuvor gewesen, nur verschoben.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Ich brauche Worte. Ich brauche Bücher. Und ich brauche Bücherregale, in denen die Bücher stehen. Ich sortiere das nicht, ich stelle sie wahllos irgendwohin. Ich finde auch nie etwas wieder. Weil ich das ebenfalls brauche, dieses Suchen nach Büchern. Ich brauche auch die Unruhe, weil ich wieder einmal ein Buch nicht finde. Und dann suche ich in meinem Gedächtnis nach etwas, das diesem Buch zuzuordnen ist, ein Bild, ein Titel, ein Klappentext. Ich suche nach der Situation, in der ich das Buch ins Regal gestellt habe. Ich suche nach Gedanken und Empfindungen, die ich beim Lesen hatte, und nach einzelnen Worten aus diesem Buch. Als würden sie nur dort stehen können. Als seien Worte etwas sehr Spezielles und Besonderes. Etwas inmitten ihres unerschöpflichen Vorkommens absolut einmaliges.
Mehr noch als einzelne Worte, als Bücher und die Reihen, die sie in meinen Regalen bilden, brauche ich die Bücherstapel. Im Flur stehen die, die weg sollen, die ich nicht länger in der Wohnung haben will, weil sie mir nicht gefallen. Auf dem Schreibtisch liegen die, die ich für meine Promotion brauche und daneben jene, die kurz davor sind auf den Schreibtisch zu kommen oder schon wieder von ihm herunter mussten. Die meisten sind wissenschaftlicher Natur, ausgeliehen aus Bibliotheken und ich muss die Rückgabefristen beachten.
Der Stapel neben dem Bett ist der wichtigste. Das ist auch der höchste. Da kommen die Bücher hin, die ich gekauft habe, weil ich sie lesen will. Dort herrscht die größte Unruhe. Wenn ein neues Buch dazu kommt, wird’s zuerst obenauf gelegt. Da ich meist mehrere Bücher gleichzeitig lesen will, mich aber nur auf eins konzentrieren kann, nehme ich bei jedem Neuankömmling eine erneute Bewertung des gesamten Stapels vor. So sickert ein Buch mit der Zeit nach unten, bis es, nach Wochen oder Monaten der Abwärtsbewegung, wieder aufsteigt.
Ich könnte die Bücher in meinen Regalen sortieren, nach Themen, nach Ländern oder nach Genre, nach Größe oder Farbe, Benefit oder Plaisir beim Lesen. Die Worte könnte ich entsprechend behandeln, alphabetisch, nach Etymologie oder Fachgebieten angeordnet. Oder einfach der Länge nach. Das würde Ordnung bringen. Ich könnte dann aufhören zu suchen und mich beruhigen. Und das kann ich nicht. Weil sich die Worte nicht beruhigen lassen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
„Was kann die Welt mir wohl gewähren?
Entbehren sollst du! sollst entbehren!
Das ist der ewige Gesang,
Der jedem an die Ohren klingt,
Den, unser ganzes Leben lang,
Uns heiser jede Stunde singt.
Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf,
Ich möchte bittre Tränen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht EINEN Wunsch erfüllen wird, nicht EINEN,
Der selbst die Ahnung jeder Lust
Mit eigensinngem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
Auch muss ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ängstlich auf das Lager strecken;
Auch da wird keine Rast geschenkt,
Mich werden wilde Träume schrecken.
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen;
Der über allen meinen Kräften thront,
Er kann nach außen nichts bewegen;
Und so ist mir das Dasein eine Last,
Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.”
Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.
Der Übergang vom Winter zum Frühling ist meist einer von wenigen Tagen. Die Menschen schauen etwas unsicher. Hier und da sieht man ein vorsichtig angedeutetes Lächeln, als wenn sie dem Braten nicht trauen. Und dann gibt’s einen Ruck. Alle strahlen und der Frühling ist da. Es ist jedes Jahr dasselbe, in Berlin nicht anders als in Bukarest. Und doch bin ich jedes Mal aufs Neue erstaunt.
Ich beobachte die Blicke der Männer, die den Frauen folgen. Und die setzen sich diesen Blicken aus. Würden Frauen dermaßen kurze Röcke tragen, wenn es keine Männer gäbe, die sie dabei beobachten? Das ist eine alte Frage von uns Sprachwissenschaftlern: würden wir reden, wenn es niemanden gäbe, der uns zuhörte? Würden wir uns hübsch machen, wenn es niemanden gäbe, der das bemerkt? Ich spüre diese Blicke auch an mir. Auch meine Röcke sind kurz. Und dennoch wehre ich mich gegen diese, die Röcke verkürzenden Blicke anderer. Ich müsste, wenn es danach ginge, einen langen Mantel tragen. Mache ich aber nicht. Ich wehre mich nur ganz schwach, nahezu unmerklich.
Ich komme nicht in diese Stimmung hinein, in der alle anderen zu sein scheinen. Ich versuche, nicht an diesen Mann zu denken. Ich versuche es immer wieder, so dass ich an nichts anderes denke. Ich müsste an mich denken, aber ich denke an ihn. Ich denke daran, dass er an mich denkt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: er denkt nicht an mich. Aber ich denke an ihn. Gerade so als ob es ihm gut täte. Ich müsste mich fragen, was mir selbst gut tut. Aber diese Frage tut mir schon nicht gut. Ich will mir gar nicht ausmalen müssen, wie es mit einer möglichen Antwort aussieht.
Ob ich es nun als Liebe oder als Leere bezeichne, als Selbst oder als Selbstlosigkeit: ich beziehe mich auf einen anderen. Ich befinde mich in der Auseinandersetzung mit einem anderen. Was aber ist dieses Selbst? Etwas, das man mit dem Verb haben beschreiben könnte? Hat man ein Selbst, das man dann sein Selbst nennt, wie man ein Konto hat? Mal befindet man sich im Plus, mal im Minus. Hat man ein Selbst oder muss man es vielmehr beständig herstellen? Und hat’s dann doch nie? Weil es nicht statisch, sondern dynamisch und prozessual ist. Ist dieses Selbst unser innerster Kern, unser Wesen, unsere Seele? Etwas, das allen Veränderungen und allen Verformungen zum Trotz immer bestehen bleibt? Unser tiefstes Innerstes? An den Rändern hingegen franst es aus, es wird unscharf und das Selbst, das Ich, verwandelt sich in ein Du? Ist das Selbst eine psychische Konstruktion, eine narzisstische Struktur, ein filigranes, wackeliges Gerüst, das bei jeder noch so vorsichtigen Berührung zusammen zu stürzen droht? Das Selbst als der kategorische Ausschluss anderer? Und man wäre dann man Selbst, wo man nichts anderes ist? Dann wäre es lediglich eine negativistische Konstruktion. Oder ist man dieses Selbst vor allem in Beziehungen auf andere? Definiert man das in der Liebe anders als in der Leere? Ist das Selbst etwas mit sich Identisches? Oder ist es gerade durch die Differenz, durch das Nichtidentische? Ist es das, wonach man fragt? Ist es nur dann, wenn man fragt? Wird es vielleicht durchs Fragen gefährdet? Oder ist das vollkommen gleichgültig, weil es sowieso unhinterfragbar ist?
Ich rede und ich mache mich hübsch für einen anderen. Auch wenn dieser andere nicht da ist, wenn er kein Wort von dem erfährt, was ich rede und schreibe. Auch wenn er mich nicht sieht. Wenn mich nur andere sehen. Aber die anderen sind eben auch anders. Und vielleicht reicht das schon. Vielleicht reicht das, wenn man morgens vor dem Kleiderschrank steht und vor dem Spiegel: das man von einem anderen gesehen wird. Egal von wem. Auch dann, wenn einem die Blicke nicht gefallen.
Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
geschehn aus unablässigem Bestreben.
Aléa hat’s hierher gestellt,
und zwar soeben.