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    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird coqettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird massiert




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    Kommentare:

  • Aléa Torik: Lieber Herr Iffland, ich freu mich über Ihre Worte! US ist ja tatsächlich lange her, in meinem Erleben jedenfalls. Das waren witzige Monate, ich habe ja fast zu Hälfte für dieses Blog...
  • Iffland: Liebe Aléa Torik, in der Tat, ein schöner Tag für Sie und meinen allerherzlichsten Glückwunsch! Ich bin seit dem “DFW-100 Tage unendlicher Spaß”-Blog alle paar Wochen hier...
  • Aléa Torik: Lieber genova, das habe ich mit links gemacht. Deswegen hat es so lange gedauert! Den nächsten Text schreibe ich einfach mit rechts. Aléa
  • genova: Gratuliere!
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, immer, wenn ich Ankündigungen mache, geht’s schief. Dennoch, ich kündige etwas an. Eine Auseinandersetzung mit einem Buch über das CERN, sehr interessant, kennen Sie...
  • Aléa Torik: Liebe Alice, vielen Dank für die Information. Es sieht tatsächlich so aus, als würde der klassische Buchhandel zuerst bedient, was ganz in meinem Sinne ist. Ich gehe gerne in...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, ich habe heute mit meinem Verleger gesprochen, der riet dir, bei Prolit anzurufen. Aber jetzt ist es ja da. Ich hoffe, es gefällt dir und es findet einige Leser. Ich bin...
  • Alice: Liebe Aléa, ich hab’s! Meine Buchhändlerin war schneller als Amazon… Herzlich, Alice
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, heute früh habe ich deinen Roman ausgepackt …. Liebe Grüße ,Ulrike
  • phorkyas: Liebe Alea, Sie werden sich doch nicht von einer Glühbirne ruinieren lassen? (Nicht einmal Byron sollte das können.) Da Sie doch einmal manche Dissertationsthementitel so aberwitzig...
  • Aléa Torik: Lieber Hausdrachen, ich stehe ja mehr auf richtige Drachen, aber das wäre ein anderes Thema. Und es ist eigentlich auch ein Witz. Ich habe gestern meinen ersten Roman geschrieben. Haha....
  • hausdrachen: Soso. Auch aus Rumänien. Ich geh jetzt mal auf Reisen in diesem Blog.
  • Aléa Torik: Lieber Phorkyas, ich sitze hier bei Kerzenlicht und Sie reden von offener Zukunft. Nun sind hier nicht die Atomkraftwerke abgeschaltet worden, oder explodiert, sondern viel schlimmer:...
  • Phorkyas: Liebe Alea, beste Wünsche auch von meiner Seite – leider wieder asynchron – ich kann Ihrer Freude etwas nachfühlen insofern ich letzte Woche meine Verteidigung hinter mich...
  • Aléa Torik: Liebe Ulrike, ich habe keine Ahnung. Nach meiner Information ist es ab Montag lieferbar. Ich weiß von jemandem, der es bei Amazon bestellt hat, dass der morgige Tag als Lieferdatum...
  • Ulrike Berretz: Liebe Aléa, voller Vorfreude kam ich eben in den Laden und jetzt noch mal acht Tage warten ? Wie kommt´s ? Liebe Grüße, Ulrike
  • Aléa Torik: Lieber NO, vielen Dank, dass Sie daran gedacht haben. Ja, heute ist der Tag. Ich hätte es nicht erwartet, nicht einmal gestern, als der heutige Tag nicht mehr weit weg war. Ich habe...
  • NO: Meine liebe Alea Torik, der Gute-Laune-Tag ist da! Großen Glückwunsch von hier! Ich werde, falls ich Zeit finde, nachher in eins, zwei Buchläden gehen, um zu schauen, ob da „Das Geräusch des...
  • Aléa Torik: Liebe Alice, ich bin ein wenig erschrocken, dass Sie einen Kommentar geschrieben haben. Sie können gerne, wenn das nicht Ihre Kommunikationsform ist, auch hier nur mitlesen. Sie müssen...
  • Alice: Liebe Aléa, an welchem Ort werden Sie sich aufhalten, Morgen, am Escheinungstag (Geburtstag?) Ihres ersten Romans? Ich hoffe und wünsche: an einem wirtlichen Ort und in angenehmer...

  • 23 Januar 2012

    Das Geräusch des Werdens: Man bevorrate sich!

    Heute erscheint mein Debüt. Das ist ein sehr schöner Tag in meinem Leben, saugut sozusagen!

    Sie können einen Blick in den Text werfen. Ich weiß nicht, was Sie dort sonst noch sehen können, aber zumindest können Sie sehen, ob er Ihnen gefällt.

    Sie können das Buch überall kaufen. Überall, wo es Bücher gibt. Meine Empfehlung ist der klassische Buchhandel. Für alle, die sich nicht in eine Buchhandlung trauen, hat man das E-Book erfunden. Auch das wird es geben. Ich weiß noch nicht, wann das soweit sein wird. Man könnte seine Hemmungen allerdings auch überwinden. In Buchhandlungen geht man ja nicht allein, um ein Buch anzuschauen und zu kaufen. Da geht man wegen der andern hin, die auch nicht wegen der Bücher da sind. Andere Menschen anzuschauen und angeschaut zu werden, gehört ja mit zum Aufregendsten im Leben. Die Bücher kauft man dann aus Verlegenheit. Oder weil man ein wenig angeben möchte, vor seiner neuen Eroberung.

    Bei drohender Energiekrise, bei weltweiter Klimakatastrophe – Desertifikation, Deflation und Denudation -, bei allgemeiner Verschlechterung der Lebensbedingungen – oder Verbesserung, weil man dann so schön klagen kann -, bei möglicherweise nur noch eingeschränkter Gültigkeit der Relativitätstheorie, bei zunehmender Weltbevölkerung und Kinderarmut in Deutschland, bei Verschuldung, Zahnschmerzen, Pest und Cholera: Man bevorrate sich!

    Aléa Torik
    Das Geräusch des Werdens
    Osburg Verlag
    Roman, 368 Seiten, 19,95 €
    ISBN 978-3-940731-75-3





    26 Januar 2012

    „Das Geräusch des Werdens“: Das Original des Romans

    Ich vergaß zu erwähnen: Das Original meines Romans besitze nur ich. Der Verlag hat die Rechte gekauft, alle Rechte bis auf das Urheberrecht. Und das Original. Das liegt in einem Panzerschrank. Wie beim jedem Druck von einer Platte kommt der erste Abzug dem Original am nächsten. Je öfter von der Platte gedruckt wird, desto weiter entfernt es sich davon. Der erste Abzug unterscheidet sich kaum wahrnehmbar vom Ursprung und vom zweiten, beim dritten finden sich schon das eine oder andere veränderte Wort, beim hundertsten geht eine Person, statt nach links nach rechts, beim tausendsten sind ganze Kapitel umgestellt, beim zehntausendsten haben wir andere Handlungsfäden und andere Personen, beim hunderttausendsten ist es ein vollständig anderes Buch und beim millionensten ist es so unvorstellbar anders als das Original, das es wieder dasselbe ist.

    Wenn Ihnen etwas unstimmig oder kurios, unscharf oder nur angedeutet erscheint, dann liegt das an dem Druck, den sie gekauft haben. In meinem Original ist alles so wie es idealerweise sein muss.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Januar 2012

    Lauter Verbesserungen

    Im Zuge technischer Verbesserungen wurde jetzt endlich diese vermaledeite Kommentarfunktion auf Vordermann gebracht Die Einstiegshürde ist weg: kein Captcha mehr! Kommentare haben einen Permalink bekommen, sodass nicht mehr nur auf den Artikel, sondern auch die Kommentare selbst geantwortet werden kann (was allerdings erst morgen funktioniert). Möglicherweise ist das der Diskussion förderlich. Das Kalendersymbol wurde entfernt. Das hat mich unter Druck gesetzt. Darüber hinaus wurden noch einige Kleinigkeiten verändert, Fotos werden jetzt anders dargestellt. Nnicht ganz anders: es ist schon noch das darauf zu sehen, was man sehen kann.

    Ich habe mir noch eine kleine Spielerei einfallen lassen. Das einzig sinnvolle ist die erste Zeile: “Hier wird archiviert”. Alle anderen Links sind Sprachspielereien. Für die Ausstehenden können Vorschläge gemacht werden. Ich annonciere das noch gesondert.

    Man sagte mir, dass die Artikel unter der Kategorie „mittel“ am besten ankommen. Ich werde also in Zukunft alle – vor allem die langen und die ganz langen – unter „mittel“ einordnen. Die von „mittel“ kommen zu „kurz“ und die wieder zu „schikanös“. Da die gewählten Bezeichnungen keine absoluten, sondern relative Maßstäbe sind und außerdem die Längenverhältnisse untereinander nicht geregelt sind, kann ich das frei bestimmen. Bei der nächsten Novelle dieser Seite kommt noch eine Ordnungsmöglichkeit nach Breite, Höhe und Dichte hinzu.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    19 Januar 2012

    Alle Orte meiner Welt

    In gewisser Weise ist das der längste Artikel, der hier je erschienen ist. Sie brauchen exakt sechs Tage.

    Ich sagte in einem der letzten Artikel, ich wisse noch nicht, wo ich mich in den kommenden Monaten aufhalte, aber ich könne das Blog von allen Orten der Welt aus moderieren. Ich meinte natürlich: von allen Orten meiner Welt. Von hier kann ich es nicht bedienen.

    Ich brauchte ein wenig Zeit, um es zu verstehen. Das ist ein Kunstprojekt. Sechs Alpinisten beim sechstägigen Aufstieg zum Nanga Parbat. Sechs Künstler suchen Antworten auf die Frage, warum der Mensch sich so einem Abenteuer aussetzt.

    Sie müssen nach dem Ladevorgang auf das Wort „Basislager“ klicken. Man kann in der Höhe und in der Zeitleiste und teilweise sogar in den Bildern navigieren: wenn man mit dem Mauszeiger gegen den Bildrand drückt. Die Bilder wechseln, wenn Sie die Uhr in der Zeitleiste verschieben, je nach Tageslicht. Es sind auch einige Interviews eingearbeitet. Man muss ein wenig probieren. Und hören Sie sich die Musik dazu an! Jeder Tag bringt eine neue musikalische Inszenierung. Gute Reise!

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha auszutricksen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    17 Januar 2012

    Wie soll ich’s machen?

    Am Ende meines Lebens werde ich etwa achtzig Jahre alt sein und achtzig Meter Bücher besitzen oder doch gelesen haben. Neunundsiebzig Meter davon sind mit neunundsiebzig Jahren überflüssig. In den letzten Momenten geht es nur noch um den einen Meter außergewöhnlich guter Literatur, die besten Texte aller Zeiten und Sprachräume. Wenn man vor seinem Herrgott steht, hat man nicht die Muße, miteinander das ganze Bücherregel abzuschreiten und die Vorzüge und Nachteile eines jeden Titels abzuwägen. In den letzten Momenten kann man nur noch sein Bestes vorzeigen. Gott will wissen, was man gelesen hat und ob es sich lohnt, dass er sich das auch bestellt.

    Bei achtzig Jahren und achtzig Metern kommt etwa einmal im Jahr etwas Außergewöhnliches dazu. Ich habe in den letzten Tagen des vergangenen Jahres ein solches Buch gelesen. In diesen seltenen Fällen ist das Lesen ja das reine Glück. Andere empfinden so etwas vielleicht bei der Besteigung eines Berges oder beim Tauchen. Nun stehe ich allerdings vor einem Problem: Ich weiß nicht wie ich es bewerkstelligen soll, das hier vorzustellen. Eine ernsthafte Auseinandersetzung würde mich Wochen kosten, wie damals bei David Foster Wallace. Das sind 1200 Seiten, die ich noch ein zweites Mal lesen müsste und das Schreiben eines konsistenten Textes mache ich auch nicht an einem Sonntagvormittag. Das kostet mich vier Wochen und diese Zeit habe ich in diesem Jahr nicht.

    Es handelt sich um Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Das ist einer der reichsten und reichhaltigsten Romane aus deutscher Feder. Das sprüht und spritzt nur so vor Witz und Ideenreichtum. Die Kinder der Finsternis hatte mir schon gut gefallen, aber das hier ist noch besser. Ich finde es nicht erstaunlich, dass die Romane von Umberto Eco ein solches Medienecho hervorrufen. Eco ist dabei nicht einmal der größte Stilist. Erstaunlich ist vielmehr es im Deutschen ein ähnliches Schwergewicht gibt und man offenbar nahezu nichts davon weiß. Kaum ein Mensch kennt den Autor dieser zwei Romane. Obwohl er besser ist als Umberto Eco. Beide sind auch im gleichen Feld tätig: Abenteuerromane.

    Eigentlich müsste ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift suchen, die mir Geld oder Ruhm verspricht. Dann wäre ich verpflichtet, es zu tun. Zeitungen interessieren sich allerdings nur für aktuelle Bücher. Und Zeitschriften, Literaturzeitschriften sind eher träge oder antworten nicht, wenn man ihnen schreibt. Ich kenne die Szene auch nicht so gut. Ich habe es einige Male probiert und nie eine Antwort bekommen. Ich werde es vielleicht mal bei Edit, den Manuskripten, LETTRE und beim Schreibheft versuchen. Oder ich suche mir eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift. Aber die alle wollen einen fertigen Text. Und dann schaffen sie es nicht einmal, eine Absagemail zu schreiben.

    Diese Dinge bedeuten viel Lauferei, sehr viel sinnlose Arbeit, totale Zeitverschwendung. Ich könnte mit meinem Professor sprechen. Dann muss es allerdings auch einen Niederschlag in meiner Dissertation finden, sei es als Exkurs oder als eine mörderische Fußnote, und das wird richtig Arbeit. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit zu einem Lexikonartikel. Lexika allerdings werden ja auch nicht alle Tage neu geschrieben. Ich weiß derzeit nicht wie ich es machen soll.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2012

    Die „Costa Concordia“

    Die, die hier regelmäßig lesen, wissen, dass ich nicht sehr medienaffin bin. Ich gehe nie ins Kino, ich schaue sehr selten Fernsehen oder höre Radio. Dann und wann schaue ich aus meinem Fenster und bin manchmal schockiert. Vor allem, wenn es um Unglücke geht. So habe ich im Frühjahr letzen Jahres nach Fukushima geschaut und so schaue ich jetzt auf das Schiffsunglück nach Italien. Anders als im vergangenen Jahr will ich versuchen zu verstehen, was ich auf solchen Bildern (aus der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel) sehe.

     

     

     

     

     

     

     

    Die Metaphorik von Natur und Technik überschneidet sich hier auf interessanteste Weise. Das Schiff, die Technik, sieht aus wie ein gestrandeter Wal. Dieses riesige Schiff, das da beinahe am Strand liegt, auf der Seite, und aus eigener Kraft nicht wieder wegkommt. Die Motoren, die Rotoren, die Turbinen, so könnte man sich vorstellen, drehen mit aller Kraft, der Wal schlägt mit seiner Schwanzflosse, aber es reicht nicht, um sich dort weg zu bewegen. Die Kraft, die innerhalb des Mediums Wasser zigtausende Tonnen bewegen kann, ist außerhalb vollkommen machtlos. Wehrlos liegt das Meeres-Ungetüm auf der Stelle.

    Da liegt das Schiff und alle stehen am Strand auf der Insel und sehen ihm beim Sterben zu. Die Dramatik wird dadurch verstärkt, dass womöglich noch Menschen eingeschlossen sind, wie Jonas im Wal. Es ist nicht irgendein langweiliges Containerschiff. Es ist ein Kreuzfahrschiff. Hier wird deutlich das Humane in den Mittelpunkt gestellt. Das ist ein Container, der Menschen transportiert die jetzt eingeschlossen sind. Wie die Seemöwen auf dem Wal, klettern die Feuerwehrleute auf dem Ungetüm herum, die Möwen picken ein Loch in den Koloss, die Feuerwehr klopft, um nach Eingeschlossenen zu suchen.

    Lesen konnte man, dass die Menschen die das Unglück erlebt haben, sagten, die Kollision und die anschließende Schräglage, die Havarie des Schiffes sei wie in dem Film „Titanic“ gewesen. Der Film, der ein tatsächliches Unglück nachspielt – die Kunst, die die Natur imitiert und nachahmt -, wird so zum Vorbild für ein natürliches Ereignis: Zu einem emotionalen Vorbild. Der Film Titanic ist eine Wirklichkeit, die durch das Erleben einer ähnlichen Situation höchstens imitiert werden kann. Das wahre Erleben des Menschen, so scheint es, ist durch die Medien gegeben. Die Menschen schauen auf ihr Display, wenn sie wissen wollen, wie der Verkehr ist, nicht auf die Straße, wenn sie sie überqueren.

    Das wahre Leben im Film: Man hat auf See vielleicht nicht nur sein Vergnügen gesucht, die Langeweile oder den Blick aufs Meer, sondern das Abenteuer und die Gefahr. Weil man dachte, dass das wie im Film ist. Ich habe „Titanic“ nicht gesehen, aber ich vermute, dass die Hauptpersonen das Unglück überlebt haben. Wie im Film! Da kann man sich ja eigentlich nicht beschweren. Oder, wenn man sich doch beschwerte, dann ist die Frage worüber: darüber, dass der Film so wirklichkeitsgetreu war? Oder darüber, dass die Wirklichkeit wie ein Film ist?

    Normalerweise will man mehr vom Film und von Büchern: mehr Inhalt als das eigene Leben bietet, mehr Dichte und mehr Konsistenz. Fiktionale Literatur ist, wie man das nennt, überdeterminiert. Die Frage ist, ob das für das Leben auch gelten kann.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    14 Januar 2012

    Das Raunen der Piraten

    Ich habe in langen Jahren ein Schiff gebaut, einen schönen Dreimaster. Und so wie mein Schiff nicht an einem Tag gemacht worden ist, so läuft es auch nicht an einem Tag vom Stapel. Am 23. Januar wird es in allen deutschsprachigen Häfen liegen. Aber am Horizont kann man es bereits sehen.

    Es gibt Dinge, die man hier nicht sehen kann. Ich hatte eine Einladung vom WDR für ein einstündiges Radiointerview mitsamt Lesung. Ich musste es absagen. Darüber hat sich mein Verleger nicht gefreut. Gefreut hat er sich allerdings darüber, dass der Text offenbar Eindruck macht. Ich weiß derzeit noch nicht, wo ich die kommenden Monate verbringe. Es gibt die Möglichkeit nach Paris zu fahren oder nach Bukarest, wo ich Freunde haben und wohnen kann. Ich will mich zurückziehen, weil ich am nächsten Buch arbeiten muss. Jetzt habe ich ein Urlaubssemester und kann überallhin. Das Blog kann ich von allen Orten der Welt aus bedienen.

    Für den potentiellen Leser kommt das Schiff langsam näher. Und wo es für andere größer wird und greifbarer, wird es für mich kleiner. Auch wenn mein Name groß draufsteht: mich werden Sie an Bord nicht finden. Andere haben das übernommen, ein Kapitän und ein erster Offizier und Matrosen und ein Koch. Wer hier regelmäßig liest, der weiß, dass die Trennung vom Buch für mich emotional schwierig war. Es war immer meins und dann habe ich es an einen Verlag verkauft und erkennen müssen, dass es nicht mehr mir gehört. Ich musste einiges lernen, womit mein Widerspruchsgeist nicht gut zurechtgekommen ist. Ich hatte mit diesen emotionalen Verwicklungen gar nicht gerechnet.

    Ich bin nicht mehr an Bord. Ich stehe an Land und werde zusehen wie es sich bewegt, mal in der Nähe, mal etwas weiter entfernt. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit das anzuschauen. Es liegt noch in ruhiger See, aber es wird in den nächsten Monaten hoffentlich etwas windiger werden. Das Schiff kommt ja nur voran, wenn die Segel sich blähen. Vielleicht kommt es sogar in einen Sturm. Ich kann mir schon vorstellen, aus welcher Richtung der kommt. Aber so manches kleine Gebläse hat sich schon für eine Naturgewalt gehalten. Mein Schiff wird nicht kentern.

    Der Leser wird’s lesen, auf die eine oder andere Weise „schön, schön“ sagen, und dann wird er es ins Regal stellen und vergessen. So wie ich das mit Büchern auch mache. Aber für mich ist das etwas anderes. Dieses Schiff wird immer bleiben. Und anders als die Leser, die sich längst anderen Schiffen zugewandt haben, anders als für den Verlag, der den aktiven Vertrieb irgendwann aufgibt, weil die nächsten Schiffe aufgetakelt werden, eine neue Saison kommt und mit ihr neue Bücher; anders als für alle anderen wird es mich immer begleiten. Es wird immer am Horizont zu sehen sein, deutlicher oder verschwommener, wichtiger oder unwichtiger. Aber es wird immer da sein, allezeit.

    Ich habe mich schon längst abgewendet. Ich muss ja mein nächstes Schiff bauen. Nicht, weil ich nichts anderes kann. Ich kann auch mein Dissertationsrennbot fahren. Will ich aber derzeit nicht. Ich will weder einen Rumpf aus Stahl noch einen aus Carbon, keine Schaluppe, keine Pinasse. Ich will fünf Masten. Ich will die Segel setzen, die Takelage ächzen hören, ich will den Wind in den Masten spüren und abends will ich das Raunen der Piraten hören, uralte Geschichten vom Meer und seinen Opfern, seinen Helden und ihren Toden.

    Ich beende mit diesem Artikel eine Serie, die „Das Geräusch des Werdens“ begleitet hat. Nicht von Anfang an, denn der Roman war fertig, als ich dieses Blog begonnen habe. Am Tag des Erscheinens wird es einen Hinweis geben, aber hiermit findet die Trennung von der Produktion statt. Jetzt geht es um die Wirkung und, so sagt man, um die Würdigung.

    Hat ein Text eine Würde? Hat er sie von Anfang an oder bekommt er sie durch seine Leser? Durch seine, auch das sagt man so, Aneignung?

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.

     





    11 Januar 2012

    Mit Befremden

    Nimmt einer etwas mit Befremden zur Kenntnis, ist das alles andere als positiv. Ich plädiere für eine Umwertung dieser Formulierung. Ich empfinde das Befremden sogar als ausgesprochen angenehm und anregend. Wer mich nicht in mindestens einer Weise leicht befremdet, der interessiert mich gar nicht. Das ist die Vorstufe eines echten Interesses.

    Das Fremde steht genau zwischen dem eigenen und dem anderen, es hat an beiden gleichermaßen teil. Es ist sozusagen das einzig stabile zwischen den beiden variabel Beteiligten. Im Befremden treffen das eigene Ich und das Ich des anderen zusammen.

    „Sehr geehrte Frau Meier, mit Befremden musste ich feststellen, dass ich mich Hals über Kopf in Sie verliebt habe….“ So sollten Liebesbriefe anfangen. Das ist eine gute Grundlage für eine Beziehung. „Sehr geehrter Herr Müller, mit Befremden habe ich heute Ihr Bekennerschreiben erhalten …“

    Irgendwann gerät man sich sowieso in die Haare. Es ist gut, wenn das Befremden nicht erst in diesem Moment entsteht, sondern bereits zuvor dagewesen ist. Dann kann man auf etwas zurückgreifen, wenn es schwierig wird. Ein Reservoir für karge Zeiten.

    Bis zum 23 Januar noch: zwei Worte um das Captcha zu überlisten.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    09 Januar 2012

    Meine Artikel kosten in Zukunft zehn Cent

    Das ist mein Ernst. Die kürzeren Artikel bekommen Sie bereits für die Hälfte, für überdurchschnittliche gescheite Äußerungen wird ein Einmalaufschlag von fünfundzwanzig Cent fällig. Die Definition von „überdurchschnittlich gescheit“ liegt bei Ihnen. Die ersten beiden Absätze der kommenden Artikel sind für jedermann frei lesbar. Danach müssen Sie sich entscheiden, ob Sie den Rest lesen wollen oder diese Seite wieder verlassen.Es ist der strukturelle Fehler im Netz, dass nahezu alles gratis ist. Vieles ist deswegen auch umsonst. Und nicht wenig ist dann sogar vergebens.

    Mit dieser Aktion verliere ich etwa 90 % meiner Leser. Da ich aber sowieso nichts davon habe – bis auf den Umstand des persönlichen Plaisirs – ist das einerlei. Der Spaß wird davon nicht weniger, womöglich wird er sogar mehr. Ich weiß dann nach dem Geldeingang, dass die Leute das wirklich lesen, dass es ihnen etwas wert ist. Auch für den Leser ist es von Vorteil.  Er (und sie) hat dafür bezahlt und dadurch hat er ein Recht an dem Artikel. Er kann das Lesen anders genießen, weil er in einem umfassenden Sinne als Ansprechpartner fungiert. Was zuvor nur in den leeren Raum des Netzes geraunt worden ist, ist nun für ihn bestimmt.

    Das hat natürlich nur dann einen Sinn, wenn alle mitmachen. In welcher Dimension man „alle“ auch interpretieren mag: Alle bei LITBLOGS. All die, die ich auf der Blogroll habe. Oder all jene, die ich mit einer frisch gegründeten Initiative und meinen Argumenten von dieser Sache überzeugen kann. Selbst all die, die einfach mitmachen, weil sie immer überall mitmachen.

    Alle Abrechungssysteme, die ich kenne, sind völliger Mumpitz. Selbst das System der VG-Wort, das nicht den konkreten Leser, sondern die Leserschaft im Allgemeinen zur Kasse bittet, ist nichts anderes. Das macht für ein Blog wie dieses so viel Arbeit, dass jeder Artikel das Zehnfache kosten würde. Ich kann das leider nicht als meinen Verdienst abrechnen, ich kann es nicht eintreiben. Ich kann mir am Ende des Jahres keine schöne Jacke kaufen oder davon zum Essen gehen, geschweige denn davon leben. Aber ich würde es gerne! Ich würde gerne das, was ich hier tue als meine Leistung empfinden und sie dementsprechend in Rechnung stellen.

    Ich erwarte oder erhoffe, dass Sie am Ende des Jahres, den von Ihnen überschlagenen Betrag von zehn oder zwanzig Euro an ein karitatives Unternehmen überweisen, wie Terre des hommes. Oder drücken Sie einem Clochard, den Sie kennen, dem sie jeden Tag über den Weg laufen, zu Weihnachten den entsprechenden Betrag in die Hand. Dann müssen Sie mir nur noch sagen, was Sie für Ihre Kommentare haben wollen. Und den Betrag überweisen Sie dann bitte hierhin: Médecins Sans Frontières.

    Sehr viel ausführlicher und seriöser, Argumente bewertend, die Kollegin hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Januar 2012

    „I would prefer not to“

    Am liebsten lese ich Romane. Geschichten mag ich nicht so gern, Kurzgeschichten, Erzählungen oder Short Stories. Allerdings sind die leichter zu lesen als ihre dicken Verwandten. Wahrscheinlich sind sie auch leichter zu schreiben und vor allem leichter zu verstehen. Damit haben wir schon drei Gründe, die gegen diese Textgattung sprechen!

    „Bartleby, der Lohnschreiber“ ist wohl die bekannteste Erzählung von Herman Melville. Diese Geschichte ist zum Zeitpunkt der Erzählung bereits vergangen und in ihrer Entwicklung abgeschlossen. Sie wird dem Leser aus der Perspektive eines älteren, namenslosen Anwalts berichtet, der sich als wenig ehrgeizig, aber zuverlässig bezeichnet. Bartleby war einer seiner Angestellten, zuständig für das Kopieren von Akten. Seinen Aufgaben kommt er einige Tage lang in vorbildlicher Weise nach: „Er betrieb sein Geschäft Tag und Nacht, kopierte bei Sonnenschein und Kerzenlicht“. Dann allerdings hört er sukzessive zu arbeiten auf und beantwortet alle Nachfragen mit derselben Antwort, die ein wenig variiert, aber nie erklärt oder begründet wird: „Es ist mir eigentlich nicht genehm“. In einer anderen Übersetzungen steht „Ich möchte lieber nicht“. Das Original lautet: „I would prefer not to“. Er verweigert sich der Arbeit. Dem Anwalt, obwohl keineswegs ein kalter und berechnender Vertreter der Gattung Mensch, bleibt nach verschiedenen Versuchen ihn zur Arbeit zu bewegen, nichts anderes übrig als Bartleby zu entlassen. Da der Schreiber aber außer den Räumen der Kanzlei keinen anderen Aufenthaltsort hat, geht er eben nicht. Mehrfach scheitert der Versuch, Bartleby zum Verlassen der Räume zu bewegen. So zieht schließlich der Anwalt mit seiner Kanzlei um und Bartleby bleibt als Vermächtnis dem nächsten Mieter. Auch dann kümmert sich sein Mentor noch um ihn. Der Schreiber aber beantwortet weiterhin alle Einlassungen seines Gönners mit der stereotypen Bemerkung: „I would prefer not to“. Schließlich lässt ihn der Hausherr wegen Hausfriedensbruch in die Tombs einliefern. Auch dort ist ihm sein Mentor noch zugetan. Bartleby allerdings hat nur diese Antwort auf alle Invektiven: „I would prefer not to“. Wenige Tage später stirbt er. Der Anwalt, der etwas über die Motive dieses Menschen erfahren möchte, findet heraus, dass sein ehemaliger Schreiber vorher bei der Post gearbeitet hatte, in der Abteilung für unzustellbare Briefe, ein, wie es im Englischen heißt, Dead Letter Office.

    Auffallend sind zwei gegenläufige Tendenzen, nennen wir sie Gleichartigkeit und Differenz oder Gemeinschaft und Abgeschiedenheit, Anziehung und Abstoßung.

    Zur ersten Tendenz gehört der hohe Grad an Übereinstimmung zwischen Arbeitgeber und Angestelltem. Beide Figuren schienen keinerlei Privatleben zu haben. Nicht nur Bartleby hat keine Kontakte zur Außenwelt, auch sein Arbeitgeber hält sich beinahe nur in der Kanzlei auf. Außer einem Besuch der Trinity Church, der dann nicht zustande kommt, erfahren wir nichts über sein Privatleben. Als er einmal mehrere Tage nicht zur Arbeit geht, heißt es von ihm, „Während dieser Zeit lebte ich eigentlich fast ausschließlich in meinem Kutschwagen.“ So wie sein Angestellter ausschließlich in den Räumen der Kanzlei lebt. Nur einmal ist von seinem Zuhause die Rede, am Schluss, als die Zuneigung des Anwaltes – sagen wir lieber: die Gleichartigkeit zwischen den beiden Männern – ihren Höhepunkt erreicht und er seinem Angestellten anbietet, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Die Ähnlichkeit betrifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Räumlichkeiten: das spätere Gefängnis und die Kanzlei werden mit ähnlichen Worten beschrieben, der Blick ist beschränkt von Ziegelmauern.

    Die gegenläufige Tendenz ist die Andersartigkeit. Die Kanzlei ist durchdrungen vom Geist der Ambivalenz. Die beiden Angestellten werden als sprunghaft in ihrem Verhalten beschrieben, der eine ist vormittags zuverlässig, was Punkt zwölf ins Gegenteil umschlägt, der andere ist zur selben Zeit unzuverlässig, Mittags schlägt auch er ins Gegenteil. Ihre alternierenden „Launen“ werden allerdings als „sinnig“ bezeichnet: es kommt zu einem Gleichgewicht. Auch der Anwalt ist von dieser Ambivalenz geprägt. Zu welchem Verhalten er sich gegenüber Bartleby auch durchringt, immer spricht etwas dagegen. Sodass er schließlich gar nichts unternimmt. Er denkt über Bartleby nach, aber er kann sich nicht zu einem Verhalten durchringen und ringt er sich schließlich doch durch, setzte er es nicht um. Setzt er es aber um, kommt es zu keinem Erfolg. Er liest zwei Bücher mit gegenläufigem Inhalt „Über den Willen“ und „Über die Notwendigkeit, kann sich aber erneut nicht durchringen und glaubt schließlich, dass genau dies sein Schicksal sei. Diese Ambivalenz wird kontrastiert durch das Verhalten Bartlebys. Zwar ist es unverständlich, weil es keinerlei Einsicht oder Introspektion in die Figur gibt; aber von Unsicherheit, Zweifeln oder Zögern, von einer vorübergehenden Laune kann nicht die Rede sein. Er scheint seiner Sache absolut sicher.

    Bartlebys Schicksal scheint von Anfang an klar: „bläßlich adrett, bemitleidenswert anständig, rettungslos verloren“, heißt es bei seinem ersten Auftritt. Er arbeitet einige Tage, dann beginnt er mit seiner Verweigerung, die ohne Ausnahme als sehr „sanft“ bezeichnet wird. Er gibt keine Erklärung für sein Verhalten. Aber er ist nicht umzustimmen, nicht durch Argumente und auch nicht durch das Verständnis des Anwalts, also durch die Artikulation der Gemeinsamkeit. Was den Anwalt irritiert, so scheint es, ist das Fehlen der sonst allgegenwärtigen Ambivalenz. Es sieht geradezu so aus, als habe der Schreiber eine Art Recht, ein Naturrecht, so zu sein und sich so zu verhalten, obwohl es gegen alle Vernunft spricht. Er ist sich scheinbar seiner Sache absolut sicher, bis in den Tod. Es gibt keinen erkennbaren Zweifel, für den Anwalt nicht und für den Leser auch nicht. Es ist eine generelle, unerklärliche Verweigerung, die immer weiter um sich greift, vom Korrekturlesen über das Kopieren bis zum Essen und schließlich in einer Lebensverweigerung endet.

    Der Anwalt kann dieses Verhalten nicht interpretieren, er hätte ihn bereits eher vor die Türe gesetzt, „wäre ich etwas normal Menschlichem darin gewahr geworden“. So wird ganz konsequent Bartleby schließlich auch beschrieben als „Kreatur“, „Gespenst“ und „Inkubus“. Nun ist die Ablehnung aller Tätigkeiten sicher kein Grund, einem Menschen das menschliche abzusprechen. Es sei denn, das genuin menschliche wäre für den Anwalt eben jener Zwiespalt: Ambivalenz als das Zeichen des Daseins. Als man ihm am Ende andere Arbeitsmöglichkeiten anbietet, lehnt der Schreiber diese Angebote dreimal mit den Worten ab: „ich bin nicht wählerisch“. Er ist es sogar so wenig, dass er überhaupt nicht wählt. Wählen kann man auch nur dann, wenn man zwischen zwei Dingen wählen kann. Wenn alles eindeutig ist, ist eine Wahl tatsächlich nicht möglich.

    Briefe, die keinen Adressaten haben, sind Dead Letters: Was einer einem anderen mitteilen wollte, das findet zu dem zweiten nicht hin und zum ersten nicht zurück. Es braucht beide Pole, den Sender und dem Empfänger, damit es zu einem Austausch kommen kann. Briefe, die keinen Adressaten und keinen Absender haben, die nirgendwoher kommen und nirgends hingehen, die keine Vergangenheit und auch keine Zukunft haben.

    Die Räumlichkeiten der Kanzlei sind in zwei Teile geteilt und obwohl Bartleby zu den Angestellten gehört, wird er in jenem Teil untergebracht, in dem der Anwalt sitzt, hinter einem Paravent, und „auf diese Weise waren, sozusagen, Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist das Menschsein: „Abgeschiedenheit und Gemeinschaft in eins gebracht“. Das ist sozusagen die Ambivalenz: wir sind immer beides, manchmal sogar beides zugleich. Wir sind in bestimmten Dingen und Umständen von den anderen abgeschieden, wir sind vereinzelt und wir sind immer auch Teil einer Gemeinschaft, einer Bürogemeinschaft, einer Glaubensgemeinschaft oder auch nur der Gemeinschaft der Menschen. Wir gehen nie vollständig in der Vereinzelung oder in der Gruppe auf.

    Man könnte das auch etwas provokanter formulieren (das Blog liegt ja schon seit einiger Zeit recht tot herum, vielleicht kann ich noch mal einen oder einen anderen aufrütteln mit einer provokanten These; aber wer richtig tot ist, lässt sich vermutlich auch nicht mehr mit These zum Leben provozieren) : Wer sich nicht widersprüchlich verhält, sondern eindeutig, der ist nicht zu verstehen. Weil Verständnis zwar auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit funktioniert, der hier genannten ersten Tendenz, – wenngleich das Wort im Deutschen nicht allein einen intellektuellen, sondern auch einen emotionalen Bedeutungshof hat, der allerdings hier nicht gemeint ist – wichtiger aber ist zweite Tendenz: die Differenz.

    Das Eindeutige kann gar nicht verstanden werden, weil die Grundlage eines jeden Verständnisses die Möglichkeit ist, es misszuverstehen! Ich sage nicht, dass das richtig ist, ich sage bloß, dass das provokant ist. Wenn ich hier bloß richtige Dinge formulieren müsste, könnte ich ohne Schwierigkeiten hundert Einträge am Tag einstellen. Aber das ist ja ein Blog für Fortgeschrittene. Die einfache Trennung von richtig und falsch ist eben etwas für Anfänger.

    Bei Kommentaren: beide Worte eingeben.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.