Hauptmenü:

Aléas Anordnungen

Der Länge nach



Der Reihe nach

  • August 2014
  • Juli 2014
  • Juni 2014
  • Mai 2014
  • April 2014
  • Februar 2014
  • Januar 2014
  • Dezember 2013
  • November 2013
  • Oktober 2013
  • September 2013
  • August 2013
  • Juli 2013
  • Juni 2013
  • Mai 2013
  • April 2013
  • März 2013
  • Februar 2013
  • Dezember 2012
  • November 2012
  • August 2012
  • Juli 2012
  • Juni 2012
  • Mai 2012
  • April 2012
  • März 2012
  • Februar 2012
  • Januar 2012
  • Dezember 2011
  • November 2011
  • Oktober 2011
  • September 2011
  • August 2011
  • Juli 2011
  • Juni 2011
  • Mai 2011
  • April 2011
  • März 2011
  • Februar 2011
  • Januar 2011
  • Dezember 2010
  • November 2010
  • Oktober 2010
  • September 2010
  • August 2010
  • Juli 2010
  • Juni 2010
  • Mai 2010
  • April 2010
  • März 2010
  • Februar 2010
  • Januar 2010
  • Dezember 2009
  • November 2009
  • Oktober 2009
  • September 2009
  • August 2009
  • Juli 2009
  • Juni 2009
  • Mai 2009


  • Der Sache nach



    Nach Nichts nach


     



    Hier wird archiviert

    Hier wird boykottiert

    Hier wird cokettiert

    Hier wird drangsaliert

    Hier wird elaboriert

    Hier wird fingiert

    Hier wird geniert

    Hier wird illusioniert

    Hier wird jongliert

    Hier wird kastiert

    Hier wird liiert

    Hier wird massiert

    Hier wird nivelliert

    Hier wird pikiert

    Hier wird regiert

    Hier wird zentriert




    Suche


    Impressum
    Kontakt
    Anmelden
    © 2014 Aleatorik
    by WordPress


    Diesseits

    Seite 1 – Das Geräusch des Werdens
    Seite 2 – Das Blog
    Seite 3 – România
    Seite 4 – Lesungen und Veranstaltungen
    Seite 5 – Aléas Ich
    Seite 6 – Blogroll

    Jensseits

    Aboutsomething
    Der Freitag
    Glanz & Elend
    Glanz & Elend II
    Junge Welt
    LETTRE International
    Literaturkritik
    Poetenladen
    Roberto Bolaño
    Titel Magazin
    Unendlicher Spass

    Literaturport


    Kommentare:

  • Aléa Torik: Liebe Iris Nebel, witzig und verdächtig zugleich: wenn Erinnerungen in dem Moment zustande kommen, da der Akku des Fotoapparates leer ist. Für mich ist der Wert von Urlaub auch gar nicht in der Zeit vor Ort zu messen, sieben oder vierzehn Tage, soundso viele Fotos, soundso viele,...
  • irisnebel: hehe deine Betrachtungen haben mich insgesamt schon etwas stutzig und für einiges bewusst gemacht (was man nach einer gewissen zeit- und geldinvestition lieber vergessen möchte)… genau wie jener frankreichurlaub im durchreisemodus… man rast durch unbekannten, interessanten gegenden und...
  • Aléa Torik: Liebe Iris Nebel, vielen Dank für das Kompliment. Was ich auch an dir schätze, ist deine Begeisterungsfähigkeit. Dass es in dem Text auch ums Begehren geht, hatte ich gar nicht bemerkt, aber genau das ist es natürlich. Das Begehrte entzieht sich allen Versuchen, es zu fassen zu...
  • irisnebel: herrlich geschrieben… das umkreisen einer sache der begierde. eine endlosspirale ins nichts. deine beobachtungen sind von einer feinfühligen art. die suche nach etwas, das eigentlich in uns selber wohnt. ein tapetenwechsel kann allerdings das hamsternd für eine gewisse zeit zum stehen...
  • Aléa Torik: Holio, ich hab‘s vergeigt. Das ganze, inzwischen schon etwas länger vergangene Wochenende – obwohl wir uns natürlich ernstlich fragen müssen, ob etwas lang und länger vergangen sein kann, ob es immer weiter in die Tiefe sinkt, oder ob es nur eine Tiefe der Vergangenheit gibt –...
  • Aléa Torik: Lieber Summa, ich habe meine beiden Antworten auf deine Kommentare herausgenommen, vielmehr gelöscht. Von berufener Seite sagte man mir gestern Abend, dass das Jammern nicht sonderlich angenehm sei. Darin musste ich meinem Gesprächspartner zustimmen. Ich selbst kann das Jammern auch...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, boah! … Das muss ich jetzt erst einmal verdauen. Ich weiß gar nicht, ob ich noch auf adäquate Weise antworten kann, also im Reim. Aber wir sind ja hier offenbar in der freien Reim-Wirtschaft und nicht in Leipzig oder Hildesheim, wo die Studentinnen sicher streng...
  • holio: Bei Cotten meinte ich vielleicht “elegante Kurven über die Körper der anderen zu beschreiben, mit den Knöcheln komplizierte Xylophonspiele zu spielen.” (Fächer, S. 173). Doch ist mir nicht klar, warum Knöchel, nicht Fingerkuppen? Der K-Kakophonie wegen? Sorry fürs Derailing....
  • Aléa Torik: Lieber Summa, ——-
  • summacumlaudeblog: Hallo Alea, ich glaube schon, dass man Dir das Demaskieren übel nahm und nimmt. Diese versindelte Talk-Show-Gesellschaft will nämlich keine Texte haben, sondern anfassbare und zugleich entrückte “Stars”, die von Zeit zu Zeit sich medial präsentieren und deren...
  • Aléa Torik: Lieber Holio, ich bin mit Senthuran befreundet, er schreibt seine Texte, ich die meinen. Ich habe die weiblichen Passagen des Dialogs jetzt auch noch einmal gelesen und kann mich da nicht wiederfinden. Aber die Frage dahinter, auch wenn‘s keine Frage ist, ist ganz in meinem Sinne: wir...
  • Aléa Torik: Lieber ScumL, ——–
  • holio: Vielleicht bei Cotten doch nicht, aber im Endlosen Spaß. Da kein Versmaß, sondern Unendlichkeitszeichen: “Orin Incandenza, who like many children of raging alcoholics and OCD-sufferers had internal addictive-sexuality issues, had already drawn idle little sideways 8′s on the...
  • holio: Hätten Sie die Eliona-Passagen von Varatharajah geschrieben, würd ich mich nicht daran stören. Könnte mir gut vorstellen, dass Siri weibliche Dialoge bei Paul schriebe und Auster Männliches bei Hustvedt, einfach um die Glaubwürdigkeit des Gegengeschlechts zu erhöhen. Wenn Zweitschreibende...
  • summacumlaudeblog: Du darfst Dich ärgern, liebe Alea, aber wundern? Denke daran, was ich Dir vor annähernd einem Jahr schrieb; denke an Forestier aus den 50er Jahren, denke an alle die, die den Literaturbetrieb hochgenommen haben, so wie Du. Hast Du geglaubt, das bliebe ohne Folgen? Die...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, eigentlich bin ich zu Hause geblieben, weil ich meine Steuererklärung machen wollte. Das Finanzamt will, dass ich diese Erklärung mache. Dabei gibt’s da nichts zu erklären. Nun bieten sich jede Menge Ablenkungen. Schöne Mails schreiben und im Internet surfen, wobei ich...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, man muss die Welt eben warten machen – das ist wahrscheinlich die eigentliche Kunst. Dafür allerdings wenden ja zum Beispiel Verlage einiges auf und bearbeiten ganze Käuferschichten mittels eines Propagandaapparates, der von der eigenen Werbeabteilung bis hin...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, ja, es müssen neue Wege gegangen werden. Du kannst dich noch hundert Jahre dahinstellen und auf einen Verleger warten oder Vertretern dieser Gattung Briefe schreiben. Ich halte das inzwischen für keine gute Idee. Die Gründe dafür stehen auf einem anderen Blatt. Aber...
  • Norbert W. Schlinkert: Liebe Aléa, neue Wege gehen, während man im Sumpf der Schriftstellerei versinkt? Schwierig, aber natürlich hat auch kein Mensch behauptet, es sei einfach. Was “Bozen” angeht, so tritt grad ein nicht ganz aussichtsloser Alternativplan in Kraft, denn es gibt ja...
  • Aléa Torik: Lieber Norbert, ich hatte mir so etwas schon gedacht. Da bleibt nur: neue Wege gehen. Die sehen auf den ersten Blick vielleicht nicht so attraktiv aus, aber sie führen vielleicht dennoch irgendwohin. Also die Wege, die ohne einen Verlag auskommen. Da gibt es heute wirklich genug....

  • 14 August 2014

    “There is no gender identity behind the expressions of gender … Identity is performatively constituted by the very ‘expressions’ that are said to be its results“

    Mein zweiter Roman Aléas Ich beobachtet eine Person dabei, wie ihre Identität durch das „Ich“-sagen entsteht. Der Roman stellt dabei einige interessante philosophische Fragen – jedenfalls solche, die ich mit meinem beschränkten Autorenhorizöntchen interessant finde -, die in hoffentlich noch interessanteren Geschichten – Autorenhorizöntchen! – eingebettet sind. Diese Umstände sind hier wiederholt zur Sprache gekommen und ich kann und möchte das nicht erneut repetieren oder breittreten. Dazu existiert ein Blog, der ein Vielfaches der im Buch veröffentlichten Textmenge zur Verfügung stellt und in nicht wenigen Punkten darüber hinausgeht.

    Es hat zu einigen Irritationen geführt, die meisten davon zustimmend bis begeistert, dass ich die Bedingungen meines Schreibens – die Authentizität des Rumänischen und die Authentizität des Weiblichen – offenbar so gut simulieren / imitieren kann, dass es über viele Jahre unmöglich war, hinter diesen Vorhang zu schauen. Ich finde das gar nicht verwunderlich: Ich identifiziere mich lediglich mit dem, was ich tue und mit der, die das tut. Dies ist der Prozess der Selbstwerdung, den Aléas Ich beschreibt. Wer den Roman gelesen hat, der wird das auch bei sich selbst erkennen können, dass er sich immer auch selbst erfindet, um dann als Erfindende_r mit dem Erfundenen – qua Identifikation – zu einer Einheit zu verschmelzen. Was schon in frühestem Kindesalter zu beobachten ist: kleine Menschen verhalten sich wie Mädchen oder wie Jungen. Das ist nicht weiter verwunderlich: kleine Menschen schauen den großen Menschen nahezu alles ab, warum nicht auch das Verhalten, das ihrem Geschlecht gemäß ist? Und das deswegen als ein gemäßes Verhalten gilt, weil auch die großen Menschen sich das abgeschaut haben als sie noch kleiner waren. Dann haben sie es internalisiert und vergessen, dass es nur ein abgeschautes Verhalten war. Und so halten sie es für ihr ‚eigenes‘, für ihr ‚natürliches‘, von Östrogen oder Testosteron beeinflusstes Verhalten und Empfinden. Sie behaupten dann mitunter, dass das alles angeboren sei und ihr Verhalten eine Abbildung all jener Inschriften sei, die sich im Y- oder Y-Gen verstecke. Säuglinge kann alles erregen, Freud nennt sie „polymorph pervers“. Wenn der Trieb dann in der Pubertät ‚erwacht‘, hat das Individuum seine Rolle bereits so weit gelernt und internalisiert, dass ihn tatsächlich erregt, was ihn laut gesellschaftlicher Konvention und Kodex erregen soll.

    Es war kein Skandal, dass das eine Ich ein anderes Ich aus einem fremden Kulturkreis darstellen kann, der dem faktischen Autorensubjekt eigentlich fremd war. Das eine sehende Ich konnte ja auch ein anderes blindes Ich – in Das Geräusch des Werdens – darstellen. Beides war lediglich eine „irgendwie“ literarische Leistung und die zu erbringen ist ja auch der Job eines Autors. Von daher hat er es, wenn es gut gemacht war, eben ‚nur‘ gut gemacht. Ein Skandal hingegen ist es offenbar, wenn ein männliches Ich ein weibliches Ich nicht nur darstellen – also be- oder umschreiben – sondern geradezu verkörpern kann. Ich finde das nicht skandalös. Und es war auch eigentlich keiner! Es haben hier zwei oder drei Leute versucht, daraus einen Skandal zu machen und Profit zu schlagen. Keine seriöse Rezension hat, soweit ich mich erinnere, darauf Bezug genommen.

    Meiner Meinung nach gibt es keinen ‚Geschlechtskern‘, es gibt nur den bei manchen ausgeprägt verzweifelten Versuch, das zu sein, was man – er oder sie – als Vertreter ‚seines‘ Geschlechts sein muss. Ich unterstelle, dass wir Individuen sind und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht lediglich simulieren: es ist das Annehmen einer ‘Rolle’ oder eine ‘Idee’; vielleicht  könnte man sogar zum Begriff character greifen. Allerdings muss ich den Einwand gelten lassen, dass wir die ‚Rolle‘, in der wir faktisch existieren, nicht wählen können. Nicht in einer ersten Dimension. Wir können nur in einer zweiten Dimension wählen, sie zu wählen oder sie nicht zu wählen (hier darf man Sören Kierkegaard heraushören, den ich tatsächlich ausgiebig studiert habe, der allerdings nicht gerade als Feminist durchgehen kann). Es gibt immer einen Urgrund Realität, der sich tatsächlich nicht weg- und schon gar nicht hinreden lässt.

    Ich habe Kenntnis von einer Dissertation über Hochstapeleien, in denen einer von uns beiden – das erfindende oder das erfundene Ich – einsortiert werden wird. Wobei der Begriff des Hochstaplers hier nicht in seiner pejorativen Variante gemeint ist. Er wird dekonstruiert und in einer anderen, sagen wir ‚Nebenbedeutung‘ erneut aufgebaut: „als eine Praxis der Selbstermächtigung und Selbst-Bildung“. In diesem Zusammenhang kommt es offenbar zu einem Dialog zwischen Judith Butler – von der das diesem Eintrag seinen Titel gebende Zitat stammt – und mir. Hier kann man sich das Abstract von Verena Doerfler anschauen.

    Auch ich benutze den Begriff der Simulation, wenn ich sage, dass wir unsere Geschlechtszugehörigkeit simulieren, nicht pejorativ. Dazu ein kleiner Auszug aus meinem derzeit noch unveröffentlichten Essay über Aléas Ich: „Anders als die Repräsentation – die im nachahmenden Abbild das verlorene Urbild zu fassen versucht, und bei Platon vor allem die darstellenden Künstler betrifft – kann die Simulation ein neues Urbild kreieren, indem sie formuliert, was nie gewesen ist. In der Schrift wird das Beschriebene nicht kopiert, sondern kreiert. Was dabei entsteht, sind keine Abbilder, sondern, wie es bei Platon heißt »Trugbilder aus Worten«. Repräsentieren bedeutet, die wahre, hinter der Erscheinung liegende Welt als eine verlorene aufzugeben, simulieren, die eigens erschaffene, falsche Welt als die wahre vorzuspiegeln: »Während Affirmieren nur bejaht, was ist, und Negieren nur verneint, was nicht ist, heißt simulieren, was nicht ist, zu bejahen, und dissimulieren, was ist, zu verneinen« (Friedrich. Kittler, »Fiktion und Simulation«; in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Hg. K. Barck, Leipzig, Reclam, 1990, S. 200). Simulation ist ein gewollter Irrtum, Verstellung, Travestie, ein Enigma, Spiegel-, Traum- oder Trugbild, in dem das Verhältnis von Realem und Imaginärem, von Sein und Schein als einfache binäre Opposition in Frage gestellt wird. Die Simulation ist, anders als das Abbild, das nur wiederholen kann, offen für die Variation, für Vermutungen, Ahnungen und Befürchtungen. Sie ist ein Abbild ohne Urbild, eine Übersetzung ohne Original, wo Authentizität auf Artifizialität beruht. »Das Trugbild umfaßt große Dimensionen, Tiefen und Distanzen, die sich der Verfügung durch den Beobachter entziehen. Und weil sie sich entziehen, verspürt er einen Ähnlichkeitsdruck. Das Trugbild schließt den differentiellen Gesichtspunkt in sich ein; der Beobachter bildet einen Teil des Trugbildes selbst, das sich mit seinem Gesichtspunkt verändert und entstellt. Kurz, es gibt im Trugbild ein Verrückt-werden, ein Unbegrenzt-werden … ein stets Anders-Werden, ein subversives Werden der Tiefen, das dem Gleichförmigen, der Grenze demselben oder dem Ähnlichen auszuweichen vermag: stets zugleich mehr oder weniger, doch niemals gleichmäßig«. (Gilles Deleuze, »Platon und das Trugbild«, in: Logik des Sinns, Frankfurt, Suhrkamp, 1993, S. 316)“

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    01 August 2014

    Der gestiegene Erlebnisdruck

    Ich war im Urlaub. Außer Erinnerungen habe ich nichts mitgebracht, keine Bilder, keine Andenken, keine Postkarten. Je mehr ich in den Sümpfen der Schriftstellerei versinke, desto weniger bedeuten mir Gegenstände. Es waren nur einige Tage, zu kurz, um richtig weg gewesen zu sein. Zu kurz, um sich zu erholen. Lang genug aber, um zurückzukehren und sich zu erinnern. Lang genug, um davon zu erzählen.

    Etwa von einem geradezu kafkaesken Tag in Bozen. Ein Freund und ich, wir sind um des Radfahrens willen in Südtirol gewesen. An dem einzigen Regentag haben wir die Räder stehen lassen und sind mit dem Auto von Meran nach Bozen gefahren. Meran und Bozen unterscheiden sich dahingehend, dass die eine Stadt in den Bergen liegt, in der anderen liegen die Berge in der Stadt. Bereits bei der Einfahrt, also der Einfahrt in den ersten Tunnel, wurde vor Überfüllung des Zentrums gewarnt. Es wurde nicht gewarnt, es wurde konstatiert. Immerhin regnete es im Tunnel nicht. Bei der Ausfahrt, der erneuten Einfahrt in den Regen nämlich, wurde die Autoschlange von einem Polizisten geteilt. Die eine Hälfte wurde in ein am Ausgang des Tunnels befindliches Parkhaus geleitet, die andere Hälfte durfte in die Stadt fahren. Zu letzteren gehörten auch wir, die wir uns da noch zu den Glücklichen zählten. Von dem Moment an wurden wir in ein automatisches Parksystem in einer ersten und einer zweiten Ebene eingereiht. Wir wurden mit rot und grün blinkenden Schildern am Straßenrand begrüßt, elektronische Vertreter von Parkhäusern in der Nähe des eigenen Standtortes, auf denen die alle paar Sekunden wechselnde Anzahl der freien Parkplätze angezeigt wird. Es gab keinen fließenden Verkehr, es gab nur stockend, sich hupend vorwärts bewegende Autoschlagen, die ineinander übergingen. Es gab keine einzelnen Autos, alles wurde, von ununterbrochenem Regen verwaschen, zu einer einzigen Autoschlange, die ihre unzähligen Köpfe in alle Richtungen streckte. Man entscheidet sich für eines der vielen Parkhäuser und wenn man dort angelangt ist, steht man in einer anderen Schlange, weil in dem Parkhaus kein Parkplatz frei ist. Man steht da in der Schlange und es regnet und während man da steht und die Zeit wie Regentropfen an den Seitenfenstern verrinnt, ahnt man, dass auch keiner frei werden wird. Dann fährt man wieder weg und reiht sich erneut in die Schlange auf der Straße ein, um einem anderen grün blinkenden Schild zu folgen, auf dem Parkplätze als verfügbar angezeigt werden, die, sowie man dort angelangt sind, schon wieder besetzt sind. Oder die nie frei waren. Wir haben uns als nicht sonderlich belastbar erwiesen, recht schnell auf alle weiteren Eindrücke von Bozen verzichtet und sind in Richtung Autobahn zurückgefahren, also gekrochen. Und dann sprang vor unseren Augen plötzlich ein Schild um und zeigte freie Parkplätze in dem Parkhaus an, dessen Einfahrt unmittelbar vor uns lag und das genau das Parkhaus war, an dem der Polizist uns bei der Einfahrt in die Stadt vorübergelotst hatte. Erleichtert zogen wir ein Ticket, wir zählten uns erneut zu den Glücklichen.

    Aber auch hier war kein Parkplatz zu finden, dafür jede Menge Autos, die die besetzten Plätze umkreisten, auf der Suche nach etwas, das es ganz offensichtlich nicht gab. Und als wir dann die Angelegenheit endgültig an den Nagel hängen und zurück in unser Dorf in der Nähe von Meran fahren wollten, mussten wir einen kleinen Umweg über den Kassenautomaten machen, der die in Anspruch genommene Leistung abkassierte. Und da erst haben wir dann verstanden, dass tatsächlich in all diesen Autos und unter all diesen Regenschirmen da draußen Menschen waren und dass das Bozener Parksystem, nicht etwa eine Fehlfunktion hat, das uns irrtümlicherweise in die Irre geleitet hatte, sondern voll funktionsfähig ist. Glück ist in diesem System nicht vorgesehen. Jedenfalls nicht das reine Glück, höchstens das abgeleitete, zufällige, bei dem es ausreicht, sich für glücklich zu halten, um glücklich zu sein. Das billige Glück.

    Es gab ein Gespräch mit unserer Vermieterin, die über das veränderte Urlaubsverhalten der Menschen klagte. Aber sie klagte auch über ihre Kinder und die Welt insgesamt. Früher sagte sie, sei man für drei Wochen gekommen, heute bleibt schon lang, wer nicht nach dem Wochenende abreise. Natürlich hat sich das Urlaubsverhalten verändert, unser gesamtes Arbeitsleben hat sich in der vergangenen Dekade geändert. Undenkbar, dass, wer sich von dieser Arbeit erholt, es auf althergebrachte Weise tut. Man muss sich auf eine neue Weise erholen, die der veränderte Arbeits- und Lebenswelt entspricht. Und wir verhalten uns im Urlaub nicht anders als im alltäglichen Leben. Wir brauchen permanent neue Erlebnisse und der Erlebnisdruck ist enorm gestiegen. Wir hetzten von Ort zu Ort auf der Suche nach dem Neuem, dem Aufregendem. Auch wenn wir eigentlich die Ruhe finden wollen, können wir sie nicht ertragen, weil sie in Abwesenheit von Ereignissen stattfindet und wir diesen Zustand als Leere empfinden. Die Leute sitzen in Meran, sie finden‘s nett, und überlegen, ob sie am nächsten Tag nicht doch lieber nach Verona, nach Mailand, Venedig oder an den Gardasee fahren. Weils woanders vielleicht besser. Einen Tag später sitzen sie dann anderswo und denken sich, dass es nett ist. Aber nicht das, was sie von den Bildern und Geschichten über den Gardasee, Verona oder Venedig kennen. Eigentlich kennen sie schon alles, nicht in der realen, selbst erlebten Version, sondern in der, die von der eigenen differiert und von der sie gar nicht sagen können, woher sie sie haben.

    Wir kennen heute alles ohne irgendetwas zu kennen. Die Ruhe, die wir suchen, finden wir nicht mehr. Wir finden nicht einmal mehr einen Parkplatz, wo wir von der Suche nach ihm ausruhen können. Vielleicht ist die Differenz zwischen Suche und Fund auch so groß geworden, dass wir den Zusammenhang gar nicht mehr begreifen. Das nicht finden können eines Parkplatzes hatte möglicherweise mit der realen Parkplatzsituation in der Stadt Bozen gar nichts zu tun.

    Wenn ich jetzt Lust hätte in die allgemeine Klage einzustimmen, dass das Lesen seinen Stellenwert verloren hat: weil es kein Erlebnis mehr bereit hält und es uns, die wir immer hierhin und dahin klicken und die Orte wechseln, geradezu unerträglich ist, stundenlang an derselben Stelle zu hocken und bloß in ein Buch zu schauen. Aber ich habe keine Lust zu dieser Klage. Gott sei Dank!

    Mein eigenes Schreiben ist immer präsent. Entweder der letzte, beinahe abgeschlossene Text oder der kommende, sich andeutende. Und das empfinde ich, auch wenn diese Texte einen kaum je nachlassenden Druck auf mich ausüben, als das Gegenteil dieses gestiegenen Erlebnisdrucks. Ich sitze Monate und Jahre an denselben Worten und Vorstellungen und kann mich auch nicht hetzen lassen. Ich kann es nur aussitzen. Im Schriftstellersumpf ist jede verfrühte Bewegung fatal.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juli 2014

    Ich würde es gern vermeiden, etwas zum Bachmannwettbewerb zu schreiben, weil darüber viel zu viel geschrieben wird

    Aber es geht eben nicht immer so wie man will. Ich mache auf einen Text aufmerksam, den ich mehrfach gelesen und über den ich viele Stunden mit dem Autor gesprochen und diskutiert habe. Und wir haben uns auch gestritten. Nicht über den Text, sondern über uns. Heute, Freitag um 12.00 Uhr liest Senthuran Varatharajah einen Ausschnitt aus „Vor der Zunahme der Zeichen“. Hier. Ein Text, der eine außergewöhnlich hohe literarische Qualität hat und ein Titel, der ein wenig auch mit mir zu tun hat, zu wenig, ums hier zu betonen. Text und Autor wünsche ich, dass sie den Bachmann Wettbewerb gewinnen.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 Juni 2014

    „ … wie ein versierter Übersetzer zwar dubitativ, weil anspruchsvoll, und dennoch – paradox genug! – sicheren Schrittes verfahren soll …“

    Meine Beschreibung der Tage in Bukarest und des dortigen Übersetzerkolloquiums ist ja bereits online. Jetzt ist auch die von Professor Horatio G. Decuble allgemein zugänglich, die mit der einer sehr treffenden Beschreibung aufwartet, die ich so gar nicht hätte formulieren können, dass  Aléas Ich eine „Kombinatorik von historiographischer Metafiktion und psychologischem Hyperrealismus“ ist.

    Hier also der Bericht mit vielen Fotos von den acht ÜbersetzerInnen, Alexandru Al. Şahighian und Gabriel H. Decuble, von dem nicht nur der Text, sondern  auch die Fotos stammen. Wie allerdings, fragt man sich, können die Fotos von Horatio Decuble stammen, wenn er selbst auf den Bildern zu sehen ist? Da stimmt doch was nicht! Das sind wahrscheinlich die Rätsel der Metafiktion. Oder die des Lebens: Denn es ist doch kaum ein Tag dabei, wo man nicht denkt, dass da irgendwas nicht stimmt und es wieder mal nicht so läuft wie es laufen könnte. Möglicherweise aber ist das ein untrügliches Kennzeichen des Lebens, dass es nicht so läuft wie es laufen könnte.  Und wenn es dann endlich doch so läuft: dann weiß man, dass man tot ist.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Juni 2014

    Encyclopädia Britannica: “One of the strangest novels of 2013 was ‘Aléas Ich’ … ”

    Von den etwa 70.000 belletristischen Neuerscheinungen pro Jahr in Deutschland kommen weniger als ein Dutzend in die Übersicht der Encyclopädia Britannica. Das sind in diesem Jahr: Daniel Kehlmann mit F, Sven Regner mit Magical Mystery, Helene Hegemann mit Jage zwei Tiger, Uwe Timm mit Vogelweide, Terézia Mora mit Das Ungeheuer, Reinhard Jirgl mit Nichts von euch auf Erden, Thomas Glavinic mit Das grössere Wunder, Clemens Meyer mit Im Stein. Und Aléa Torik mit Aléas Ich: One of the strangest novels of 2013 was Aléas Ich … ”, hier oder hier.

    Sehe ich richtig, dass mein Buch das einzige der genannten ist, das über die Rezensionen hinaus nahezu keinerlei Aufmerksamkeit errungen hat? Obwohl keins, wenn ich richtig sehe, der hier genannten Bücher eine solch Euphorie hervorgerufen hat, wie das meine – Jirgl und Meyer muss ich vielleicht ausnehmen – . Meyer muss ich da rausnehmen: gerade der hat ja richtige Groupies. Man wundert sich aber dennoch. Man wundert sich nicht nur, man fragt sich, woran das liegt und man fragt sich nicht nur, woran das liegt, man ärgert sich auch. Und man ärgert sich nicht nur.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    04 Juni 2014

    Kennen Sie Bukarest?

    Ich hatte angekündigt, dass ich in der letzten Maiwoche in Bukarest sein werde. Diese Woche ist nun vorüber. Ich war dort und bin nun wieder hier. Möglicherweise habe ich den Aufenthalt in Rumänien auch erfunden, um mal wieder ein bisschen Stimmung in die Bude zu bringen. Oder weil ich Literatur mache und das erfinden zu meinem Job gehört. Außerdem bin ich nicht bereit, nur das als Literatur zu verstehen, was zwischen zwei Buchdeckel passt. Wie man die Irren – Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft -  gerne in bestimmte Areale aussperrt, damit man nie auf den Gedanken kommen muss, dass man selbst kaum weniger irre ist, sperrt man die Literatur zwischen die Buchdeckel. Dort können sich dann jene austoben, die sich für Napoleon Bonaparte oder Aléa Torik halten. Diese andere, die verrückte Welt – und alles, was über die reine Abbildung hinausgeht, ist verrückt – will man jederzeit wieder zuklappen können.

    Angenommen also ich war in Bukarest, auf jene verrückte Weise, die nicht die vorhandene Wirklichkeit widerspiegelt, sondern sich eine eigene erschafft; die nicht enthüllt, was da ist, sondern verhüllt, was nicht da ist. Nehmen wir an, ich sei mit dem Flugzeug geflogen. Was ich selbstverständlich nie tun würde: „Ich kann kein Flugzeug betreten, ohne in Panik zu geraten. Außerdem habe ich eine überaus lebhafte Fantasie und bei solchen Menschen ist es einerlei, ob sie wirklich abstürzen oder nur in ihrer Einbildung: Tot sind sie in jedem Fall. Sie sind nach einem eingebildeten Absturz toter, als sie es nach einem wirklichen je sein könnten.“ (Aléas Ich, Seite 14). Nehmen wir dennoch einen Start in Berlin Tegel an, einen ereignislosen Flug und das langsame Sinken des Flugzeugs im Landeanflug, ein lautes Geräusch, mit dem das Fahrwerk ausklappt. Und mit dem Fahrwerk klappt auch die Landebahn auf. Es klappen, sowie ich das Flugzeug verlasse, die Flughafengebäude auf und während der Fahrt in die Innenstadt klappt die Straße auf, links und rechts klappen die Gebäude auf, es klappt die vor mir liegende Zeit auf.

    Am ersten Abend wird ein Essen aufgeklappt, mit Beate Köhler, der Leiterin des Goetheinstituts in Bukarest, Prof. Horatio Decuble, dem Leiter der Germanistik, und Alexandru Sahigian in Beca’s Kitchen. Ich erzähle ein wenig von meiner Lebensgeschichte oder von dem, was ich dafür halte und die anderen finden es zumindest nicht unwahrscheinlich. Wir sprechen über Herta Müller und Mircea Cărtărescu – zwei sehr viel unwahrscheinlichere Lebensgeschichten als meine! – und über diese beiden, die ja durchaus als Antipoden bezeichnet werden können, wird, in wechselnden Konstellationen, noch häufiger gesprochen. Wir sprechen über den Literaturbetrieb in Rumänien und das Leseverhalten junger Leute. Wir vier sitzen uns schräg gegenüber, was man im Rumänischen nicht sagen kann, weil man sich einfach nur gegenübersitzt, ob schräg oder gerade spielt keine Rolle. Und das ist auch nicht falsch, denn wir sitzen uns tatsächlich nicht nur schräg, wir sitzen uns auch gerade gegenüber.

    Am darauffolgenden Tag werde ich von Marina Neacşu abgeholt, die von diesem Moment an beinahe alle meine Schritte begleitet. Wir fahren zu Radio România, wo ein Interview mit Matei Martin, Adela Greceanu und Alexander Sterescu stattfindet. Eine halbstündige Livesendung über Aléa Torik, Aléas Ich und die Ereignisse innerhalb und außerhalb der Buchdeckel. Ich habe vorher keine Zeit, nervös und hinterher keine Zeit, unzufrieden zu sein. Denn es geht gleich weiter zur Facultatii de Limbi şi Literaturi Străine. Auch wenn ich zum ersten Mal hier bin, ist es doch die Rückkehr an jenen Ort, an dem Aléa Torik studiert hat. Und wie ich so mittendrin bin in meinem alten Leben, gehe ich gleich auf die falsche Toilette. Jedenfalls halte ich sie für die falsche, ich treffe auf der Herrentoilette eine Frau. Wer Aléas Ich gelesen hat, weiß, welche Schwierigkeiten Aléa mit der Differenzierung von männlich und weiblich hat. Dann erinnere ich mich – oder man erklärt es mir -, dass an Fakultäten mit überwiegend weiblichen Studentinnen die Frauen die Toiletten der Männer mitbenutzen.

    Ich besitze einen neuen Personalausweis mit biometrischem Foto und fälschungssicheren Hologrammen: dabei käme ich nie im Leben auf die Idee, meine Identität zu fälschen! Auf der Vorderseite dieses Dokumentes steht mein männlicher, auf der Rückseite mein weiblicher Name. Allerdings findet sich keine Angabe mehr zum Geschlecht. Früher musste man zur Geschlechterbestimmung den Neugeborenen nur zwischen die Beine schauen und da man männlich oder weiblich sein musste, wurde das notfalls mit operativer Hilfe festgelegt: weil Eindeutigkeit ein erheblicher Wert war. Heute ist diese Zuordnung nicht mehr so einfach, weil man die inneren Anlagen der Geschlechtsorgane nicht von außen bestimmen kann. Und weil das Geschlecht, vielmehr die Zugehörigkeit dazu, ein konstruktiver Akt ist, den jeder im Laufe seines Lebens leisten muss. Ein jeder muss erkennen, welchem Geschlecht er sich zugehörig und von welchem er sich angezogen fühlt. Das ist eine große Freiheit und wie jede Freiheit mutet sie dem Einzelnen eine Auseinandersetzung mit dem Thema zu. Freiheit ist immer eine Zumutung.

    Raus aus der Toilette, rein in die Österreich-Bibliothek! Dort findet das Übersetzerkolloquium statt. In den vorhergehenden Tagen wurde, in zwei Gruppen unterteilt und unter Anleitung der beiden versierten Übersetzer Horatio G. Decuble und Alexandru Al. Şahighian je ein Kapitel von Aléas Ich und ein drittes, wenn ich richtig verstanden habe, gemeinsam übersetzt. Nun wollen acht attraktive junge Frauen mich mit den Ergebnissen ihrer Arbeit konfrontieren. Und sie wollen natürlich auch etwas über mich und Aléa und unseren fälschungssicheren Personalausweis wissen und stellen sehr gescheite Fragen dazu. Nicht alles, was in dem Roman steht, habe ich bedacht und nicht alles, was ich bedacht habe, habe ich auch so gemeint. Wird der Autor mit einer Übersetzung seines Textes konfrontiert, muss er offenbar lernen, dass auch die nicht bedachten und nicht gemeinten Zusammenhänge zur Sprache kommen. Weil sie, wenn sie übersetzt werden, bedacht werden müssen. Die Herrschaft des Autors über seinen Text ist zu Ende, wenn die Herrschaft des Übersetzers beginnt.

    Ich lese die Stelle mit dem Wolkenfragment, in dem der latente Verfolgungswahn Aléas deutlich hervortritt und Horatio Decuble fragt nach der Aktualität des Themas Securitate. Ein Vierteljahrhundert, eine Generation nach dem Untergang des Systems sitzt in dem Seminar keine Studentin, die das noch am eigenen Leib erlebt hat. Hat das noch irgendeine Relevanz? Ich entgegne, dass auch wir auch heute Verfolgungsstrukturen entwickeln, wir werden von anderen verfolgt und wir verfolgen sie ebenfalls: im Internet. Wir nennen es nur nicht mehr Verfolgung. Mit WhatsApp wissen wir jederzeit, wo die anderen sind und was sie da tun: denn sie hinterlassen überall Spuren. Wie wir. Wir alle sind in ein Gewebe verstrickt, dem wir uns gar nicht mehr entziehen können, weil es längst die Herrschaft über uns hat. Wir schauen ja nicht freiwillig alle paar Sekunden auf das Display unserer smartphones! Sondern die anderen, die Spuren auf unserem Display hinterlassen, zwingen uns dazu. Damit fällt ein Stückweit die Unterscheidung zwischen Freiheit und Unfreiheit, Täter und Opfer. Im Netz sind wir immer beides zugleich. Der Unterschied allerdings, wird mir berechtigterweise entgegengehalten, sei die Angst. Zur Zeit des Geheimdienstes habe man Angst haben müssen, heute sei man, wenn man in Netz unterwegs ist, angstfrei. Was ich wiederum für ein Problem halte.

    Wir sprechen über konkrete Übersetzungsprobleme, etwa bei dem Kapitel über den Flohmarkt am Mauerpark: „Die Deutschen sind in der Regel sehr darauf bedacht, einen körperlichen Abstand zueinander einzuhalten, der idealerweise genau einen Meter beträgt. Sie rempeln höchstens aus Protest. Angehörige anderer Ethnien hingegen, insbesondere Süd- und Osteuropäer rempeln aus Vergnügen. Es sind vor allem Fremde, Ausländer und Touristen, die auf diesem internationalen Flohmarkt unterwegs sind“ (Aléas Ich, Seite 198). Die Frage ist, ob es sich bei den Ausländern und Touristen um nähere Bestimmungen von Fremden handelt oder ob es eine Aufzählung dreier Gruppen ist. Ich kann die Frage nicht konsistent beantworten. Am darauffolgenden Tag, bei der öffentlichen Lesung und Diskussion bei der ein großer Teil des Fachbereiches anwesend ist, werden Dorian, Damian, Dionisie und Desideriu, die vier rumänischen Surfer zum Problem, vielmehr ihr Waschbrettbauch, der von der Abdominalmuskulatur gebildet wird. Den Begriff gibt es nicht. Ein „sehr muskulöser Mann“ trifft nicht das Gemeinte. Auch die Möglichkeit, einen stehenden Begriff wie etwa eine „karierte Tischdecke“ zu benutzen und deren Bedeutungsspielraum damit zu erweitern, ist wahrscheinlich nicht zielführend. Der englische Begriff „sixpack“ trifft es wohl am besten.

    Es wird nach der Art meiner Recherchen gefragt. Eines der übersetzten Kapitel ist in Bukarest situiert und man sagt mir hier wie auch schon bei der Lesung in Sibiu – wo ich eines der Kapitel aus Siebenbürgen gelesen habe -, dass die Texte außerordentlich authentisch seien und ich mit den Beschreibungen nicht nur die Stadt, sondern auch das Gefühl der jungen Leute für sie getroffen habe. Man will wissen, ob ich nicht doch wenigstens mal eine rumänische Freundin hatte, was ich bedauerlicherweise verneinen muss. In diesem Zusammenhang werde ich gefragt, ob es in Deutschland das Bild der schönen Rumänin gebe und ich antworte, dass es das meines Wissens durchaus gebe und ich, in gewisser Weise jedenfalls, auch deren Verkörperung sei.  Ich finde, ohne, dass ich mir je Rechenschaft darüber abgelegt hätte, dass Osteuropa für ein Gut steht, das in Westeuropa vielleicht schon verlorengegangen ist: eine Form der Unmittelbarkeit, die man als Natürlichkeit bezeichnet. Gewagte These.

    Eine verlorengegangene Natürlichkeit, die man seltsamerweise wieder zurückzuholen versucht, indem man etwa die Literatur zur Authentizität verpflichtet. Mit diesem Begriff habe ich meine Schwierigkeiten. Ich lege zwar den größten Wert darauf, dass mein Roman authentisch ist, aber nur, weil ich damit diesen Begriff ad absurdum führen kann. Es hat zu Beginn dieses Jahres in Deutschland eine Diskussion in den Feuilletons gegeben, warum die moderne Literatur so wenig „welthaltig“ ist und im Grunde immer wieder dasselbe erzählt. Ich meine, der Grund dafür ist einfach zu erkennen: weil man von den Autoren authentische Literatur erwartet und weil wir Schriftsteller, wenn wir dem nachkommen, Erfahrungen nicht länger in der Erfindung verdichten müssen, sondern in der bloßen Entsprechung der Realität entleeren. Aber auch Kafka war – seinem Text „Die Verwandlung“ zum Trotz – nie ein riesiges Insekt, wie Bersarin einmal formuliert hat. Würde man seine Texte mit Authentizität konfrontieren – oder mit Insektiziden behandeln – bliebe vom größten Schriftsteller Europas nicht viel übrig: Kafka würde wie eine tote Kakerlake aus dem Bücherregal fallen.

    Einmal geht es um das Bild der Vögel: Aléa trifft in den ersten vier Jahren in Bukarest jeweils einen Mann mit einem Vogel auf der Schulter, ein Pinguin, ein Papagei, ein Pfau und ein Pelikan. Das ist ein in dem Roman sehr weit verzweigtes Bild, an dem ein ganzes Bedeutungsfeld sichtbar wird. Alle zusammengehörigen Gruppen – meistens Personen, also Charaktere, manchmal auch Tiere und Ortschaften – werden aus vier Vertretern gebildet, deren Namen alle mit demselben Buchstaben beginnen. Ich habe in die Runde der Frauen gefragt, ob sie wissen, was es bedeutet, wenn man sagt, jemand habe einen Vogel. Aléa ist einsam, sie ist nach Deutschland gekommen, wo vielleicht nicht alles so gelaufen ist, wie sie sich das erhofft hatte, sie sehnt sich nach einem Mann, nach Liebe, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Sex: ich habe also gefragt, ob sie wissen, welche Bedeutung das Wort vögeln hat. Flugzeuge nennt man auch Vögel. Aléa hat Angst vorm Fliegen, eine Angst, die entstanden ist, da sie als 6-jährige die Flucht von Nicolae und Elena Ceaușescu mit dem Hubschrauber vom Dach des Präsidentengebäudes gesehen hat und wenige Tage später deren Erschießung durch das Militär. Im kindlichen Vorstellungsvermögen verbinden sich diese beiden Ereignisse zu einem. Im Gespräch mit ihrem Doktorvater rät dieser seiner Doktorandin, sich mit der eigenen Angst zu konfrontieren und das Unförmige so in eine Form zu bringen. Und das tut sie, indem sie in ihrem Roman alle ihre Exfreunde mit dem Flugzeug abstürzen lässt und sich am Ende selbst in ein solches Flugzeug setzt, von dem vermutet werden kann, dass es ebenfalls abstürzt. Angst und Lust treffen sich in diesem Bedeutungsfeld. In dem Roman taucht ein Spaßvogel auf; auch die Lieblingsgestalt ihrer Kindheit, der Pinguin Apollodor, ist ein Vogel. Amer Amira Al Amour ist Aléas und Olgas Papagei, der nie gekauft, nie gefüttert und der, auch wenn er vier Sprachen lernen sollte, nie unterrichtet wird und der am Ende bloß die Geräusche von Flugzeugabstürzen simulieren kann. Und schließlich ist auch ihr Professor ein Vogel, Joseph Vogl nämlich.

    Anhand einer Frage – ich erinnere mich an Anna im gepunkteten Kleid- nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fantasie, bemühe ich das diesem Buch vorangestellte Zitat Cărtărescus: „Der postmoderne Mensch glaubt an keine andere Wirklichkeit als die von ihm selbst erschaffene. […] Phantasie und ›Wirklichkeit‹ befinden sich auf ein und derselben Ebene und überschreiben einander unaufhörlich.“ Die klassische Philosophie postuliert einen Ursprung, ein Original, ein Urbild, das – wenn auch als nicht mehr Vorhandenes – im Abbild noch immer präsent ist. Setzt man aber ein synchrones Verhältnis von Abbild und Urbild, geht das eine nicht mehr dem anderen vorher, beide befinden sich auf derselben Ebene. Ich versuche das mit dem Problem des Anfangs von Aléas Ich zu erklären. Der tatsächliche Anfang lautet so: »Es ist September, der frühe Morgen des 11. September 2011, und ich sitze im Lesesaal der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität, dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, es ist der frühe Morgen eines strahlend schönen Septembertages, den ich durch die Oberlichter sehen kann, ich sitze vor dem aufgeklappten Laptop und schaue auf den Bildschirm, auf die erste Seite meines Manuskripts;« (AI, Seite 9). In einem späteren Kapitel sagt Aléa allerdings, dass der Anfang ihres Romans Aléas Ich das Gespräch mit ihrem Professor über ihren Roman sei, das man bis dahin für ein authentisches Ereignis ihres Lebens hatte halten müssen: »Was ist das Wirkliche an der Wirklichkeit?«, fragte Joseph Vogl. Ich saß in der Sprechstunde meines Professors. Ich hatte ihm das erste Kapitel meines Romans und ein Exposé gegeben und ihn um einen Rat gebeten – vielmehr um dieses Gespräch, und mir dann wohl einen Rat erhofft. Er aber stellte eine Frage. Vielleicht erkannte er nicht, dass ich einen Rat erhofft hatte, oder ich erkannte nicht, dass diese Frage ein Rat war« (AI, Seite 20).  Wenn dies aber das erste Kapitel ihres Romans ist, muss man sich fragen, welches Kapitel Aléa Joseph Vogl dann zur Lektüre gegeben hat. Das müsste dann ein Kapitel sein, das es gar nicht gibt. Oder das sich selbst darstellt. Und vor allem: wo ist es? Und zwischen diesen beiden Kapiteln liegt der erste Eintrag in dem Blog  der überschrieben wird mit Anfang, vor allem Anfang. Der Relativsatz kann als nähere Bestimmung des Substantivs gelesen werden und bedeutet dann: es geht vor allem um den Anfang. Er kann aber auch als temporale Bestimmung gelesen werden: jedem Anfang geht noch etwas vorher. Dieses Blog ist der eigentliche Anfang Aléa Toriks, einer Figur oder Person – nutzen wir besser den englischen Begriff character – die es nur im Netz gibt. Diese Ebenen von Wirklichkeit und Fiktion überlagern und überschreiben sich in Aléas Ich ununterbrochen. Es ist nicht die Frage, ob Huhn oder Hühnerei zuerst da waren, Gott, der den Menschen als sein Ebenbild erschafft, oder der Mensch, der diesen erschaffenden Gott erschafft, um sich seine Existenz zu erklären. Das erste ist kein Gottesbeweis und das letzte keine Widerlegung Gottes. Wir Postmodernen würden sagen, beide sind zuerst da gewesen: „und überschreiben einander unaufhörlich“. Es ist nicht die Frage, ob Autor oder Figur zuerst da waren, ob der Autor die Wahrheit über seine Figur ist oder umgekehrt. Es ist die Frage, wie sie sich zueinander verhalten. Und damit wird ein ästhetischer Umstand beschrieben, kein chronologischer.

    Der erste Abend steht ganz im Zeichen der europäischen Literaturnacht, die zum dritten Mal von zwölf europäischen Kulturinstituten organisiert wird. Der Ort liegt ein wenig abseits der eigentlichen Wege und weil das Format der öffentlichen Lesung in Rumänien nicht so bekannt ist, sind die Räume nicht so reich besucht wie wir uns das erhofft haben. Das anwesende Publikum ist allerdings außerordentlich angetan von Aléa Torik. Ein, wie ich schon sagte, ästhetisches Phänomen, das mit Leben und mit Projektionen gefüllt werden muss. Und da ich in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet bereits einiges geleistet habe, gönnt das Goetheinstitut mir an diesem Abend eine Pause und hat eine Schauspielerin engagiert. Das zentrale Bukarest Kapitel, zuvor von den Studentinnen übersetzt, wird im Stundentakt von Michaela Popa  vorgetragen, die das ganz ausgezeichnet macht. Da das Kapitel aus der Ichperspektive geschrieben ist, ist das Bild Aléas an diesem Abend sicher zu einem großen Teil ihr zu verdanken.

    Am letzten Tag findet ein Interview mit Bianca Filip für Radio Bukarest statt, das für die deutschsprachige Minderheit in Rumänien sendet. Bianca und Alexandru begleiten mich zwei Tage lang auf meinen Wegen in Bukarest. Ich begleite sie, vielmehr machen wir die Wege, die sie um meinetwillen machen, zusammen. Bei den beiden habe ich das gute Gefühl, Freunde gefunden zu haben. Sie laden mich ein, bei nächster Gelegenheit wiederzukommen. Und das werde ich auch tun. Wenn das Stückchen Literatur beendet ist, an dem ich derzeit arbeite, in diesen Tagen und Wochen, werde ich ein ausführliches Exposé zu dem darauffolgenden Roman schreiben und mich um Förderungen bemühen. Das ist ein längeres Projekt und Bukarest wird, neben einigen anderen Städten, eine gewichtige Rolle spielen. Voraussichtlich jedenfalls, dazu muss ich irgendeine Förderung finden. Mit diesem Text will ich einen entscheidenden Schritt in Richtung europäischer Literatur gehen. Das Goetheinstitut hat sich für mich als ein Glücksgriff erwiesen, Marina Neacşu und Beate Köhler sind außerordentlich engagiert. Am diesem Abend sitze ich noch einmal mit Prof. Decuble zusammen, in der Donau Lounge, und wir reden über europäische Literatur in Bukarest und hoffentlich kommt da noch etwas hinterher, mindestens ein gemeinsamer Text. Und es kommen auch noch ein, zwei Interviews auf die ich bei Gelegenheit verweisen werde.

    Eine der Studentinnen hat offenbar Interesse, das gesamte Buch zu übersetzen. Ich würde mich natürlich außerordentlich freuen, wenn das geschieht. Die Begeisterung der Leute, auf die der Text getroffen ist, zeigt deutlich, dass er ebenso nach Rumänien gehört wie nach Deutschland. Ich hoffe sehr, dass es zu einer Interessenbekundung eines rumänischen Verlages kommt. Ich kann bei der Suche vor Ort nicht helfen, aber ich kann bei der Übersetzung sicher zur Seite stehen. Für mich wäre das gut und für sie wäre es das auch, direkt aus der Uni heraus zu einer literarischen Übersetzung zu kommen, mit einem Buch, das, wie ich finde, nicht ganz einfach zu übersetzen ist, das aber, so wird allgemein festgestellt, eine junge Übersetzerin benötigt.

    Kennen Sie Bukarest? Da sind mitunter Löcher in der Straße, das kann man mögen oder nicht. Man kann es hassen oder lieben. Man kann es erfinden oder so nehmen wie es ist und außen herum gehen. Man kann in Bukarest ankommen oder von dort weggehen. Und während sich alles, was sich beim Landeanflug aufgeklappt hat, die Landebahn und die Flughafengebäude, die Straßen der Stadt und ihre Bewohner, die hierhin und dorthin laufen, Verabredungen treffen und sich verpassen, die studieren und arbeiten … Alexandru und Bianca, der Professor und seine hübschen Studentinnen, die eines Tages, wie Aléa zuvor, nach Deutschland gehen, um Übersetzerinnen zu werden oder Romane zu schreiben; all das klappt wieder zusammen, während das Flugzeug abhebt, um mich auf einer anderen Landebahn ab- und auszusetzen, wo ein anderer Ort aufklappt.

    Am Ende ist alles erfunden. Ich bitte Sie! Wie hätte ich denn – bei meiner Flugangst! – nach Bukarest kommen sollen? Ich wäre nicht nur beim Hinflug abgestürzt, sondern auch beim Rückflug.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 Mai 2014

    Die Authentizität des Buchstabens

    In der letzten Maiwoche bin ich in Rumänien. An der Universität in Bukarest werden unter der Leitung von Prof. Horațiu Decuble  und Alexandru Şahighian Masterstudenten einige Kapitel aus Aléas Ich ins Rumänische übersetzen. Ich werde am letzten Tag der Veranstaltung ein wenig assistieren. Eines der übersetzten Kapitel wird dann im Rahmen der Europäischen Literaturnacht  -  Noaptea Literaturii Europene – gelesen, und das gleich mehrfach. Auch da werde ich nur assistieren, ich halte das Mikrofon für eine Schauspielerin, die den Bukarester Zungenschlag besser beherrscht als ich. Anders als wir Siebenbürger haben die Walachen, und eben dort, in der Walachei, liegt Bukarest, einen stärker ausgeprägten musculus longitudinalis inferior – jene dünne Schicht longitudinal verlaufender Muskelfasern der Zunge, die sich zwischen dem musculus genioglossus und dem musculus hyoglossus befindet (wer sich in die Materie einarbeiten möchte, kann das hier tun) – einfacher ausgedrückt, rollen die Walachen das R sehr viel stärker und da ich das bei meinen Aufenthalten in Bukarest nie ordentlich gelernt habe und man in ganz Rumänien sehr viel Wert auf die Authentizität dieses einen Buchstabens legt, muss eine Schauspielerin meine Texte lesen.

    Am darauffolgenden Tag finden eine Lesung und ein Autorengespräch an der Universität, im Fachbereich Germanistik statt. Und dabei kommen meine Fähigkeiten und mein zu kurz oder zu lang geratender Zungenmuskel dann voll zum Einsatz, denn die Lesung findet auf Deutsch statt. In diesem Rahmen lesen die Studenten dann auch aus ihren an den vorhergehenden Tagen entstandenen Übersetzungen. Danach findet ein Gespräch statt. Wir reden vielleicht über Authentizität, also über die Frage, ob Literatur authentisch sein muss und unter welchen Bedingungen sie es ist. Authentizität ist ja etwas anderes als bloße Glaubwürdigkeit. Oder vielleicht reden wir auch darüber, warum ich mir gerade Mircea Cărtărescu und Joseph Vogl als Lehrer ausgesucht habe. Ich meine, dass man Hinweise auf den einen sowohl wie auf den anderen in meinen Romanen finden kann. Und damit meine ich nicht nur, dass der einzige Hund in Aléas Ich Frits heißt, also so wie der Hund im zweiten Teil der Orbitor Trilogie. Joseph Vogl brauche ich nicht um des Namens willen, in meinen Text kommen ja so einige komische Vögel vor. Ich sehe da vielmehr deutlich inhaltliche Gründe. Oder wir reden über Postmoderne Literatur. Und schließlich werde ich einen Tag auf der Buchmesse verbringen, auch hier gibt es eine Lesung und eine Diskussion, Freitag, 20.00 Uhr Uhr in der Donau Lounge, ROMEXPO, Pavilionul C4. Vielleicht, dass sich ein Verlag für meine Bücher interessiert.

    Das Ganze, oder doch Teile des Ganzen, findet auf Initiative des Goetheinstituts in Bukarest statt.

    Aléas Ich

    Lectură din romanul semnat de Aléa Torik, în prezenţa autoarei

    Lectură
    28.5. – 30.5.2014
    UNATC & Facult. de Germanistică, București
    28.05.2014, orele 19-23
    în cadrul Nopții Literaturii Europene 2014
    Lectură: Mihaela Popa
    Universitatea UNATC, etaj 3, Sala 306B,
    Str. Matei Voievod 75-7729.05.2014, ora 15
    Universitatea Bucureşti, Facultatea de
    Limbi şi Literaturi Străine, Sala Shakespeare,
    Str. Pitar Moş 7-13

    30.05.2014, ora 20
    Bookfest, Stand Donau Lounge,
    Romexpo, Piaţa Presei Libere

    Aléa, născută în România, în 1983, tocmai își termină studiile la Universitatea din Berlin, cu o lucrare pe tema ficționalității. Lucrează în paralel la cel de-al doilea roman al său, ține un blog, locuiește cu frumoasa Olga într un apartament la comun, iar printre prietenii ei iluștri se numără actori și consilieri economici. Anii petrecuți în Transilvania și București, precum și viața ei de acum, în Germania, furnizează datele biografice și evenimentele celebrului roman semnat Aléa Toriks, „Aléas ich“ (2013). În cadrul Nopții Literaturii Europene, vă oferim o lectură incitantă din roman, în limba română, și vă dezvăluim secretul unei scriitoare, a cărei fotografie n-a putut fi publicată până acum. Lecturile sunt repetate la interval de 45 de minute.

    Noaptea Literaturii Europene este o inițiativă a Institutelor Culturale Europene și oferă lecturi din literatura europeană provenind din 12 țări, lecturile fiind organizate în mai multe locații din jurul Academiei de Film UNATC.
    Alte două lecturi, în limba germană, și discuții cu autoarea sunt programate pentru 29 mai, la Universitatea din București şi 30 mai, la Târgul de Carte Bookfest.




    08 Mai 2014

    Noch nicht die Welt selbst. Aber immerhin das Tor zur ihr: Hamburg nämlich!

    Am Montag der kommenden Woche bin ich in Hamburg. Hamburg, habe ich gelesen, ist das Tor zu Welt. Eine Welt, die ich zu großen Teilen nicht kennenlernen werde, da sich meine Reisetätigkeit in Grenzen hält. Immerhin werde ich das Tor zur Welt kennenlernen. Nicht alle Tore, Hamburg hat 1,7 Million Einwohner, aber den einen oder anderen Tor werde ich kennenlernen, wenn er denn am kommenden Montag in‘s Literaturhaus kommt, wo ich, auf Einladung des Literaturzentrums  aus meinem aktuellen Roman lese und mit Alexander Häusser diskutiere. Oder randaliere. Je nachdem. Es geht um 19.30 Uhr los. So steht’s hier geschrieben. Und da ich nicht selbst kommen kann – Termine, Termine, Termine – schicke ich den Schauspieler, der behauptet, ich zu sein.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    25 April 2014

    „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“

    Im Folgenden mein im vergangenen Jahr in der Jungen Welt publizierter Essay zu Pierre Bayards “Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“.

    Bücher sind ein Problem. Mehr als eins. Erstens sind sie oft unansehnlich. Wir aber kaufen lieber hübsche Dinge, weil wir gewohnt sind vom Äußeren auf das Innere zu schließen. Zweitens sind sie, wo man Giga- und Terabyte in der Hosentasche herumtragen kann, unhandlich und unnötig schwer; und mitunter sind sie auch noch schwer zu verstehen. Und drittens haben wir heute keine Zeit mehr. Vielleicht haben wir noch die Zeit, Bücher zu kaufen; aber zum Lesen haben wir die Zeit nicht. Und hätten wir sie, müssten wir feststellen, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, ein literarisches Urteilsvermögen herauszubilden: man braucht dazu jenes gefestigte Verständnis, das man sich durch die Lektüre doch eigentlich erst aneignen wollte.

    Da kommt ein Buch wie dieses gerade recht. Das französische Original bedient sich der Frageform – „Comment parler des livres que l’on n’a pas lus?“ -, eine Formulierung, die die deutsche Übersetzung nachgerade in eine Anleitung verwandelt. Genau genommen müsste der Titel lauten: Dass man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Dieser Essay ist kein Ratgeber, es ist vielmehr eine Ausdeutung der Tatsache, dass wir die meisten Bücher, die wir gelesen zu haben vorgeben, tatsächlich nicht oder kaum kennen und, „dass unsere Beziehung zu Büchern kein kontinuierlicher, homogener Prozess ist, wie uns manche Kritiker glauben machen möchten, auch nicht der Ort einer luziden Kenntnis unserer selbst, sondern ein obskurer, von Bruchstücken der Erinnerung heimgesuchter Raum, dessen – auch schöpferischer – Reiz mit den nebelhaften Phantomen zusammenhängt, die darin umgehen.“

    Pierre Bayard ist Professor für Literaturwissenschaft, kennt sich also mit Texten und vor allem mit Rezeptionsgewohnheiten aus, seinen eigenen und denen seiner Studenten. Er macht deutlich, dass wir mit ‚Lesen‘ sehr unterschiedliche Verhaltensweisen bezeichnen. Lesen und Nicht lesen sind einander sehr ähnlich: „Lesen bedeutet in erster Linie nicht lesen, und selbst bei den großen Lesern, die ihr ganzes Leben der Tätigkeit verschrieben haben, verbirgt die Geste des Ergreifens und Öffnen eines Buches stets die ihr entgegengesetzte, die darin enthalten ist und demzufolge unbemerkt bleibt: die unfreiwillige Geste des Nichtergreifens oder Zuklappens sämtlicher Bücher, die bei einer anderen Organisation der Welt an die Stelle des glücklich auserwählten hätten treten können.“

    Der Bereich zwischen Lesen und Nichtlesen beschränkt sich nicht nur auf die Differenz von kursorischem Lesen und systematischem Durcharbeiten, sondern schließt auch mit ein, dass man mitunter nicht sagen kann, ob man ein Buch gelesen hat oder es nur aus den Erzählungen anderer kennt und ob man die Ansichten anderer dazu bestätigt oder widerlegt wissen will. Auch schreiben wir beim Lesen, das vom Autor geschriebene Buch radikal um, und bemerken es in der Regel nicht einmal. Und schließlich vergessen wir das meiste schneller als wir neues aufnehmen können: „Was wir für gelesene Bücher halten, ist ein bunter Haufen von Textfragmenten, verformt durch unsere Imagination, ohne Beziehung zu den Büchern der anderen, wenn sie auch materiell mit denen identisch sein mögen, die wir in der Hand gehabt haben.“

    Der Autor zitiert wiederholt die großen Autoren – Proust und Valery, Musil und Montaigne -, was auf den ersten Blick seine eigenen Thesen zu konterkarieren scheint. Möglicherweise hat er sie tatsächlich nicht gelesen, sondern hat sich, was er für seine These brauchte, herausgefischt. Bildung sei sowohl die Fähigkeit, sich innerhalb eines Buches zu orientieren, als auch innerhalb der Menge aller Bücher. Über Bücher sprechen zu können, ist noch immer ein Ausdruck von Macht, in dem sich die Vorstellungen einer Gesellschaft über Bildung artikuliert. Bayard vermag solchen allgemein bekannten Einschätzungen wiederholt sehr kreative Positionen zu entlocken. Sein eigener Ansatz ist der der Provokation, wenn er etwa behauptet, dass seine Studenten in ihren Beiträgen zu einem Text, jene Originalität mitbrächten, zu der sie nicht fähig wären, wenn sie das Buch gelesen hätten. Das mag durchaus so sein, die Frage ist allerdings, was diese Originalität vermag.

    Wenn man sich die vielen Versuche, Literatur zu kanonisieren, anschaut, wo „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ebenso häufig wie die „Todesfuge“ auf den vordersten Rängen stehen, muss man sich ernstlich fragen: Wer hat das gelesen? Wer hat sich damit auseinander gesetzt? Denn sowohl Roman als auch Gedicht verfügen nicht gerade über eine intuitive Bedienerführung. Ohne eine intensive Beschäftigung sind beide Texte nur mehr oder weniger lange Aufzählungen von Worten. Spezialistenliteratur, die angeblich von Hinz und Kunz gelesen wird, während der arrivierte Literaturwissenschaftler Bayard zugibt, sie nicht zu kennen. Da fragt man sich, ob diese Literatur so einflussreich ist, weil sie gelesen wurde oder weil gelesen wurde, dass sie einflussreich sein soll: ob also ihr Ruhm nicht mehr und nicht weniger ist, als das Gerücht ihres Ruhms.

    Pierre Bayard geht mir allerdings einen Schritt zu weit, wenn er am Schluss mit Oscar Wildes Begriff der Kritik – dass man nicht zum eigenen kommt, wenn man immer nur anderes zur Kenntnis nimmt – rezipierenden und produzierenden Anteil gegeneinander ausspielt und zu dem Ergebnis kommt: Schöpfung bedeute, „dass man sich nicht allzu sehr mit den Büchern aufhalten soll“, um dann damit zu schließen, dass das der erste Schritt sei, um mit dem eigenen Schreiben zu beginnen. Kreativität ist komplex und nicht allein dadurch zu erreichen, dass man mit der Rezeption aufhört. Außerdem brauchen wir keine Menschen die Bücher schreiben, weil wir keine mehr haben, die sie lesen.

    Auch bei mir ist es nicht so, dass ich leidenschaftlich gern lese und darüber spreche. Ich halte das Lesen schlichtweg für die angenehmste Weise, die Zeit totzuschlagen. Diese Erfahrung, Zeit nicht zu nutzen, sie nicht auszunutzen und zu optimieren, sondern sie vorübergehen zu lassen, ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit, sich mit der Tatsache der eigenen Vergänglichkeit zu versöhnen. Ich würde der Sinnlosigkeit des Lesens also ein anderes Gewicht geben als Bayard es tut.

    Das besprochene Buch habe ich selbstverständlich nicht gelesen. Alle Zitate sind frei erfunden: Produktion statt Rezeption! An seiner statt habe ich mich in jenes Buch vertieft, das bei mir schon lange herumgelegen hat und das ich in einer liebevoll gestalteten Ausgabe besitze, vorzüglich übersetzt, und das ich jedem ans Herz legen möchte, weil es sogar noch besser ist als das persiflierte Original: Don Quijote, von Pierre Menard.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    03 April 2014

    Bărbatul și scriitoarea

    Sie sind alle miteinander herzlich eingeladen zu der Lesung am Freitag, den 11. April um 19.00 Uhr im Kulturzentrum von Sibiu / Hermannstadt, Str. Mitropoliei 16. Am darauffolgenden Samstag besteigen wir alle zusammen einen Berg. Den, der direkt hinter Mărginime in den Himmel ragt; oder – um bei der Wahrheit zu bleiben – der beinahe in den Himmel ragt. Aber dieses ‚beinahe‘ macht es doch eigentlich erst interessant: Dass die Dinge beinahe so sind wie sie sein könnten. Denn wenn sie das nicht könnten – dieses ‚beinahe‘ nämlich -, wenn sie nicht einmal das können, dann können sie möglicherweise  gar nichts.

     





    06 Februar 2014

    Aléa Torik über Fiktion, Wirklichkeit und Identität

    Hier also das Interview, das ich auf aboutsomething gegeben habe.

    1) Katja zu Fiktion vs. Wirklichkeit: Ein zentrales Thema Ihres Buches ist der Wirklichkeitsbegriff, nach dem Sie gleich zu Beginn (S. 23) fragen: „Wenn alle Wirklichkeit nur Konstruktion ist, können wir dann mutwillig alles konstruieren?“ … „Wirklichkeit ist, was wir dafür halten, was wir konstruieren.“ (S. 22) Die „neue“ Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist jene des Netzes und ihrer radikalen Projektionen. Ihr Wirklichkeitsbegriff bezogen auf die digitale Realität sagt aus, dass alles um unsere Identität herum konstruiert sei. Kann man daraus eine moralische Frage ablesen? Was ist dann mit denjenigen, die sich der virtuellen Wirklichkeit verweigern, keinen Blog haben und nicht per Facebook kommunizieren? Ist denn mit dieser Weigerung eine fundamentale Lebensverweigerung gleichzusetzen, da ich mich quasi dieser virtuellen Realität entziehe und in ihr nicht stattfinden will? Ist es überhaupt möglich, sich dieser zu entziehen, wenn man „vollwertig“ an der Realität partizipieren will?

    Aléa Torik: Bevor ich die Frage beantworte, will ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich zu meinem Text äußern zu können. Da ich nicht einfach nur einen Roman geschrieben habe, den man an vielen Orten rezensieren, erörtern oder befragen könnte, sondern einen Roman über eine Person, die über Jahre ein literarisches Blog im Netz führt, ein Blog, das es wirklich gibt; da ich gewissermaßen das Blog und den Roman zu einer Einheit verwebe, empfinde ich andere literarische Blogs geradezu als erste Adresse für eine Auseinandersetzung mit dem, was ich da gemacht habe. Ich war verwundert, vielmehr verärgert, weil es zwar viele Reaktionen seitens des Feuilletons gab, aber kaum ernstzunehmende aus der Bloggerszene – bis auf eine einzige Ausnahme, das Blog Aisthesis, wo beide Romane besprochen wurden und auch darüber hinaus versucht wird, dem Phänomen Aléa Torik eine Position in der Literatur zuzuweisen, hier, geschweige denn eine richtige Auseinandersetzung, wie sie hier offenbar stattgefunden hat. Das ist an Ihren Fragen zu erkennen, die vor allem um das Netz kreisen. Das hat bisher noch niemand so deutlich angesprochen und thematisiert. Weil das aber im Grunde der wesentliche Umstand meines Romans ist, antworte ich sehr ausführlich.

    Der Roman ist der Versuch eine moderne Wirklichkeit zu beschreiben, in der das Netz eine wesentliche Rolle spielt. Also nicht das Netz selbst und auch nicht die Tatsache, dass wir bisweilen mal im Netz ein Buch bestellen oder eine Email schreiben. Ich meine, wenn ich von Netz rede, den fundamentalen Bruch in einem Gewebe namens Wirklichkeit durch den Cyberspace.

    Ich frage gleich zu Beginn des Romans nach Wirklichkeit, sogar noch vor der zitierten Stelle. Die Autorin und Protagonistin dieses Romans, Aléa Torik nämlich, sitzt in der Bibliothek, im Lesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin vor ihrem Rechner und schreibt nach Das Geräusch des Werdens an ihrem zweiten Roman. Dann schaut sie an die Decke und sieht eine Frau durch eines der Oberlichter durch die zwanzig Meter hohe Halle fallen und „mit einem entsetzlichen Geräusch“ unten auf den Boden aufschlagen. Die einzige Reaktion Aléas darauf sind einige Gedanken darüber, ob das wirklich geschehen ist. Jeder andere würde wohl erst einmal zu Hilfe eilen und sich danach Gedanken über die ontologische Wertigkeit machen. Man kann vermuten, dass dieses Ereignis lediglich in ihrer Fantasie stattgefunden hat, vielleicht weil das in ihrem Roman geschehen könnte. Oder weil sie eben Dinge sieht, die nicht wirklich geschehen. Sie hat möglicherweise eine kleine psychische Auffälligkeit. Das wird später durch das Motiv des Verfolgungswahns auch noch ausgebaut.

    Das darauffolgende Kapitel jedenfalls beschreibt das Gespräch zwischen ihr und ihrem Professor Joseph Vogl, bei dem sie zum Thema »Identität, Authentizität und Illusion – Zur Theorie der Fiktionalität« promoviert. Der gibt ihr zu verstehen, dass sie eine unzureichende Auffassung von Wirklichkeit hat. Er selbst stellt dann aber nicht seine eigene Auffassung da, sondern problematisiert das: er hält einen kleinen Vortrag über die Veränderungen des Wirklichkeitsbegriffs in den vergangenen 500 Jahren und sagt, dass eine veränderte Welt auch einen veränderten Begriff von Wirklichkeit braucht. Und er gibt ihr einen Rat für den Roman an dem sie schreibt: »Lassen Sie es doch zu einer Kollision von darstellender und dargestellter Person, erzählendem und erzähltem Ich kommen« (AI, 24) Und genau das macht sie dann auch: Aléa spaltet sich im weiteren Verlauf auf, in erzählende Person und erzählte Figur.

    Dieses Gespräch über Wirklichkeit zwischen Aléa Torik und Joseph Vogl stellt sich in der Mitte des Romans als frei erfunden heraus, also Teil ihres Romans, den sie mit einem Gespräch zwischen sich und ihrem Professor beginnen lässt. Und am Ende dieses Romans liegt sie auf dem Boden, erinnert sich an dieses Gespräch und kommt zu folgender Erkenntnis: „Ich denke mir die Dinge bereits aus, während ich sie erlebe. Ich erlebe sie, indem ich sie mir erzähle, indem ich sie in eine narrative Struktur bringe. Ich lege über alles, was meine Sinne aufnehmen, eine Schicht: die fiktive Version eines wie auch immer gearteten, unerkennbaren Wirklichen. Ich weiche in einer Erzählung ein wenig ab, auch wenn ich nicht weiß, wovon ich abweiche. Ich hatte bereits als Kind gelernt, dass man Dinge nicht erzählen kann, ohne sie zu verändern. Gibt es überhaupt einen klaren Trennstrich zwischen den zwei Welten? Oder verschiebt sich das, je nachdem, wer etwas mit welchen Intentionen betrachtet, und der eine tut als Fantasie ab, was der andere als Wirklichkeit abtut? Wer etwas darstellt, der erfindet es bereits, zumindest erfindet er seine Darstellbarkeit. Und darstellen muss man. Denn die Dinge sind, so wie sie wirklich sind, unaushaltbar. Weil sie einfach nur sind. Ohne jede andere Dimension, ohne subjektive Ebene“ (AI, 408).

    Ich bin keine Anhängerin des radikalen Konstruktivismus, auch wenn in seinen Positionen vieles steckt, was ich als zutreffend empfinde. Ich versuche lediglich für diesen Roman eine Wirklichkeit zu beschreiben, die sich tatsächlich ganz stark um den Begriff der Identität dreht. Der Professor Aléas – der über seine Rolle in diesem Roman informiert ist -, hat ein sehr interessantes Interview zum Thema Identität im 21. Jahrhundert gegeben, hier. Wer Aléas Ich gelesen hat, kann erkennen, inwieweit Aléa Positionen Vogls anspricht, etwa bei den Wolken; er sagt dort: ‚alles was geschieht oder was nicht geschieht, hat denselben ontologischen Wert‘. Möglicherweise ist Aléas Verhalten bei der durch die Halle fallenden Frau eine Reaktion auf das, was die Doktorandin bei ihrem Professor gelernt hat.

    Personelle Identität ist natürlich erst einmal eine körperliche und weil sie das ist, ist sie dann auch eine sexuelle. Indem wir uns als Junge oder Mädchen erfahren, identifizieren wir uns. Identität ist also ein Prozess. Wir identifizieren uns mit Bildern, die uns andere, die uns die Gesellschaft vorhalten. Das verläuft natürlich für jeden anders, der eine identifiziert sich mit einem Selbstbild, indem er Position an- und übernimmt, der andere, indem er sie ablehnt. Ich meine, dass der Aspekt der Konstruktion dabei kaum zu überschätzen ist. In einer Lebenswirklichkeit, in der unsere Erscheinung, unser Körper und unser Gesicht, eine Rolle spielt, wo wir also anwesend sind, sind wir deutlicher an diese Identität gebunden als etwa im Radio, wo die Stimme viel wichtiger wird, weil der Gesichtssinn ausfällt. Im Netz sind wir noch freier, da fallen nahezu alle Ebenen weg, aus denen sich unsere Wirklichkeit sonst zusammensetzt. Ob wir diese Freiheit schätzen oder nicht: wir nutzen sie. Ich will keinen universalen Identitätsbegriff propagieren. Ich glaube, dass das Netz eine andere Wirklichkeit hervorbringt, für die, die sich in ihm bewegen. Mehr nicht. Wer nicht ‚surft‘ muss sich um die vom und die im Netz geschlagenen Wellen auch keine Gedanken machen, er wird in dieser, in der realen Welt untergehen, nicht in der vituellen.

    ——

    2) Katja zu Identität- Figurencharakteristik: Kann man Ihren Roman so verstehen, dass hier eine Figur (Aléa Torik) als Figur über sich selbst als Figur in einem Roman und dessen Entstehung schreibt, die immer wieder reflektiert wird? Es wird sozusagen die Entstehung einer Fiktion vorgeführt und der Leser ist herausgefordert, sich über die Frage nach Identitäten klar zu werden.

    Aléa Torik: Es wird die Entstehung einer Fiktion vorgeführt: ja genau so! Zurecht betont die Rezension bei Literaturkritik.de – hier –, dass nicht etwa nach dem Ende der Ereignisse der Held geläutert zurückschaut und seine Entwicklung nachvollzieht; in diesem Roman sind das Ereignis und Beschreibung simultan. Simultaneität ist in der Postmoderne ein wichtiger Begriff, den ich hier nicht in seinen Einzelheiten beschreiben kann. Ich mache das bereits in dem Vorsatz des Textes deutlich, wenn ich den rumänischen Schriftseller Mircea Cărtărescu zitiere: »Der postmoderne Mensch glaubt an keine andere Wirklichkeit als die von ihm selbst erschaffene. […] Phantasie und ›Wirklichkeit‹ befinden sich auf ein und derselben Ebene und überschreiben einander unaufhörlich.«

    Der Leser hat ein Buch in der Hand – Aléas Ich – und darin wird eine Person namens Aléa Torik beschrieben, die Schriftstellerin ist und an ihrem zweiten Roman schreibt. Langsam erkennt er, dass er Aléa nicht nur zuschaut, wie dieser Roman entsteht – etwa indem ihn die Autorin über die  Ereignisse in dem Text informiert -, sondern das er mittendrin ist in diesen Ereignissen. Er erkennt, dass alles, was geschieht, bereits dieser Roman ist, den Aléa da schreibt. Der Leser sieht also dem Roman beim Entstehen zu, den er als fertigen in Händen hält. Das ist natürlich paradox: der Text muss ja abgeschlossen sein, wenn man das Buch kauft. Was scheinbar Rahmen war, ist tatsächlich das Bild. Über den Rahmen, die eigentliche Wirklichkeit in der das Bild entsteht, weiß der Leser nicht viel und er muss oder soll erkennen, dass er im Grunde gar nichts weiß. Über die Autorin, auch wenn die sich scheinbar selbst thematisiert, weiß der Leser nicht das Geringste.

    Auf der ersten Seite sieht er Aléa Torik, die in der Bibliothek sitzt und an ihrem Roman arbeitet und auf der letzten Seite sitzt sie da immer noch: alles dazwischen ist der Text, der, wenn er fertig ist, Aléas Ich heißen soll. Es gibt also sozusagen zwei Romane mit demselben Titel. Es gibt zwei Welten mit derselben Geschichte, aber die eine ist wirklich und die andere fiktiv. Wo die Grenzen, wo die Übergänge dieser beiden Welten liegen, wird nicht deutlich gemacht. Das kann und muss jeder selbst entscheiden. Vielmehr muss man es nicht entscheiden, man erkennt einfach, dass die beschriebene Welt Brüche hat. Und wenn der Mensch nicht völlig versessen ist auf Kontiguität und Kontinuität, dann wird er ebenfalls erkennen, dass die Welt in der er lebt, diese Brüche tatsächlich auch aufweist. Die Welt unserer Identität ist eben keine heile: mal sind wir Autor, Initiator oder Handelnder und mal müssen wir es einfach nur erleben, wir sind lediglich eine Figur in unserer eigenen Geschichte. Und weil wir diese Geschichte nur aus der Ich-Perspektive erleben können, sind wir dort notwendigerweise immer die Hauptfigur.

    Diese Konstruktion mutet dem Leser relativ viel zu, nämlich einen ungewöhnlich großen Interpretationsspielraum. Das schreckt manchen auch ab. So schrieb mir eine Leserin etwa: „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“ Sie meinte das, wenn ich sie richtig verstanden habe, nicht als Kompliment, sondern als Warnung. Aber für mich war das ein dickes Lob. Ich habe das nicht von Anfang an beabsichtigt, aber als sie mir das schrieb, konnte ich erkennen, dass ich genau diesen Effekt jetzt will.

    ———-

    3) Katja zu Internet-Realität: Sehen Sie das Internet als eine Art zweite Realität oder führt hier die Annahme eines Realitätsbegriffes ins Leere? Ist es sozusagen eine erweiterte Realität unserer materiellen Welt, in der wir sein können, wer wir sind, ähnlich wie Figuren in einem Computerspiel, die wir steuern? Ist im Internet nicht jeder fiktiv und versuchen Sie das in ihrem Roman spielerisch darzustellen, vorzuführen, infrage zu stellen? Denn die Figuren in Ihrem Buch verschwimmen am Ende und es erschien mir beim Lesen so, als sei jede Äußerung der Figur und jeder Charakterzug wiederhol- und austauschbar, alles sei schon einmal so passiert und kann auch jedem passieren, so dass es keine wirkliche Individualität mehr gibt, sondern diese verschwimmt?

    Aléa Torik: Ich glaube nicht, dass es eine erste und eine zweite Wirklichkeit gibt, eine vor- und eine nachgeordnete Ebene. Ich meine, dass wir nur eine Wirklichkeit haben, in der sehr vieles Realität gewinnen kann.

    In sozialen Netzwerken inszenieren sich alle. Was im Netz ausfällt, die sinnliche Wahrnehmung aus der wir üblicherweise einen Großteil unsere Realität konstruieren, muss kompensiert werden. Wir müssen den Mangel an Sinnlichkeit wettmachen, indem wir, was wir sind, verdichten. Wir wollen im Netz nicht unbedingt schönere oder bessere Menschen sein, wir lügen nicht und führen andere nicht bewusst in die Irre. Wir inszenieren lediglich. Diese Inszenierung ist keine, die die eine oder die andere Seite übernimmt – im klassischen Kommunikationsdesign: Sender oder Empfänger -, sondern das ist eine Leistung die simultan von beiden Seiten erbracht wird. Statt Inszenierung könnte man auch Fiktionalisierung sagen: im Netz ist jeder fiktiv. Wir können wirklich uns selbst meinen, wenn wir ‚ich‘ sagen, aber für die anderen ist das eine Fiktion. Dennoch haben die Dinge im Netz natürlich eine Realität, die Dinge in Büchern haben ja auch Realität. Die virtuelle Realität allerdings hat noch eine andere Macht, die, wie viele imaginäre Dinge, sehr groß sein kann. Man könnte beinahe so weit gehen die Virtualität als Nachfolger der Fiktionalität zu verstehen.

    Das Netz als eine Welt „in der wir sein können, wer wir sind“? Nein, das können wir, mit einigen Einschränkungen, in dieser Welt. Im Netz können wir sein, wer wir nicht sind. Vielmehr können wir das nicht, wir sind es einfach. Wir müssen dort sein, wer wir nicht sind. Wir können noch so sehr behaupten, dass wir der- oder dieselbe sind, die wir in der Realität sind. Dass es eine Identität gibt eine Identität zwischen erzählendem und erzähltem Ich. Aber das ist nicht richtig, das ist eben die Fiktion. Und die virtuelle Welt ist keine ideale Welt, weil wir eben dort nicht die sein können, die wir sein wollen, sondern die sein müssen, die wir nicht sind.

    Ich versuche in Aléas Ich Realität und Virtualität, indem ich sie nicht gegenüberstelle, sondern miteinander verschmelze, zu beschreiben, teilweise auch zu verstehen, jedenfalls erfahrbar zu machen. Dass die Figuren in dem Roman verschwimmen, war nicht intendiert. Vielleicht ist das bei Ihrer Lektüre ein Produkt jenes Verschwimmens, das ich erreicht habe, indem ich die beiden Welten der Fiktion und der Realität nicht deutlich getrennt habe? Für mich haben alle Figuren eine sehr deutliche Individualität. Aber das sind die Rätsel der Sprache, und gleichzeitig seine enorme Poesie, dass man alles, was im Kleid der Worte daherkommt, mehr oder weniger festlich verstehen kann und für den einen ist schon schick, was für den anderen noch burschikos ist. Bewusst gewollt – wobei das beim Schreiben nur in Maßen möglich ist, etwas zu wollen: Texte haben einen eigenen Bewegungsdrang – war lediglich die Auflösung der Hauptfigur Aléa Torik, sie konfrontiert sich mit ihrer Flugangst, steigt ins Flugzeug und stützt dann auch ab, sie vermischt sich mit den Wolken und den Elementen, mit den Sonnenstrahlen. Und dennoch löst sie sich ja nicht ganz auf: Sie steht ja immerhin hier noch Rede und Antwort. Es löst sich also nur die Figur auf, nicht die echte Aléa Torik!

    ——

    4) Katja zu virtuelle Geburt und virtueller Tod: Wenn die virtuelle Realität eine erweiterte Realität unserer Wirklichkeit wäre, dann hätte es Konsequenzen, das eigene digitale Ich zu ermorden. Ebenso könnte man sagen, es ließe sich ein Charakter, eine Identität erschaffen oder gebären. Beeinflusst diese uns dann in der Wirklichkeit oder führen wir eine Art Parallelleben im Virtuellen? Können wir uns dessen überhaupt noch bewusst sein, da es ja auch „kein Außerhalb unseres Bewusstseins“ geben kann, wie Sie auch schreiben (S. 22)?

    Aléa Torik: Das geht mir zu weit! Stirbt das digitale Ich, stirbt nicht das reale. Geboren und gestorben wird vorläufig noch in dieser Welt. Aber einen Vorgeschmack auf dieses Sterben kann jeder bekommen, wenn er oder sie das Netz abschaltet. Nur für eine Woche, als Selbstversuch. Eine Woche kein Netz, keine Mails, keine SMS, kein mobiles Telefon und Bankauszüge am Kontodrucker. Man stirbt nicht daran, aber die Symptome, die man dabei zeigt, sind vermutlich bei vielen digital natives denen ähnlich, die in Entzugskliniken zu beobachten sind.

    Es gibt kein Außerhalb unseres Bewusstseins, ja das nehme ich an. Ich bin mir allerdings im Moment nicht sämtlicher Konsequenzen dieser Annahme bewusst. Sagen wir, es gibt kein Außerhalb, aber wir können Kenntnis davon bekommen: durch andere. Indem andere uns erzählen, was ihre Wirklichkeit und was ihr Bewusstsein ist.

    ——

    5) Katjas Feststellung: Nach dem Lesen von „Aleas Ich“ und der Beschäftigung mit Ihrem Blog kam mir der Gedanke, dass Sie mit Ihrem Buch/ Blog auf ein fundamentales Phänomen des Internets aufmerksam machen und dieses sozusagen für die Literatur, das Erzählen nutzen: Analog wie wir eine digitale Identität in Blogs oder Social-Media-Kanälen aufbauen und im Modus unseres „Ichs“, d.h., in einer gewissen Figurenrede agieren, so erschafft der Autor seine Fiktion, seine literarische Wirklichkeit. Würden Sie dem widersprechen oder sehen Sie es so, dass Sie das mit „Aléas Ich“ sozusagen direkt zeigen und dieses Phänomen nutzen und durchleben? Mir scheint, ohne moralische Anklage oder erkenntnistheoretisches Ziel, sondern aus einer rein künstlerischen Perspektive? Schafft das Netz damit ganz neue Möglichkeiten für Autoren und Künstler, mit Identitäten zu spielen und die Fiktion zu beobachten? Oder könnten jetzt Kritiker sagen, jeder, der im Virtuellen agiert, ist ja schon ein Künstler seiner Selbst, da er Identitäten erschafft? Wozu brauchen wir dann noch Literatur und Kunst als solche? Verschwimmt damit die Grenze zwischen bewusster Inszenierung oder einer Darstellung zum künstlerischen Aspekt nicht stark?

    Aléa Torik: Die Analogie, die Sie da beschreiben, trifft es genau. Wenn wir im Netz über uns reden, dann machen wir das im Modus der Figurenrede: aus der Ichperspektive. Wir selbst werden zu einer Figur. Das ist es, was ich sagen will, wenn ich davon spreche, dass wir nicht die sind, die wir sein wollen, sondern die, die wir sein müssen. Wir agieren wie Figuren. Wir sind für die anderen fiktiv, weil das Kommunikationsmodell nicht mehr einfach lautet: vom Sender zum Empfänger. Das ist es, was ich in meinem Blog getan, meinetwegen auch inszeniert habe und was im Roman beschrieben wird.

    Dieses unidirektionale Kommunikationsmodell ist in Blogs nicht mehr aktiv. Man mischt sich ein. Man versucht, Einfluss zu nehmen. Die ‚Erzählung‘ zu verändern. In einem Blog muss man sich, anders als in einem Buch, nicht nur mit der Rolle des Zuschauers begnügen, sondern man greift in die ‚Handlung‘ ein. Jeder Kommentar ist der Versuch, die ‚Ereignisse‘ den eigenen Absichten gemäß zu beeinflussen. Was passiert, was geschieht ist nicht einzig die Geschichte des Autors, sondern auch die der Kommentatoren In Bezug auf die Aléa Torik, auf die Figur im Netz, heißt das, dass dort nicht nur meine eigenen, sondern auch die Projektionen der anderen virulent werden. Sie erkennen, wenn sie mich erkennen, nicht meine Wirklichkeit, sondern ihre Wunschvorstellungen davon. Wer sich etwa echauffiert, ich hatte aus Marketinggründen gehandelt – weil jung , gutaussehend und blitzgescheit sich auf dem Buchmarkt gut verkaufen lässt -, der echauffiert sich über seine eigenen Projektionen, denn über meine Gründe das zu tun, wusste er ja gar nichts. In Zeiten des Netzes wird deutlicher als je zuvor: wir wissen beinahe nichts über den Autor.

    So wie wir uns alle im Netz fiktionalisieren – die faktische Person schafft eine sich selbst ähnliche Figur und nennt sie „Ich“ – arbeiten auch Schriftsteller. In den social media Aktivitäten belässt man es üblicherweise wohl bei der Erfindung dieser einen Figur gleichen Namens. Schriftsteller müssen da einen etwas größeren Figurenkosmos erarbeiten. Man spaltet sich auf in verschiedene Perspektiven, Lebensschicksale, Ideen, Ansichten. Schriftsteller dürfen das. Wenn sie zugeben, dass sie diese Dinge erfunden haben. Das tut man, indem man die Gattungsbezeichnung über den Text schreibt, also etwa „Roman“. Dennoch werden Autoren immer wieder gefragt, ob sie, was sie in ihren Texten beschreiben, tatsächlich auch erlebt haben. Der Leser will nämlich, dass man das Erfundene legitimiert, indem man es als echt, als wirklich erlebt herausstellt. Im Modus des ‚falschen‘ unterstellt man, dass nur das Authentische ‚echt‘ ist.

    Ich wollte diese Weise, wie der Begriff Identität sich durch das Netz verändert und wie wir uns dabei verändern, darstellen. Eines aber will ich definitiv nicht, eine moralische Bewertung. Die läge vollständig außerhalb meiner Kompetenzen. Ich klage niemanden an, weil er sich im Netz so verhält. Klage ist eine literarische Gattung, die mich nicht interessiert. Ich klage nicht an und ich will auch nicht verklagt werden. Wie mich die Moral nicht interessiert, interessiert mich auch die Erkenntnistheorie nicht, weil es einfach nicht meine Aufgabe ist. Meine Aufgabe ist ein literarischer Text. Mich interessiert nur die künstlerische Aufgabe. Ich will die Verbrechen begehen. Aufklären müssen sie andere. Und, mit Verlaub, ich zweifele daran, dass die Moral zur Klärung beitragen kann. Da ist weit eher die Philosophie gefragt.

    Es hat einen kleinen Skandal gegeben. Jedenfalls waren da ein paar Leute, die meinten, einen Skandal machen zu können. Dabei muss man sich fragen: wer macht den Skandal und wem nützt er? Der Skandal nämlich, dass Aléa Torik nicht identisch mit sich ist. Nicht nur im Buch nicht, sondern auch im Netz nicht. Sie ist eine fiktive Figur. Frei erfunden. Wenn man in meinem Blog einen Text liest, passiv rezipiert, oder einen Kommentar abgibt, sich aktiv einmischt, dann erreicht man nicht die authentische Autorin. Aber wo steht, in welcher Netiquette, dass man – sei es in der U-Bahn oder sei es im Netz – mit sich identisch sein müsste? Nirgends. Hintergeht man die Menschen, die potentiellen Kommentatoren eines Blogs, wenn man nicht der oder die ist, die man zu sein vorgibt? Oder hintergeht man die Menschen, wenn man ihnen vorspielt, dass man der ist, als der man sich darstellt? Die erste Frage ist einfach zu beantworten, man nimmt das Schatzkästchen der allgemein greifbaren Moral als Richtschnur. Die zweite Frage ist sehr viel schwieriger zu beantworten, weil man dann nicht einen anderen in Frage stellen muss, sondern sich selbst. Weil man sich selbst zur Verantwortung ziehen, seine eigenen Strategien erwägen und möglicherweise feststellen muss, dass man es sich zu leicht macht.

    Was ich mit Bog und Roman gemacht habe, ist eine Ausweitung der literarischen Kampfzone. Ich mache, was alle im Netz machen, für die Literatur. Ich übertreibe dabei, zugeben, ich übertreibe maßlos, ich ändere Alter, Geschlecht und Herkunft meiner Figur. Und ich übertreibe noch weiter, indem ich auch jetzt noch behaupte, diese Figur zu sein. Ich behaupte das nicht, weil ich schizophren bin, sondern weil ich diese Figur bin. Weil wir hier im Netz sind. So wie es mein authentisches Ich im Netz nicht gibt, so gibt es in der realen Welt keine Aléa Torik. Aber diese rein reale Welt interessiert mich nicht.

    Ich mache einfach nur, was technisch möglich ist. Ich nutze die modernen Medien, um Literatur zu schreiben. In meinem Verständnis gibt es überhaupt keinen Skandal, weil es nur einen Roman gibt, den eine junge Frau aus Rumänien schreibt, in dem sie sich als ihre eigene Hauptfigur herausstellt: sie ist einfach nur das, was Figuren in Romanen nun einmal sind: erfunden. Aber in dieser Erfindung stellt sich langsam heraus, dass da wirkliche Personen vorkommen, ein echter Clemens Setz. Aber ist das wirklich Clemens Setz? „Ich lernte Clemens Setz kennen. Er hatte, wie ich auch, am Blog zu »Unendlicher Spaß« teilgenommen und war für eine Lesung in Berlin. Ich holte ihn vom Hotel ab und wir gingen ins Literaturhaus in die Fasanenstraße. Er war kurzsichtig und ich musste immer ganz nah an ihn herangehen, ich musste ihm die Speisekarte vorlesen, weil er nichts erkennen konnte. Er konnte nicht erkennen, wie aus den dürren Worten auf der Karte die reichhaltigen Gerichte auf dem Teller werden sollten. Oder seine Kurzsichtigkeit war ein Trick, um möglichst nahe an die Leute heranzukommen. Er saß mir gegenüber in einem schwarzen Sakko und einem bunten Rollkragenpullover darunter, das alles war viel zu groß für ihn und passte auch nicht zusammen. Mir gefallen solche Männer, die das nicht bemerken, weil sie in Gedanken ganz woanders sind. Ich mag dieses betont Männliche nicht, das auf mich geradezu lächerlich wirkt. Als würden Frauen grundsätzlich an der Männlichkeit der Männer zweifeln. Clemens war nicht überaus schick gekleidet, aber er war, wie man lesen konnte, überaus begabt. Womöglich simulierte er das lediglich. Er simulierte den astigmatischen Hochbegabten und wie alle Simulanten und Hochstapler musste er sein Geschäft weit besser beherrschen, als wenn er tatsächlich begabt oder astigmatisch gewesen wäre. Er schien ein bisschen durcheinander, was sicher ebenfalls nur eine Simulation war. Vielleicht war das gar nicht Clemens Setz. Das war nur irgendein Clemens. Ich war einfach in das Hotel gegangen, das er mir per Mail genannt hatte, und war dann mit dem herausgekommen, der sich mir gegenüber als Clemens zu erkennen gegeben hatte.“ (AI, 238)

    So ist das in der Literatur: da zeigt sich das, was man so schön abtun konnte als lediglich ‚erfunden‘ plötzlich in seiner ganzen Radikalität: das Erfundene hat eine Realität. Und die ist vielleicht größer als die der ‚echten‘ Realität. Wenn ich als Leser mit so einer Konstruktion wie in Aléas Ich konfrontiert werde, dann muss ich mir irgendwann Gedanken machen, was die Bedingungen von fact and fiction sind. Ich habe mir jedenfalls Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich für mich in den wenigsten Fällen klar differenzieren kann, sondern dass ich nahezu immer diese beiden Welten vermische. Und darüber habe ich einen Roman geschrieben. Allerdings habe ich nicht vorher überlegt und dann geschrieben, sondern das geschieht bei mir simultan.

    In dem verlinkten Interview spricht Joseph Vogl von Jose Luis Borges, von einer Erzählhaltung, die die verschiedensten auch widersprüchlichsten Ereignisse in einen Augenblick packt: wir sind Täter, aber gleichzeitig auch die Opfer; wir sind existent, aber vielleicht auch inexistent. Wir existieren vielleicht noch nicht, aber vielleicht auch nicht mehr. Das beschreibt auf eine treffende Weise, was Aléa Torik bedeutet: ein paradoxer Zustand, der sich bewegt.

    Zum Schluss, allerdings nur noch ganz verkürzt: Ihre letzten Fragen sind sehr interessant. Ich glaube – ich unterstelle – dass es in der Kunst, außerhalb des Inszenierung, außerhalb des Artefakts, einen ganz wesentlichen Aspekt gibt, um derentwillen die Kunst gemacht ist: das Genießen. Im Genuss sind wir ganz bei uns selbst. Deswegen mögen manche Menschen Kunst nicht. Vielleicht sind das die, die mit sich identisch sind.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    23 Januar 2014

    Interview mit Aléa Torik. In dem es ums Netz geht. Um jenes Netz, von dem Sascha Lobo meint, es sei „kaputt“ und Evgeny Morozov ihm empfiehlt, sich beim Nachdenken darüber mal ein bisschen mehr anzustrengen

    Die Artikel von Lobo und Morozov finden Sie irgendwo im kaputten Netz, das Interview mit mir, – eingeleitet mit diesen Worten: „Ich bemerkte wie sehr Blog und Roman zusammengehören und verlor mich in der Sprache, der Konstruktion, den Figuren, Aléas Gedanken und Erleben, ihren Reflektionen über ihr Leben, das Schreiben ihrer Doktorarbeit d.h. ihres Romans und verlor mich und verlor mich und verlor mich … Ich bin sehr beeindruckt von der literarischen Qualität dieses Textes, der nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern kritische und wichtige Fragen an die Gesellschaft stellt und den Leser radikal mit der Fiktionalität und Konstruktion konfrontiert, ja ihn fordert. Es bleibt das Gefühl hier etwas ganz Großartiges gelesen zu haben“ – findet sich hier.

    ————

    Und die Co-Autorin von aboutsomething, die Aléas Ich ebenfalls gelesen hat, ergänzt diese Einschätzung um folgende Worte: „eine ganz bemerkenswerte und herausragende Lektüre“ – „‘Aléas Ich‘ ist ein Buch, das sich in mir festgehakt hat und nun ständig in meinen Gedanken kreist, um mich irgendwie zu beeinflussen. Gruselig – und ein ganz einmaliges Erlebnis.“ – „Ganz ganz großartig. Das ist ein Roman, von dem ich wirklich behaupten kann, er habe mich verändert, weil er auf die Grundfrage abzielt: Wer bin ich?“

    Das sind natürlich die Idealleser, die nicht nur von einem Text begeistert sind, sondern so begeistert sind, dass sie ihre eigene Wirklichkeit auf das in dem Text Beschriebene überprüfen. Das sind die Leser_innen, die der Autor und die Autorin sich wünschen.

    ————-

    Bersarin verweist im Zusammenhang mit diesem Interview auf einige Punkte:

    „Diese Aspekte sind für manche/n, die auf eine konventionelle bzw. konservative Weise mit Literatur sich befassen, nur schwer vermittelbar: Daß nämlich empirisches Ich, erzählendes Ich, Autor, erzähltes Ich, Textfiguren nicht verschiedenerlei sein müssen und durch soziale Konvention getrennt, sondern einem bedingenden Diskurs unterliegen, der ein literarisches Feld erst anordnet und so etwas wie den Begriff des bürgerlichen Romans samt seinen Hierarchien und Figurenanordnungen, seinen Perspektiven und Wirklichkeitsweisen erst möglich macht; daß dieses Spiel der Identitäten, Personen, Figuren zuweilen die Grenze zur Realität überschreitet“

    Mit der Übersicht des Kritikers ausgestattet, zeigt er einen Zusammenhang mit Kafka auf, der mir natürlich entgangen wäre – “solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben” : „Diese Transgression der Literatur hin zum hyperbolischen, taumelnden Text mag für manche, die in den Finessen der Literatur, der Fiktionalisierungen und Maskeraden nur halb zu Hause sind, beunruhigen: Ja und diese Unruhe ist genau das, was sich ein Text, wenn er denn begehren könnte, wünscht, weil gelungene Literatur nun einmal – auch im Freudschen Sinne – viel mit dem Unheimlichen und sogar mit dem Ungeheuerlichen zu schaffen hat.“

    „Vor allem aber kommt in diesem Interview der Umstand zur Sprache, daß unter den Bedingungen eines postkonventionellen Erzählens im Rahmen eines Hyper-Realismus ein Roman verdeckt oder offen immer nach dem Grund von Autorinnenschaft bzw. von Autorenschaft fragt. Freilich ist es in der Literatur nicht neu, daß eine Romanfigur ihrem Schöpfer gegenübersteht. Doch in dem Roman Aléas Ich geschieht dies auf eine Weise, wie es so bisher in der Literatur nicht vorkam. Der Schöpfer, die Schöpferin selbst sind als Instanz fragwürdig geworden und das heißt: in Frage gestellt. Politik der Identität: Was heißt es, eine Autorin, ein Autor zu sein?“ Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Januar 2014

    Glück

    „Die Stimmung war ruhig und gelöst. Die meisten sahen entspannt, manche sogar glücklich aus. Womöglich verstellten sie sich ein wenig. Man verstellt sich bereits, wenn man seine Wohnung verlässt. Man setzt ein anderes Gesicht auf. Glück und Unglück ziehen einander bekanntlich an und so versucht man, ein wenig glücklicher auszusehen, als man tatsächlich ist, um das große Glück anzuziehen oder das Unglück abzuwehren. So ähnlich erging es mir auch. Ich war vor einer Woche mit der Arbeit am Roman fertig geworden und fühlte neben Erschöpfung und Stolz vor allem den Wunsch nach Glück. Also ging auch ich ein wenig glücklicher aus dem Haus, als ich wirklich war: um das Glück herauszufordern. Unglückliche Menschen haben nie Glück. Das Glück geht an ihnen vorüber und sie erkennen nicht, dass sie es hätten ergreifen müssen, dass das Glück nur darauf wartet, ergriffen zu werden. Sie erkennen lediglich, dass es wieder einmal an ihnen vorübergegangen ist. Diese Erkenntnis ist der unwandelbare Kern allen Unglücks.“ So steht’s in Aléas Ich, hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 Januar 2014

    „Aléas Ich“ bei aboutsomething

    Wow. Vom erzählerischen Konzept, der Idee, der Sprache und dem Aufbau das interessanteste Buch des Jahres und überhaupt der letzten Zeit.Hier.  Da kommt auch noch mehr. Demnächst.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    15 Januar 2014

    Aléa Torik – moartea prematură a „noii HERTA” între pseudonim și așteptare

    Das ist nicht etwa meine Einschätzung, sondern das steht hier. Und da stehen noch andere feine Dinge über mich. Die stehen da nicht direkt, sondern in übertragenem Sinne. Das Rumänische ist eine sehr sinnliche und melodiöse Sprache -  viele schöne Worte mit nahezu unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten – mitunter allerdings auch etwas weitschweifig und weist grade dann die eine oder andere Eigentümlichkeit auf. So etwa, wenn einer nicht genau das sagt, was ein anderer hören will: Dann muss man interpretatorisch etwas nachhelfen und dem anderen die Worte unterstellen, die man selbst in dieser Situation nutzen würde und die Absichten, die man hätte. Und wie das mit vielen Dingen im Leben so ist, kann man diesen Umstand gutheißen oder verdammen.

    Man muss allerdings nicht mit allen Feinheiten des Rumänischen – dieser märchenhaften Sprache, die man hinter den sieben Bergen mit den sieben Zwergen spricht – vertraut sein, um zu erkennen, dass einer meiner alten Schulfreunde recht hat, als er sagte, was ich ihn in Aléas Ich sagen lasse: „Auch wenn er wiederholt das Gegenteil behauptete und betonte, wie schlecht hier alles sei, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, hörte ich vor allem heraus, wie sehr er das Land und die Leute hier vermisste und vor allem die Sprache. Keine Sprache, sagte er, sei wie das Rumänische. Als kenne er sie, als habe er sie alle ausprobiert, als habe er sie mit Mund und Zähnen und Zunge befühlt und wisse genau, dass sie alle miteinander nichts taugten, eine unübersichtliche Menge Vokabeln, die sich nie und nimmer zu einem lebendigen Gefüge erwecken ließen.“ (AI, 157)

    Auf einer ersten Ebene scheint genau dies das Schöne beim Schreiben, dass alle sagen, was der Autor sie sagen lässt. Bei genauerer Betrachtung allerdings ist es gerade umgekehrt: die Figuren eines Romans legen dem Autor die Worte in den Mund. Das Lebendige an der Sprache ist ja gerade, dass sie selbst spricht und der vermeintliche Arrangeur bloß, wie an Fäden hängend, die Lippen bewegt.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    20 Dezember 2013

    “Der Name eines Vogels, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist”

    Das Buch des Flüsterns von Varujan Vosganian

    Es ließen sich vermutlich eine Handvoll Parameter finden, anhand derer man die Modernität von Literatur bestimmen könnte, etwa der Wechsel der Perspektive zwischen Figuren- und Erzählersicht, von direkter und indirekter Rede. Einer der für mich interessantesten dieser Bestimmungen ist die Stellung des Erzählers. So betrachtet ist das Buch des Flüsterns ein sehr modernes Buch, da der Erzähler sich mehrfach zu Wort meldet, ausnahmslos mit Äußerungen, die allesamt seine Stellung als Teilhaber auf der einen und als teilnahmsloser Berichterstatter auf der anderen Seite betreffen. Diesen Widerspruch thematisierend, beginnt der Roman mit den Worten: „Ich bin vor allem das, was ich nicht vollenden konnte. Das wahrhaftigste der Leben, die ich führe, wie ein an seinem Ende verknotetes Schlangenknäuel, ist das nichtgelebte Leben. Ich bin ein Mensch, der unsagbar vieles auf dieser Welt erlebt hat. Und der im gleichen Maße nicht gelebt hat.“

    Das Buch des Flüsterns erzählt die Geschichte der Armenier. Die Geschichte ihres Untergangs, die zwischen all den anderen Untergängen im vergangenen Jahrhundert, – dem Untergang der Juden in Auschwitz, dem Untergang der Deutschen in Stalingrad, dem der Italiener unter Mussolini und dem der Franzosen unter Vichy, dem der Amerikaner in Pearl Harbor, dem der Japaner in Hiroshima und Nagasaki, dem Untergang Abermillionen Flüchtlingen in Europa und dem Untergang der Menschlichkeit in zwei Weltkriegen – selbst untergegangen ist. Es ist die Geschichte, die sich ein Jahrhundert lang durch halb Europa und Kleinasien zieht und dennoch ist es auch die der rumänischen Kleinstadt Focşani, ihrer armenischen Kirche und ihres Friedhofs. Und es ist die Geschichte von Großvater Garabet, der tatsächlich so oder so ähnlich existiert haben mag. Was der fiktive Erzähler über seinen gleichermaßen fiktiven Großvater berichtet, gilt auch für ihn selbst: „Mit seiner Künstlernatur hatte er begriffen, dass die Geschichte jedes einzelnen Menschen sich lediglich zu einem Teil aus dem wirklich in der Zeit Erlebten zusammensetzt, der Rest besteht zu gleichen Teilen aus den Dingen, an die man sich erinnert, aus Dingen, die man sich erhofft, und jenen, vor denen man sich fürchtet.“ Bemerkenswert ist die Auffassung, dass man sich der Vergangenheit nur auf eine Weise nähern kann, in der Erinnerung. Der Zukunft gegenüber aber kann man sich auf zweierlei Weise verhalten: hoffend und fürchtend. Mit einer lediglich erinnernden Lebens- oder Schreibweise greift und begreift man nur einen kleinen Teil des eigenen Selbst. In der Erinnerung, könnte man jetzt weitergehend formulieren, unterscheiden wir uns nicht voneinander, denn sie ist für alle gleich: sie greift nur das Vergangene. Es ist die Zukunft, durch die wir uns unterscheiden, je nachdem, ob wir uns hoffend oder fürchtend zu ihr verhalten.

    Hunderte Namen. Wie Grabsteine stehen sie nebeneinander, verbunden durch das gemeinsame Schicksal. Geschichten, die sich immer wieder treffen. Linien, die sich kreuzen. Auch das Leben des Erzählers beginnt an einer solchen Kreuzung: „ .. meine Geburt geriet an einen Kreuzungspunkt. Mit ihr überstieg die Zahl der Lebenden die der jemals und bis zu diesem Zeitpunkt Ermordeten.“ Linien, die sich kreuzen und überschneiden und die langsam ein Geflecht bilden, in dem die eigene Geschichte nur ein Abschnitt im langen Lauf der Zeiten ist und wo die Unsicherheit über die Zukunft mit der Sicherheit über die Vergangenheit besänftigt wird: „Großvater Setrak hat meine Großmutter Sofia kennengelernt, die er heiratete als sie kaum siebzehn Jahre zählte, dann wurde Tante Maro geboren und auf den Namen der älteren Schwester von Großvater getauft, die sich umgebracht hatte, indem sie sich in das Wasser des Euphrat stützte, und etwas später kam Elisabeta, meine Mutter, die wiederum später meinen Bruder Melic, benannt nach dem legendären Urahn der Familie, dem Prinzen aus Urmia, geboren hat und danach mich, Varujan, was im alten Armenisch der Name eines Vogels ist, den es nicht wirklich gibt, der aber, wie der Flug, in jedem Vogel vorhanden ist, ich wiederum habe eine Tochter, Armine, was ‚kleine Armenierin‘ heißt, und sie wird sich meinen Urahnen ebenso anschließen wie meine Großmutter Arșaluis, die Frau des anderen Großvaters, es angelegt hatte, als sie auf dem Innendeckel der Bibel die wichtigsten Geschehnisse ihres Lebens aufzeichnete.“

    Dieses Buch besteht aus unzähligen kleine Geschichten, etwa die von Harutiun Khantirian, der Botschafters von Armenien, der allerlei Eignungen für die Diplomatie vorweisen kann, dem es aber an der grundlegenden Vorrausetzung mangelt „nämlich jener, ein Land zu haben, das er hätte vertreten können“. Das ist die Geschichte des Dorfes Vadu Rosca, deren Bewohner sich nach dem zweiten Weltkrieg gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auflehnen und die dann mit Maschinengewehren und Panzer ausgelöscht werden, von einer militärischen Einheit, deren Anführer Nicolae Ceaușescu sich auf diese Weise erste Sporen verdient / erarbeitet /erschießt / ermordet. Die Geschichte von Micael Noradunghian, der nach dem zweiten Weltkrieg den Vorschlag macht, dass Rumänien sich zum 49. Mitglied der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt. Die Geschichte von Hartin Fringhian und seinem Testament: Mit Glück und einem guten Gespür fürs Geschäft kann er sich ein geradezu märchenhaftes Vermögen erarbeiten. Als es ihm nach dem Weltkrieg im Zuge der Bodenreformen weggenommen wird, muss er in die Berge flüchten, im Smoking, wie es sich für jemand seiner Gesellschafsschicht gehört. Dort lebt er Jahr und Tag mit Schafen und Schäfern und fügt seinem Testament, das er in einem Ledergürtel um den Leib geschnallt bei sich trägt; er, der nichts mehr besitzt, fügt Kodizill um Kodizill hinzu und vermacht all jenen Geld und Gold und Eigentum, die ihm weiterhelfen: für die Zeit nach seinem Tod. Er hinterlässt Heerscharen reicher Bauern und Hirten, die nie einen Heller bekommen werden.

    Vor allem aber sind es die großen Geschichten, die das Buch des Flüsterns ausmachen. Und welches Ereignis könnte zentraler sein, als die Vernichtung: die Progrome der Jahre 1894 bis 1896. Wir erleben den die Massaker auslösenden Schuss auf Bahri Pascha, den türkischen Repräsentanten in Trapezent, den Hunderttausende in Kleinasien mit dem Leben bezahlten an der Seite von Misak Torlakian, der seine Familie dabei verliert und lebenslang zwischen dem Kampf gegen sich und dem gegen die anderen schwankt. Mal kämpft er gegen die Türken oder die Russen, alleine oder an der Seite des sagenumwobenen General Dro, dann kämpft er mit den Deutschen und dann gegen sie. Die Verursacher dieser Progrome waren von einem ordentlichen Gericht in der Türkei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Allerdings dachte niemand ernsthaft daran, sie tatsächlich zur Verantwortung zu ziehen. Also beschlossen Armenier das Urteil zu vollstrecken. In der Operation Nemesis werden je zwei Personen ausgewählt, der einen der Verantwortlichen töten sollten, die längst überall in Europa wieder hofiert wurden. Eine Operation die erst viele Jahrzehnte später abgeschlossen wird. Der Erzähler schaut Misak Torlakian bei der Suche zu, beim Mord seiner Zielperson, bei der Verhaftung und dem dann folgenden Prozess, wo er frei gesprochen wird und bei einem Leben, das nie wieder in die Spur kommt. Er irrt durch dieses Buch, er irrt durch die Welt und verschwindet am Ende. Das letzte, was wir von ihm hören, kommt aus dem Radio.

    Wie ein Fluch zieht sich der Genozid durch dieses Buch, der 1 ½ Million Menschen das Leben gekostet hat, mal mehr und mal weniger im Bewusstsein des Lesers. Der Patenonkel des Erzählers, Satag Seitanian, ist als Kind einen dieser Konvois gegangen, einen dieser endlosen Wege, die sich über Wochen und Monate hinzogen, einen Winter in der Wüste, mit einem einzigen Ziel: der Vernichtung aller, die ihn gehen. Es ist ein Name, der mehr als alle anderen durch das Buch des Flüsterns geistert: Deir-ez-Zor. Das vermeintliche Ziel aller Konvois, deren tatsächliches Ziel doch ist, dass niemand diesen Ort lebend erreicht. Jeder Genozid hat ein logistisches Problem: wohin mit den Leichen? Man führt sie in kleinen Gruppen weg und erschießt sie. Aber dann sind sie immer noch vorhanden und ziehen Vögel und Ratten an. Man wirft sie in Flüsse, aber vergiftet damit das Trinkwasser. Man lässt sie am Straßenrand liegen, verbrennt sie, vergräbt sie, steckt sie in Höhlen und räuchert sie aus. „Noch hat man keine Tradition entwickelt hinsichtlich der Anlage von Massengräbern. Auf welche Weise müssen die Gräber ausgehoben, wie sollen die Leichen hineingelegt werden, etwa die Männer unten, in die Mitte die Frauen und obenauf die Kinder, wie müssen die Leichen gewaschen, wie gekleidet werden, was für ein Gebet hat der Priester zu sprechen, und von welcher Art himmlischer Ruhe redet er, was für ein Kreuz wird gesetzt, wie viel Querbalken müsste dieses Kreuz haben, und was stünde eigentlich drauf.“

    Beschrieben wird der Hunger, das Sterben am Hunger, das Sterben an der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen und dann gegenüber sich selbst. Man gewöhnt sich an den Gedanken des Todes. Dass die eigene Frau sterben wird, der Mann, die Eltern und Kinder. Es spielt keine Rolle mehr. Alles wird auf diesem Weg nach Deir-ez-Zor schlimmer, aber das Schlimmste ist das kleine Mädchen, die namenlose Schwester Satag Seitanians, die weiß, dass sie stirbt. Dieses verhungernde kleine Mädchen und seine verhungernde Mutter, die im Lager nach etwas Essbarem herumstreift und mit leeren Händen zurückkehrt. „Sie haben dir nichts gegeben, nicht wahr?, fragt das Mädchen mit verlöschender Stimme. Sie nickte leeren Blicks. Auch du darfst ihnen später einmal nichts von mir geben …, lächelte das Kind traurig.“ Da begreift man als Leser, was man schon lange ahnt, so wie die Teilnehmer dieses Konvois ahnen, dass sie ihn einzig gehen, um dabei zu sterben; man ahnt es, auch wenn es der Erzähler nicht direkt formuliert und man selbst der letzte ist, der es begreift, aber alle wissen es, alle im Lager, selbst die kleinen Kinder wissen es: dass die da ihre Toten auffressen.

    Zu den Massakern Ende des 19. Jahrhunderts, zu dem Genozid im Jahr 1915 kommt noch die als Repatriierung in die russischen Gebiete deklarierten Deportationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Gräueltaten scheinen kein Ende zu nehmen, noch auf der letzten Seite dieses Buches wird einer umgebracht, der armenische Journalist Hrant Dink. Bei der Schilderung all dieser Brutalitäten zeigt sich die ganze Kunst des Erzählers: die Zurückhaltung, mit der er berichtet. Er schreibt nicht, um anzuklagen. Er klagt überhaupt nicht. Im Buch des Flüsterns wird nur leise erzählt. Wie immer es sich ergeben hat, dass Lakonie und Melancholie einen guten, und Sentimentalität einen schlechten Ruf haben: dieses Buch zeigt erneut, dass das zu recht so ist. Der Erzähler ist wie ein Übriggebliebener, der mit einer nahezu seltsamen Zurückhaltung die Sache beobachtet; der nicht versteht, dass diese Ereignisse nicht auch ihn überrollt haben. Im Deutschen gibt es dafür die nicht sonderlich glückliche Fügung der Gnade der späten Geburt. Ich vermute, dass Vosganian das Wort Gnade nicht in den Mund nehmen würde. Weil es wahrscheinlich in seiner Auffassung des Subjekts nicht so sehr um den Einzelnen geht: „Keiner erzählte von sich selbst. Jeder wurde zu einer Figur in der Erzählung eines anderen, und so musste man fortwährend bei diesem und jenem aufpassen, wenn man die Fortsetzung verstehen wollte. Deshalb ist die Geschichte der Armenier meiner Kindheit eine endlose Geschichte.“

    Diesen mitunter schwer erträglichen Grausamkeiten steht Großvater Garabet gegenüber. Er ist Maler, Fotograf und Musiker, der der Zigeunerband anhand von Chopin und Beethoven die Noten beibringen will. Er steht der kleinen armenischen Gemeinschaft vor, wo die Alten unter Aprikosenbäumen oder unter Kastanien im Kirchhof sitzen und, wenn es ganz dick kommt, etwa wie beim Tod von Kennedy, in die Gruft der Kirche gehen und sich beraten. Er ist einer jener Menschen, die alles als Geschenk annehmen können, selbst den eigenen Tod. Den nimmt er am 12. November 1968 an, während der Radio Liberty hört. An diesem Tag löscht Misak Torlakian den letzten Namen auf der Liste der Verbrecher aus, wodurch die Operation Nemesis nach mehr als einem halben Jahrhundert beendet wird. Großvater Garabet ist es, der seinen Enkel von früh an darauf vorbereitet, dass der einmal der Erzähler sein wird. Aber erst lange nach seinem Tod versteht er das: „Ich bekam von meinem Großvater dessen innere Stimme auf ähnliche Weise übertragen, die älteren Worte waren in die neueren gegossen worden. Sodass diese innere Stimme, durch Generationen hindurch weitergetragen, vielleicht auch ein lebendiges Geschenk seitens der alten Toten ist. Eine Annahme, gewiss. Deren Bestätigung werde ich erst in dem Augenblick erhalten, da ich meinerseits diese Stimme jemand anderem anvertrauen werde, aber davon wird jemand anderes erzählen müssen.“

    Wer nicht so gut Rumänisch kann wie der Übersetzer, und das dürfte auf den Großteil der Leser dieses Blogs zutreffen, könnte auf den Gedanken verfallen, dass man Cartea soaptelor – so der Originaltitel – auch mit Karte des Flüsterns übersetzen könnte. Und der Gedanke ist auch gar nicht so dumm, denn Vosganian zeichnet tatsächlich eine Karte seines Volks, vielmehr zeichnet er die Spuren, die es auf dieser Karte hinterlassen hat. Der Gedanke ist zwar nicht dumm, aber eben falsch. Karte heißt nun mal hartă, hartă rutieră oder hartă topografică, oder als Visitenkarte carte de vizită. Dass man nicht einfach das eine mit etwas anderen übersetzen kann, ist das zentrale Problem beim Übersetzen. Wie die Dinge hätten sein können, wenn sie anders wären als sie sind: das ist einer der Abgründe aus denen alles Erzählen sich speist. Das Übersetzen ist eine Art des Erzählens. Und dass es wirklich Abgründe sind, das wissen all die, die uns etwas erzählen. Wer dem Übersetzer dennoch in nicht traut, der kann alles, was Varujan Vosganian vor- und Ernest Wichner nacherzählt hat ganz einfach überprüfen, im Dicţionarul Explicativ Al Limbii Române, hier.

    Und hier findet sich derselbe Text noch einmal. Aber ist es wirklich derselbe? Es sind vieleicht dieselben Worte. Aber reicht das für eine Identität aus? Oder ist es nicht vielleicht sogar zu viel, weil Identität einen Mangel bezeichnet, keine Fülle?!

    Varujan Vosganian, Buch des Flüsterns
    Paul Zsolnay Verlag 2013
    520 Seiten, 26,00 €

     

     

     

     

     

     

     

     

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    18 Dezember 2013

    „Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!“

    Es war nicht als Kompliment gemeint, aber ich kann es beim besten Willen nicht anders verstehen. Frau Wunder schrieb mir, dass sie sich nach der Lektüre meines ersten Romans Das Geräusch des Werdens, den sie mit Genuss las – „Eine fantasievolle, ausufernde Geschichte mit wundervollem Zauber und vielen witzigen Ideen“ – über Aléas Ich geärgert habe. In einem ersten Kommentar (zu dem vorhergehenden Artikel hier) heißt es: „Ihrem zweiten Buch hab ich mit Spannung entgegengefiebert und es noch zwei Tage vor offiziellem Verkaufsstart erworben. Allein an diesem Buch wäre ich fast verzweifelt und es hat mich schier in den Wahnsinn getrieben. … Ihr zweites Buch hat mich so sehr betroffen oder betroffen gemacht, dass es nicht zum aushalten war.“ Diese Einschätzung krönte sie dann mit dem Vorschlag, den Text mit folgendem Warnhinweis auszustatten: “Achtung das Lesen dieses Buches kann bei sensiblen Menschen zu Realitätsverlust, Wahnvorstellungen bis hin zur Digitalparanoia führen!”

    Im zweiten Kommentar wird’s noch doller: „Ich hätte das Buch nicht schreiben können … Nein es ist viel schlimmer, ich habe es durchlebt. „Aleas Ich“ jeden einzelnen Satz, na gut fast jeden und lange vorm Erscheinen des Buches. Klingt wahnhaft, fühlt sich auch so an… Allerdings mit ein bisschen Abstand betrachtet, ist es gar nicht mehr mein Wahn sondern der Zeitgeist. Identität, die Suche danach, Anerkennung Wertschätzung, seinen Platz finden in Zwischenzimmern und Zwischennetzen genau so wie im RealLife. Es ist da draußen eine große Orientierungslosigkeit und ein Auseinanderfallen. Und das ganze auch noch potenziert in Digital. Es kann ganz leicht geschehen das sich die Ebenen vermischen und man nicht mehr weiß, wer man noch gestern war. Dies alles hab ich in “ Aleas Ich“ wieder entdeckt. Es hat mich angelacht wie ein paar grüne italienische Designerstiefeln, passgenau und maßgeschneidert.“

    Und im dritten Kommentar heißt es: „Ich deutete es ja schon an; es war ein wiedererkennen im Text. Ein Spiegeln, ein Zurückwerfen auf Erlebtes, Erdachtes, auf eigene Befindlichkeiten. Ihr Text las sich, wie die Zusammenfassung und Verdichtung eigener gesammelter, krauser verwirrender Erfahrungen der letzten Jahre, der letzten Zeit. Lese und Denkerfahrungen, Leserichtungen und Kommunikationshaltungen. Die Leseerfahrung ihres zweiten Buches war für mich sehr erschreckend, weil sie so genau und nah dran war an der Selbsterfahrung. … Mir scheint, als hat Ihr Buch eine Strömung im Zeitgeist getroffen und somit auch mich. Und wie das so ist, mit den unliebsamen “Wahrheiten” oder den unbewussten Strömungen, sie regen auf, sie regen an, sie erregen die Gemüter. So wie das eben immer ist, wenn es ans Eingemachte geht.“

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde das sind doch ausgesprochen schöne Komplimente für einen Autor. Genau das, was Frau Wunder mit ihren Worten beschreibt, habe ich darstellen wollen.

    Weitere Einschätzungen dieses Romans finden sich hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    11 Dezember 2013

    Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?

    „Worum geht’s eigentlich in Ihrem Roman?“ Das ist es, was die Leute vom Autor wissen wollen. Er soll sagen, worum es in seinem Text geht. Worum es eigentlich geht: also ohne jedes Geschwafel. Dann soll er Hunderte einzigartiger Formulierungen gegen einige beliebige Floskeln austauschen. Worum geht’s? Das wollen alle vom Autor wissen, von Anfang an.

    Wenn der Autor einen Verlag oder einen Agenten sucht, muss er schriftlich erklären, worum es in seinem Roman eigentlich geht: Er muss ein Exposé abliefern. Nun hat sich aber der Autor gerade um diesen einen Punkt nie Gedanken gemacht. Also fragt er seine Frau, die es wissen könnte und die wiederum fragt ihre beste Freundin. Die schreibt dann irgendwas hin, gibt’s der Frau des Autors und die ihrem Mann, welcher es an den Verleger weitergibt bei dem das unter einem Papierstapel verschwindet.

    Wenn das Buch dann wider alle Wahrscheinlichkeit erscheint, wird es vom Verleger an den verantwortlichen Redakteur einer Zeitung oder Zeitschrift gegeben und der gibt es an einen Rezensenten. Dann muss es endlich mal einer lesen, weil es der Verleger natürlich ungelesen an seinen Lektor, der Lektor an seine Frau und die an ihre beste Freundin weitergegeben hatten. Da der Rezensent aber gerade keine Zeit hat, gibt er’s an seine Frau und die gibt’s an ihre beste Freundin. Die ruft dann den Autor an und fragt, worum es in dem Buch eigentlich geht, wird aber aus den Formulierungen ihres Gesprächspartners nicht schlau. Sie schreibt einfach etwas hin und gibt den Text an die Freundin und über den Rezensenten geht er wieder an den Redakteur. Dann erscheint die Rezension, in der klipp und klar gesagt wird, worum es in dem Roman eigentlich geht. Weil der Leser dieser Rezension, weil der potentielle Käufer sich aber, wenn er in einer Buchhandlung steht, nicht genau erinnern kann – nicht an die Rezension und auch nicht an das rezensierte Buch – kauft er irgendein anderes Buch und verschenkt es an einen Freund, der es an seine Frau weitergibt, die es ihrer besten Freundin gibt.

    Irgendwo und irgendwann in der langen Verwertungskette liegt dann mal einer auf der Couch und liest, was bis dahin noch niemand gelesen hat. Er versucht‘s zumindest, muss aber zu seinem Bedauern feststellen, dass das Buch schlechterdings unlesbar ist. Dann kommt seine beste Freundin, eine dieser Freundinnen, die man im Leben braucht und die tatsächlich Bücher lesen und auch wirklich etwas von Literatur verstehen. Und die kann es dann als das Buch identifizieren, das sie tatsächlich gelesen hat. Auch wenn sie sich nicht mehr erinnern kann, wer es ihr gegeben hat, geschweige denn, worum es da eigentlich geht.

    Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo mal jemand die Wahrheit sagen muss: dass es nämlich nicht so wichtig ist, worum es im modernen Roman eigentlich geht – es geht ja sowieso immer um das Gleiche -: wichtig ist dass und wie es weitergeht. Denn nichts kann so weitergehen wie es Romane können. Alles andere auf der Welt geht einfach nur zu Ende.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    28 November 2013

    „Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes“

    „Unsere Kultur ist besessen von realen Ereignissen, weil wir kaum noch welche erleben“. Dieser Diagnose von David Shields, die Peter Urban-Halle in seinem Artikel „Der autobiografische Roman von heute“ in der Neue Zürcher Zeitung zitiert und die man so oder so ähnlich derzeit an vielen Orten hört, stimme ich durchaus zu. Den Schluss jedoch, dass wir eine autobiografische und dadurch offenbar authentische Literatur brauchen, um zum Erlebnis zurückzufinden, teile ich nicht. Denn der Begriff des Erlebnisses hat sich grundlegend geändert.

    Zweifellos gibt es einen „Hunger nach Wirklichkeit“, nach Wahrhaftigkeit und Echtheit. Aber ist die erzählende Literatur der Ort an dem dieser Hunger gestillt werden kann? Kann es in einer Welt, in der der Schein nicht mehr der Schein der Wahrheit ist, sondern lediglich eine glänzende Oberfläche, kann die Literatur des 21. Jahrhunderts tatsächlich einen abbildenden Zugang zur Realität wollen: Indem sie lediglich erzählt, was wirklich geschehen ist? Das 20. Jahrhundert hat uns doch vor Augen geführt, dass die beiden Protagonisten dieses Schauspiels – das erkennende Ich und die erkannte Wirklichkeit – gleichermaßen unzuverlässige, über die Bühne wankende Kombattanten sind. Müssen wir nicht vielmehr, um der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, sie neu erfinden?

    Wenn wir fragen, ob es einen neuen Realismus in der Literatur gibt, dann ist nicht die Frage, ob es die Realität gibt, sondern ob wir einen realistischen Zugang zu ihr finden. Das ist die Frage, ob Schriftsteller nicht immer, mit Fernando Pessoa formuliert, den Leser täuschen: „Der Poet verstellt sich, täuscht / so vollkommen, so gewagt, / daß er selbst den Schmerz vortäuscht, / der ihn wirklich plagt.“

    Die Fähigkeit zu fingieren ist keine genuin literarische Leistung, sondern von erheblicher anthropologischer Relevanz und hat eine, in der Konstruktion von Weltbildern, Hypothesen, Projektionen, in Liebe und Eifersucht gleichermaßen tragende Funktion. Unsere gesamte Existenz ist von Fiktionen durchzogen. Seit allerdings ein nicht unwesentlicher Teil unserer Lebenszeit und -energie im Netz versickert und wir hinnehmen, dass fiktionale Strategien immer größere Bereiche des Lebens beeinflussen, geradezu okkupieren, scheint die Sehnsucht nach Authentizität und Wahrhaftigkeit gute Gründe zu haben.

    Allerdings ist die Annahme, dass man authentische Erfahrungen – als idyllisches Erleben eines unverstellten Naturzustandes – einfach so machen könne, einigermaßen naiv. Dieser Wunsch wird möglicherweise umso realer empfunden, je irrealer sein Objekt ist: das eigene, die Welt da draußen aufnehmende, verstehende und beschreibende Ich. Auch taugt die Annahme, man brauche authentische Erfahrungen, um darüber schreiben und sie für die Fiktion fruchtbar machen zu können, nicht viel: „Obwohl das Gegenteil bewiesen ist, glaubt man immer noch, daß direkte Erfahrungen lehrreicher sind als vermittelte und letztere nur dann aufschlußreich sind, wenn sie die Realität genau widerspiegeln. Doch wer mit fiction nicht umgehen kann, der weiß sich schon deshalb in der realen Welt nicht zu bewegen, weil ihm jegliche authentische kommunikative Kompetenz abgeht“, schreibt Elena Esposito in „Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität“.

    Einer der bevorzugten Witze von David Foster Wallace lautet: „Zwei junge Fische begegnen einem älteren Fisch. Der fragt: ‚Morgen Jungs, wie ist das Wasser?‘ und schwimmt dann weiter. Daraufhin fragt der eine der beiden jungen Fische: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“ Entweder gibt es die Wirklichkeit nirgends oder, was auf dasselbe hinausläuft, es gibt sie überall. Was uns abhandenkommt, ist nicht die Wirklichkeit selbst, das Wasser, sondern das Gefühl dafür. Wir können die Wirklichkeit nicht auf eine reine Weise erfühlen, erfahren oder erschwimmen. Wir erfahren sie womöglich, indem wir erfahren, was sie nicht ist, weil fact und fiction als singuläre Erscheinungen in unserer Welt nicht vorkommen, sondern nur im Verhältnis zueinander.

    Die Sehnsucht nach Wirklichkeit kommt in einer Zeit auf, da wir mit dem Cyberspace immer weiter zu verwachsen scheinen. Die Welt verändert sich und wir selbst – ob wir das wollen oder nicht, ob wir uns anpassen oder widersetzen – verändern uns ebenfalls. Wir fotografieren und archivieren die Dinge bereits während wir sie erleben. Aber nicht etwa für eine spätere Zeit, da wir uns mittels der Archive erinnern werden, sondern als Bereicherung der Gegenwart: Als Überwindung jenes Mangels, der durch die Möglichkeit, ihn zu überwinden – durch technische Geräte und deren Applikationen – überhaupt erst entstanden ist. Jede App verspricht uns mehr aus dem armseligen Stoff der Wirklichkeit zu machen. Jede Möglichkeit zur Bereicherung wird allerdings in dem Moment bereits als Verarmung empfunden, da man sie ungenutzt vorübergehen lässt.

    Wir verstehen uns und unsere Erlebnisse im Hinblick auf deren mediale Verwertbarkeit. Die Dinge sind schön, wenn sie so schön sind wie im Film. Wir verlagern unsere Interessen und damit uns selbst immer weiter ins Netz: einen Tag, eine Stunde ohne Medien verbringen zu müssen, ohne seine Mails abzufragen und sich und die anderen zu kontrollieren, ist nahezu unvorstellbar. Bei den sogenannten Digital Natives geht der Blick alle paar Sekunden aufs Display, als könne dort etwas ohne sie geschehen.

    Selbst im Urlaub ist man noch im Netz. Womöglich ist man nur dort im Urlaub, weil Wirklichkeit Stress erzeugt; man muss sich eine Unterkunft suchen und unverzüglich entscheiden, was man fotografieren und ins Netz stellen soll. Dort erst kann man sich anschauen, wie schön es an diesem Ort ist. Das Erleben ist nicht mehr das Gefühl für ein Ereignis während es geschieht, also eine ‚realistische‘ Bearbeitung, sondern dessen Beglaubigung und Anreicherung durch seine Medialisierung.

    Die den Realitätsverlust beklagen, sind nicht selten gerade jene, die ihn befördern und mit ihren Blogs, Facebook- und Twitteraccounts, mit Kühlschränken, die Lebensmittel bestellen und Telefonen, die den Aufenthaltsort der Kinder überwachen und damit jenes Gewebe erst erzeugen, in dem ihnen das Gefühl für die Realität abhanden gekommen ist. Offenbar ist es nicht der Mensch der authentisch werden soll, sondern das Medium, mit dem er diese Authentizität unterläuft. Im Netz jedoch gibt es keine Realität. Es gibt ausgewählte Teile von ihr, die nicht das Ganze zu sein, sondern, sehr viel perfider, das Ganze zu repräsentieren behaupten. Das sind nicht mehr wir, sondern unsere medialen Hüllen, wie Bert te Wildt in „Medialisation“ schreibt: „Die virtuellen Partialidentitäten, mit denen wir im Cyberspace agieren und interagieren, sind mehr oder weniger künstlich, eine mehr oder weniger künstliche Variante unserer selbst, aber – so sehr wir es uns vielleicht auch wünschen – niemals wir selbst. Ähnlich wie unser Selbst nicht gleichzusetzen ist mit unserer körperlichen Hülle, ist es nicht identisch mit unserer medialen Präsenz.“

    Der Cyberspace – die Cloud, wo Dinge, vielmehr deren Datenschatten, sich nicht mehr an einem Ort lokalisieren lassen, sondern zwischen Orten fließen – ist ein mythischer Ort, an dem es keine Körper gibt; es gibt immer nur die digitalen, täuschend echten Stellvertreter. Die zukünftige Art des Reisens, die in Franz Werfels Roman „Stern der Ungeborenen“ noch radikal utopisch erschien, ist mit dem Netz längst Wirklichkeit geworden: nicht wir bewegen uns auf das Ziel, sondern wir bewegen das Ziel auf uns zu.

    Durch google street view können wir uns bereits heute in einer Straße umsehen, in der wir uns nicht befinden. Noch einen Schritt weiter und wir können die anderen erkennen, die sich dieselbe Straße ansehen ohne sich dort zu befinden. Und noch einen weiteren Schritt und wir und die anderen bewegen uns an einem Ort, an dem wir nicht sind. Wir teilen dann mit jenen eine Wirklichkeit, die, wie wir, noch immer auf dem Sofa sitzen. In einer radikal entleerten Gegenwart sitzen wir alle auf unseren Sofaecken und starren auf berührungsempfindliche Displays, die nicht mehr auf grobmotorische Fingerspitzen, sondern auf Blickkontakte reagieren. Displays, die die Differenz zwischen hier und dort zu überwinden vermögen und an unseren Augen und an uns erkennen, was wir früher an ihnen erkannt haben.

    Mit dem Cyberspace verändert sich der Begriff der Wirklichkeit als einer sprachlich verfassten. Die Welt auf der anderen Seite von dieser ist längst nicht mehr virtuell, sondern real. Sie hat gegenüber der Wirklichkeit sogar eine gesteigerte, elektronisch aufgewertete Realität. Dieser Hyperrealismus will die Wirklichkeit der Welt nicht nur einfach abbilden, er will sie auf hysterische Weise steigern: Er will sie als verbessertes Abbild und nicht, wie etwa Roman oder erotische Fantasie, als deren Abweichung. Und je reichhaltiger der Hyperrealismus mit seinen Applikationen wird, desto ärmer scheint die Sprache mit der wir diese Welt beschreiben.

    Die Strategie, die Literatur authentischer werden zu lassen, und sie damit scheinbar näher an das eigene, das erzählende Ich heranzurücken – weil die Welt fiktionaler wird und damit vom Ich wegrückt -, halte ich für grundlegend falsch. Die Literatur kann dem an der Welt leidenden Menschen keinen kurativen Zugang zur Wirklichkeit verschaffen. Die gegenteilige Bestrebung scheint mir vielversprechender: die Literatur muss die Wunde schlagen. Vielmehr muss sie die vorhandene Wunde, dass nicht alles Wirklichkeit ist, was man dafür hält, vertiefen. Das ist der Reichtum, den Literatur uns zur Verfügung stellt: Die Erkenntnis, dass der Zweifel an der Wirklichkeit das Gebäude nicht zusammenbrechen lässt, sondern seine Stabilität überhaupt erst ausmacht. Es ist die Fiktionalität, die die Wirklichkeit vor dem Kollaps bewahrt, nicht die Authentizität.

    „Wir halten das Wort üblicherweise für den Schatten der Wirklichkeit, für ihr Abbild. Richtiger wäre die umgekehrte Behauptung: Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes.“ Mit dieser Umkehrung des platonischen Höhlengleichnisses beendet Bruno Schulz seinen Essay „Die Mythisierung der Wirklichkeit“. Wir meinen zu wissen was Blau ist, weil wir die Farbe kennen. Dabei ist Blau nicht von Natur aus blau, sondern es wird erst dazu, indem wir es so nennen. Es ist nicht die Farbe, die die Intensität hat, sondern das Wort, das sie abzubilden vorgibt. Wir geben der Farbe einen Namen, der mit der Sache selbst nicht das Geringste zu tun hat. Wäre Blau tatsächlich grün, gäbe es für uns keine Möglichkeit hinter das Wort zu schauen und seine wahre Farbe zu erkennen. Möglicherweise sieht die Welt ganz anderes aus als wir das zu erkennen meinen, weil wir alles falsch bezeichnen. Wir werden es nicht erfahren. Wir haben nur das Wort und alles, was wir sehen, was wir als unsere Wirklichkeit postulieren, sind seine Schatten. Das Skandalon der Literatur, dass Wirklichkeit nicht von Fiktion zu unterscheiden ist, sollte nicht ausgelöscht, sondern kultiviert werden.

    Nachtrag: „Authentizität“ ist nicht das Hauptthema dieses Artikels, sondern sein Ausgangspunkt. Und dazu noch ein kleiner Nachtrag. Dass ich mit der sogenannten autobiografischen Literatur wenig anfangen kann – mit dem Begriff Authentizität noch weniger -, habe ich mehrfach dargelegt. Mich interessiert der Autor nicht, weil ich nichts mit ihm zu tun habe. Ich habe lediglich mit seinem Text zu tun. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass sich so mancher gar nicht für Literatur interessiert, sondern nur für den Autor: Ein Autor, der sich in seinem Text ‚ausdrückt‘, der sich da ‚wiederfindet‘. Ob er das nun beabsichtigt hat oder der Leser ihm das nur unterstellt, ist einerlei.

    Ich verweise ein weiteres Mal auf Tanja Dückers schönen Essay: “Ist das autobiografisch?“. Auf Ilija Trojanow, ein einem Interview: „Ich kann persönlich mit dem Wort „Authentizität“ überhaupt nichts anfangen. Das Wort ist stark instrumentalisiert worden, oft wird es benutzt, um eine bestimmt Ideologie oder Verengung zu verteidigen. In der Rezeption der afrikanischen Literatur, unter afrikanischen Intellektuellen oder auch außerhalb setzt man das Kriterium „authentisch“ ein, um jemandem, den man nicht mag, die literarische Existenzberechtigung abzustreiten. Das gleiche Verhalten kann man gegenüber Autoren der Exilliteratur beobachten. Dieses uralte Phänomen habe ich selbst erlebt, wenn ich über Bulgarien schreibe. Angeblich kann ich nicht authentisch über Bulgarien schreiben, weil ich ja in der Diaspora lebe. Diese Sichtweise ist in der Weltliteratur der letzten 3000 Jahre tausendmal widerlegt worden.“ Und auf Jutta Reichelt: „Aber was genau ist denn das “autobiografische” am “autobiografischen Text”?

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    05 November 2013

    „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“

    Der Briefwechsel zwischen Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald

    Ich kenne beide, nämlich beider Texte nur oberflächlich. Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Ich kenne vielmehr meinen Geschmack. Da passen sie nicht hinein und stehen ihm auch nicht so entgegen, dass ich diese Reibung als spannend empfände. Dennoch habe ich den Briefwechsel gelesen. Hemingway ist in seinen Briefen immer ein wenig vulgärer als Fitzgerald. Allerdings auch zärtlicher. Möglicherweise hängen beide Verhaltensweisen, wenn man das so nennen kann, zusammen und er meinte, sich seine zärtlichen Emotionen mittels seiner Vulgarismen verbieten zu müssen. Oder das eine mit dem anderen für ungültig zu erklären. Obwohl auch Fitzgerald vulgär sein kann. Nicht nur, um Hemingway zu imponieren, sondern auch als eine Art, dem Leben gegenüber jene Verachtung zu formulieren, die es jedem von uns immer wieder zeigt.

    Sie schreiben einander nicht nur über alltägliche Ereignisse, sie informieren sich nicht nur über ihre wechselnden Aufenthaltsorte und ihre Absichten, einander zu besuchen, sie sprechen über die Kollegen, sie ziehen über sie her. Die beiden kritisieren gegenseitig ihre Texte. Fitzgerald die von Hemingway, der seinerseits eher verhalten auf die seines Freundes reagiert. Nicht aus Großzügigkeit, sondern eher, vermute ich jedenfalls, weil er nicht in der Lage war, seine Kritik in Worte zu fassen. Weil er den Freund nicht verletzten wollte oder weil er nicht in der Lage war, die Absichten eines Textes zu erkennen, der aus einer anderen Feder als der eigenen stammt. Fitzgerald ist feinsinniger in seinem Urteil. Aber auch brutaler Hemingway gegenüber. So beendet er seine Kritik an dem Manuskript von Hemingways Fiesta mit den Worten: „Wie ich dich kenne, würdest du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“ Auf der anderen Seite ist er ebenso überschwänglich mit Lob, weil er den Freund wirklich für einen großen Schriftsteller hält und weiß, dass der große Schriftsteller sich vom kleinen Schriftsteller vor allem darin unterscheidet, weil er weiß, dass beide mitunter den größten Blödsinn schreiben. Der kleine hingegen hält seinen eigenen Blödsinn noch für großartig. Dieses Wissen, diese Größe, hat auch Hemingway: „Eigentlich sind wir verdammt lausige Akrobaten, aber wir machen manchmal ein paar richtig tolle Sprünge, alter Freund, und es gibt all diese anderen Akrobaten, die nie springen.“

    „Eine Freundschaft in Briefen“ heißt es im Untertitel. Wenn es Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern geben kann. Das ist seltsamerweise immer auch Neid und Missgunst im Spiel. Fitzgerald war zu einer Zeit schon berühmt und reich, als Hemingway nur Worte aneinandergereiht hat. Später war es andersherum, Fitzgerald hat das Glück und seine geliebte Zelda verlassen – die ist dahin gegangen, wo sie nach Meinung Hemingways immer schon hingehört hat: ins Irrenhaus – und das Publikum wollte ihn und seine Texte auch nicht mehr. Da ging Hemingways Stern auf. Man fragt sich manchmal, wenn man Menschen auf der Straße sieht, was sie aneinander finden, was Paare, was Freunde aneinander finden mögen. Benjamin Lebert, der Herausgeber dieses Briefwechsels, schreibt in seinem Vorwort, dass die beiden am anderen gefunden hätten, was sie an sich selbst vermissten. Das ist sicher ein funktionierendes Bindeglied, für Liebe wie für Freundschaft.

    Der Briefwechsel gefällt mir aus einem, allerdings sehr persönlichen Grund nicht. Es geht, immer und immer wieder, um Geld. Das war und ist und wird wohl immer sein: das zentrale Thema im Leben vieler Schriftsteller. Selbst dann wenn man es hat, wie Fitzgerald, der Hemingway gegenüber wiederholt damit protzt, welche Summen er mit seinen Geschichten und Artikel erzielt; der ihm allerdings auch immer wieder Geld zukommen lässt. Es gefällt mir nicht, weil Geld auch für mich ein Thema ist. Eines, das mir Energie raubt, sie mir nur raubt und nichts dafür zurückgibt, und das –dies ist der eigentliche Einwand! – literarisch vollkommen irrelevant ist. Ich kann mit dem Thema Geld einfach nichts anfangen. Ich kann nicht einmal etwas mit dem Geld selbst anfangen. Ich brauche es nur, um es auszugeben. Aber es ist ein toter Gegenstand, der meine Fantasie überhaupt nicht bewegt. Ich träume nicht, ich träume kaum von Dingen, die man sich mit Geld kaufen kann. Jemand mit einem etwas pralleren Portemonnaie und einer ebenso prallen Fantasie mag also viele Stellen in diesem Briefwechsel anders lesen. Er liest ein dauerndes Aufbegehren gegen Armut und Untergang, wo ich lediglich lese, wovon ich in meiner Wirklichkeit schon mehr als genug habe.

    Vielleicht ist es auch insgesamt für andere interessanter als für mich, Briefwechsel von Schriftstellern zu lesen, weil ich selbst einer, also eine, bin. Und ähnliche Briefwechsel auch selbst führe. Oder führte, denn mit nicht wenigen Kommentatoren hier haben sich sehr witzige, schlagfertige Duelle führen lassen, die den Duellen zwischen den beiden Amerikanern in nichts nachstehen und vielen anderen Briefwechseln oder Kommentarbäumen in Blogs nicht nachstehen werden. Nur dass man bei den beiden natürlich mitliest, dass sie berühmt geworden sind, was den meisten – das ist die eine Seite der Berühmtheit: der Mangel an derselben – nicht vergönnt ist. Und weil sie eben berühmt sind interessiert, was normalerweise nicht interessiert. Hier eine der schönsten Stellen, von Hemingway an Fitzgerald, eine Szene, die sicher so nicht passiert ist, sondern ein Versuch ist, aus einem Ereignis Literatur werden zu lassen. Es sind keine wirklichen Ereignisse, sondern nur Worte.

    „Wie findest du den Titel Männer ohne Frauen? Ich konnte keinen Titel finden, Fitz, obwohl ich den ganzen Ecclesiastes durchwühlt habe. Perkins, den du vielleicht getroffen hast, wollte einen Titel für das Buch. Perkins ist mir vielleicht einer, hab ich gedacht, was für eine drollige Vorstellung! Er will einen Titel für das Buch. Äußerst merkwürdig. Ich war damals gerade in Gstaad, und so ging ich in alle Buchhandlungen und versuchte, eine Bibel zu kaufen und einen Titel zu finden. Aber alles, was die Mistkerle zu verkaufen hatten, waren kleine geschnitzte braune Holzbären. So dachte ich eine Zeit lang daran, das Buch Kleiner geschnitzter Holzbär zu nennen und dann den Deutungen der Kritiker zu lauschen. Zum Glück war zufällig ein anglikanischer Geistlicher im Städtchen, der am nächsten Tag abreiste und Pauline seine Bibel lieh, nachdem sie versprochen hatte, sie ihm am selben Abend zurückzugeben, denn es war die Bibel mit der er ordiniert worden war. Also, Fitz, ich suchte in dieser ganzen Bibel herum, die sehr schön gedruckt war, und stieß auf dieses große Buch Ecclesiastes und las es laut allen vor, die es hören wollten. Ich war bald allein und begann auf diese dämliche Bibel zu fluchen, weil keine Titel drin waren – obwohl ich den Ursprung praktisch aller guten Titel, von denen man je gehört hat, dort gefunden habe. Aber die Jungs, besonders Kipling, sind vor mir das gewesen und haben sämtliche brauchbaren geklaut, und daher nannte ich das Buch Männer ohne Frauen …“.

    Hemingway an Fitzgerald: „Da wir uns unsere Hölle selbst schaffen, sollte sie uns wenigstens gefallen.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Habe mir seit einer Woche keinen neuen Feinde mehr gemacht.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Bekam von Who’s Who einen Fragebogen zum Ausfüllen; mein Leben war so scheißkompliziert, dass ich nur zwei von den Fragen beantworten konnte, und ich wusste nicht, ob die nicht gegen mich verwendet werden könnten.“ – Fitzgerald an Hemingway: „Da so viele Menschen gut schreiben können + der Konkurrenzkampf so groß ist, verstehe ich nicht, warum du so leichtfertig an diese ersten zwanzig Seiten herangehst. Man kann mit der Aufmerksamkeit der Leser nicht spielen. Ein guter Schreiber, einer, der die Macht besitzt, andere nach Belieben zu fesseln, muss besonders vorsichtig sein.“ – Hemingway an Fitzgerald: „Vergiss deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst fruchtbar verletzt werden, bevor du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutzt ihn, und betrüge nicht damit.“

    Ich hätte mir einen etwas ausführlicheren Kommentarapparat gewünscht, wenigstens in dem einen wesentlichen Punkt, in der Frage, ob die veröffentlichte Variante eines kritisierten Manuskriptes auf diese Kritik eingegangen ist oder nicht. Ob also diese Kritik an dem gedruckten Werk, wie wir es kennen, überhaupt noch nachvollziehbar ist.

    Wir sind verdammt lausige Akrobaten
    Eine Freundschaft in Briefen
    Hrsg. Benjamin Lebert
    Hoffmann & Campe
    17,99 €

     





    29 Oktober 2013

    „Aléas Ich“ – in LITLOG

    „Es ist eine berechtigte Kritik an metafiktionalen Texten mit allerlei Querverweisen und Selbstbezüglichkeiten, dass sie zwar ein großer Spaß für LiteraturwissenschaftlerInnen mit einer Neigung zur Postmoderne sind, für die meisten anderen LeserInnen aber oft schlichtweg eine nervenzehrende Lektüre mit einem Lesevergnügen, das gegen Null tendiert. Nicht so aber Aléas Ich – jenseits aller Metaebenen ist dieses Buch ein zugänglicher, rührender, aber vor allem urkomischer Text über eine Kindheit in Rumänien, das Leben in Berlin, das Erwachsenwerden, die Liebe und das Internet.“
    Hier.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    24 September 2013

    From one second to the next

    Ich fahre Fahrrad. Immer. Außer wenn ich arbeite, lese oder schlafe. Da man beim Fahrradfahren recht ausführlich in der Gegend herumschauen kann, sieht man mitunter Dinge, die man lieber nicht sehen möchte. Die Autofahrer beispielsweise. Die schauen bisweilen sogar auf die Straße.  Aber häufig, immer häufiger schauen sie auf ihr schickes Handy, auf dem sicher alle paar Sekunden unglaublich aufregende Nachrichten erscheinen. Da hat man naturgenäß wenig Interesse am Leben der anderen. Wie das eigene Leben sich verändert, wenn man ein anderes ausgelöscht hat, zeigt der folgende Kurzfilm von Wim Wenders. Ich musste mich ein wenig in den amerikanischen Zungenschlag einhören.

    Dont text and drive: From one second to the next.

    Ich habe ausgesprochen schlechte Laune.  Ich habe mal wieder eine Absage für ein Stipendium bekommen. Vielmehr habe ich sie nicht bekommen, nicht nur das Stipendium nicht, nicht einmal die Absage. Irgendwann brechen diese Absagen mir mein schriftstellerisches Genick. Und das ist nicht mehr weit weg.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    16 September 2013

    Roșia Montană

    Ich hatte verschiedentlich darüber berichtet, hier und hier. Die Leute demonstrieren inzwischen in Sibiu, in Bukarest, in Iaşi und in vielen anderen Städten. Nicht nur für oder gegen die Politik, nicht nur, wenn es um die Frage geht, wie groß jenes Stück vom Kuchen sein wird, das sie sich reservieren möchten. Die meisten Menschen interessieren sich nur dafür, was die Politik ihnen persönlich bringen könnte, nicht, was sie insgesamt bringt. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, etwas zu wählen und zu wollen, was ihnen einen Nachteil beschert, vielen anderen aber einen Vorteil. Wo Menschen nicht nur auf die Straße gehen, wenn es um das eigene Portemonnaie geht, sondern auch, wenn es um die Umwelt geht, ist das ein gutes Zeichen. Das kommt aus Rumänien. Das andere kommt aus Deutschland. Die Allianz wird die weitere Zusammenarbeit mit Gabriel Resources – dem kanadischen Konzern, der die Bodenschätze gegen ein Entgelt ausbeuten darf – einstellen. Hier, hier, hier und hier.

     

     

     





    15 September 2013

    Aléa Torik im Interview mit Katharina Bendixen – im Literaturmagazin POET

    Es geht in dem Gespräch um meine beiden Romane, um Identität, Rumänien, Autorschaft und Zuneigung. Und um den Literaturbetrieb. Zwischen echt und fiktiv können wir nicht unterscheiden

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.





    14 September 2013

    Es ist nicht leicht die Herrschaft aufzugeben, die ich nicht hatte

    Wobei, aber das fällt mir wirklich erst jetzt auf, es wirklich ein Problem gibt, wenn ich die Rezensionen meiner Romane kommentiere, wenn ich, etwa zu Frau Frank sage: Sie haben’s kapiert. Dann eigne ich mir tatsächlich auch eine Deutungshoheit an, was ich ja gerade nicht will, ich hatte das bereits bei Bersarin dargelegt. Jemand anderem ein bestimmtes Verständnis zuzugestehen, setzt ja voraus, dass man es selbst auch hat.

    Ich will mit solchen Kommentaren zu den Rezensionen kein abweichendes Verständnis unterdrücken, könnte ich ja auch gar nicht, sondern meine Zustimmung zu dem ausdrücken, was ich auch verstanden habe. Darüber hinaus kann es natürlich ein partial oder sogar total anderes Verständnis geben. Ich bin eigentlich für alles offen. Es muss nur begründet sein. Rein beleidigende Kommentare oder Kommentare, die sich scheinbar auf meinen Text beziehen, aber in beleidigender Absicht abgegeben werden, die habe ich hier, vor und nach dem sogenannten Outing, unterdrückt und gelöscht. (Naja, manche habe ich auch durchgelassen, weil es auch manchmal Spaß macht, anderen was auf den Kopf zu hauen. Aber der Spaß ich schnell dahin, wenn man feststellen muss, dass der andere nicht einmal begreift, dass er was auf den Kopf bekommen hat). Solche Sachen werde ich auch weiterhin löschen. Aber hier waren ja über mehr als drei Jahre 99 % aller Kommentare ausgezeichnet, auch wenn das inzwischen nahezu völlig verstummt ist.

    Zurück zum Thema: Ich will hier nicht die Herrschaft über meinen Text – obwohl ich immerhin einmal die Königin der neuen deutschen Literatur war. Diese Herrschaft hatte ich während der Herstellung. Obwohl ich da eher beherrscht wurde: „Kein Subjekt verfügt so über die Sprache, dass es sie lediglich in einen Text umzusetzen brauchte, um diesen als nachträgliches Produkt seiner Kunstanstrengung ausweisen zu können“, Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Metzler, Stuttgart 2000, Seite 137. Und dennoch: die Herrschaft, die man nicht hatte, ist noch schwerer abzugeben als die, die man hat. Was für alle anderen gilt, gilt auch für mich: Ein wenig Eigennutz ist, wie man sich auch verhält, fast immer dabei.

    Wenn auch nicht jede Zeile gleich erhellt:
    geschehn aus unablässigem Bestreben.
    Aléa hat’s hierher gestellt,
    und zwar soeben.